Einschulung
Eine ganz normale Familienfeier in drei Akten
*Prolog: Vor der Einschulung
Hier in Niedersachsen werden Erstklässler am Samstag nach dem Ende der Sommerferien eingeschult. Prima Sache! Alle haben frei, Omas, Onkels, Tanten, Paten und Freunde der Familie. Um zehn Uhr morgens sollte die Feier in der Schule beginnen.
Claras Oma (meine Schwiegermutter) hatte mich in der Woche vor der Einschulung schon vier Mal (nicht übertreiben) angerufen, um mich nach einem möglichen Geschenk und Beginn der Veranstaltung zu fragen. Ich sagte, ein T-Shirt wäre gut, Größe 128 und etwas Bares zum Erwerb eines Fahrrades (auch vier Mal - mindestens!).
Am Abend vor der Feier klingelte gegen zehn Uhr das Telefon: Meine Schwiegermutter war dran, die mir mitteilte, dass ihr Bruder sie nicht zu uns fahren könnte. Nein, erwiderte ich, er habe doch schon zwei Wochen zuvor gesagt, dass er an dem Morgen keine Zeit hätte und dass sie sich doch bitte ein Taxi nehmen möge, da wir sie morgens nicht auch noch abholen könnten. "Ist gut", sagte sie und legte auf.
Fünf Minuten später rief sie wieder an und fragte nach der Busverbindung. Ich erklärte ihr unter Zuhilfenahme des Fahrplanes, dass sie um zehn vor neun in den Bus vor ihrer Haustür einsteigen müsse, dass sie in eben diesem Bus sitzen bleiben könne, und nannte ihr mindestens drei Mal die Haltestelle von der wir sie dann abholen würden. Ihr das zu erklären, dauerte etwa 25 Minuten. Aber schließlich wiederholte sie, was sie sich notiert hatte und ich sagte gute Nacht zu ihr und zu meinen Nerven, die auf doppelte Länge gezogen waren.
"Glaubst du, das schafft sie?" fragte ich den besten aller Ehemänner.
"Glaubst du es etwa?" fragte er zurück.
Akt 1: Am Morgen der Einschulung
Sechs Uhr: Der Wecker klingelte. Er kriegte eines auf den Schädel.
Stöhnend erhob ich mich von meinem Lager, schleppte mich ins Bad und hoffte auf die belebende Wirkung Kneippscher Güsse.
Ich hoffte vergeblich.
Die neuen Trendsportarten, die ich exzessiv während der Tage zuvor betrieben hatte, forderten ihren Tribut: Extremsaubermaching und Extremfensterputzing. Zumindest Letzteres erwies sich wieder mal als völlig überflüssig, da es sofort auf von mir geputzte Fenster raufregnet. Muss so eine Art Naturgesetz sein.
Als ich mich halbwegs restauriert hatte, ging ich daran, mein altes und mein neues Schulkind zu wecken, meinen Gatten aus Morpheus Armen zu reißen, der ebenfalls brummelte. Er hatte Extremgärtnern betrieben.
Schnell eine Scheibe Toast in den Hals geschoben, dann ging es an die letzten Vorbereitungen. Hühnersuppe aus dem Gefrierschrank, Kuchen aus dem Gefrierschrank. Torten aus dem Gefrierschrank. Nachsehen, ob die blöde Buttercreme auf der Donauwelle jetzt endlich fest geworden ist. Nudeln kochen für die Hühnersuppe, Spargel schneiden, Eierstich zubereiten, skeptisch beäugt vom Gatten, der ein Päuschen vom finalen Staubsaugen machte und bemerkte: "Du weißt, dass ich das Zeug gar nicht mag, oder? Kaut sich irgendwie wie Gummi!"
Hanna verschwand gegen halb neun in Richtung Schule, weil sie zu den Kindern gehörte, die etwas vorführten. Zuvor hatten sich schon menschliche Dramen abgespielt, weil sie ihre Schmetterlingsflügel verlegt hatte.
Kaum war sie verschwunden, klingelte das Telefon. Mir schwante nichts Gutes. Mein Gemahl ging ran und spätestens als ich hörte: "Nein, das kannst du jetzt wohl vergessen! Der Bus fährt ja schon in zwei Minuten!" wusste ich, wer dran war. Schwiegermutter hatte wohl den Bus verpasst oder den Zettel verlegt, auf den sie die Abfahrtszeit geschrieben hatte. Mein Gatte hielt kurz den Hörer zu und schlug sich mehrfach deutlich hörbar mit der flachen Hand vor die Stirn. Dann hatte er seine Fassung zurück. Er sagte seiner Mutter, sie solle zu Hause auf das Taxi warten und bestellte dann eines, das sie abholen und direkt zur Schule bringen sollte.
Und die Hauptperson des ganzen Tages? Die hatte zweimal von ihrem Toast abgebissen und war für ihre Verhältnisse ausgesprochen still. Ich half ihr beim Ankleiden, auch wenn man das ja eigentlich bei Schulkindern nicht mehr macht und machte ihr mit dem eigens neu erworbenen Welleneisen lauter kleine Krissel in die blonden Haare. Gerade war ich damit fertig geworden, da kam der erste Besuch, meine Schwester samt zweier erwachsener Töchter, und der einjährigen Enkeltochter Johanne, die sofort laut "BIBO! BIBO!" rufend hinter dem entsetzten Kater Friedrich herlief.
Wir stopften noch schnell etwas Zeitungspapier in die Schultüte, banden sie zu und los ging es Richtung Schule. Warum das Zeitungspapier? Haben Sie schon mal die bleischwere Schultüte einer völlig überdrehten und übermüdeten Tochter nach Hause getragen? Ich im Vorjahr schon!. Es folgte:
Akt 2: In der Schule
Die Aula der Grundschule ist nur klein und war zum Bersten gefüllt mit erwartungsfrohen Eltern, Geschwistern, Onkels und Tanten und natürlich mit militanten stuhlfreihaltenden Opas und Omas. Auch unsere Oma war mittlerweile eingetrudelt. Wir suchten uns alle ein Plätzchen und harrten der Dinge, die da kommen sollten. Klasse 1 saß geschlossen samt ihren Tüten (teils aufwendig selbstgebastelt, teils schnöde gekauft) auf den vorderen Bänken.
Es wurde zehn Uhr, es wurde fünf nach zehn Uhr, nichts geschah. Von meiner Position ganz am Rand der Aula aus erhaschte ich schließlich einen Blick auf den Wella-roten Schopf der Schulleiterin, mit der wir den Strauß um die Einschulung Claras ausgefochten hatten. Sie lächelte milde in die Runde und wartete offensichtlich, dass sich der Lärm legte und die angeregten Elterngespräche verebbten. Sie wartete vergeblich.
Schließlich erhob sie ihre Stimme auf gemäßigte Flüsterlautstärke und begann mit ihrer Rede. Die erwartete Wirkung auf die Anwesenden blieb weitgehend aus. Die Schulleiterin wurde noch leiser, wie sie es wohl in ihrem Rhetorik-Seminar bei den 68er Pädagogen gelernt hatte. Allerdings verpuffte diese Maßnahme schnell nach einem herzhaften "Lauter bitte!" von meinem sonoren Mezzo-Sopran. Sie warf mir einen Blick zu, der einen ausbrechenden Vulkan zum Einfrieren gebracht hätte, erhob aber tatsächlich unmerklich ihre Stimme. Sie wünschte alles Gute und viel Erfolg, kurz, sie wiederholte weitgehend die Rede, die wir im Jahr zuvor zu Hannas Einschulung schon gehört hatten.
Es folgten zwei erbauliche Lieder vom Schulchor, eine dritte Klasse sang ein Lied auf Pidgin-Englisch, eine vierte tanzte einen Rap, dann folgte die zweite Klasse, die ein Lied darüber sang, was man mit Mäuseohren alles auf einer Wiese hören konnte. Hanna blieb mit ihren Schmetterlingsflügeln im Vorhang hängen, traf es aber, verglichen mit der Biene, deren Liedstrophe man vergessen hatte und die nach Beendigung des Vortrages wutschnaubend auf die Bühne stürzte, noch verhältnismäßig gut.
Damit war der festliche Teil der Einschulung vorbei und Clara verschwand mit den anderen Kindern in ihrem Klassenraum, wo sie ihre allererste Unterrichtsstunde hatten. Die Eltern konnten sich einen Kaffee samt Kuchen gönnen, ich allerdings dachte an den ganzen Kuchen, der zu Hause auftaute und drohte jedem der dort etwas äße, Haue an. Schließlich konnten wir Eltern nach knapp einer Stunde unsere Brut wieder aus dem Klassenraum abholen, wo sie ein Bild bunt angemalt hatten und noch ein paar Fotos von Kind mit Schultüte machen.
Akt 3: So viel zu essen und so wenig Zeit
Ob der vorgerückten Stunde nahm ich die Beine in die Hand und flitzte nach Hause, weil ich noch bei der Fleischerei meines Vertrauens das bestellte Partypaket (Kasseler und Salate) für fünf Personen abholen musste, welches den zweiten Gang des Mittagessens darstellen sollte. Das hatte aber schon Carsten, der Mann meiner besten Freundin und Patin beider Mädchen Annette erledigt.
Annette hatte währenddessen die Suppe gewärmt, die noch fehlenden Ingredienzien hineingeworfen und den Tisch gedeckt und mit einem halben Pfund Smarties dekoriert. Da sie im Vorjahr dem festlichen Teil der Einschulung von Hanna im Stehen zugehört hatte, weil es keinen Stuhl mehr gab, hatte sie in diesem Jahr dankend darauf verzichtet.
Wir packten die Tüte aus, die Carsten mitgebracht hatte und starrten ehrfurchtsvoll auf das Riesenstück Fleisch, das da zum Vorschein kam.
"Kommt noch jemand?" fragte Annette. "Ein befreundeter Fußballclub, oder so?"
Nach dem Mittagessen, bei dem wir mit acht Erwachsenen und zwei Kindern das Partypaket für fünf Personen nicht einmal zu Hälfte schafften, sollte das frischgebackene Schulkind seine Schultüte und die Präsente der anderen auspacken.
Clara war begeistert und bemerkte während sie ihre mittlerweile gefüllte Schultüte auf den Kopf gestellt hatte, Einschulung sei besser als Geburtstag. Es gab Bücher, Stifte, Malsachen, einen Wecker, einen Zoobesuch mit Patentante als Gutschein (Patentante zwei hatte für das passende Einschulungsoutfit gesorgt). Und von Oma, fragt sich der geneigte Leser?
Oma brachte ein Eimerchen mit Süßkram aus einer Konfiserie mit. Nix T-Shirt Größe 128, obwohl man für den Eimer mit Brausebonbons, Lutschmuscheln und Bonbonketten sicher mindestens zwei bekommen hätte und ich ihr auch schon mal gesagt hatte, Süßigkeiten bräuchte sie wirklich nicht mitzubringen, die Kinder bekämen an so einem Tag mehr als reichlich davon. Den kleinen Umschlag mit 30 Euro von ihr, den Clara achtlos weggelegt hatte, brachte ich erst mal in Sicherheit. Dafür fehlt Clara noch das nötige mathematische Verständnis.
Während die Erwachsenen sich im Garten ergingen, die Kinder sich den Bauch mit Süßkram voll schlugen (Johanne hatte die Tischdekoration für sich entdeckt), deckte ich die Kaffeetafel auf und belud zum dritten Mal die Spülmaschine. Jetzt kamen noch die Gäste, die am Vormittag bei einer anderen Einschulung gewesen waren. Dafür mussten Carsten und Annette wieder weiter, weil Carstens Neffe ebenfalls eingeschult worden war. Das lustige Bäumchen-wechsel-dich-Spiel sozusagen.
So saßen wir drei Stunden nach dem Mittagessen wieder vor einer gefüllten Tafel und stöhnten. Meine Schwester hatte auch noch eine Torte gemacht und als ich die Dekoration aus Smarties und Gummibärchen sah, die eine große 44 bildeten, schwante mir nichts Gutes.
"Kindergeburtstagstorte!" sagte sie und strahlte mich an. "Du hast doch immerhin Geburtstag gehabt!" Dies war ein Seitenhieb auf meine Schwiegermutter, die diese Tatsache geflissentlich übersehen hatte.
Flugs bekam jeder von ihr ein Stück Torte auf den Teller bugsiert. Fassungslos betrachteten wir das Kunstwerk aus Schlagsahne, Biskuitteig, Zuckerdekoration und Smarties. Es dauerte einen Moment, bis sich die ersten daran wagten, zu probieren. Ich sah den besten aller Ehemänner sehnsüchtig zur Apfeltorte hinüberblicken - er mag keine Sahnetorte.
"Sag mal, sind da Gummibärchen drin?" fragte einer der Anwesenden kauend.
"Ja!" erwiderte meine Schwester. "Wenn die länger drin bleiben, werden die ganz dick und weich! Aber die Kinder finden das toll!"
Nun waren wir nicht alle Kinder und nicht alle fanden den Gedanken an dicke weiche Gummibärchen in Sahnehülle so richtig toll. Aber was man auf dem Teller hat, muss man ja aufessen, wenn man noch etwas anderes probieren möchte. Merkwürdig nur, dass niemand noch mal von der Kindergeburtstagstorte nahm?
Überhaupt wurde nicht viel Kuchen gegessen. Alle waren ja noch pappsatt vom Mittagessen. Und dann hatte ich auch noch Donauwellen gemacht. Das Zeug ist wie bei Tolkiens "Herrn der Ringe" die Elbenwaffeln: Ein Bissen genügt, um den Magen eines erwachsenen Mannes zu füllen! Aber tierisch lecker.
Als wir die Kaffeetafel aufhoben, betrachtete ich die Reste und überlegte einen Moment lang, welche der hiesigen Sportvereine ich zur Nachfeier laden sollte. Alles, was irgendwie einzufrieren war, kam in den Froster für künftige Geburtstagsfeiern, einen Teil drückte ich meiner Nachbarin in die Hand, und den Rest der Kindergeburtstagstorte drängte ich meiner Schwester mit dem Hinweis wieder auf, mein Kühlschank stünde kurz vor einer Explosion.
Als alle Gäste weg waren und ich meine armen Füße aus den inzwischen zwei Nummern zu kleinen Schuhen befreit hatte, gönnte ich mir einen gepflegten Wein samt Tortilla Chips mit scharfer Sauce. Das hatte ich mir redlich verdient!
Epilog: Das Fazit
Als Clara noch ein Baby war, hatten wir über ein drittes Kind nachgedacht. Gut, dass wir über das Nachdenken nicht hinausgekommen sind. Noch eine Einschulung würden meine armen alten Nerven nicht aushalten.
Jetzt ist erst mal Ruhe. Bis 2012, dann wird Hanna konfirmiert.



Kommentare
köstlich... so könnte jeder Morgen beginnen... mit einem Lächeln natürlich ;-)
11.07.2008, 10:13 von moonlightdancerdann mal viel Glück , der Kleinen
@oceaneyes Ist sehr unterschiedlich hier, einige machen eine richtige Familienfeier daraus, andere belassen es bei Salzbrezel und Tüte, einige Durchgeknallte gehen mit der gesamten Familie ins Restaurant essen!
02.07.2008, 18:31 von Tilanhab ich gott sei dank hinter mir.
02.07.2008, 16:09 von RedSonjalol @ taekwon!!
ist das eigenzensur?
...ich feixe! ;-)))
02.07.2008, 13:30 von Kiyan*lach* Die einzigen Parallelen zu meiner Einschulung: das Ganze fand an einem Samstag statt, und ich bekam eine Schultüte. Aber ansonsten haben sich die Standards ja ganz schön verändert in den letzten 23 Jahren...!
02.07.2008, 11:45 von Maibowleau backe...
02.07.2008, 11:39 von cosmokatzedas steht mir auch bevor...zweimal um genau zu sein....ich fang schon mal an zu kochen und zu backen....