Ferne Schwester
Meine Mutter hat ein Kind zur Adoption freigegeben. 25 Jahre später kam es zurück in ihr Leben – und trat in meins.
Mit zwölf Jahren wurde ich kleine Schwester. Es war Nacht, und meine Eltern stritten nebenan. Ich lag im Bett, schaute hellwach in die Dunkelheit und versuchte, die Gemeinheiten zu verstehen, die sie sich an die Köpfe warfen. „Kind in England“ waren Worte, die meine Mutter sagte. Ich kannte kein Kind in England. Ein paar Tage später fragte ich meinen Papa, was das bedeutete. „Das hast Du falsch verstanden“, sagte er barsch. „Hab’ ich nicht“, erwiderte ich. „Erkläre ich Dir, wenn Du älter bist“, sagte mein Papa. „Ich will es jetzt wissen“, nervte ich. Mein Papa rollte mit den Augen. „Du hast eine große Schwester. Sie ist vier Jahre älter als Du, sie lebt in England und sie wurde adoptiert.“
1000 Fragen begannen, in meinem Kopf Karussell zu fahren, aber mein Papa hatte keine Antwort darauf. Er war mein Papa, nicht ihrer. „Du kannst sie nicht kennen lernen“, sagte mein Vater. „Deine Mutter hat sie anonym bekommen und weggegeben. Sie muss Deine Mutter suchen, dann erst kannst Du sie treffen.“ Ich habe zwei kleine Geschwister, aber ich hatte mir immer eine große Schwester gewünscht. Jetzt hatte ich eine, und sie war trotzdem unerreichbar. Ich begann zu verstehen, dass das Schicksal grausam sein kann, und wuchs auf mit dem Gefühl, dass irgendwo weit weg meine große, fremde Schwester lebt.
Als ich 15 war, nahm meine Mutter mich zur Seite und sagte, sie müsse mit mir reden. Ich wusste, was sie mir sagen würde. Weinend erzählte sie von dem englischen Heim für gefallene höhere Töchter, in das ihre Eltern sie geschickt hatten, als die Schande in ihrem Bauch noch nicht zu sehen war. Sie musste dort ausharren, bis die Geburt vorbei war. Eine Woche nach ihrer Niederkunft durfte sie nach Hause zurück. Das Baby hatte sie nie gesehen. Ihre katholischen Eltern sprachen nicht mehr über dieses ungewollte Enkelkind. Das Leben ging weiter, aber einmal im Jahr bekam meine Mama Migräne. Immer im September, wenn der Geburtstag des Mädchens nahte. Ich hatte nur eine einzige Frage: Können wir sie kennen lernen? Meine Mama weinte noch mehr und schüttelte den Kopf. Sie putzte sich die Nase, straffte den Rücken und erwähnte ihr fernes Kind nicht mehr.
Als ich 21 war, stürmte meine Mutter eines samstagmorgens in mein Zimmer. „Sie sucht mich“, schluchzte sie. Ich war sofort hellwach. Meine Mutter war durcheinander, und ich war überglücklich. Ich hatte mir doch immer gewünscht, dass sie sich meldet. Ihre Adoptivmutter hatte die Adresse meiner Großeltern gefunden. Und meine Schwester hatte ihnen einen Brief geschrieben.
Meine Mutter war nicht sicher, ob sie meine Schwester kennen lernen wollte. Für mich stellte sich die Frage nicht. Klar wollte ich! Ich bat meine Mutter um ihre Adresse und schrieb ihr einen Brief. „Ich bin Deine kleine Schwester“, schrieb ich, „Wenn Du möchtest, kannst Du mir schreiben.“ Sie schrieb. Und dann rief sie an.
Es war, als wäre sie nie woanders aufgewachsen. Er stimmt, dieser Satz, dass Blut dicker ist als Wasser. Wir telefonierten stundenlang, erzählten uns Geschichten aus unserer Kindheit, von Jungs, von Familie. Wir entdeckten Millionen von Gemeinsamkeiten: Ich war immer eine Null in Sport und Mathe gewesen – sie auch. Sie hatte Naturlocken und lange dünne Zehen – so wie ich. Wir beide liebten weiße Schokolade, Hunde und das Meer. Und sie liebte einen Mann, dessen Kind sie bald bekommen würde.
Sie drängte, ich solle sie besuchen kommen. Sie wolle mich endlich sehen. Ich wollte sie auch sehen, aber hatte Angst, meiner Mutter in den Rücken fallen. Sie rief meine Mutter an und bat um ihre Erlaubnis. Es war fast ein Jahr vergangen seit ihrem Brief an meine Großeltern. Meine Mutter haderte immer noch mit der Rückkehr ihrer verlorenen Tochter, hielt sie auf Abstand, antwortete selten auf ihre Briefe, ließ sich am Telefon verleugnen. Sie war eifersüchtig, weil ich sie sehen würde, wollte es aber selbst nicht. „Ich fahre nicht, wenn Du es nicht willst“, sagte ich.
Meine Mama brachte mich zum Flughafen. „Mach viele Fotos“, sagte sie mit Tränen in den Augen und umarmte mich fest. Ich stieg mit butterweichen Knien in das Flugzeug und zwei Stunden später wieder aus.
Meine Schwester hatte mir Bilder von sich geschickt. Auch ohne hätte ich sie sofort erkannt. Sie war die jüngere und blonde Version meiner Mutter. Wir fielen einander um den Hals, weinten, lachten und hielten uns ganz fest. „Ich hab gleich gewusst, dass Du es bist“, waren ihre ersten Worte, als sie mich endlich losließ.
Ich lernte ihre neugeborene Tochter kennen, ihren Mann und ihre Eltern. Sie hat so viel Glück gehabt: Mit fünf Tagen kam sie zu ihren englischen Adoptiveltern. Sie haben ihr das beste, liebevollste Zuhause gegeben, das ich mir vorstellen kann. Meine Schwester ist sorgenfrei und in Wohlstand aufgewachsen, getrübt nur durch das tiefe Gefühl, nicht zu ihren Eltern zu gehören, obwohl die sie mit Liebe überschüttet haben.
Sie war meiner Mutter so unglaublich ähnlich, dass es mich fassungslos machte. Sie hatte ihr Gesicht, ihre Stimme, ihre Figur, ihre Haltung, ihren Humor, und leider auch die tiefe Melancholie, in der meine Mutter oft tagelang versinkt.
Ich habe meine Schwester drei Mal in meinem Leben gesehen. Sie starb vor sechs Jahren, unverhofft, an einem Mittwochmorgen. Meine jüngere Schwester und ich waren bei ihrer Beerdigung. Ich bin so unendlich dankbar, dass wir wenigstens für kurze Zeit die Schwestern füreinander geworden waren, die wir uns immer gewünscht hatten.



Kommentare
Gänsehautfeeling.
27.11.2009, 11:55 von milchschaumschlaegerwunderschöner text, der wirklich beweist, dass blut dicker ist als wasser...und schwestern nicht leicht zu trennen sind!
29.01.2009, 22:01 von schokiminzaIch bin heut schon den ganzen Tag sehr sentimental und musste jetzt auch weinen. Es ist schon eigenartig mit den Schwestern. Du hast deine kennen gelernt, meine ist im Himmel. Aber dennoch fühlt man sich als Familie, oder?
08.10.2008, 15:24 von SayWhatYouNeedToSayein schöner Text.....
01.02.2008, 11:41 von Piranha80ein schaurig schöner Text.....
Sie starb, so plötzlich?! Hab deinen Text mit soviel Gefühl gelesen und jetzt.....puhhh...steck ich im letzten Absatz fest!
28.09.2007, 19:47 von XeNia79Oh Gott...ist das traurig...
27.09.2007, 16:44 von BlondBlauBloedWunderschön geschrieben, und so märchenhaft!
Hallo Ella,
27.08.2007, 19:56 von Edanaauch wenn Deine Geschichte traurig ist, beneide ich Dich sehr, weil Du Deine Schwester kennenlernen durftest und weil Du den Mut dazu hattest. Ich habe zwei Halbbrüder, die nur zweimal gesehen habe, als sie noch Babies waren. Mittlerweile sind die beiden 18 und 16, aber ich hatte nie den Mut, mit ihnen Kontakt aufzunehmen. Zum einen weil ich ja nicht weiß, ob sie von mir wissen, zum anderen weil ich irgendwie Angst davor habe wie sie reagieren würden.
Deine Geschichte hat mich zum Nachdenken gebracht. Vielleicht sollte ich das Risiko eingehen. Deine Geschichte zeigt mir, dass es gut gehen kann. :) Vielen Dank dass Du sie mit uns geteilt hast.