Eine Geschichte, die erzählt werden will.
Dies ist eine Geschichte über das Leben und seine Wendungen. -- Solange es ihm gut geht, ist die Welt wunderbar. Wenn er weint, wein auch ich.
*Weil mein kleiner Bruder immer ein schwieriges Kind und meine ältere Schwester meistens bei Freundinnen oder in der Schule war, wusste meine Mutter manchmal nicht, wohin mit mir. Wenn Ben also mal wieder meiner Mutter das Leben schwer machte, wenn Lina bei Freundinnen oder in der Schule war und ich ruhig in der Mitte stand, hat meine Oma mich zu ihr ’rüber geholt und viele tolle Sachen mit mir gemacht.
Sie ist mit mir mit dem Bus ins nächste Dorf gefahren, zum Tante-Emma-Laden von Frau Werthschulte. Dort hat sie Kinderwurst, Graubrot und Kakao gekauft und immer bekam ich ein Pixibuch. Das hat sie mir dann abends vorgelesen, nachdem ich das Graubrot mit ‚guter Butter’, Kinderwurst und Kakao gegessen hatte. Während sie mir das Abendbrot zubereitete, durfte ich immer das Sandmännchen anschauen und nach dem Zähneputzen, nach dem Vorlesen und nach dem Zudecken hat sie mir immer vorgesungen. Ein Gutenachtlied, das ich jetzt immer noch im Kopf habe. Manchmal singe ich es meinem Freund vor, wenn er nicht einschlafen kann.
Im Sommer gab es immer tolle Dinge bei meinen Großeltern. In ihrem Garten stand ein riesiger Kirschbaum, Rhabarber wuchs wild neben dem Kartoffelbeet und aus den Johannis- und Brombeeren wurde leckere Marmelade gemacht. Wie oft musste Oma die Leiter aus dem Schuppen holen und an den Kirschbaum stellen, weil wir Kinder uns beim Kirschenpflücken so verstiegen hatten, dass wir nicht mehr wussten, wie wir ohne runterkommen sollten. Wie viele Stunden haben wir zu zweit damit verbracht, aus den gesammelten Kirschen die Kerne ’rauszustanzen. Diese entkernten Kirschen hat Oma dann später eingemacht und in ihren Keller gestellt. Es waren sicher hunderttausend Gläser, die wir so gemeinsam gemacht haben. Zwei stehen immer noch unangetastet in meinem Keller.
Ich war wirklich oft bei meiner Oma, als ich noch klein war. Eigentlich habe ich mehr Zeit bei ihr und Opa verbracht, als bei meinen Eltern. Aber je älter ich wurde, desto seltener habe ich die Zeit (und wenn ich ehrlich bin, auch die Lust) gefunden, die beiden zu besuchen. War ich früher noch fast jeden zweiten Tag dort, war ich jetzt kaum mehr als einmal im Monat bei den beiden. Die hatten ja nicht mal die coolen Fernsehprogramme und während des Mittagsessens hörten sie ja immer WDR4. Noch heute verbinde ich den Geschmack von Graupensuppe mit der Anfangsmelodie der WDR4-Nachrichten und andersrum. Heute aber mag ich diese Verbindung zwischen den beiden Dingen, weil sie mir ein warmes Gefühl im Bauch gibt und diese wunderbaren Erinnerungen wachruft.
Heute weiß ich aber auch, dass ich nie wieder Omas Graupensuppe essen werde, während die WDR4-Nachrichten laufen. Heute weiß ich, dass in Oma ein Krebs wuchs. Still und leise wucherte da etwas in ihr und wir wussten nichts. Klar, wir haben gemerkt, dass sie immer vergesslicher wurde und dass sie einige Termine der Frauengemeinschaft durcheinander brachte. Wir haben auch gemerkt, dass sie manchmal Probleme damit hatte, etwas wiederzufinden und dass sie unordentlicher wurde. Wir haben das, ohne weiter darüber nachzudenken, aufs Alter geschoben und uns nichts dabei gedacht.
Irgendwann fing sie an, über Kopfschmerzen zu klagen. Mein Vater, ihr ältester Sohn, brachte sie zu unserem Hausarzt, der sie sofort weiterschickte, zum Krankenhaus. Dort blieb sie dann auch erst mal.
Ich glaube, als ich von der Arbeit nach Hause kam, sagte meine Mutter, dass sie eine schlechte Nachricht hätte. Wie ich reagiert habe, als sie mir das Ergebnis der Untersuchung mitteilte, weiß ich gar nicht mehr. Ich weiß noch, dass ich die ersten paar Wochen nicht so recht daran geglaubt habe. Ein Hirntumor ... meine Oma .. Was für ein Witz. Was für ein furchtbar schlechter Witz. Nur irgendwie habe ich die Pointe nie ganz verstanden .. Aber ich greife der Geschichte vor.
Meine Oma lag also im Krankenhaus und ihr Zustand wurde von Tag zu Tag schlechter, als würde ihr jemand schrittweise den Saft abstellen. Mit ihren wirren Haaren und dem Krankenhaus-Jogginganzug sah sie ganz fremd aus, gar nicht wie meine Oma. Sie nahm auch immer mehr ab, bis sie irgendwann dünner war als meine Mutter und der wurde von den Dorftanten schon des öfteren Magersucht angedichtet.
Aber nicht nur ihr körperlicher Zustand verschlechterte sich zusehends, nein, auch ihr Geist baute immer mehr ab. Verständlich, wenn man sich vorstellt, dass da ein Gewächs, was da nicht sein sollte, auf ihr Gehirn drückt. Und drückt. Und drückt. Mein Opa litt ganz gewaltig unter dieser Situation, jeden Tag war er im Krankenhaus bei ihr. Irmgard war seine erste und einzige große Liebe, das sagte er uns sehr oft, in diesen Tagen. Er erzählte auch andere Geschichten, die sie miteinander erlebt hatten. Wie sie sich kennen lernten, bei einer Feier im Dorf.
Sie kam in den Festsaal und er sah sie. Sofort sagte er zu seinen Freunden „Das ist die Frau, die ich heiraten werde.“ Da gab es für ihn nicht einen Zweifel. Er sah sie und wollte sie. Von dem Augenblick an hat er wirklich viel für seine Vision getan. Seine Freunde haben ihn ausgelacht, weil Irmgard einfach fürchterlich resistent gegen seine Werbungsversuche war. Aber irgendwann fallen auch die stärksten Mauern und sie wurde neugierig, wer denn da so hartnäckig hinter ihr her war.
Nur wohnte sie ziemlich weit weg und ein Auto hatte er nicht. Also lief er jedes Wochenende und manchmal auch unter der Woche nach der Arbeit den weiten Weg, einen steilen Berg hinauf, bis hin zu dem Bauernhof ihrer Eltern. Dann gingen sie gemeinsam spazieren. Sie verliebten sich und alles war gut. Bis zu dem Tag, als mein Opa einberufen wurde. Es war Krieg und sie wollten ihn an vorderster Front. Ängstlich wartet Irmgard jeden Tag auf eine Nachricht von ihrem geliebten Alfons, eine Nachricht, die nicht kommen sollte. Alfons wurde gefangen genommen, in Russland. Er wurde auch angeschossen und vier Zehen sind ihm abgefroren. Er lag über ein halbes Jahr in einem Lazarett, es muss ein russisches gewesen sein. Immer erzählte er von einer jungen, russischen Ärztin, die jeden Morgen ins Zelt kam und fragte „Lindner noch nix kaputt?“. Jede Nacht starben seine Kameraden auf ihren Feldbetten direkt neben seinem. Nur er hielt tapfer durch, seine Gedanken dreitausend Kilometer weit weg, zuhause bei Irmgard. Wie oft sah er sie im Traum auf der Bank am Roggenfeld sitzen, sah sie, wie sie auf ihn wartete. Er durfte ihre Hoffnung doch nicht enttäuschen.
Er hielt durch, er floh während eines Transports zusammen mit einem Kameraden. Sie waren lange unterwegs, immer nur zu Fuß und immer nur nachts im Unterholz. Niemand durfte sie sehen, immerhin waren sie im Feindgebiet unterwegs, als ausgerissene Kriegsgefangene.
Halb tot schleppten die beiden sich über die russische Grenze und liefen geradewegs den Amerikanern in die Hände. Ich weiß nicht, wie viele Jahre er nicht nach Hause durfte. Aber es waren einige. Und als er endlich freigelassen wurde, als er endlich nach Hause durfte, zu seiner Irmgard ... Da hat sie ihn nicht erkannt. Er war so unglaublich abgemagert, dass ihn nicht einmal seine eigene Mutter erkannte. Die Frauen weinten bitterlich, als sie erkannten, wer da vor ihnen stand. Wer heimgekommen war, obwohl er doch längst tot geglaubt war.
Sie päppelten ihn auf, sie pflegten ihn, als er seine schlimme Lungenentzündung bekam, sie wollten ihn nicht wegen so etwas verlieren, nachdem er die Kugeln des Feindes überlebt hatte.
Er überlebte auch das und wurde wieder gesund. Er war fit genug endlich das Versprechen einzulösen, das er seiner Irmgard vor ewiger Zeit gegeben hatte. Die beiden heirateten in der Nachkriegszeit und bekamen ziemlich schnell meinen Vater. Dass er mein Vater werden sollte, wussten die beiden verständlicherweise noch nicht. Dass ihre Enkelin mehr als sechzig Jahre später ihre Geschichte aufschreiben würde, wussten sie auch nicht. Und sie wussten nicht, dass sie nicht gemeinsam sterben würden.
Meine Oma ist vor zwei Jahren an einem schnellwachsenden Hirntumor, einem Glioblastom gestorben. Sie hat sehr gelitten. Hat mitbekommen, dass ihre Enkel ihr auf der Toilette helfen mussten wie einem überdimensionalen Kleinkind. Sie hat gemerkt wie traurig wir waren, obwohl wir uns immer besonders viel Mühe gegeben haben. In der Nacht in der sie starb, waren wir bei ihr. Ich hoffe, dass hat sie auch noch gemerkt.
Mein Opa ist jetzt seit einem halben Jahr in einem Altenheim, wir haben es nicht mehr geschafft, alleine auf ihn aufzupassen. Das wurde nötig, weil er mehr und mehr aufgab und der Demenz nach und nach alles überließ, was ihn ausmachte. Mein Opa erkennt mich nicht mehr, er erkennt seine Söhne nicht mehr und ist böse, weil sie ihn nie besuchen. Sagt er. Manchmal denkt er, ich wäre Irmgard. Für mich ist das nicht sehr schön. Für ihn umso mehr. Er freut sich, drückt mich und fragt mich, wo ich so lange war. Ich weiß dann nie, ob ich ihm sagen soll wer ich bin.
Meistens lasse ich ihm die Illusion, weil ich ihn liebe.
Solange es ihm gut geht, ist die Welt wunderbar. Wenn er weint, wein auch ich. Habt ihr schon mal euren Opa weinen sehn?
Ein traurigeres Bild gibt es in dem Moment einfach nicht.





Kommentare
Einfach traurig-schoen!
06.04.2010, 11:55 von XampagneriaWunderschön geschrieben und die Geschichte kommt mir so verdammt bekannt vor :D
29.05.2009, 20:25 von LoveNYschööön und traurig !
14.05.2009, 21:45 von hellipopelliwie du alles beschreibst ist toll... das graubrot und die pixiebücher... man wird auch in seine eigene kindheit katapultiert.
Eine traurige Geschichte, kann das gut nachvollziehen, ist mir in ähnlicher Weise auch passiert. Gut geschrieben, habe mich erinnert gefühlt und verstanden.
11.05.2009, 15:52 von Snow.Das ist ein schön geschriebener Artikel.
11.05.2009, 13:33 von Nudel824Ich bin total gerührt...
Ich habe meinen Opa auch schon so sehen müssen , kurz nachdem er einen Schlaganfall hatte. Es war eine schreckliche Zeit für mich...
Aber jetzt ist alles wieder gut.Er ist wieder fit und geht mit meiner Oma wandern und sie unternehmen viel. Dieses Jahr fahren sie mit dem Auto nach Korsika...
Ich bin mächtig stolz auf meine Großeltern und ich liebe sie sehr. Ich bin auch bei ihnen aufgewachsen...
vielen dank für eure lieben kommentare. :)
07.05.2009, 19:28 von la_lionnenein, einfach sicher nicht. aber manches muss eben irgendwann mal raus.
traurige geschichte, muss ich auch sagen. war bestimmt nicht einfach das alles einfach aufzuschreiben. viel glück noch.
07.05.2009, 17:01 von einstueckchenweltNur zwei Worte:
06.05.2009, 21:21 von DerChris1981Genial!
Danke!
Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll.
06.05.2009, 20:09 von LisnDas sind Geschichten, die das Leben schreibt. Und Deine Oma hatte bestimmt viele schönere Tage mehr als jene, an denen sie so litt.
Meine Großeltern sind wunderbar, ich habe noch 4. Auch nicht mehr lange, denke ich. Es zieht sich, das ist für alle Beteiligten schmerzhaft.
Alles Gute wünsch ich Dir!
traurig aber trotzdem schön
06.05.2009, 19:55 von die_franzi