Alida.Montesi 30.11.-0001, 00:00 Uhr 17 18

Frau im Spiegel

Dann kramt sie in ihrem Geldbeutel und legt nochmal 20 Euro auf meine Partytasche.

Ich bin wie meine Großmutter, sagt die Familie. Genauso neurotisch und kaltschnäuzig, genauso unfähig andere Menschen neben mir zu sehen. Die Alte und ich wir bohren in offenen Wunden bis sie nicht mehr heilen und feiern rauschende Partys an dem Blut, das wir ernten. Wir wollen, dass alles sofort passiert, weil wir Unordnung hassen und keine Zeit zu verlieren haben niemals erwachsen zu werden.

So in etwa wird üblicherweise über mich und meine Großmutter gesprochen.

Aber heute hat sie Geburtstag und wir „feiern“ bei ihr im Wohnzimmer. Feiern in Anführungszeichen, denn da sind nur sie und ich und zwei Flaschen Eierlikör. Unmotiviert hängt sie halb über dem Tisch und nagt an einem Keks. Ich sitze derweil auf dem Fensterbrett, rauche Gauloises und beobachte das Dorfleben. Kofferräume werden geleert und Getränkekisten geschleppt. Kinder rasen mit ihren Fahrrädern über die Straße und wieder zurück. Ich halte die Zigarettenschachtel in die Sonne und sie sieht wunderschön aus. Ganz ohne Ekelbilder. Ich habe sie in einer alten Partyhandtasche bei meinen Eltern gefunden. Eine wirklich alte Schachtel ist das. Sie löst seltsame Gefühle in mir aus. Es fühlt sich an als ob ich einen archäologischen Fund konsumieren würde. Essen aus dem Mittelalter oder so.

Dieser Geburtstag verläuft wieder typisch, denke ich. Immer dasselbe. Immer nur sie und ich. Alle anderen Besucher wirft sie aus der Wohnung, sobald das nötigste geklärt ist. Denn ihre -Zitat- “Kopf Nerven“ halten die Anstrengung nicht aus. Ich bin einer der wenigen Menschen, die meine Großmutter respektiert. Weil ich Zigarettenrauch in ihre Wohnung puste und nicht frage, wie es ihr geht. Im Gegenzug hat sie immer dieselben Fragen an mich. Sie will wissen, ob ich gut verdiene und ob ich einen neuen Freund habe. Und ich antworte, dass es reicht, um es für Unsinn auszugeben und dass ich niemals feste Freunde habe und wenn dann würde ich es ihr nicht sagen. Neulich erzählte ich ihr, was ich in letzter Zeit so getrieben habe, weil mir langweilig war und ich davon ausging, dass sie es eh nicht richtig hört. Sie sah mich dabei so ruhig und konzentriert an, dass ich immer mehr vor ihr auspackte, immer intimer wurde. Die einzige Vorsichtsmaßnahme war darauf zu achten, dass sie nicht von meinen Lippen ablesen konnte. Außerdem versuchte ich so leise und so schnell zu reden, dass sie Schwierigkeiten haben musste, mich zu verstehen aber mich gleichzeitig auch nicht unterbrechen konnte. Als ich dann mit meiner Geschichte fertig war sagte sie nur: „Das Leben ist ganz schön vielfältig.” Und damit hatte sich die Sache erledigt.

Meine Großmutter sieht, dass ich aufgeraucht habe und möchte, dass ich ihr den Fernseher repariere. Sie meint, dass das Bild immer - Zitat- “wegsackt” und der Ton plötzlich sehr viel leiser ist. Also schalte ich das Gerät ein und drücke etwas auf der Fernbedienung rum. Dann bleibe ich bei „Sturm der Liebe“ hängen und vergesse weiter so zu tun als hätte ich die leiseste Ahnung, was ich da mache. Irgendwann ist die Sendung zu Ende und meine Großmutter meint, dass „das Fernsehbild schon deutlich besser geworden ist” und gibt mir 20 Euro fürs Reparieren.

Anschließend soll ich den Siphon im Bad reinigen. Das heißt, ich lasse ein paar Minuten das Wasser laufen und schreibe ein paar Whatsappnachrichten derweil. Als sie fragt, ob ich voran komme, rufe ich: “Ja total!”, schicke die letzte Nachricht ab und kehre zu ihr zurück. Dann fällt ihr ein, dass ich unbedingt ihre Haare schneiden muss, weil sich die Friseurin das Bein gebrochen hat und keine Hausbesuche mehr macht. Ich sage: „Keine Zeit!”. Sie sagt: “Du musst aber!” Und ich schneide ihr schließlich einen adretten Bubikopf, während wir gefühlte zehn Mal mit Eierlikör anstoßen. Als sie fertig vor mir sitzt, muss ich erkennen: „Ich hab's voll drauf, bin ein Naturtalent als Friseurin“. Auch wenn ich die Dauerwelle komplett raus geschnitten habe und meine Großmutter etwas wie eine nasse Ratte aussieht. Ich halte ihr einen Spiegel vors Gesicht. Sie prüft sich. Es dauert. Sie sieht nicht unglücklich dabei aus, aber auch nicht, als ob sie sich als Schönheit wiederentdeckt habe. Ich frage mich, ob ihr vielleicht schon der Alkohol zugesetzt hat. Doxepin und Eierlikör vertragen sich nicht wirklich. Diazepam und Eierlikör auch nicht. Ein bisschen erinnert mich ihr Ausdruck an den Nachmittag, als ich ihr all die Geschichten über mich erzählt habe. Was, wenn sie doch etwas davon verstanden hatte und anderen Leuten davon erzählt? Sie liebt es Geheimnisse auszuplaudern und war meist der heimliche Auslöser von Streit in unserer Familie.

Endlich nickt sie und sagt: „Ja. Gut. Also. Danke.“. Es wirkt, als ob sie sich damit zufrieden gibt, einfach nur überlebt zu haben. Sie atmet tief ein und wieder aus und als ob sie meine Gedanke lesen könnte sagt sie: “Vielen Dank, du hast mir das Leben gerettet, Alida.”

 Dann kramt sie in ihrem Geldbeutel und legt nochmal 20 Euro auf meine Partytasche.


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17 Antworten

Kommentare

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  • 2

    "wie eine nasse Ratte".. :D

    Ja, Großeltern wollen immer noch extra "bezahlen" für alles.
    dabei tun sie das schon in der härtesten Währung die das Leben zu bieten hat: Hingabe zum Nachwuchs. die netten jedenfalls. 

    19.11.2016, 02:59 von schauby
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  • 2

    Schön, jetzt kann ich deine Stimme dazu hören.

    04.11.2016, 10:30 von Feodor
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  • 1

    stimmungsvoll!

    04.11.2016, 09:42 von EliasRafael
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  • 1

    Der erste Absatz war schon ein gelungener Auftakt, der Rest folgte sogleich.

    03.11.2016, 03:12 von mirror87
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  • 1

    Schön beschriebene Szene, gefällt mir wahnsinnig gut! 

    03.11.2016, 00:27 von Eintagsliebe
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  • 1

    Okay, 3 Herzen sind auch gut !
    Die Position (der Herzen) gefällt mir zwar nicht, aber das "Abo" lohnte sich. Wirklich sehr gerne gelesen. Ich überlege grade, ob ich nicht ein paar andere Abos streichen soll^^.

    01.11.2016, 20:38 von Gluecksaktivistin
    • 1

      kein wunschkonzert das leben ist. ^^

      02.11.2016, 00:11 von Freyr
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  • 1

    das mit dem abziehen ist schön beschrieben. das letzte mal hab ich das bei als wir träumten gelesen.

    01.11.2016, 20:13 von libido
    • 0

      Das hast du gelesen? Ich fand schon den Film hart an der Grenze, das Buch habe ich angefangen und mich nach 10 Seiten gelangweilt.  (Film war jetzt auch nicht besser)

      02.11.2016, 22:15 von Gluecksaktivistin
    • 0

      du bist auch nicht von der eastside, hattest dafür eine behütete kindheit in bayern (?), oder?

      auf jeden fall ziehen sie da eine oma ab. härter als da oben, aber dafür ist es nicht die eigene.

      02.11.2016, 22:30 von libido
    • 0

      Ja, ich hab den Film gesehen. Ich fand den Ossi-wessi mäßig trotzdem nicht so dolle. Das hätte auch im Westen so passieren können. Insofern für mich nichts Neues im Osten  und daher langweilig und enttäuschend. Hätte man mehr draus machen können.

      02.11.2016, 22:32 von Gluecksaktivistin
    • 0

      das aufeinandertreffen von ab- und aufbruchstimmung fängt das buch gut ein. bzw. clemens meyer ist das selber, das inbetween brüchen.
      der film hat mich jetzt nicht umgehauen, aber er war okay. warum die die leute nicht dialekt sprechen lassen, verstehe ich nicht. marktchancen schlagen echtheitsfeeling wohl immer...

      02.11.2016, 22:54 von libido
    • 0

      haha, ja das störte mich auch ungemein, das mit dem nicht-Dialekt sprechen.
      Der Meyer hat bessere Bücher geschrieben als das grad... Naja.

      02.11.2016, 22:57 von Gluecksaktivistin
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  • 1

    Schöne Übereinkunft. 

    Wie unterscheidet sich eine Partyhandtasche von einer gewöhnlichen Handtasche?

    01.11.2016, 19:48 von Freyr
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      sie sind größer und es ist party...äh parteiwerbung drauf.

      01.11.2016, 20:12 von libido
    • 0

      boh, ich dachte liegt mehr drin.

      02.11.2016, 00:10 von Freyr
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  • 1

    Herrlich trübsinnig.

    01.11.2016, 18:09 von HerrJemine
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