"Er ist gestorben."
Seit ein paar Tagen habe ich ein komisches Gefühl in der Magengegend. Eins, das mich nicht in Ruhe gelassen hat und nun einem Anderen weichen musste.
Ich machte mir irrsinniger Weise darüber Gedanken, was passieren würde, wenn Freunde von mir auf einmal sterben würden - wenn sie einfach von Heute auf Morgen nicht mehr existieren.
Wenn ich ihnen nicht mehr sagen kann, dass ich sie gern habe, dass sie mir was bedeuten oder dass es mir leid tut, was ich gesagt oder getan habe.
Heute weiß ich, wieso ich dieses Gefühl hatte.
Die Neffin (heißt das so?) eines Exfreundes von mir, schrieb mich heute im ICQ an.
Sie fragte, ob sie mal mit mir reden könne, ob wir uns mal treffen oder zur Not auch telefonieren können. Ihr Ton war ernst, ich fragte mich schon, ob ich etwas angestellt hatte. Nein, das hatte ich nicht - wenn es denn so einfach wäre.
Mein Telefon klingelte, ich ging dran. Eine männliche Stimme, die ich nicht eindeutig zuordnen konnte, begrüßte mich und kam gleich zur Sache.
„Da du ja sowieso zu uns gehört hast, haben wir beschlossen, es dir zu sagen… dich geht es schließlich auch etwas an. Georg ist letzte Woche gestorben.“
Der Rest des Gesagten ging ziemlich unter in meinem Kopf. Dort brach gerade ein Inferno an Gedanken aus.
„Soll ich dich mal weitergeben?“
„Ja, bitte…“
Mein Gehirn fing wieder an zu arbeiten. Ich tigerte durch die Wohnung während des Gespräches wie eine ungeduldige Raubkatze. In die Küche, vor den Kühlschrank. Ins Bad und auf den Balkon. Wieder in die Küche. Ins Schlafzimmer. Immer und immer wieder.
Ich hatte nun die Neffin am Apparat und sie erzählte mir, glaube ich, genau das Gleiche nochmal.
Ich verstand nur Wortfetzen.
„Ausgrabung… Russland… Ader im Bauch geplatzt… innerhalb von Sekunden innerlich verblutet… Notärzte waren zu spät… nichts mehr zu machen… Dienstag Beerdigung. Würden uns freuen, wenn du auch kämest.“
Schluck. Um nicht umzukippen vor Schock marschiere ich weiter durch die Wohnung.
„Natürlich komme ich auch. Wenn ich helfen kann oder so…“
„Ja, ich melde mich nochmal.“
„Drück alle ganz lieb von mir, ja? Es tut mir wirklich leid… bis Dienstag.“
Peng.
Georg war mein Exfreund. Ein Jahr lang waren wir nicht voneinander loszudenken. Wir haben zusammen gewohnt. Ich hab ihn rausgeschmissen.
Was er damals gesagt und getan hat, habe ich ihm nie so wirklich verziehen, auch wenn ich ihm sehr nachgetrauert habe.
Dennoch. Das hatte er nicht verdient. Niemand verdient das.
Ja, ich hätte endlich „es tut mir leid“ sagen sollen.
Es tut mir leid, dass wir kaum noch Kontakt hatten, nachdem das mit uns aus war. Es tut mir leid, dass ich eifersüchtig war, dass du so schnell Ersatz für mich gefunden hattest. Es tut mir leid, dass ich mich wie ein Kind benommen habe.
In Wirklichkeit war ich einfach nur verletzt und fühlte mich betrogen. Beziehungen gehen selten schön auseinander. Dass du, jetzt knapp 2 Jahre später, nicht mehr bist, macht mich traurig.
Du warst jung, hattest dein Leben noch vor dir. Du warst Musiker mit Leib und Seele.
Oft hast du mich mit den Klängen deiner Gitarre geweckt, weil du wusstest, dass ich das so gerne mag. Die Erinnerung daran zaubert mir ein Lächeln aufs Gesicht.
Du warst ein Mensch, der seine Träume gelebt hat. Wieso sonst hättest du Ur- und Frühgeschichte und Anglismus studiert?
Wir haben viel gemeinsam unternommen. Wir waren auf Wacken gewesen, du hast mich aus den Menschenmengen rausgezerrt, als es um uns herum zu ruppig wurde, damit ich mir nicht wehtue oder in einen Moshpit gerate, sind ins Dorf zum Edeka gelaufen, um auf der Hälfte des Rückwegs nochmal umzudrehen, weil uns die Getränke ausgegangen sind.
Eines Abends habe ich dagesessen und alle deine Haare, die wirklich nicht wenige waren, zu Rastas geflochten. Ich glaube, wir haben Stunden gebraucht.
Im Garten deiner Eltern haben wir Himbeeren gepflückt – die Hälfte dabei ist in unserem Mund gelandet. Auch Zucchini habe ich nie in meinem Leben mehr gegessen als mit dir.
Die Stunden im Proberaum waren immer schön gewesen – ich habe es immer bedauert, dass ich nicht halb so musikalisch bin, wie ich es gerne wäre. Aber du hast immer lachend drüber weggesehen, wenn ich mit all meinem Nicht-Talent mitgemischt hatte.
Eine der prägnantesten Erinnerungen, die ich an dich habe hängt mit insgesamt 24 Pfoten zusammen – die Katzen. Trixi, Sina, Maja… und natürlich die Babyschar, mit denen wir gespielt und gelacht haben. Jacky ist noch immer bei mir. Wir haben ihn zusammen großgezogen – er ist eine laufende Erinnerung an Dich und unsere Zeit.
Es sind schöne Erinnerungen.
Erinnerungen, die ich in meinem Herzen mit mir tragen werde.
I'll keep you in my mind.
You're gone now, but not forgotten.
R.I.P. G.S.



Kommentare
Bin gerade zufällig auf deinen Text gestoßen...und er hat mich unglaublich berührt...vor allem als ich las um wen es sich dreht...auch ich kannte Georg...
26.12.2010, 17:05 von NelaNimmersattEs ist so schwer die Gefühle in Worte zu fassen , wenn Menschen gehen und man nicht darauf gefasst ist, sich nicht verabschieden oder entschuldigen kann.
Es geht mir heute noch nicht in den Kopf...
Fühl dich gedrückt von mir.
Liebe Grüße,
Natalie
@NelaNimmersatt Ich danke dir.
28.12.2010, 12:21 von Un-SchuldLiebe Grüße,
Nicole
Manchmal endet das Leben schneller und überraschender, als einem lieb ist.
15.07.2010, 18:42 von BrokenPigeUnd dann wird einem die Vergänglichkeit bewusst. Kein schönes Gefühl.
Es ist auch nicht schön, wenn man meint, dass gewisse Dinge noch nicht gesagt wurden, versuche sie trotzdem gerade jetzt auszusprechen.
@BrokenPige Danke fuer deine lieben Worte. Sie helfen mir wirklich.
16.07.2010, 00:30 von Un-Schuld"Wenn ich ihnen nicht mehr sagen kann, dass ich sie gern habe,..."
15.07.2010, 18:14 von Jackie_GreyEine traurige Geschichte, die nachdenklich macht.
Wir sollten einfach grundsätzlich umsichtiger und versöhnlicher miteinander umgehen und uns auch zu Lebzeiten öfter mal sagen, dass wir uns gern haben.
Unsere Leben sind sehr fragil; man verdrängt das nur.
@Jackie_Grey Bei ihm kann ich's leider nicht mehr... das Telefonat ist keine 2 Stunden her, ich sitze auf meinem Hosenboden und kann meinen Namen kaum buchstabieren.
15.07.2010, 18:23 von Un-SchuldWie eine Freundin von mir sagte:
Es zeigt einem jedes Mail die Endlichkeit auf.
@Un-Schuld Du Arme. Das ist heftig. Wusste nicht, dass das wirklich erst heute passiert ist und du das bei Neon umgehend niederschreibst.
15.07.2010, 18:35 von Jackie_GreyMein Mitgefühl unbekannterweise (online...)
Jedem von uns kann jederzeit so etwas passieren. So traurig und geschockt du dich jetzt auch fühlst, ich denke es war kein Versäumnis, ihm das alles nicht mehr gesagt zu haben. Vielleicht hat er es auch ohne Worte spüren können.
Mach dir keine Vorwürfe - lerne daraus.
Alles Liebe
J.
@Jackie_Grey Durch das Schreiben kann ich das alles ueberhaupt greifen, scheint mir. Fuehle mich einfach nur leer und irgendwie alt.
15.07.2010, 18:38 von Un-SchuldAber ich danke dir fuer deine Worte!
Tut echt gut.
Werde den PC jetzt auch erstmal PC sein lassen und mich ablenken.