Fantine 12.02.2008, 20:20 Uhr 8 9

Familientreffen

Vor kurzem starb mein Opa. Und ich lernte meine Familie kennen.

Nachdem er sechs Jahre lang im Bett gelegen hatte, kaum mehr ansprechbar war und immer mehr abmagerte, starb mein Opa mit 88 Jahren. Aufgrund des langen Zeitraums, den er nur noch da gelegen hatte und keinen Kontakt zur Außenwelt aufnehmen konnte, kam sein Tod für niemanden überraschend. Das Abschied-Nehmen war viel mehr ein langsamer Prozess gewesen. Da ich ihn auch davor nur ein- oder zweimal im Jahr gesehen hatte, fand ich seinen Tod zwar traurig, aber ich müsste lügen um zu sagen, dass er mein Leben in irgendeiner Form veränderte. Zunächst war ich vor allem gespannt. Der Grund dafür lag darin, dass ich die Familie meiner Mutter so gut wie gar nicht kannte.

Der einzige, mit dem ich manchmal am Telefon sprach und der uns hin und wieder besucht hatte, war ihr leiblicher Bruder. Zusätzlich gab es noch drei Halbgeschwister mit beachtlichem Altersabstand, von denen ich außer dem Wohnort nichts wusste. Entsprechend aufgeregt war ich, als ich am Freitagabend in einem kleinen Dorf in Thüringen aus der Regionalbahn stieg. Außer meiner Familie und der meines Onkels war an diesem Abend noch niemand da; meine Mutter und meine Tante hatten gekocht und wir saßen zusammen, aßen und versuchten durch das Blättern in Photos vergangener Tage ein Wir-Gefühl herzustellen. Von den anderen Geschwistern hatte sich noch niemand gemeldet, niemand wusste, ob sie überhaupt kommen würden.

Doch am nächsten Tag trafen sie dann nacheinander ein: Eine Tante und zwei Onkel, die uns nicht kannten und die wir nicht kannten und niemand wusste so richtig, wie wir einander begegnen sollten. Sie alle drei schienen so gar nicht in die Welt meines gebildeten und von vielen Menschen geschätzten Opas zu passen.

Onkel Nr. 1, der laut meiner Mutter einen IQ von 140 hatte, erzählte fröhlich, dass er gerade ein Jahr Pause von seinen wenig einträglichen Jobs machte um sich ganz seinen Vorlieben zu widmen. Er besuchte Kurse an der Uni zu Tibetologie, Südasienkunde, lernte Orchideensprachen und las Bücher, während seine Frau als Sozialarbeiterin das Geld nach Hause brachte. Seine Schwester dagegen, mit 19 das erste Mal schwanger, hatte gerade ihre Kinder bei Ehemann Nr.2 gelassen, um zu ihrem Liebsten an die Nordsee zu ziehen. Es traf sich wunderbar, dass ihre älteste Tochter dort sowieso schon in einer Pflegefamilie lebte. Jetzt überlegte meine Tante, die nach mehreren Schulabbrüchen geradeso den Realschulabschluss bekommen hatte, in Richtung Erziehungswissenschaften zu studieren, denn mit Kindern zu arbeiten, das fühlte sie, sei das, was ihr am meisten entspreche. Der dritte Bruder wiederum hatte gerade einen Vorstandsposten niedergelegt. Nach einem abgeschlossenen Studium in Mathematik und unzähligen Jobs in den verschiedensten Bereichen hatte sich auch dies nicht als seine wahre Bestimmung entpuppt.

Ich hatte, wie gesagt, vorher keine Beziehung zu einem von ihnen gehabt und deshalb wäre es gelogen zu behaupten, dass das Treffen mit ihnen praktisch irgendwelche Auswirkungen auf mich gehabt hätte. Tatsächlich war dies aber der Fall. Obwohl ich nie davon Gebrauch gemacht hatte, hatte ich wohl im Hinterkopf immer den Gedanken gehabt, dass es da irgendwo noch Familie gibt, Menschen, mit denen ich verwandt bin und auf die ich zurückgreifen kann, wenn ich alleine nicht mehr weiter weiß. Doch diese Begegnungen zeigten mir das Gegenteil auf: Keiner von den drein schien sein Leben in den Griff zu bekommen und mit einem Mal leuchtete mir ein, warum jeder sich in seine Ecke Deutschlands zurückgezogen hatte und Abstand zu den anderen hielt. Mir fiel der Spruch ein „Soll ich dir helfen? – Nee, lass mal, alleine ist schon schwierig genug.“. Die drei schwirrten nur so von dem Gefühl, so richtig nicht zu wissen, wohin mit sich und ihrem Leben. Der eigene Kampf, die Widersprüche in sich zu bändigen und die Energie in eine produktive Richtung zu lenken, machte die Anwesenheit der anderen zu einem ständigen Spiegel seiner selbst und somit unerträglich.

Als ich wieder zurück war, dachte ich viel darüber nach. Wie konnte es sein, fragte ich mich, dass dies meine Familie war. Das Leben dieser Menschen hatte mit meinem, so dachte ich, nichts zu tun. Wie sehr irrte ich mich! Und je länger ich darüber nachdachte, desto mehr erkannte ich es. Natürlich war dies meine Familie. Jeder von ihnen kämpfte einen Kampf, den ich selber ausfocht.

Ich erkannte mich im Wissensdurst meines ersten Onkels, der ihn ständig zu neuen Ufern trieb, in einem rastlosen Versuch, etwas zu finden, was einen mitreißt, fordert, die ganze Aufmerksamkeit verlangt und sich nach näherem Hinsehen nicht als langweilig entpuppt. Das Bedürfnis, sich einfach dem zu widmen, was man möchte, ohne daran zu denken, dass ein Kind gefüttert werden und Miete bezahlt werden muss.

Ebenso fand ich mich in meiner Tante, deren Sehnsucht nach Geborgenheit so groß war, dass sie nun auf fremde Kinder aufpassen wollte und dabei völlig ignorierte, dass man ihr das eigene Kind weggenommen und sie die anderen zurückgelassen hatte, weil sie sich nicht in der Lage gesehen hatte, für sie zu sorgen. Und mein dritter Onkel: War sein Streben danach, den richtigen Beruf zu finden, etwas anderes als das Bedürfnis, die innere Leere, die ich nur allzu gut kannte, zu füllen? In all dem fand ich mich selbst. Ihre Widersprüche waren meine Widersprüche: Das Pendeln zwischen ausgelassener Kreativität und Organisationsdrang, zwischen Aktivismus und Niedergeschlagenheit, dem Gefühl alles zu erreichen und nichts zu schaffen.

Darin fand ich Trost, doch die Angst blieb, ebenso wie die Geschwister meiner Mutter es niemals zu schaffen, den Leuchtturm zu finden, der den Weg in den Hafen weist. Aber hier half mir mein Opa. Nachdem ich während seiner (aktiven) Lebzeit zu jung war, konnte er mir nun nach seinem Tod mit Ratschlägen zur Seite stehen. Ich blickte auf sein Photo, das ich neben meinen Schreibtisch gehängt hatte und er zwinkerte, als er sagte: „Sieh mich an! Mein Leben war auch voller Widersprüche. Und es war gut.“

Und er hatte Recht: Mein Opa hatte tagsüber operiert und nachts Bilder gemalt, er war als Arzt erfolgreich und als Künstler angesehen. Er ließ seine Tochter von Nonnen erziehen, während er selbst eine Frau heiratete, die halb so alt war wie er selbst. Er reiste viel, er war zu Ausstellungen und Konzerten eingeladen, bekam das Bundesverdienstkreuz und kannte Künstler, Politiker und Schriftsteller persönlich. Nun lag er in einem kleinen Dorf in Thüringen und die einzigen Nicht-Verwandten bei seiner Beerdigung waren Leute aus dem Dorf gewesen, für die Beerdigungen eine nette Samstagnachmittagbeschäftigung zu sein schien.
Ich lächelte ihn an und sagte: „Ich sehe, was du meinst.“ Und ich beschloss, mich künftig an ihn zu halten.

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8 Antworten

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    Das gibts ja gar nicht!
    Genau das ist bei mir letztes Jahr passiert. Mein Opa war 5 Jahre lang bettlägerig und es war ein langsamer Prozess des Abschieds - wirklich gekannt habe ich ihn kaum.
    Trotzdem ist unsere Familie dadurch endlich mal aufgewacht und enger zusammengerückt. Familientreffen wie Geburtstage oder Jubiläen sind jetzt keine Pflichtveranstaltungen mehr - wir freuen uns aufeinander. Es wird auch nicht mehr nur oberflächlich gefragt, wie es dem anderen denn so geht - es wird sich dann schon mal ne halbe Stunde Zeit genommen, um zu reden oder einfach nur zuzuhören.
    Ist ein schönes Gefühl. :o)

    27.02.2008, 08:37 von Spudette
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    Ein sehr schöner Text,voll klarer Reflektionen und für mich persönlich voller Denkanstösse,denn ich erlebte ähnliches am 19.01 dieses Jahres anlässlich der Beerdigung meiner bis zum Tode fitten 96jährigen,über alles geliebten Oma.

    15.02.2008, 01:24 von Trommler
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    Nett.
    Schön, dass sich Menschen so mit ihrer Verwandtschaft identifizieren können. Ich will und kann es vor allem überhaupt nicht.

    15.02.2008, 00:31 von knops
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    toller text - total spannend zu lesen :)
    da bekommt man direkt lust noch viel mehr über seine familie zu wissen - auch wenn man die "eigentlich" kennt ..

    14.02.2008, 23:52 von Strawberry7
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    Du hast einen schönen Text geschrieben mit interessantem Thema und interessanten Schlussfolgerungen.
    Was ich allerdings anmerken muss: Ich nehme ja mal an, dass diese drei Geschwister aus der ersten Ehe Deines Opas stammen. Ich weiß nicht, ob die erste Frau allein mit den Kindern weiter gelebt hat oder ob diese verstorben ist. Aber sagt man im Allgemeinen nicht, dass Kinder eben komische Erwachsene werden, wenn die Beziehung zu den Eltern irgendwie nicht gestimmt hat?!? Dein Opa scheint ja ein umtriebiger, interessanter Mann gewesen zu sein, aber vielleicht hat er das mit seinen Kindern nicht so gut hinbekommen?!? Kann ja sein...

    12.02.2008, 20:57 von amidala
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      @amidala Ja, das war auch bestimmt so.
      Es sind aber die Geschwister aus zweiter Ehe :), von der Frau, die halb so alt war wie mein Opa, als sie geheiratet haben.

      12.02.2008, 21:15 von Fantine
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