Fieber
„One day“, so fangen Geschichten an.
„One day“, so fangen Geschichten an.
Vielleicht stimmt es. Sicher sein, kann man sich nicht.
Marie und Carl waren Kollegen, Freunde. Man lud sich zum Essen ein, traf sich ab und zu am Wochenende, sie gingen ins Museum, fuhren um den See, all so was, was man macht, wenn man befreundet ist, sich von der Arbeit kennt.
Marie liebt Jan, Jan liebt Marie.
Beide arbeiteten viel, sie hatten eine große Wohnung in der Stadt.
Manchmal gingen sie abends ins Kino, oft blieben sie zuhause. Sie sahen Sendungen über Papageien, Dokumentationen über Kenia.
Einmal rief Marie Carl an, einfach so.
Jan war für ein Wochenende in eine andere Stadt gefahren, um einen Freund zu besuchen.
Carls Frau ging ans Telefon, Marie wusste ihren Namen in dem Moment nicht, sie legte auf, auch später fiel er ihr nicht ein. Am darauf folgenden Tag brachte sie Carl dazu ihren Namen zu nenne, Sonja hieß sie.
Mit der Zeit trafen sich Carl und Marie weniger, ein paar Mal nur noch. Carl war Vater geworden, er blieb an den Abenden zuhause, auch am Wochenende.
Irgendwann dann lud Carl Marie und Jan zum Abendessen ein.
Marie erzählte Jan davon als er in der Küche stand und die Teller abwusch.
Jan sagte, dass sie Carl vielleicht eine Flasche Wein mitbringen sollten, vielleicht auch einen Kuchen.
Marie sagte, dass es sicher einen Nachtisch geben würde, da sollte man keinen Kuchen mitbringen, vielleicht Brot.
Später entscheiden sie sich dann für Brot und Wein, wie beim Abendmahl, dachte Marie nachts im Bett, als sie nicht schlafen konnte, weil der Bus auf der Straße das Schlafzimmer erbeben ließ.
Am nächsten Abend, es war gegen sechs, dann setzten sich Jan und Marie ins Auto, sie mussten eine Zeit lang fahren.
Carl wohnte nicht in der Stadt. Irgendwann hatte er ein Haus auf dem Land gekauft, groß war es nicht, aber es reichte.
Er erzählte Marie damals davon, dass er sich einen Papageien kaufen wollte, Schafe vielleicht.
Als Marie und Jan die Auffahrt zu Carls Haus hochfuhren, blieben sie noch eine Weile im Auto sitzen. Jan nahm Maries Hand, legte sie in seine Hand.
Dann stiegen sie aus, Carl riss die Tür auf, hatte das Auto gehört, durchs Fenster gesehen.
Jan und Carl kannten sich kaum, ein paar Mal bloß hatten sie sich gesehen. Carl küsste Marie auf die Wange.
Sie hatte dieses lange braune Haar, was man Mähne hätte nennen können.
Carl bot sie ins Wohnzimmer, bot Getränke an, Zigaretten. Marie trank Wasser, Jan nahm Rotwein, Carl trank Whiskey mit Wasser.
Ein paar Minuten später kam Sonja hinzu, sie trug ein blaues Kleid, kurz, bis knapp über die Knie. Diese Gesundheitslatschen trug sie, Marie konnte sich nicht vorstellen jemals solche zu tragen, noch nicht einmal aus Bequemlichkeit.
Sonja sagte, sie habe das Kind zu Bett gebracht, sie würde gleich wieder in die Küche gehen und das Abendessen machen, sicher hätten alle Hunger.
Marie gab ihr das Brot, sie bedankte sich, sagte sie würde es gleich aufschneiden.
Den Wein hatten sie im Auto liegen gelassen, sie sagten nichts davon.
Sonja brachte Nüsse, stellte sie auf den kleinen Tisch, der im Wohnzimmer stand, in der anderen Hand hatte sie eine Flasche Malzbier, sie forderte alle auf von den Nüssen zu nehmen.
Jan sah Marie an, die in den Nüssen fingerte, nur die Erdnüsse mochte sie.
Ein bisschen später gab es Essen, einen Braten, Soße, Gemüse und das Brot.
Nachtisch gab es aus, Marie hatte Recht behalten.
Sonja sah immerzu zu der Tür, die man vom Tisch sehen konnte. Marie vermutete dahinter das Kind, Maya hieß es, ein paar Monate alt, bald schon ein Jahr, wie die Zeit bloß immer rast, es war kaum auszuhalten.
Irgendwann schrie Maya, Sonja sprang auf, Marie sagte, sie würde das Kind gern sehen, Sonja sprach von zu großer Aufregung für das kleine Kind.
Das Kind schien nicht beruhigt werden zu könne, Carl sagte, sie solle das Kind ruhig an den Tisch bringen.
Sonja nahm das Kind aus dem Bett, brachte es mit.
Das Kind hatte riesige Augen, kaum Haare.
Carl sagte, sie würden wissen, dass Maya keinen Schönheitswettbewerb gewinnen würde, aber sie seien sich sicher, dass sie später die schönste Frau der Welt sein würde.
Jetzt blieben nur der hochrädrige Kinderwagen und die staunenden Freundinnen.
Das Kind glotze Marie an, riss die Augen noch weiter auf.
Marie fand das Kind unheimlich, fürchtete sich.
Sonja gab dem Kind ein paar Stückchen vom Braten, den sie durch die Soße zog, das Kind schaute gierig, schlang.
Jan und Carl gingen auf die Terrasse um zu rauchen, sie sprachen kaum.
Marie blieb bei Sonja und dem Kind, sah zu, wie Sonja das Kind fütterte, von der Geburt erzählte, vom ersten Zahn.
Marie und Jan sprachen nicht oft über Kinder, wollten sie doch später welche bekommen.
Sie fragte Sonja, ob sie das Kind einmal halten dürfe, Sonja gab es ihr über den Tisch, das Kind strampelte mit seinen dicken Beinchen, Marie setzte sich das Kind auf den Schoß.
Es wand sich, griff mit den Händen in Maries Haare.
Marie gab das Kind schnell wieder an Sonja, die beiden Männer kamen von der Terrasse wieder, Marie und Carl verabschiedeten sich.
Sie fuhren nach Hause, legten sich ins Bett.
Bald war Marie Mutter, hatte sich das lange braune Haar abgeschnitten.
Sie trug die Gesundheitslatschen, die Sonja auch getragen hatte.
Dicker war sie auch geworden, vielleicht auch ruhiger.
Carl und Marie sahen sich nicht mehr, Marie arbeitete nur noch manchmal, dann nur vormittags, meist von zuhause aus.
Jan liebte Marie.
Marie liebte Jan.
Jan hatte Marie zur Geburt des dritten Kindes eine Kristallkette geschenkt.
Durch die große Wohnung tobten drei kleine Kinder, die man nicht hätte nach Kenia mitnehmen können.
Träume verändern sich, „one day“ ist immer noch ein verdammter Anfang.



Kommentare