T-A 30.11.-0001, 00:00 Uhr 31 64

Freudloses Mutterglück

Ich war auf alles vorbereitet - nur nicht darauf unglücklich zu sein.

Wir haben alles gelesen, was uns in die Finger kam. Schwangerschaftsratgeber, Erziehungsratgeber, Flyer, Broschüren und schließlich haben wir sogar das Neon-Abo gegen eins von "Eltern" getauscht. Wir waren die, die im Vorbereitungskurs mit Klugscheißerwissen angeben konnten, die sogar wussten, was der Apgar-Test ist. Wir waren schon Wochen vor dem Termin perfekt ausgestattet und nach endlosen Arztbesuchen und Krankenhausaufenthalten konnte mein Freund am Ende mir allein das CTG anlegen. Wir wussten Bescheid und ich war auf alles vorbereitet: auf Schmerzen, Schlafentzug, wunde Brustwarzen, Koliken und Schlimmeres - nur nicht darauf unglücklich zu sein.

"Die ganzen Hormone müssen erstmal raus", sagt eine der Hebammen im Krankenhaus zu mir. "Jedes Hormon verabschiedet sich mit einer Träne. Das ist ganz normal." Ich fühle mich aber nicht normal. Normal wäre es, sich zu freuen und der glücklichste Mensch auf Erden zu sein. Normal wäre, vielleicht ab und zu mal grundlos zu heulen - eben wegen der Hormone. Aber ich heule nicht grundlos. Ich heule, weil ich will, dass alles wieder ist wie früher. Nur mein Freund und ich. Ich heule, weil ich mich für diesen Gedanken schäme und ich heule, weil mir dieses kleine Würmchen doch irgendwie leid tut, weil es so eine furchtbare Rabenmutter hat, die es nicht liebt. "Aber tief in Deinem Inneren freust Du Dich doch", beharrt meine Mutter, die zuerst nicht versteht. Nein, Mama, ich freue mich nicht. Nicht eine Sekunde lang. Nach drei Tagen erfolgloser Einleitungsversuche und zwei Tagen heftiger Operationsschmerzen freue ich mich über gar nichts. Ich hätte gern Urlaub oder wenigstens ein bisschen Ruhe, aber ganz sicher nicht einen Menschen an meiner Seite, der vollkommen abhängig von mir ist, den ich aber nicht verstehe und der ein Problem nur durch Schreien zum Ausdruck bringen kann.

Mein Freund erweist sich in diesen Tagen als Superman. Er übernimmt alles, was er übernehmen kann, wickelt, tröstest und packt die Kleine nachts um vier in den Kinderwagen, um mit ihr über das Krankenhausgelände zu spazieren. Damit ich ein bisschen schlafen kann. Ich, die nicht glücklich sein kann und ihm so viel zumutet, dass zu all den Tränen auch die Angst kommt, er könne jederzeit das Handtuch werfen und mich verlassen. Aber seine Energie scheint unendlich zu sein und alles was er tut, tut er mit so viel Liebe, dass ich manchmal nicht hinsehen mag, wenn er mit leuchtenden Augen das Würmchen abknutscht und an seinen Füsschen knabbert. Dann überkommt mich die Eifersucht. Ich bin eifersüchtig auf ihn, weil ihm alles so leicht von der Hand zu gehen scheint und eifersüchtig auf sie, weil sie mir scheinbar meinen Nummer-Eins-Status genommen hat. Dabei hat er zwei Schultern: Rechts für?s schreiende Kind. Links für die weinende Mutter. Und für die schiebt er Abends die Krankenhausbetten zusammen, damit wir Tatort gucken und kuscheln können. Wie früher. Als meine Welt noch in Ordnung war.

Ich kann nicht schlafen. Jedes Geräusch aus dem kleinen Beistellbettchen lässt mich verkrampfen. "Bitte, bitte, wach nicht auf," bete ich leise vor mich hin, denn ich will nicht schon wieder ins Stillzimmer, das angeblich ein Ort der Ruhe und Entspannung ist. Für mich ist es der Ort des Grauens. Dort begegnet man Müttern, die "Gutschigutschiguuh" machen können, und seligen Babies, die brav trinken und anschließend wieder einschlafen. Hier erfahre ich auch, dass Stillen keine instinktive, natürliche Sache sondern eine hochkomplexe Wissenschaft ist. Denn ich sitze immer falsch, mein Kind liegt völlig verkehrt und ohne Stillberaterin oder Hebamme läuft gar nichts. Und trotzdem bleibt eine Maxime unumstößlich: Jeder kann stillen. Jeder - nur ich bin zu unfähig. Und so sitze ich alle drei Stunden am Ort der Ruhe und Entspannung und weine vor mich hin, während eine Hebamme auf meiner Brustwarze rumdrückt und versucht diese mit dem kreischenden Baby zu verbinden. Meist schafft sie es erst nach einer halben Stunde und das Kind nuckelt friedlich. Dann betrachte ich dieses mir total fremde Wesen und suche in mir nach Glücksgefühlen. Aber da sind keine. Es fühlt sich einfach nur komisch an. Ich bin müde und bange schon jetzt vor der nächsten Mahlzeit.

Wenn es dunkel und still wird und man allein ist mit sich und seinen Gedanken, ist es am schlimmsten. Wie damals im Ferienlager zieht sich das Heimweh wie eine tiefschwarze Decke über das Gemüht und erzeugt einen Klos im Hals, der einen glauben lässt, man würde ersticken. Ich habe kein Heimweh nach zu Hause. Ich habe Heimweh nach "Früher", nur dass man dieses "Früher" nicht anrufen oder zu ihm fahren kann. Es existiert einfach nicht mehr und wird auch nie wieder existieren.

Mir bleibt nur die Flucht nach vorn. Auf die Frage "Wie geht es Dir?" antworte ich wahrheitsgemäß: "Beschissen. Ich habe eine Wochenbettdepression und wünsche mir mehrmals am Tag mein Kind weg." Mehr und mehr Freundinnen berichten jetzt plötzlich von ähnlichen Erfahrungen. Dass sie mit ihrem Kind gefremdelt hätten, geheult sowieso und dass das alles ganz normal sei. Das hilft. Manchmal nur für fünf Minuten. Aber es hilft. Es hilft auch, immer und immer wieder mit meinem Freund darüber zu sprechen. "Hast Du manchmal Gedanken, ihr was anzutun?", fragt er und scheint nicht sicher, ob er die Antwort hören will. "Nein", sage ich ganz ehrlich und überlege, ob diese Gedanken aus Liebe nicht kommen oder weil ich weiß, dass sie mir mein "Früher" auch nicht zurückbringen würden.

Reden, Bewegen, Licht, Schüsslersalze... all das hilft. Und der Gedanke, dass ich, wenn es am Ende der zweiten Woche nicht besser ist, professionelle Hilfe bekomme. Und ganz ganz langsam, ohne dass es mir anfangs auffällt, wird es besser und ich finde ich mich eines Tages an ihrem Bettchen wieder, in das ich völlig verliebt hinein starre.

Heute, am Ende von Woche drei, liegt mein kleines Würmchen auf meinem Bauch und bringt mich zum Lachen, weil sie einen Rülpser (Bäuerchen wird dem einfach nicht gerecht) von sich gibt, der sie zu einer würdigen Nachkommin ihres Vaters macht. Manchmal geht sie mir noch ordentlich auf den Keks und für Schlaf würde ich wirklich alles geben. Alles. Außer mein Kind. Und meinen Freund.


Tags: Erstes Kind
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31 Antworten

Kommentare

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    oh wie wunderschön. das macht doch mal mut für später. danke!

    26.01.2012, 21:00 von wir_sommer_wiese
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    so ist es.

    27.12.2011, 21:42 von Idamama
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    Alle haben gute Ratschläge für solche Situationen - doch wie es sich wirklich anfühlt, kann einem keiner sagen.
    Sehr ehrlicher, toller Text.

    12.05.2011, 20:49 von flamingstar
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    Hol dir das Nido-Abo!!Ist besser als ELTERN!

    01.01.2011, 20:39 von AndyRandy
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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    Glückwunsch zum Kind!
    Und er Text ist super! Also noch-nicht-Mama lässt es sich sehr gut nachvollziehen!!

    Alles gute für dich!

    02.09.2010, 16:26 von love_yourself
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    Besser hätte man es nicht erklären / formulieren / ausdrücken können. Mir ging es Ende September 2009 exakt genauso! Und es war so furchtbar... Und das die Sache mit dem Stillen sich als schwieriger gestaltet nach `nem Kaiserschnitt hätte einem ja auch mal jemand sagen können. Es kommen Besucher, die sich alle riesig über`s Baby freuen und man selbst?? Man will nur Ruhe... Und kein kreischendes etwas, was einem an den Nippeln hängt ( wenn es denn mal klappt ). Nach knapp 10 Monaten sieht die Sache natürlich mittlerweile anders aus. Für nichts und niemanden gebe ich dieses erstaunliche Geschöpf wieder her! Aber ob ich das nochmal brauche...hmmm, denke nicht^^

    20.07.2010, 09:19 von Alm-Heidi
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    Wunderbar unverschönert, realistisch scheinend geschrieben. Kann mir vorstellen, dass jede betroffene Mutter für so einen Text dankbar ist, in dem sie sieht, dass es auch anderen so geht!

    06.07.2010, 13:08 von pseudopsychojosi
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    Toll geschrieben, kann es ziemlich gut nachempfinden.. jedoch bleibt dieser gewisse Neid auf beruhigte gutschigu mamas.. aber das ist die selbstsicherheit, die bei müttern ab und an mal umdrehen will.

    03.07.2010, 01:39 von circaviolett
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    Hallo,
    Super geschrieben.

    Als Vater von 3 Kindern bei denen zum einen 2 Geburten alles andere als einfach waren
    (die Frage ob eine Geburt und Kinder großziehen nur mit rosa Wolken und 7tem Himmel Gefühl in übereinstimmungen gebracht werden kann, lasse ich mal für die noch Kinderlosen offen ;O))

    Ein Kind bekommen kann schwer sein, dass groß werden lassen auch. Bei 2 Kindern hatte meine Frau eine wirklich Anstrengende Zeit (ich natürlich auch, aber es ist nicht dasselbe, wenn man auch noch so viel mithilft, an der Frau bleibt am meisten hängen, in jeglicher Hinsicht) Wenn man dann sehr hohe Erwartungen stellt and glücklich sein und alles in Perfektion erwartet, kann man doch sehr schnell aufwachen. Auch meine Frau hatte da natürlich Probleme. Mittlerweile ist unser jüngstes Kind dabei Vorschüler zu werden. Sind wir glücklich ? Ich denke manchmal schon, manchmal auch nicht, so ist das Leben, keiner sagte es wäre einfach.

    Ich denke wichtig ist zusammenzuhalten, zu reden und von seiten des Mannes VIEL Verständis.

    Das Allerwichtigste : Die schönen Momente, die Glücklichen, auch als solche wahrzunehmen.

    Es ist eben nicht alles Friede Freude Eierkuchen,

    und man soll das auch sagen dürfen.

    30.06.2010, 21:49 von ARCENCIELDAMOUR
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