Miss_Seifenblase 12.10.2010, 12:41 Uhr 0 1

Ein kleiner blauer Koffer

oder: der Tag an dem ich erkannte, dass der Weg nach Potsdam ganz schön weit ist

Nun stehe ich hier auf dem Dachboden meines Elternhauses und stöbere in meinen alten Sachen aus Kindertagen.
Ich hätte nie gedacht, dass ich eines Tages mal ausziehe. Als Kind habe ich meiner Mutter doch versprochen für immer bei ihr zu bleiben. Damals war ich vielleicht fünf oder sechs Jahre alt. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen sie zu verlassen.
Heute bin ich achtzehn Jahre alt, habe mein Abi in der Tasche und habe auf Anhieb einen Platz an der Uni bekommen. Leider ist die Uni ziemlich weit weg von hier. Deshalb breche ich jetzt mein Versprechen meiner Mutter gegenüber und suche hier oben die Dinge zusammen die mit in mein „neues“ Leben kommen sollen.
Bei den ganzen Erinnerungsstücken hier oben werde ich ein bisschen sentimental. Dort steht auch mein kleiner blauer Koffer. Ich weis noch genau wie ich ihn von meinen Großeltern bekommen habe. Ich habe ihn immer mit in den Urlaub genommen, aber er hat noch viel mehr erlebt. Es ist schließlich nicht das erste Mal, dass ich vorhabe auszuziehen.

Als ich vielleicht sieben Jahre alt war, habe ich mich oft mit meinem Bruder gestritten. An jenem Tag auch, warum weis ich nicht mehr.
Er ist acht Jahre älter als ich, da findet man in dem Alter eigentlich immer einen Grund zum Streiten.
Normalerweise ging unsere Mutter immer dazwischen, doch an dem Tag war sie nicht da. Ich glaube sie war einkaufen.
Mein Bruder sollte auf mich aufpassen. Unser Streit war so heftig, dass ich, wie immer wenn ich wütend war, türenknallend in mein Zimmer verschwand. Ich war so wütend und mal wieder der Meinung, dass alle nur mein Leben zerstören wollen.
Da bekam ich eine Idee. Ich wollte ausziehen.
Aber nicht irgendwohin, ich wollte zu meinen Großeltern nach Potsdam. Nun hatte ich keine Ahnung wie weit es bis nach Potsdam ist. Aber das war mir egal.
Ich schnappte mir meinen kleinen blauen Koffer und packte das wichtigste ein. Ein paar Kassetten, Stifte, Papier, Puppenkleider und zwei Spielzeugautos. Meine Puppe klemmte ich mir unter den Arm.
Dann ging ich.
Ich zog die Haustür hinter mir zu, ohne eine Jacke anzuziehen, ohne Straßenschuhe.
Ich weis noch, dass es nieselte, aber kalt war es nicht. Mein Weg führte mich meine Straße entlang bis zur nächsten Querstraße, dann geradewegs zu einem Trampelpfad den wir den „Hühnerweg“ nannten. Er hieß so, weil er zwischen Gartenzäunen und einem Hühnergatter verlief. Eigentlich durfte ich dort alleine nicht lang, da in einem Haus ein alter Mann wohnte der meiner Mutter „komisch“ vorkam. Aber ich hatte mich bis dahin nicht daran gehalten, also auch an diesem Tag nicht.
Der Weg führte zu einer Straße die rund um das Dorf führte, auf der anderen Seite der Straße war nur noch Feld. So lief ich einmal um das halbe Dorf, mit der Erkenntnis, dass Potsdam wohl ein bisschen weiter weg ist, als ich dachte.
Weil ich nicht wusste, in welche Richtung ich gehen soll, entschied ich mich zum Anfang meiner Straße zu laufen.
An der Straßenecke war ein Mauervorsprung von einer Gartenbegrenzung. Dort ließ ich mich nieder und wartete.
Keine Ahnung worauf ich genau wartete.
Darauf, dass meine Mutter wieder kommt, mich sieht und mich mitnimmt, darauf, dass mein Bruder mich suchen kommt oder meine Großeltern vorbei kommen. Wie ich auf die Idee kam weiß ich nicht.
Ich saß dort eine ganze Weile, aber niemand kam. Nicht einmal irgendwer aus dem Dorf, denn es regnete jetzt. Mir wurde kalt und ich beschloss, nach Hause zu gehen.
Etwas Angst hatte ich schon, denn ich hatte ja keinen Schlüssel und musste klingeln. Ich hatte Angst davor, dass mein Bruder mich nicht reinlassen würde.
Zu Hause angekommen, stellte ich fest, dass mein Bruderherz sich schon große Sorgen um mich gemacht hatte.
Freudestrahlend schloss er mich in seine Arme.
Die Sorgen waren umsonst. Eine weitere Erkenntnis bahnte sich an.
Geschwisterliebe übersteht so ziemlich jeden Kleinkrieg.

Lächelnd streiche ich über meinen kleinen blauen Koffer. Eine Träne rollt über meine Wange. Abschied liegt in der Luft.
Seufzend wische ich mir über das Gesicht, packe den Koffer in einen Karton und kehre dem Dachboden den Rücken. Ich lösche das Licht und sehe nicht zurück.

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