derHalbstarke 08.02.2013, 17:29 Uhr 0 4

Eisblau

Sie haben Jakob immer Angst gemacht. So viele Jahre. Dabei ist Eisblau eigentlich eine schöne Farbe.

Wie lange hatte er ihn nicht mehr gesehen?

Zwanzig, fünfundzwanzig Jahre? Jakob weiß es nicht mehr so genau. Ist auch egal, er war trotzdem immer da. In seinem Kopf, in seinen Träumen. Nicht einen Tag in diesen Jahren, an dem er nicht an ihn dachte, für eine Sekunde, für einen Augenblick. Ist davongerannt, damals, vor ihm und dem Leben in seiner Nähe. Ist gelaufen, so schnell er konnte. Es hat nichts genützt. Er war immer schneller als Jakob, hat ihn immer wieder eingeholt, grinsend vor ihm gestanden und gezeigt, wer der Herr im Haus ist, wer derjenige ist, der über Jakobs Leben, wer über ihn bestimmt.

Jeden Tag, für eine Sekunde, für einen Augenblick.

Jahr für Jahr. Seit er lebte.

Seit seiner Flucht. Vor ihm. Vor dem, wie er ist und vor dem, was er gemacht hat, mit Jakob. In all den Jahren. Wie oft hat er ihn verprügelt, wie oft ist seine Faust in Jakobs Gesicht gelandet? Einfach so, weil er Spaß dran hatte oder Langeweile und besonders dann, wenn er stinkbesoffen war. Aber das war er ja meistens. Stinkbesoffen. Jakob weiß nicht mal genau, wovor er mehr Angst hatte. Vor ihm und seinen brutalen Schlägen oder vor diesem Blick. Diesen kalten, bösen Blicken aus eisblauen Augen, die ihn taxierten und immer nach Gründen zu suchen schienen. Nach Gründen, Jakob demütigen zu können, ihm eins in die Fresse zu hauen. Ja, er hatte seinen Spaß mit ihm.

Und irgendwie hatte er nie aufgehört, mit ihm seinen Spaß zu haben. Bis heute. In Jakobs Träumen.

Es sind immer die gleichen Träume, immer die gleichen Szenen, die ihn nicht loslassen wollten, die ihn verfolgten. Nacht für Nacht. Jakob hat versucht ihnen zu entkommen, hat versucht sich dagegen zu wehren. Ist geflüchtet, hat sich in Süchte gestürzt, nur um nichts mehr spüren zu müssen, nur um wenigstens manchmal nicht wegrennen zu müssen. Vor ihm, seinem Blick und diesen verdammten Träumen. Auszuruhen. Sich fallen lassen zu können, ohne Angst und immer mit diesem kleinen Stückchen Hoffnung, endlich er selbst zu sein. Jakob.

Ohne ihn.

Frei zu sein. Für eine Sekunde, für einen Augenblick. Er war immer stärker. Natürlich. Hat ihn weiter gehetzt, mit ihm Krieg ohne Frieden gespielt. Ein grausames, bizarres Spiel, bei dem es immer nur einen Sieger gab. Hat ihn vor sich her getrieben, ihn nicht aufatmen, Jakob nicht erkennen lassen, dass er kein Kind mehr war und dass der Krieg längst vorbei sein könnte. Hat Jakob vergessen lassen, wer er ist. Nicht zugelassen endlich er selbst zu sein. Und erwachsen. So viele Jahre. Bis heute.

Bis jetzt. In dieser Sekunde, in diesem Augenblick.

Hier mit ihm. In diesem kleinen gemütlichen Zimmer. Sie haben sein Bett so aufgestellt, das er aus dem Fenster schauen kann. Denn das ist alles, was von ihm übrig geblieben ist, wozu er noch in der Lage ist. Aus dem Fenster schauen. Für den Rest seines Lebens, das nun keines mehr ist. Lag zwei Tage in seiner Wohnung, allein und hilflos. Nachdem ihn der Schlag getroffen hatte. Seine Augen sind immer noch eisblau. Eigentlich eine schöne Farbe. Ihre Blicke treffen sich. Jakob kann seine Machtlosigkeit, sein Schreien und die Tränen sehen. Kann lesen, wie er leidet und es gefällt ihm. Irgendwie.

Langsam beugt er sich zu ihm herunter. Fixiert ihn, zwingt ihn, ihm in die Augen zu sehen. Ängstliche, bittende Augen. Weinende Augen. Fast tut es Jakob leid, ihn so zu sehen. Er weint, das Monster das er Papa nennen musste, weint. Merkwürdige, stechend fragende Gefühle überkommen ihn. Rache, Hass, Genugtuung? Liebe, Hoffnung, Verzeihen? Das Ende eines langen erbitterten Krieges? Frieden?

Jakob wird seine Träume fragen.

Vielleicht.



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