elixa 30.11.-0001, 00:00 Uhr 27 25

Familienreigen

Mama ist Mama, Papa ist Papa und Eva und die Anderen gehören auch dazu.

Völlig verschlafen versuche ich, meine Schwester loszuwerden, die schlafwandelnd schon wieder Pferd mit mir spielt. Ich schüttle sie von meinem Rücken ab und stehe auf, sie schaut mich kurz an, ist im nächsten Moment aber schon wieder zufrieden eingeschlummert. Ich habe Durst, will mir unten ein Glas Wasser holen. Völlig desorientiert taste ich mich durch den Flur des fremden Hauses. Schneller als mir lieb ist stoße ich auf die Treppe und finde mich gebeutelt auf dem ersten Absatz wieder. Als ich mit einem Glas in der Küche stehe, komm ich nicht an den Wasserhahn ran. Ich öffne den Kühlschrank und hole die Milchflasche heraus. 'Auch gut' denke ich und nehme einen Schluck aus der Flasche. Langsam bekomme ich kalte Füße und tapse wieder nach oben.

Ich muss an den abendlichen Streit meiner Eltern und die Worte meines Vaters denken, mit denen er ihn beendet hat: „Dann geh ich eben an den Strand zur Singleparty“. Jetzt konnte ich nicht anders, ich musste sehen, wer alles im Bett schläft. Ich öffne langsam die Tür, zähle sechs Füße – zum Glück kann ich inzwischen schon so weit zählen – und geh zufrieden wieder zu meiner, nun wieder selig wiehernden, Schwester. Ich schiebe meine kleinen Füßchen unter die Decke und genieße das Gefühl des nachlassenden Kälteschmerzes.

Am nächsten Morgen sind alle wieder bester Laune. Am Frühstückstisch wartet eine Schale Birchermüsli, Mama hat wieder ihren Gesunden. Papa macht sich Eier mit Speck und erntet deshalb missbilligende Blicke von der ernährungsbewussten Eva, meine Mutter hat den Kampf schon aufgegeben. Eva isst kuriose Dinge. Pumpernickel mit Hüttenkäse und Senf ist da noch das Normalste. Ich schaue in die Runde: Meine Schwester ist wieder eifrig am Reden, meine Mutter rührt langsam die Müslischüssel um. Papa wendet gerade seinen Speck, und Eva hat wieder die Hälfte ihres Brotes schon während des Auspackens gegessen – „gestaffelt essen“ nennt sie das, ist besser für ihren tanzerprobten Magen. Ich schnappe mir die Tasse mit meinem Kakao, wärme mir dir morgenkalten Finger und stelle mir vor, dass ich schon groß wäre.

Jeder wird jetzt denken, welch Familienidylle, im Grunde hat er damit auch Recht, ich hatte eine wundervolle Kindheit und ich liebte diese Urlaube mit der gesamten Familie, plus Mama Nummer zwei, aber dass das nicht die Norm ist, habe ich erst viel später verstanden.

Seit meinem vierten Lebensjahr hatten meine Eltern eine Dreiecksbeziehung, es gab also eine zweite Frau, sowohl an der Seite meines Vaters, als auch an der meiner Mutter – des öfteren auch an beiden gleichzeitig. Das ging fünf Jahre gut, dann haben sie sich getrennt, also nicht meine Eltern, aber meine Eltern von Eva oder andersherum, das weiß ich bis heute nicht. Zwei Jahre später haben sich auch meine Eltern getrennt, diesmal voneinander. Heute glaub ich, dass Eva diese Beziehung gehalten hat, quasi verwoben, verknüpft. Das Trennungsjahr für die Scheidung lief an, unsere Wohnung wurde zu groß für nur drei Menschen, also haben wir sie untervermietet, aber die Anwesenheit einer Fremden war auf Dauer keine Lösung, da blieb nur umziehen. Praktischerweise, wurde genau im Haus gegenüber meiner Großeltern etwas frei. Als das Trennungsjahr gerade im dritten Monat war, war die neue Freundin meines Vaters im zweiten.

Ich kam gerade von einem sehr aufregenden Wochenende bei meiner damals besten Freundin zurück. Zu Tode betrübt, hatte sie mich am Freitagabend empfangen, ihr geliebter Hamster war am Abend zuvor, durch die Schuhschranktür unglücklich verstorben. Ich versuchte, sie so gut es ging zu trösten, aber es half alles nichts. Als ich gerade unten in der Küche war, um uns etwas zu trinken zu holen, hatte sie beschlossen, sie wolle auch dorthin, wo ihr geliebter Kasimir jetzt weilte, und kletterte aus dem Fenster. Als ich wieder nach oben kam, sah ich nur noch ihre Finger, die sich von außen an das Fensterbrett krallten. Ich brüllte nach ihrer Mutter und versuchte die Baumelnde wieder hineinzuziehen, ich hatte nicht genug Kraft, aber nachdem Helga angesprintet kam, konnten wir sie mit vereinten Kräften wieder hinein hieven. Ich fing erst an zu heulen, dann auf sie einzuprügeln, um dann in den übelsten Beschimpfungen meinen Zusammenbruch zu beenden.

Als mich mein Vater am Sonntagabend abholte, erzählte er mir, ich würde noch ein Geschwisterchen bekommen, ich hab es erst nicht begriffen. Aber im nächsten Moment freute ich mich, ich wollte immer schon jüngere Geschwister haben, mit denen ich dann so umgehen konnte, wie meine große Schwester mit mir. Im April 1998 kam meine kleine Schwester zur Welt. Ihr großer Halbbruder, mochte sie anfangs gar nicht, jetzt war sie es ja, die die meiste Aufmerksamkeit bekam. Heute sind sie ein Herz und eine Seele, soweit man das unter Geschwistern eben sein kann. Am 19. März, zwischen 9:50 Uhr und 9:57 Uhr des darauffolgenden Jahres wurden meine Eltern geschieden. Das haben sie dann gleich mit einem Gläschen Sekt begossen. Von diesem Zeitpunkt an verbesserte sich das Verhältnis der Beiden stetig.

Seitdem ist einige Zeit vergangen. Inzwischen ist meine kleine Schwester fast 10 Jahre alt, ihr Bruder 13. Und wir haben alle viel erlebt, sind alle älter und manche auch schlauer geworden. Mein Vater und die Mutter meiner Halbschwester haben sich getrennt, als die Kleine gerade zweieinhalb war. Gesehen habe ich sie von diesem Moment an ganze vier Jahre nicht, bis ich das nicht mehr ausgehalten und ein Treffen organisiert habe.

Als ich das erste Mal mit meiner großen Schwester nach Hamburg gefahren bin, war ich so aufgeregt, dass mir richtiggehend schlecht war. Seitdem sehen wir uns mehr oder weniger regelmäßig, eben dann, wenn die Zeit und das Geld für das Zugticket reichen.

Meine große Schwester ist ausgezogen, ich auch. Meine Mutter hat sich von ihrer Freundin getrennt, mit der sie fast sieben Jahre zusammen war und nachdem sie das Projekt 'Zusammenleben' zwei Jahre versucht hatten. Mein Vater hat eine neue Freundin, diesmal ohne Kind, von beiden nicht gewollt. Eva ist seit zwei Jahren verheiratet, mit einem Mann, und isst immer noch kuriose Dinge. Ich erinnere mich mit Schrecken an Bananencurry mit Reis und Fisch und zeitgleich ein Marmeladebrot.

Meine Oma versucht meiner Mutter seit der Trennung von ihrer langjährigen Lebensabschnittsgefährtin das Leben an der Seite einer der angeblich so zahlreichen, attraktiven, erfolgreichen Männer schmackhaft zu machen. Sie wird es nicht mehr verstehen, das nimmt ihr aber auch keiner übel. Zumindest nicht wirklich. Mein Onkel und meine Tante haben den Kinderwunsch aufgegeben und spielen jetzt Golf.

Im Grunde habe ich vier Familien, drei Geschwister und potentielle Mütter im Überfluss. Ich bin froh, so eine ausgefallene Familiengeschichte zu haben, denn letztlich hat sie mich zu dem gemacht, was ich heute bin.

Ich.

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    schön!

    11.03.2008, 11:14 von ich.lese.gern
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    Willkommen im Zeitalter der Patchworkfamilien.. Spricht mich persönlich an der Text, vorallem die potentiellen Mütter im Überfluss. Wirklich ein runder Text, schön, dass er mit einem positiven Ausblick endet. Die Situation aus der Sicht eines Kindes am Anfang des Textes überzeugt mich nicht vollständig, aber ein unzuverlässiger Erzähler ist immer schwer darzustellen...

    10.03.2008, 15:21 von sitka
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    Schöner Text! :-)

    09.03.2008, 14:46 von isch
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    elixa, kiyan, gutes gemeinschaftsprojekt. elixa, interessantes drumherum bei deiner familiengeschichte... und schön eingefangen. find ich toll, auch wenn man es bei so einem trouble bestimmt schwer hat, sich selbst einzuordnen...

    09.03.2008, 12:16 von JFBine
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    Sehr schön geschrieben!
    Stimmt mich nachdenklich, obwohl in meiner Familie alles "ganz normal" läuft.
    und dein Schreibstil ist wirklich unterhaltsam :)
    Kompliment!

    08.03.2008, 17:38 von heyho
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