VergebenerName 30.11.-0001, 00:00 Uhr 26 30

Gertrud ist ein schöner Name

Dein Gesicht ist vom Leben gezeichnet, von den Bürden, die du trugst und Momenten, in denen du aus vollem Herzen lachtest. Es waren zu wenige.

Vor vielen Jahren malte ich dir Bilder. Mit Holz- und Filzstiften, Wasserfarben und billigen Pinseln mit Plastikborsten, die die flüssigen Pigmente nicht richtig aufsogen, und die du im Supermarkt für mich gekauft hattest. Heute male ich nur noch schwarz auf weiß in verschiedenen Schattierungen; andere Töne brauche ich nicht. Auf alle Eigenschaften, die ich von dir geerbt habe, bin ich stolz. Am meisten auf die, die andere als Makel bezeichnen.

Du warst das hübscheste Mädchen im Dorf. Inzwischen sind deine Haare grau, auch wenn du dagegen ankämpfst. Dein Gesicht ist faltig und vom Leben gezeichnet, von dem Schmerz und den Zwängen, die du ertragen musstest, den Bürden, die du trugst und den Momenten, in denen du aus vollem Herzen lachtest. Ich weiß, es waren zu wenige. Deine Hände sind ganz knubbelig und manchmal steif. Sie haben Flecken, die meinen Sommersprossen so ähnlich sind. Noch immer bist du wunderschön.
Ich hätte dich viel häufiger besuchen sollen. „Kind!“, sagtest du immer, die Hände an deinen geröteten Wangen, während ich die knarzende Treppe nach oben kam, die dir in den letzten Jahren eine immer größere Herausforderung wurde. Die Schuhe sollte ich anbehalten, egal, wie schmutzig sie waren und wie heftig dein Sauberkeitswahn. Einmal habe ich dich dabei erwischt, wie du mit einer Haarbürste die Teppichfransen bearbeitetest und in Reih und Glied zwangst. Dennoch - auf den Fliesen würde ich mich erkälten.

Manchmal, wenn ich Heimweh hatte, rief ich dich an. Du hast dich immer so gefreut. Manchmal hast du nach denselben Dingen gefragt, über die wir schon beim letzten Mal geredet hatten. Manchmal hat mich das genervt. Jetzt vermisse ich es, dir wieder und wieder dasselbe zu erzählen. Wenn ich keine Lust hatte, fragte ich, was dein Kater so mache und du begannst zu schwärmen wie hübsch er sei, wie niedlich mit den wenigen Zähnen, wie scheu, doch dass er jeden Tag etwas näher käme. Dann hast du das Thema gewechselt, und gefragt „Was macht die Liebe?“ und ich habe gestöhnt „Ach, Oma!“. Aber du meintest, du seist alt, und bekämst außer in Seifenopern keine interessanten Geschichten mehr zu hören. Und bei dir sei all das so lange schon vergangen, vorbei. Von deiner Jugend hast du erzählt, wie es damals war, kurz nach dem Krieg, zu dessen Zeit ihr manchmal nichts als schimmliges Brot zu essen und die Fenster mit Zeitungen verhangen hattet, damit nachts die Flieger nicht sahen, wo Licht und Leben war und Bomben auf euer kleines Haus warfen. Ihr hattet nichts außer, dass ihr es schwer hattet. Aber wenn du von diesen Jahren sprachst, schienst du reich gewesen zu sein. Du bist gerne tanzen gegangen, und trugst Kleider mit bauschigen Röcken und Schuhe mit hohen Absätzen. Die Haare hattest du ausgiebig gekämmt, sodass sie glänzten. Wie oft du mir sagtest, ich solle meine Haare viel bürsten und nicht so häufig zusammenbinden. Und die Nägel solle ich mir lackieren, rot. Deine Tipps, um permanent nett und hübsch zu wirken, bloß nicht anzuecken, machten mich oft furchtbar wütend. Brav sein, mit frisierten Haaren, gefallen, das wollte ich nicht; nur dem einen.
Damals sei es leichter gewesen, sagtest du immer. Heute, das ist doch alles scheiße. Ja, fluchen, das konntest du, und ich hab’s von dir gelernt. Du kamst in den Tanzsaal – irgendwann am frühen Abend, gegen sieben oder acht, nicht wie wir frühestens um Mitternacht – bliebst am Eingang stehen und sahst dich um. Ich sagte immer, du hast die Kerle abgecheckt und seist sicher ein Luder gewesen. So schön, wie du warst, konntest du es dir sicher leisten. Dann hast du gekichert wie ein junges, albernes Ding und mit deiner kratzigen Stimme gesagt, jaja, du habest sie abgecheckt und ich musste bei deinen Worten lächeln. Du hast immer die Kerle bekommen, die du wolltest, hast dir immer einen ausgeguckt und ihn um den Finger gewickelt. Doch damals, damals war das anders als heute. Die Kerle haben es nicht leicht, sagtest du. Zu hohe Anforderungen, Emanzipation oder das, was sich so schimpft, Unsicherheit ob wir in einem halben Jahr noch in derselben Stadt, am selben Arbeitsplatz weilen. Frauen kann Mann nicht mehr zum Tanz auffordern in dem Wissen, dass sie im Grunde gar nicht ablehnen dürfen. Dann galt man als arrogant, als Zicke. Heute tanzen wir alleine. Hin und wieder hast du einen Kerl abgeschleppt, am liebsten vom Schlag James Dean. Den fandest du toll, so verwegen und unerreichbar. Aber damals herrschten noch Anstand, Zucht und Ordnung. Kein Kennenlernen, gemeinsame Flucht ins Taxi, schmutziges schnelles Vögeln, Herausschleichen innerhalb weniger Stunden. Nein, das verruchteste, was du kanntest, war der Übernachtungsgast, von dem deine Mutter nichts wusste, und hätte sie davon gewusst, hätte es Prügel gesetzt und du hättest noch öfter in die Kirche gehen und auf den harten Bänken kniend den Rosenkranz beten müssen. Übernachtung, das war nicht mehr als übernachten. Nebeneinander liegen, schmusen, ein paar Küsse, schlafen, aufwachen und dann nichts wie raus, am besten über das Fenster. Weißt du, manchmal habe ich dich beneidet. Ihr schriebt einander Briefe, keine Nachrichten auf winzig kleine Mobiltelefone, traft euch zum Kaffee oder auf dem Dorfplatz zum Tanz in den Mai statt in Szene-Bars und er holte dich ab und schenkte dir Blumen. Vor deinen Verabredungen hast du dir die Haare eingedreht, sodass sie in goldenen Locken über deine Schultern fielen. Ich überziehe mein Bett frisch und besorge Kondome.

Die Zeiten haben sich verändert. Leider. Ich dachte, ich bleibe auf ewig klein, auf dem muffligen Teppichboden im Wohnzimmer und spiele mit Bauklötzen. Im Kühlschrank stand immer grüner Wackelpudding mit Vanillesoße, immer zwei Stück. Am Abend hast du Kakao gekocht und dazu gab es ein Butterbrot. Wir durften auf dem Sofa essen, durften naschen, über das Fernsehprogramm entscheiden, ein bisschen länger aufbleiben, den dicken Dackel durch die Wohnung jagen bis er sich unter der Massivholz-Eckbank verkroch. Du hast uns so wundervoll verwöhnt. Später sagtest du, wie klug wir seien, stauntest über all den unnützen Kram, den wir lernten, auswendig, den wir studierten und wieder vergaßen. Rechnen, lesen, schreiben, einfache Arbeiten in der Näherei, zu der du jeden Morgen über zwanzig Kilometer auf dem Rad fuhrst, Heirat, Haushalt, Kinder, Enkelkinder. Du warst vielleicht nicht gebildet, aber so weise.

Werde ich mir nun die Haare ordentlich kämmen, die Nägel lackieren? Nein. Ich habe immer gelacht, habe gesagt, ich fände das albern und altmodisch. Aber weißt du, ich bin dir so dankbar, dass du kein bisschen gelacht hast, als ich dir erzählte, wen ich mir wünschte zu sehen, mit furchtbar spießigen Blumen in der Hand. 

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26 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Wie schön. Ich hatte auch eine Oma Getrud. Genau so. Und ich frage mich, wie es sein wird, wenn wir unseren Enkeln nicht mehr leicht vergilbte schwarz/weiß Fotos mit gewelltem Rand zeigen werden, sondern einfach die Jahrzehnte in unserer Timeline nach unten scrollen. Voll mit Urlaubserinnerungen, Videos und Selfies.
    Ich vermisse auch den muffeligen Teppichboden.

    26.01.2015, 11:50 von Frau_Irma
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  • 0

    sehr toller berührender Text!

    Danke!

    26.01.2015, 10:35 von Muse.
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  • 1

    Heute sind die "Alten" unsere Vergangenheit, erzählen von dem, was noch gut war und von dem, was heute keiner mehr braucht.

    Ein bedrückender Gedanken, verdanken wir ihnen doch, dass wir hier sind.

    25.01.2015, 16:35 von marco_frohberger
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 1

    Toller Text!
    Genau den Zeitgeist getroffen: Wir sind emanzipiert und wünschen uns doch Romantik zur richtigen Zeit.

    24.01.2015, 21:25 von imkeskonfetti
    • 1

      Gut auf den Punkt gebracht! Jetzt wird mein Kommentar wohl überflüssig.. :-D

      25.01.2015, 13:18 von suspendstonvol
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  • 1

    Berührend!

    23.01.2015, 22:51 von Sommerregen03
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  • 0

    ich will auch eine omi.

    23.01.2015, 10:49 von ga
    • 1

      ich bastl dir eine und schenk sie dir dann.

      23.01.2015, 11:26 von Agmokti
    • 1

      hüpf. eine agmomi!

      23.01.2015, 14:21 von ga
    • 1

      die kann dann auch ganz viele tolle sachen. ich bau specials ein, nur für dich. irgendwelche wünsche? die arbeit ist noch in arbeit.

      23.01.2015, 14:24 von Agmokti
    • 0

      einfach agmomi. ich weiß ja gar nicht, wie omi geht.

      23.01.2015, 14:27 von ga
    • 0

      du wirst staunen! nach dem wochenende hab ich sie fertig. kein umtauschrecht. wir übernehmen keine garantie.

      23.01.2015, 14:29 von Agmokti
    • 1

      Vertrauen Sie agmokti?


      nein

      ja X

      23.01.2015, 14:31 von ga
    • 1

      vertrauensvorschussbussal

       

       

      23.01.2015, 14:35 von Agmokti
    • 1

      schussbussalvolltreffer

      23.01.2015, 14:36 von ga
    • 1

      babähm!

      23.01.2015, 14:38 von Agmokti
    • 1

      es hat nicht weh getan und spaß gemacht.

      23.01.2015, 14:40 von ga
    • 0

      da fährt die bim drüber.

      23.01.2015, 14:44 von Agmokti
    • 0

      des mussdma rkläan.

      23.01.2015, 14:46 von ga
    • 0

      die bim? oder auf meinen status hinweisen? oder die redewendung?

      23.01.2015, 14:48 von Agmokti
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      wie sich die rede wendet

      23.01.2015, 14:51 von ga
    • 0

      da fährt die eisenbahn drüber. kurz und einfach gefasst - wie:  aber fix!

      23.01.2015, 14:53 von Agmokti
    • 0

      da ösi-zug is leiwand.

      23.01.2015, 14:57 von ga
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  • 1

    Das war alles so gefühlsvoll geschrieben, da hatte ich richtige Bilder im Kopf.
    Herz dafür :)

    21.01.2015, 18:07 von -Maybellene-
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  • 0

    super schön :) hoffentlich schreiben meine enkel eines tages auch so über meine mama ( gertrud ;) )


    nur der satz : Frauen kann Mann nicht mehr zum Tanzen auffordern in dem Wissen, dass sie im Grunde gar nicht ablehnen dürfen. 
    ist irgendwie schwer auf Anhieb zu lesen, find ich persönlich. 
    Und Fliesen schreibt man mit s ;)

    21.01.2015, 16:58 von Unterkiefer
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