eyesclosed 21.07.2010, 21:44 Uhr 2 2

Extrem unfreiwillig, das Ganze.

Ich will eigentlich nur noch nach Hause.

Aber das war schon nach zwei Wochen in Brüssel so. Brüssel, die kleine große europäische Haupstadt. Ich kam vom Flachland ganz im Norden Deutschlands. Ich war die Elbe gewohnt und Deiche und Bauernhöfe und kilometerweit Rapsfelder. Jetzt wohnte ich in einem lilafarbenen Zimmer mit Kaminattrappe im zweiten Stock eines Altbaus ganz in der Nähe der Europäischen Kommission. Das fand ich zuerst auch spannend, freute mich auf gute Nachbarschaft mit den anderen Praktikanten und Studenten im Haus und ich freute mich auf das Stadtleben. Endlich nicht mehr bis ins kleinste Detail planen, wie man nach der Party nach Hause kommen könnte, wer einen mitnehmen oder wo man schlafen würde. Hier konnte man einfach die Metro oder den Nachtbus nehmen und gut ist. Party bis zum Morgengrauen.
Und ich war stolz, einen anderen Schritt gemacht zu haben als die Leute aus meinem Abijahrgang. Während die Jungs zum Bund gingen oder als Zivi in Krankenhaus, Kindergarten oder Jugendherberge arbeiteten und die Mädchen sofort anfingen zu studieren, gönnte ich mir ein Jahr der besonderen Erfahrungen: Für ein Jahr würde ich in Brüssel einen Europäischen Freiwilligendienst absolvieren und dafür in der Hauptzentrale der Pfadfinder arbeiten. Und im Gegensatz zu einigen Mädchen, die in Cliquen nach Australien schwirrten, würde ich hier alleine sein. Und Französisch sprechen, eine Sprache, die mir trotz fünf Jahren Unterricht völlig fremd blieb. Im Grund saß ich zuletzt nur noch als Deko in der Stunde, obwohl ich zugeben muss, dass meine Texte unter Verwendung von Wörterbüchern und lediglich drei Zeiten doch immer zu einem „Befriedigend“ gereicht haben.
Als ich allerdings hier ankam, konnte ich meinem Vermieter nicht einmal erklären, dass mein Wasserhahn Fluten in meinem Zimmer produzierte und er das doch bitte reparieren möge. Hat er verstanden. Hat er aber nicht gemacht. Das zusammengebrochene Bett, die kaputte Heizung und der Wasserhahn trugen nicht gerade dazu bei, dass ich mich wohl fühlte. Ich teilte mir mit drei Leuten Badezimmer und Toilette, im Treppenhaus sagten wir uns allerdings höchstens „Bonjour“. Als ich mich bei einer neu eingezogenen Nachbarin vorstellte und Tee mitbrachte, wurde ich geistesabwesend angesehen und noch nie habe ich in einem solchen Affenzahn meinen Tee hinuntergestürzt, um von dieser wortkargen, wenn man es überhaupt so nennen kann, Konversation wegzukommen. Danach hab ich es nie wieder versucht.

Die Arbeit hingegen war etwas, was mir gefiel. Nach dem Endspurt Abi waren meine Aufgaben dort eine gelungene Abwechslung: Laminieren, Pakete packen, Hefte einsortieren, zwischendurch auch ein wenig übersetzen, kopieren, einkaufen, etc. Meine Chefin hielt es für wichtiger, dass ich das Land entdecke und etwas unternehme während meines Belgienaufenthaltes und so hatte ich Arbeitszeiten von fünf Stunden plus einer dreiviertel Stunde Mittagspause.

Nur war ich auf der Arbeit auch allein. Mein Französisch quasi nicht vorhanden, wie schon gesagt, und im Job war niemand auch nur annähernd in meinem Alter. Ich meldete mich schnell bei einem Pfadfinderstamm an, denn das ist ja das, was Pfadfinderei so genial macht: Es gibt sie überall auf der Welt und überall bist du stets willkommen. Ich will nicht sagen, dass es uninteressant war, oh nein. Aber die Gruppe steckte in ernsten Schwierigkeiten, von denen ich keine Details kannte – ich war der Sprache ja nicht einmal mächtig – und man gab mir zu spüren, dass ich da eher nur eine weitere Last war. Damit war dann die Pfadfindersache auch abgehakt.

In den ersten zwei Monaten fühlte ich mich hundsmiserabel. Alleingelassen von der Welt und ziemlich verlassen in der großen kleinen Stadt Brüssel. Wie spannend könnte es doch sein, wenn da jemand mit mir die Stadt entdecken würde und sich ins Abenteuer stürzte. Ich ging trotzdem vor die Tür, sah mir die Grand' Place an, probierte echt belgische Fritten und Waffeln und besuchte das Manneken Pis auf seinem Sockel. Meine Erzählungen trafen zu Hause auf taube Ohren. Niemand konnte nachvollziehen, was ich hier erlebte.

Mit dem ersten Seminar änderten sich dann die Bedingungen. Ich freundete mich mit drei Mädchen an, die Freiwilligendienste in anderen belgischen Städten absolvierten. Wir waren eine lustige Runde, verabredeten uns zu Städtereisen, feierten Weihnachten und Silvester und unsere Geburtstage gemeinsam, veranstalteten Joghurtpartys und übernachteten beieinander. Natürlich war Brüssel erlebnistechnisch auf der Liste ganz oben, auch diese Stadt schläft nie. Und zu dieser Zeit bekam mein Vermieter den Namen „Stasignom“. Es war strictement verboten, Besuch zu empfangen bzw. ihn bei sich schlafen zu lassen. Da kannte er keinen Spaß und ich keine Regeln. Das sollte mein Jahr werden und meine Freunde würden ganz bestimmt nicht pro Nacht in der Jugendherberge 15 Euro hinblättern! Ich setzte mich über seine Regeln hinweg – er schmiss mich raus.

Für meine Chefin eine unhaltbare Situation, aber ich war schon mit der Wohnungssuche beschäftigt. Ich sagte dem Stasignom adé und zog auf Brüssels Kiez in ein Stundentenwohnheim. Hier teilte ich mir nicht nur Klo und Dusche, sondern auch zwei Gemeinschaftsküchen, wo Gespräche entstehen könnten und man gemeinsam etwas unternehmen könnte. Hier konnte ich auch Freunde unterbringen. Allerdings – welche Freunde? Zu Weihnachten verschickte ich kleine Pakete und Grußkarten, nicht ein einziges Dankeschön kam zurück. Zwei Pinnwandeinträge im StudiVZ und sonst nichts. Ich gehörte trotz langer, persönlicher Briefe und E-Mails anscheinend nicht mehr zum Freundeskreis. Das traf mich hart. Meine beste Freundin aus der Schulzeit hatte sich zu meinem Geburtstag im November abgemeldet und seitdem nie wieder ein Wörtchen hören lassen. Ich weiß nicht, wie es ihr geht. Ich weiß nicht, was sie macht. Ich hätte nie gedacht, dass mir das passiert. Wie naiv ich war. Meine Freiwilligen-Freundinnen brachen ihre Projekte aufgrund schlechter Wohn- und Arbeitssituationen ab, fingen Stellen als Au Pair an bzw. verließen das Land und suchten sich in Deutschland Arbeit.

Auch meine Arbeit begann zu nerven. Ich wollte nicht immer das Mädchen für alles sein und auf der Stelle treten. Ich wollte Fortschritte machen, etwas lernen. So äußerte ich das auch und durfte sogar einige Male Flyer herstellen, layouten. Durfte mich mit Druckereien in Verbindung setzen und Bestellungen beantworten. Trotzdem war mir das nicht genug.

Jetzt habe ich noch drei Wochen in diesem Land. Ich bin die einzige Freiwillige, die noch hier ist. Selbst diejenigen, die dieses Land lieber gewonnen haben, als ich, sind schon wieder zu Hause. Meine Lieblingskollgen und -mitbewohner fliegen in den Urlaub. Und schon wieder bin ich hier allein.

Trotzdem möchte ich diese Erfahrungen nicht missen. Sie waren extrem in jeder Hinsicht. Miese Zeiten waren extrem mies: Das plötzliche Alleinsein, die Zeit beim Stasignom, das Fremdsein auf der Arbeit, Französisch, die idiotischen Aufgaben, der Rausschmiss aus der ersten Wohnung, die Absagen der WGs (wir wollen Leute, die länger bleiben), der Abschied von meinen liebgewonnenen Freundinnen. Und gute Zeiten waren besonders gut: Weihnachten mal anders, das Erfolgsgefühl, wenn man es geschafft hat, ein Jahresabo für die Öffentlichen zu kaufen – auf französisch!, die Partys, die Geburtstage, die Städtetrips, Couchsurfen, auf dem Bahnhof schlafen, tolle Begegnungen mit Menschen, das Schokoladenfest, Silvester in der Hauptstadt, …

Vielleicht war ein Jahr doch zu hart. Ein Jahr habe ich jetzt meine Familie nicht gesehen. Mein Bruder vermisst mich nicht, hat er mir gesagt. Er genießt das EInzelkinddasein. Meine Mama hätte mich gerne wieder als Ratgeber und Vermittler zu ihrem Sohn. Und zum Kaffeetrinken auf der Terrasse. Die Beziehung zu meinem Vater hat eine 180° Wendung gemacht. Ich bin wohl erwachsener geworden.

Und auch, wenn keiner meiner Freunde mehr auf mich wartet, ist das einzige, was ich nach einem Jahr noch freiwillig tun werde: Nach Hause fahren. Endlich.

2

Diesen Text mochten auch

2 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    Wenn man bedenkt, wie viele Kompromisse das Cliquen- und Freundschaftswesen uns abverlangt, sollte man Deinen Text an Schulen verteilen. Kein Jahr weg, schon wartet niemand mehr. Da haben Freaks, die einsam an ihren Meisterwerken arbeiten, am Ende wohl entschieden mehr vom Leben.

    25.07.2010, 00:49 von chSchlesinger
    • Kommentar schreiben
  • 0

    weißte, was ich am tollsten find. is auch das einzige, was im kopf geblieben is, dafür für länger. das du mit ner kanne tee deine nachbarin begrüßen wolltest. auch wenns ncih geklappt hat. ick finds toll :) sehr sogar.

    21.07.2010, 22:01 von Icke_un_du_ooch
    • Kommentar schreiben

Das Magazin

Die nächste Ausgabe:
14. Mai 2012

NEON-Apps für iOS und Android

Neueste Artikel-Kommentare