leileisuu 05.12.2009, 13:27 Uhr 1 2

Falsche Schuldgefühle

Ich frage mich an was man sich wohl erinnert am Ende seines Lebens. Sind es die guten oder nur die schlechten Momente?

Es gibt einen Menschen in meinem Leben, der immer für mich da war. Sie war und ist vielleicht nicht die perfekte Mutter und auch nicht die perfekte Oma, aber sie ist doch ein Teil meiner Familie. Je älter ich werde und je älter sie wird, klaffen jedoch die Generationen auseinander. Es ist nicht leicht mit anzusehen, wie von einer sehr angesehenen Dame, immer weniger übrig bleibt. Wahrscheinlich kann ich ihr Leben gar nicht nachvollziehen, denn niemand weiß, wie sie sich wirklich fühlt. Es gab eben Höhen und Tiefen in ihrem Leben, die ihr Gesicht mit Falten prägten. Je weiter die Zeit fortschreitet, desto verbitterter wird sie. Es ist eine Achterbahn der Gemürtszustände. Ein Hin und Her. Ein Up and Down. Ich glaube sie war nie wirklich fähig Liebe zu geben.

Meine Mutter litt sehr darunter und fühlt sich schon nicht mehr als Tochter, sondern als Schuldner dem alles negative vorgeworfen wird. Egal wie viel man für sie tut und Zeit opfert, es kommt kein ernstgemeintes und aufrichtiges Dankeschön über ihre Lippen. Es scheint, als hat sie die Bedeutung von Liebe vergessen. Den Opa hat sie schließlich auch nur geheiratet, weil er ein guter Mann war. Von Liebe hat sie nie gesprochen. Keine einzige romantische Geschichte konnte sie mir erzählen. Nur von den traurigen Zeiten, bekomme ich immer wieder zu hören. Wie schlimm es war, als Opa mit Anfang 30 an Kehlkopfkrebs starb und sie plötzlich ganz alleine mit einem großen, halbzerfallenen Bauernhof und einer 14-jährigen Tochter vor seinem Grab stand. Diese Tochter entsprach vielleicht auch nicht ganz ihren Vorstellungen, denn meine Mutter war frech, gewitzt und ist immer noch ein Sturkopf - genauso wie ihre Mutter. Doch meine Oma konnte all das nicht ertragen. Während die anderen Verwandten das Erbe meines Opas unter sich aufteilten und meine Mutter um ihren Anteil betrogen, war meine Oma wegen eines Nervenzusammenbruchs in der Heilanstalt. Nicht das erste mal, denn ein paar Jahre zuvor machte ihr der Tod ihrer neugeborenen Tochter zu schaffen, deren Namen ich nun trage.

Der Hof wurde verkauft und sie heiratete erneut, kurz bevor meine Mutter meinen Vater kennenlernte. Es war ein reicher, gutsituierter Mann und diesmal kein Bauer, denn meine Oma hatte sich wieder gerappelt und war schließlich eine schöne Frau. Jedoch war dieser ein Altnazi, Richter und Wohltäter der DDP, was sich bemerkbar machte als nach seiner Pension plötzlich immer mehr braune Anzüge ins Haus kamen. Während ich dann auf die Welt kam und bei meinem Vater ein Hirntumor festgestellt wurde, ging die Ehe auseinander. Es schien als würde die ganze Welt wackeln. Mein Babylächeln konnte nicht alle Sorgen vegessen lassen.

Die Scheidung lieferte eine gute Versicherung für sie ab und sie wusste wohl nicht, was sie mit all de Geld machen sollte. Oma kaufte mir zwei Pferde, als ich zwei Jahre alt war, allerdings bedachte sie dabei nicht, dass diese zwei Tiere nicht das Alter erreichen würden, in dem ich überhaupt reiten lernen könnte. Seit sie ca 40 war hatte sie wegen eines leichten Schlaganfalls nie wieder arbeiten müssen. Die Familiengeschichte wiederholte sich und auch mein Vater wurde mir im Alter von 4 Jahren vom Krebs genommen.

Meine Oma unterstützte uns finanziell, doch sie stand nicht hinter uns als meine Mutter neu heiratete. Immer wieder versuchte sie mir einzureden, was doch für ein "gescheiter" Mann mein Vater war, den sie eigentlich gar nicht leiden konnte. Ich war das Försterstöchterchen, dass plötzlich nur noch die Stieftochter eines Altenpflegers war.

Über die Jahre hin wurde sie immer verbitterter und nach einem Autounfall nahm ihre Psyche immer mehr Schaden. Ein Nachbarschaftskrieg machte das Leben auch nicht leichter und sie erlitt einen weiteren kleinen Schlaganfall. Sie hatte schon mit 40 vom sterben geredet. Doch der Schlaganfall schrängte sie nicht besonders ein. Doch ich glaube genau das widerstrebte ihr. Ihr fehlte die Aufmerksamkeit und auf jede kleine Krankheit kam wieder etwas großes. Ein rauf und runter, zwischen manisch und depressiv. Dabei geht es ihr doch eigentlich gar nicht so schlecht, wenn sie selbst noch Fensterputzen kann, in einem ordentlichen Tempo uns hinter her rennt und einholt und trotz beinah blind zu sein, wie sie vorgibt, das Kleingedruckte im Ottokatalog lesen zu können. All das macht es nur noch schwerer herauszufinden, wann es ihr wirklich schlecht geht. Und ihre Definition von Liebe?

Nun... sie rechnet uns immer wieder aufs Neue vor, wie viel Geld sie uns schon gegeben hat, inklusive der zwei Pferde! Es war uns gewiss nicht leicht gefallen, sie in ein Altenheim zu geben. Doch sie will es nicht einsehen, dass mein altes Zimmer im 2. Stock ohne Lift, keine Lösung gewesen wäre. Meine Eltern arbeiten schließlich die meiste Zeit und da sie selbst meinte, dass sie nicht mehr alleine leben kann und sie Angst hat, wussten wir uns schließlich nicht anders zu helfen.

Und wer ist der Böse? Ja mein Stiefvater. Ihr Schwiegersohn, der sie trotz allem Motzen und Jammern, wie seine eigene Mutter pflegte. Kein Wort der Dankbarkeit, nein eher der Verachtung, denn er ist ja an allem Schuld: dass sie nun im Altersheim ist, dass sie ins Krankenhaus muss, dass ihre Nerven kaputt sind, dass meine Mutter zu viel arbeitet und das alles weil mein Stiefvater an ihr Geld will. Und wieder rechnet sie. Als könnte man Liebe mit Geld aufwiegen. Die Pferde, mein Taufkleid, das Geld für den Umbau, mein erstes Auto. Egal was man tut, wie oft man sie besucht, es ist nie genug. Wir haben immer eine Schuldenlast bei ihr, die wir trotz Geduld und Aufopferung einfach nicht abbezahlen können. Wie erdrückend es doch jedes mal ist sie zu besuchen und man sich heimlich dabei ertappt, wie man wieder auf die zeiger der uhr schielt. Das einzig Positive, was ich höre ist, wenn sie über den Moment spricht, als ich damals nach der Grundschule direkt in ihre Arme gestürmt bin. Wie schön das war und eine Frau zu ihr meinte, was für eine tolle Oma sie ist.

Vielleicht war sie das auch, zumindest eine bessere Oma , als eine Mutter vielleicht. Jedoch wird die Paranoia immer schlimmer, dabei ist sie gerade mal 76 jahre alt. Selbst Ärzte wissen sich nicht mehr zu helfen und raten wieder zu einem Aufenthalt in der Psychatrie, doch meine Oma weigert sich. Verständnisvoll, denn wer will schon Weihnachten in der Heilanstalt verbringen? Doch unsere Gesellschaft will sie an Weihnachten jetzt auch nicht mehr haben, aber vielleicht sagt sie das auch nur so.

Meiner Mutter jedenfalls, wird jeder Besuch immer schwerer, denn sie hört immer nur negative und verletzende Worte. Auch mir fällt es nicht nicht mehr leicht, Verständnis und Mitgefühl für diese Frau zu empfinden. Es ist traurig mitzuerleben, wie gefühllos und teilnahmslos, sie vom Leben und unserer Familie spricht. Dann erzählt sie auch noch wie schlecht wir sie behandeln, obwohl sie uns ja schon so viel (Geld) gegeben hat. Sie gibt un das Gefühl, alles falsch gemacht zu haben. Es scheint als wäre alles Gute aus der Welt verschwunden und auch die Erinnerung an diesen einen Schultag, als sie mich abholte... verblasst.

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Kommentare

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    okay, ich will nicht dazwischen stehen. so eine familienangelegenheit ist mies und traurig. aber gut geschrieben. nicht langweilig

    07.02.2010, 14:26 von Glen
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