Zarmaz 23.03.2013, 23:24 Uhr 20 41

Eine Kaktee für dein Grab

Doch du warst nur ein Passant, eben jemand der passiert.

Nun sitze ich an deinem Platz, Vater.

Ein jeder von uns, ein jeder unserer Familie hatte seinen eigenen – und jeder von uns war sich der Tatsache bewusst, dass wir niemals wechseln würden. Oder könnten. So fixiert auf unsere Aufgabe und auf ihre Erfüllung. So zielgerichtet auf Schaffung, so manisch nach Aufbau. Nur Zahlen zählten. Pläne. Gewinne. Du hast uns für sie die Ordnung beigebracht. In unseren Köpfen, in unserem Herzen, in dem Zurechtlegen der Bettdecke. Staub und Rost konnten nicht hingenommen werden – genauso wenig auf unseren Plätzen als in unserer Vergangenheit. In unseren Wegen. Straßen sehen so gleich aus, Vater. Auf welcher bist du gegangen? Du hast die Meter gezählt, Fähnchen gesteckt und für uns abgemessen. Welcher Ort zu welcher Zeit. Schritt für Schritt, und bleibt nicht stehen. 

Doch du warst nur ein Passant, eben jemand der passiert. Denn du hattest Verantwortung Vater. Ja. Doch warum bist du vor ihr geflohen? 

Es jährt sich heute zum zehnten Male, dass mein Bruder und ich, langsam, andächtig die weißen Kaskaden, von hohen Bäumen bewachten Straßen hinauf zu deinem Grabe laufen. Die drei Könige standen dir immer zur Seite. Du bist an ihnen geboren wurden – und an ihnen zu Grunde gegangen. Wir sind erwachsen geworden – verstecken unsere grauen, von Bartstoppeln übersäten Gesichter unter den Krempen unserer langen schwarzen Mäntel. Der kalte Wind, der zu dir genauso gehört hat wie der Schnee, bläst uns so kalt auf die Haut wie deine Worte es getan haben. Unsere gepflegten, edlen Schuhe beißen sich in die unbefleckte Decke, unsere Schritte knirschen auf dem Weg empor. Es ist unser einziges Rendezvous im Jahr. Du würdest es nicht gut heißen, es Sentimentalität nennen und uns zum Teufel jagen. Die Kirchenglocken läuten, zerschmetterte Stille dringt ein neues Mal zu uns durch. Wie hast du nur diese Schönheit verdient? Mit Blick auf das weite Tal, mit gespenstischer Ruhe, mit von Frost verzierten Bäumen lachst du uns aus. Du an diesem Platz? Du hättest ihn nie wertzuschätzen gewusst. Und doch wie du ihm ähnelst. Die Narben auf deinem Gesicht hast du immer mit Würde getragen, die grauen, kurzen Haare mit disziplinierter Exaktheit jeden Morgen nach hinten gekämmt, das unauffällige Hemd ordentlich in die zu weite Hose gesteckt. 

Die Gräber auf diesem Hügel sind deine Narben. Wie viele hast du selbst geschnitten – und nie nähen lassen? Eine Kaktee für deines: Denn bei all den Stacheln die dich zierten und in uns stecken blieben, hattest du weißes Blut und weiches Fleisch wie diese Pflanze. Du warst erfolgreich. Nur für welchen Preis?

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20 Antworten

Kommentare

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  • 3

    Viel zwischen den Zeilen versteckt; nur sichtbar für dich und doch aussagekräftig!


    Gefällt mir!

    27.03.2013, 11:32 von XeNia79
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    Gut geschrieben.

    27.03.2013, 07:06 von Rockstella
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    ich habe den text gerne gelesen. ich kann das alles sehr nachvollziehen.
    manchmal denke ich, ich müsste auch mal solche art von *briefen* schreiben. an tote, oder an verflossene menschen, die ich liebte.
    das wirklich seltsame ist, dass ich nicht das geringste bedrüfnis dazu habe. sie sind mir mit den monaten und jahren egal geworden. es gibt nichts mehr zu sagen. ich möchte mir keine mühe mehr machen; es gibt nichts mehr loszuwerden, noch etwas zu retten. ich würde dies als verschwendete energie erachten.
    vielleicht ist diese vollkommene egalität auch eine form der abwehr gegen den schmerz.
    darüber müsste ich mal nachdenken.

    26.03.2013, 21:19 von yuhi
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    ein kaktus, viele kakteen. vielleicht auch eine orchidee. aber keine kaktee. es sein denn du hast ein c vergessen und willst eigentlich kacktee trinken. ist das dann eigentlich durchfall?

    26.03.2013, 20:35 von Fincher
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      Herkunft:


      Der Plural des Wortes Kaktus wird im Deutschen als Kakteen wiedergegeben. Daraus hat sich im 19. Jahrhundert ein neuer Singular entwickelt, der gleichbedeutend neben Kaktus steht.
      (nämlich Kaktee) ....

      26.03.2013, 22:05 von Gluecksaktivistin
    • 5

      Wie meine Vorrednerin bereits bemerkt hat, gibt es zwei Singulararten der schönen Pflanze. Mir hat "Kaktee" persönlich einfach besser vom Klang gefallen, vielleicht weil mich der Kaktus einfach zu sehr an dieses grüneKinderlied erinnert hat. Und daran, dass es mein Dad nie gesungen hat. Auch egal, auf jedenfall möchte ich den Tee mit "c" nicht trinken. ;)

      26.03.2013, 22:21 von Zarmaz
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  • 2

    Hm. Ein paar schöne Ideen und schöne Details, aber auch stilistisch unsauber und arg gestelzt, daher lässt es mich im Ganzen kalt.

    26.03.2013, 20:09 von EliasRafael
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    • 0

      Wenn man es übertreibt, erreicht man manchmal das Gegenteil.

      26.03.2013, 20:40 von EliasRafael
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    • 1

      Es ist ja nur mein Eindruck.

      26.03.2013, 20:48 von EliasRafael
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    • 0

      ja, die zwischen "Nun..." und "Preis?"

      26.03.2013, 21:31 von EliasRafael
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    • 1

      Zerschmetternde Stille möge dich ereilen, du dunkler Prinz der Auszeit!

      26.03.2013, 21:36 von EliasRafael
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