Fantine 08.03.2007, 22:45 Uhr 16 10

Elternbesuch

Ich stehe auf dem Balkon und betrachte die verfaulten Bretter, die in der Ecke liegen – vom Vormieter oder dem davor, ich weiß es nicht.

Jetzt sind das aber mein Balkon, meine Ecke und meine verfaulten Bretter. Bedeutet das, ich hätte sie besser wegschmeißen sollen? Zusammen mit dem Taubendreck und den Spinnenweben sieht der Balkon wirklich nicht sehr einladend aus. Jaja, bisher war auch Winter, wer geht da schon auf den Balkon. Und wenn sie jetzt denken, ich bin eben unfähig, hier sauberzumachen und einen gemütlichen Platz daraus zu machen? Quatsch, sie kennen mich. Und der Rest der Wohnung ist echt ansehnlich geworden. Nagut, die Küche habe ich gestern noch gestrichen und das Schloss im Bad ist auch neu. Sogar mein Mitbewohner hat sich angeboten, zu putzen.

Also, stopp mal. So sind meine Eltern nun echt nicht. Ihr eigenes Haus sieht wirklich zehnmal schlimmer aus als meine Wohnung und mein Vater hat bestimmt noch nie einen Schrank selber zusammengebaut. Meinen Eltern war es niemals wichtig, dass in ihrem Schlafzimmer ein einzelne-Socken-Berg in den Ausmaßen eines Kleinwagens lebte; und warum meine Mutter es niemals schaffte, die Suppenkelle, die sie irgendwann mal (wieso eigentlich?) an einen Ast im Garten gehängt hatte, wieder mit ins Haus zu nehmen, habe ich auch nie verstanden.

Da soll ich mir einen Kopf machen wegen ein paar Krümeln neben dem Toaster? Dann schon eher wegen der Benotung in meinem Nebenfach … ich bin noch nicht dazu gekommen, mit meiner Dozentin zu sprechen, ich weiß nur: Diese Note habe ich bestimmt nicht verdient, dafür dass ich jedes einzelne Mal in jeder Vorlesung und jedem Seminar war, jede Woche ein Blatt Papier abgegeben und diesen verfluchten Essay geschrieben habe. Jaja, meiner Mutter waren Noten auch nie wichtig. Sie liebt mich trotzdem, ich weiß. Aber natürlich ist es schöner, vorweisen zu können, wofür man die monatlichen Überweisungen so verbraucht.

Meinem Vater sind Noten schon eher wichtig. Auf der einen Seite. Auf der anderen aber freut er sich noch mehr, zu sehen, dass seine Töchter ein wildes Studentenleben führen. Seine Augen strahlen, wenn man von der letzten heißen Party erzählt und von „Hanne, die dann mit Tina ausgemacht hat, dass sie jetzt noch zu Flo gehen, weil Achim das so wollte“. Und als dann alle da waren, ich natürlich auch, wurde erstmal die fünfte Flasche Wein aufgemacht. Hm, ich war einmal im Theater und ins Kino gehe ich auch ab und zu. Einmal war ich auch frühstücken mit einer aus dem Sprachenzentrum. Ja, verdammt, es stimmt: Ich bin nun mal kein Typ, der ständig auf Partys geht und tausend Bekannte hat. (Mein Vater übrigens auch nicht. Deshalb fände er es toll, wenn ich so wäre.)

Nur zwei kurze Tage später stehen wir alle vor meiner Haustür. Mehr Zeit ist nicht drin, meine Eltern sind vielbeschäftigt. Aber herkommen, das wollten sie trotzdem. 700 km durch Deutschland, um zu sehen, dass ihre Tochter mittlerweile sogar Kekse backen kann. Und sich mit ihr zu freuen, dass das Nachhilfekind endlich mal eine zwei geschrieben hat. Und natürlich ist es schön, sich mal andere Viertel zeigen zu lassen, als das ewig gleiche Touristenghetto.
Mein Vater sagt beim Abschied „Ich finde es richtig super, wie du das alles anpackst!“ und meine Mutter sagt „Ja, ich auch!“ mit einer Stimme, als es ihr unerklärlich, wie jemand daran zweifeln könnte. Hatte ich durch die Entfernung etwa vergessen, wie meine Eltern wirklich sind? Ach ja, es fällt mir wie Schuppen von den Augen: Ich sollte nur glücklich werden. Das war es.

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16 Antworten

Kommentare

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    Als hätte ich den Text geschrieben. Sehr ähnliche Gedanken habe ich kurz bevor sie kommen;)

    27.08.2007, 13:23 von Waterloo
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    grins, meine eltern sind grade zu besuch, die küche sieht aus wie sau und das bad auch. sie wollten mir eigentlich mein fahrrad bringen, aber es passte nicht rein. ich wollte mir auch streß machen, habs dann aber sein lassen und sie damit beeindruckt, was ich grade mache, das fanden sie toll, vielleicht kommen sie am sonntag kurz her und sehen das chaos, aber selbst wenn, wie gesagt...nur glücklich werden...

    05.05.2007, 09:37 von Schwarzlicht
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    oh ja, kommt mir doch sehr bekannt vor.
    mein dad hat sich auch lettens erst meine wohnung zeigen lassen. ich war verdammt hinterher, dass alles ordentlich ist.
    schade, dass man so denkt. es sind immerhin die eltern.

    13.03.2007, 20:02 von gurkenwasser
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    Der Artikel spricht mir genau aus der Seele... Ich glaube beinahe, dass der Stress, den ich mit den Vorbereitungen für Elternbesuche verknüpfe, lediglich ein Schutzmechanismus ist um nicht ständig drüber nachdenken zu müssen, wie sehr man zwar die neuen Freiheiten schätzt - jedoch auch die alten Sicherheiten und Geborgenheiten vermisst....

    11.03.2007, 02:31 von elbenstern
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    Jaja das kenn ich auch- immer dieser Wunsch dass die Eltern stolz auf einen sein sollen - etwas beweisen zu müssen. Und wenn man es direkt anspricht kommt eine altkluge Antwort der Eltern auf man auch selbst hätte kommen können: "Wir sind immer stolz auf dich- wie kannste daran nur zweifeln? Liegt es vielleicht daran dass du dir selbst immer was beweisen musst?"

    10.03.2007, 19:35 von HumptyGB
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    ..sehr schön geschrieben ..wie recht du hast ..;-))

    10.03.2007, 13:27 von towi
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    echt toller text! genauso habe ich mich auch gefühlt... deine eltern scheinen spitze zu sein! meine sind es übrigens auch und ich glaube viele eltern haben es gemien, dass sie ihre kinder "glücklich" sehen wollen... da sind die krümel um den toaster, um die wir uns sorgen machen... na du weißt schon... nix! und das ist doch das beste daran... dass man merkt, dass einen die eltern wirklich lieb haben!
    schreibe weiter solche texte! ich freu mich drauf!!!

    09.03.2007, 21:45 von Kraeuterhex
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    hhhmmm, meine gedanken beschäftigen sich in letzter zeit viel mit dem thema studieren, ausziehen, studentenleben und allem was sonst noch so dazugehört. dein artikel ist schön geschrieben und für mich nachvollziehbar. klar, man will, dass die eltern auch irgendwie stolz auf einen sind. auch wenn diese einen womöglich niemals wirklich unter druck setzen würden, solange noch alles halbwegs in normalem rahmen verläuft.
    aber darüber bin ich verdammt froh und ich denke, ich werde dem ersten elternbesuch wohl ziemlich gelassen entgegensehen, und weil mir das gerade klar wird, bin ich gerade ziemlich froh über dieses gegenseitige vertrauen zwischen meinen eltern und mir. jaa, doch, ich muss sagen, das hab ich mit meinen siebzehn jahren schon ganz schön toll hingekriegt :)

    09.03.2007, 16:39 von kreatives_chaos
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    Schön geschrieben und so wirklich, da findet man sich wieder=)

    09.03.2007, 14:58 von Wounded_Soldier
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    Schön geschrieben. Erfrischend zu lesen :)

    09.03.2007, 14:36 von Minime
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