Fette Katze
In derselben Sekunde in der Leon geboren wurde starb sein Zwillingsbruder Jonas.
Und da nun ein Name keinen Besitzer mehr hatte und unausgesprochen, erschreckt, erstickt zurück blieb, übergab man ihn ihm und er hieß von diesem Moment an Leon Jonas Richter.
Seiner Mutter legte man auch das tote, nun namenlose Baby auf die Brust. Der kleine Körper war schlaff, das eigentlich makellose Babygesicht, geformt um den Mutterinstinkt zu wecken blau angeschwollen. Exakt in dem Moment, als ihre zitternden Hände das viel zu stille Baby berührten, starb auch Justine Richter und nur eine leere Hülle blieb zurück, die nicht imstande war ihren Sohn, der den Namen seines toten Bruders trug mit sich zu nehmen. Also brachte man ihn zu seinen Großeltern.
Er war ein stilles Baby, ein Beobachter, der ständig von seiner Großmutter mit sich getragen wurde und so alles um sich herum mit großen Augen erforschen konnte. Das erste woran er sich in seinem Leben erinnern konnte waren die Falten seines Großvaters und wie ledrig sich die alte Haut unter seinen zarten, klebrigen Kinderhänden anfühlte. Der Geruch der braunen Pfeife, das klimpern eines gläsernen Windspiels im geöffneten Fenster, das er nicht ansehen konnte, da die grelle Sonne seine Augen zwang sich zu schließen. Der breite Hintern seiner Großmutter. Die blumige Schürze. Das weiße krause Haar. Die Lieder die sie, der Mittelpunkt seines kleinen Lebens beim kochen summte.
Die ersten zehn Jahre seines Lebens waren die schönsten, behütet von zwei alten Menschen dehnen die Zeit lediglich das jugendliche Aussehen gestohlen hatte, jedoch nicht den Drang nach Freiheit, Veränderung und Verrücktheit.
Und so verbrachte er seine Kindheit mit sehr viel Freiheiten und einem Überschwung an großmütterlicher Liebe. Er bemalte ungestraft Tapeten, trank Kakao auf weißen Sofas, zerdrückte Kirschen auf antiken Teppichen, baute Zelte aus teuren indischen Seidenschals die anschließend von feuerspukenden Drachen zerfetzt wurden, redete, lachte und schrie beim essen, as mit den Fingern, kippelte mit Stühlen, blieb so lange wach bis er von alleine umfiel, hörte tausend Geschichten und nie ein böses Wort, fütterte die Fische mit Brokkoli und aß anschließend Schokoladeneis mit Sahne, suhlte sich so lange im Matsch bis er wirklich wie das wahrhaftige Matschmonster aussah und jagte anschließend seinen Großvater durch den frisch gewischten Flur, warf Scheiben ein, schlug sich die Knie auf, fluchte und spukte, ging mit nassen Haaren durch den eisigen Winterwind, sah Filme mit sehr viel Blut, las Bücher mit schwierigen Wörtern, schlug sich, fuhr ohne Helm Skateboard, ließ allem freien lauf ohne jemals dafür bestraft oder ermahnt zu werden.
Sicher unterschied er sich deswegen von den Nachbarskindern, auch war er von natur aus laut und unruhig. Keine zwei Sekunden konnte er still sitzen. Keine Frage zurück halten und kein Detail auslassen. Zweifellos war er ein Nervkind, das in der Schule in der hintersten Reihe saß und ständig störte. Von den Mitschülern gehasst von den Lehrern aufgegeben.
Schon wollte man ihn auf die Sonderschule schicken um wenigstens etwas zu retten, wäre Jona Johnsen nicht gewesen. Eine Psychologin mit einem gewissen faibel für Nervkinder, adrette Röcke und rote Schuhe. Sie war übrigens die zehnte ihrer Gattung die sich den Jungen ansah. Sie unterhielt sich zehn Minuten mit dem dreckverschmierten 9 jährigen dessen Beine unablässig unter dem Tisch hin und her scharrten, dann erkannte sie das dass Nervkind etwas konnte. Es war ein aufblitzen in den kleinen blauen Augen gewesen, eine Verrücktheit die bei genauerem betrachten zu klug war um verrückt zu sein. Daraufhin folgte ein 6 stündiger iq Test, indem Leon sich mit Jona über die einfachen Aufgaben amüsierte. Zwar viel ihm das rechnen schwer doch Jona Johnson fand schnell heraus warum. Stellen sie sich einmal eine 69 vor. Was sehen sie? Eine Zahl nehme ich einmal an. Nun leon sah eine schwarze 69 auf einem gelben Schild mitten in der Wüste Arisonas während im Hintergrund Indianer auf stolzen weißen Rössern ritten und die blutrote Sonne am Horizont versank. Sie können sich sicher vorstellen das sich mit solchen Zahlen schlecht rechnen lässt. Sein Mathematischer iq betrug daraufhin 88, den verbalen sprengte er mit glucksenden Worten und am Ende kam ein gesammt iq von 131 heraus. Daraufhin blieb ihm das Nervkindschicksal erspart und er wechselte unverzüglich auf das Gymnasium.
Da er nun offensichtlich anders war viel es ihm schwer Freunde zu finden. Um genauer zu sein fand er gar keine. Allerdings brauchte er auch keine. Sein Kopf produzierte hervorragendes Kopfkino mit dem er sich stundenlang beschäftigen konnte. Darüber hinaus gab es noch „fette Katze“. „Fette Katze“ wurde aus einem weißen BMW geschmissen und landete direkt vor den Füßen des 5 jährigen Leon, der sie daraufhin 11 Jahre mit sich herum trug. Von dem Namen darf man sich nicht irritieren lassen, "fette Katze" war nicht etwa fett, sie besaß lediglich ein übermaß an Fell.



Kommentare
ja!
10.01.2011, 23:39 von augenflimmern