Patrick_Bauer 30.11.-0001, 00:00 Uhr 13 0

Elterngeheimnisse

Eltern, das liegt in der Natur der Familie, kennen uns am längsten, also auch am besten. Und wir kennen Mama und Papa – oder?

Als ich unlängst bei meinen Eltern zu Besuch war, blätterte ich entgegen meiner Gewohnheiten in einem Fotoalbum. Das war etwas verstaubt, lange hatte niemand mehr hinein geschaut, es war gar so alt, dass die zuletzt eingeklebten Bilder noch vor meiner Geburt entstanden waren. Auf einer dieser vergilbten Aufnahmen war meine Mutter zu sehen. Meine Mutter? Nein, ein Mädchen, etwa in meinem Alter, mit einer feschen Kurzhaarfrisur, das sich etwas ungestüm auf ein Motorrad schwingt. Kurzhaarfrisur? Motorrad? Und wer ist dieser zottelige Kiffer, der sie dabei anlacht? Mein Vater ist es jedenfalls nicht. Es war ein merkwürdiger Moment, denn zu oft vergisst man doch in seiner Rolle als Kind, dass die Eltern nicht nur eine Persönlichkeit über das Elternsein hinaus haben, sondern außerdem ein Leben vor dem Nachwuchs hatten. Vor uns, vor dir, vor mir. „So kenne ich dich gar nicht“, rief ich hinüber zu meiner Mutter, die am Schreibtisch saß. „Sei froh“, murmelte sie. Doch am selben Abend fragte ich sie über die Zeit vor mir aus, über Details, von denen ich nichts wusste, obwohl wir, nun ja, schon einige Zeit miteinander verbracht haben. Ich hörte von gescheiterten Beziehungen, von großen Träumen und herben Enttäuschungen. Das war toll. Es war, als lerne man jemanden kennen, den man eigentlich in- und auswendig zu kennen meint.

Für den Artikel „Die Geheimnisse der Eltern“, zu lesen in der neuen NEON-Ausgabe, habe ich Menschen getroffen, die von ihren Eltern ebenfalls überrascht wurden. Allerdings auf eine weniger wünschenswerte Art und Weise. Da gibt es das Geschwisterpaar, das plötzlich erfährt, dass es einen Halbbruder hat. Seit über zwanzig Jahren. Oder Hanno, der damit konfrontiert wird, dass sein Vater für die Stasi gearbeitet hat. Alexandra erzählt, wie ihr Vater eines schönen Abends gesteht, dass er schwul ist. Und wie sich ihr Verhältnis zu ihm dadurch verändert hat. Ganz anders als gedacht, stellte sich auf einmal auch Anitas Familiensituation dar. Beim Stöbern durch das elterliche Haus beschleicht sie ein Verdacht: Wurde sie einst adoptiert?

Dies sind Fälle, die mit meiner eingangs erwähnten, harmlosen Entdeckung natürlich nicht vergleichbar sind, die aber dieselbe Frage aufwerfen: Wie gut kennen wir unsere Eltern? Die, so sagen mir zwei Familientherapeuten im Interview, blieben genau genommen ohnehin stets fremde Menschen. Damit müsse man sich abfinden. Und das stimmt wohl, schließlich beginnt so unser eigenständiges Leben auf diesem Planeten: Mit der Trennung vom Mutterleib. Wir sind nicht mehr eins, wir bekommen einen eigenen Charakter, aber den haben unsere Eltern ebenso.

Nur: Wie ehrlich müssen Mütter und Väter sein. Ich würde intuitiv sagen: Wenn die Kinder direkt betroffen sind, darf es keine Geheimnisse geben. Oder ist es gar manchmal für alle Beteiligten gesünder, wenn nicht alles bekannt ist? Habt ihr selber den Verdacht, dass in eurer Familie etwas verborgen liegt, oder seid ihr sogar schon einmal auf ein Elterngeheimnis gestoßen? Wie ist es danach weiter gegangen? In der Printausgabe sagen die Familientherapeuten: Ein Geheimnis, das entdeckt wird, kann auch eine Chance sein. Aber geht das, sich nach dem Vertrauensverlust wieder auf die Eltern einlassen?

13 Antworten

Kommentare

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    Ich denke, meine Eltern haben mir nur dann etwas wichtiges nicht gesagt um mich zu beschüzten. Und es ist eigendlich auch ganz klar, dass Eltern Geheimnisse haben, wie jeder Mensch. Aber dennoch ist es komisch, wenn man ein Gheimnis erfährt. Zum Glück, íst es bei mir immer so gewesen, dass es danach besser geworden ist. Und ich bin meinen ELtern auch dankbar, dass sie mich durch das verschweigen von mnachen dihgen geschützt haben

    27.11.2006, 14:12 von marli
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    ich bin, wie auch einige andere,der meinung, dass man nicht alles von seinen eltern wissen muß. aber es ist natürlich auch mal interessant, den menschen HINTER der elternfigur zu sehen. dazu hätt ich auch gern mal die möglichkeit. leider reden meine eltern nicht gerne über ihre jugend bzw. die zeit vor mir. außer sie wollen mich belehren und mir so aufzeigen, wie toll sie doch waren und wie gut sie alles gemacht haben. das find ich nicht so toll. denn ich denke auch sie haben "fehler" gemacht.vor ein paar jahren, hab ich dann etwas über meine oma erfahren, dass mich sehr erschüttert hat. aber nicht das verhältnis zu ihr geändert hat. wobei das wahrscheinlich eine natürliche reaktion auf diese nachricht gewesen wäre.ich hätte mir diese ehrlichkeit von meinem vater schon ein paar jahre eher gewünscht als mit 19.denn so wurde ich sehr lange angelogen.aber das ist nun auch vergessen. und das leben geht normal weiter.
    ansonsten darf jeder mensch geheimnisse haben. und so natürlich auch die eltern.weil ich hab auch geheimnisse.... :) ....logisch oder.....?!

    14.11.2006, 15:47 von cookie20
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    Ich habe auch mit 17 erfahren, dass ich noch eine Halbschwester habe. Eine Tochter, die mein Vater noch vor der Zeit mit meiner Mutter hatte. Ich habe sehr guten Kontakt zu ihr, aber in unserer Familie ist sie immernoch ein Tabuthema, denn meine Mutter denkt, sie könnte etwas zerstören, dabei ist es sie, die das Mutter-Tochter-Verhätlnis mit ihrem Verhalten zerstört, da sie nicht darüber redet, was wirklich ihr Problem ist. Und die Mutter meiner Halbschwester und unser Vater machen immer noch ein Theater daraus, was der wirkliche Grund dafür ist, warum sie sich getrennt haben. Also alles in allem hätte ich es bessser gefunden, wenn mir das meine Eltner eher gesagt hätten - für mich ist damals das Bild einer heilen Familie zerbrochen...aber wie gesagt, die Freundschaft mit meiner Halbschwester möchte ich nicht missen. Aber ich denke auch, dass auch Eltern ihre geheimnisse und Erfahrungen haben können, aber gerade was ihre Kinder betrifft, sollten sie die Karten auf den Tisch legen.

    08.11.2006, 17:05 von winsar
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    Für mich war der frühe Tod meiner Mutter immer ein Rätsel. Einer meiner älteren Brüder hatte vor mehreren Jahren einen Hinweis fallen lassen. Auf Nachfragen wurde nicht geantwortet. Vor ca. 3 Jahren habe ich dann endlich erfahren, daß dem Drama eine lange Geschichte vorausging. Mißgunst von Freunden, Sticheleien und die Unfähigkeit über Probleme zu reden und das gesellschaftliche Ansehen. Es waren Umstände die mit der damaligen Zeit zu tun hatten. Für mich war es aber kein Geheimnis das ich entdeckte. Eher eine Art Puzzle zu dem ich endlich das letzte Stück gefunden hatte. Mein Vater ist nachwievor noch mein Vater. Für mich hat sich dadurch nichts verändert.

    01.11.2006, 18:32 von Eighty
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    habe den Text schon bei dem anderen Beitrag von Patrick gepostet, aber hier passt er ja genauso gut hin... ;))

    dieser Text hat mich sehr bewegt, da meine Eltern auch ein Geheimnis haben/ hatten. mit 18 Jahren habe ich erfahren, dass ich eigentlich einen Bruder gehabt hätte. und genau den habe ich mir mein ganzes Leben lang gewünscht... es war auch immer sehr verwunderlich, wie meine Eltern reagierten, wenn ich sie wieder löcherte, warum ich denn Einzelkind sei. Ich habe gemerkt, dass da irgendetwas faul ist.

    wie gesagt, als ich 18 war, erzählte mir mein Dad die Wahrheit (meine Eltern ließen sich zu diesem Zeitpunkt scheiden). Mein Bruder wäre 2 Jahre älter als ich gewesen (so wie ich es mir immer gewünscht habe), ist allerdings als Frühchen zur Welt gekommen und mit 10 Tagen gestorben. wenn ich an ihn denke, muss ich weinen. obwohl ich ihn nie kennengelernt habe, fehlt er mir sehr.

    meine Mutter hat mir bis heute nichts von ihm erzählt. es ist nicht schön, so belogen zu werden bzw so eine wichtige Sache zu verschweigen. natürlich dürfen auch Eltern Geheimnisse haben, aber bei so etwas hat auch das Kind Anspruch auf Wahrheit. oder nicht?

    Zum Glück hat mein Dad neu geheiratet und jetzt habe ich endlich meinen lang ersehnten Bruder, der sogar genau so alt ist wie ich. wir verstehen uns blendend, und das ist auch gut so ;))

    trotzdem frage ich mich natürlich, wie mein "echter" Bruder so gewesen wäre, wie er ausgesehen hätte.. ob wir uns gut verstanden hätten... tja, ich werde es nie erfahren. schade!

    25.10.2006, 17:23 von topenga
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    Eltern kennen zwar ihre Kinder am längsten, darum aber nicht automatisch am besten. Denk ich.
    Zum großen Familiengeheimnis:
    Wenn schon "Irgendwas" aufgedeckt wird, dann sollte auch Rückhaltlos die Wahrheit gesagt werden. Es macht mehr kaputt, nur aus dem Zusammenhang gerissene Details bekannt zu geben.
    Als ich ungefähr 14 war, erzählte mir meine Mutter ("ich will nicht, daß du es von anderen erfährst"), daß sie von meinem ersten bis zu meinem vierten Lebensjahr im Gefängnis war. Aber, sie könne nicht wirklich etwas dafür, denn sie wurde eine Opfer der Gesellschaft (DDR). Ich hab ihr geglaubt und ihr viel mehr verziehen, als ich es anderenfalls vielleicht getan hätte, weil ich dachte die "Umstände" hätten ihr Übriges getan.
    Zehn Jahre später habe ich die Wahrheit erfahren. Nicht von ihr und nicht zu ihren Gunsten. Und ich hab meine Schlüsse gezogen... .
    Dabei hätte sie mir nur gleich die Wahrheit sagen sollen, denn sie ist meine Mutter und nichts hätte meine Liebe zerstören können, selbst ihre Taten nicht. So hat sie es selbst getan. Aus dem Irrtum heraus, eine Lüge wäre besser für mich.

    24.10.2006, 23:33 von azrael
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    Ich denke, gerade wenn man nicht bewußt hinterfragt und schaut, warum sind meine Eltern so wie sie sind, warum haben sie diese, jene Entscheidungen unter welchen Bedingungen getroffen, sich mit bestimmten Konstellationen vielleicht schwer getan - ist die Neigung nicht unerheblich groß, viel von ihnen, was als Kleinkind unwillkürlich und gezwungener Maßen adaptiert wurde, dem auch weit später nachzugehen, es nachzumachen und auch in die gleichen Fallen zu tappen. Ich habe einige aus Bekannten- und Freundeskreis beobachtet, deren Eltern ich kenne und es gibt in der Lebensweise und in Charakterzügen deutliche Parallelen, vorallem mehr, als sich manche von ihnen (als vollkommen „selbständige und losgelöste“ Individuen) eingestehen wollen. Manche Dinge meiner eigenen Art und Weise, sind mir im Rückblick um einiges klarer, und ich hätte weiter „instinktiv“ diese und jene Tür aufgemacht, wage Vermutungen anstellen können darüber, wenn ich nicht nachdrücklich, auf zum Teil unbequeme Bekenntnisse und schmerzhaft erinnerte Details in meiner Verwandtschaft gepocht hätte. Es erklärt natürlich nicht alles, aber man sieht das eigene tun, zunehmens in einem Licht, dass es gestattet, mehr Entscheidungsfreiheit aus seiner Haut und seinem „Programm“ in das man gesteckt wurde zu ziehen.

    Es ist offenbar oft falsche Arroganz, die sich sagt, „ Ach meine Eltern, was haben die mit meinem Heute zu tun, ich mach das so, oder ganz anders…“ Gerade die sind weit davon entfernt, bewusst und reflektiert tatsächlich abzustreifen, was ihnen an den Eltern schon nicht gefallen haben könnte.

    24.10.2006, 19:57 von schauby
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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    muss ich von meinen eltern dinge wissen, die mit ihrer eigenschaft als meine eltern nichts zu tun haben?

    naja, beispielsweise, ob sie gerne in swingerclubds gehen? muss ich nicht.

    kinder machen oft den fehler zu glauben, sie würden ihre elgern in und auswendig kennen. ich kann euch versichern. dem ist nicht so.

    meine mutter hat mich erst mit 35 bekommen. was in der zeit vorher war, nur spekulationen.

    aber dass sie mir mal gestanden hat, dass sie damals als der ami kam (nach dem 2. weltkrieg) mit denen auch mal geraucht hat. *staun*
    meine mutter war eine richtige schönheit. was die wohl alles vor ihrer heirat mit 25 so gemacht hat?

    24.10.2006, 14:27 von RedSonja
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    In meinem Fall kann ich nur sagen, dass ich einiges lieber nicht gewußt hätte und froh gewesen wäre, wenn sie ein Geheimnis draus gemacht hätten.

    Eltern und Kinder sollten je ihre Geheimnisse haben und sie auch hüten.

    24.10.2006, 12:39 von the_actress
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