Schneefrau 23.08.2004, 21:54 Uhr 17 0

Ein Kind und der Tod

der Versuch einem Kind den Tod zu erklären und eine schmerzhafte Erkenntnis...

mein kleiner Mensch, mit den kleinen, großen Füssen, deine Hand in meiner an einem schönen Sommertag.
Wir laufen zusammen über den Friedhof.
Wir suchen nach einem Grab.
Du kleiner Mensch willst auf den Rändern der Gräber balancieren, freust dich über die schönen Blumen, besonders über die Rosen in die du dein Näschen steckst. Ich will das nicht. Ich erkläre dir dass da hinter den Balancier-Dingern, wie du sie nennst, unter den Rosen, ganz weit unten im märkischen Sandboden Menschen liegen – tote Menschen und es die Familie der toten Menschen traurig macht, wenn man auf den toten Menschen balanciert oder rumtrampelt.

Wir kommen an das Grab. Ich fange an das Unkraut zu ziehen. Das Unkraut wuchert, die Pflanzen und Blumen aber sind in der Hitze und Trockenheit des Sommers fast verdorrt. Ich bin still während meiner Arbeit. Du willst mir helfen, auch auf das Grab kommen und mit deinen Fingern in der Erde wühlen, ich weiss ja, dass es dir Spaß macht. Aber ich will das nicht. Ich erkläre dir, dass hier meine Mutter begraben liegt. Du schaust mich verständnislos an und erklärst mir dann, dass ich meine Mutter ausgraben müsste. Ich muss trotz meines schwermütigen Gefühls lachen. Ich erkläre dir, dass das nicht geht und meine Mutter ja tot sei. Ich schicke dich vor Wasser holen, für die neuen Pflänzchen. In der Ferne beobachtet ich dich, wie du eine grüne Gießkanne nimmst und Wasser reinlaufen lässt. Ich eile zu dir und trage die Kanne zum Grab und fange an zu gießen. Erschrocken schaust du mich an, und sagst mir, dass ich ja meine Mutter nun nass machen würde. Ich denke kurz nach, bevor ich dir erkläre, dass meine Mutter viel zu tief liegt und die Pflanzen vorher das ganze Wasser trinken, damit sie schön blühen können. Damit gibst du dich zufrieden.

Wir sind fertig und laufen zurück über den Friedhof. Deine Hand in meiner, mit deinen kleinen großen Füssen tapst du neben mir her, fragst mich warum man die toten Menschen vergräbt. Eine schwierige Frage. Ich entscheide mich für eine praktisch-religiöse Misch-Antwort und erkläre dir, dass wir ja alle von den Dingen, die auf der Erde wachsen leben. Dadurch würde der Erde was verloren gehen, und damit nicht immer weniger Erde da ist, muss man ihr den toten Körper zurück geben. Du fragst nicht weiter, scheinst mir zu glauben und ich bin froh, dieses Thema innerhalb von Sekunden so gut gelöst zu haben, doch dann fragst du mich ob auch Kinder sterben. Du bist ernst. Natürlich würden keine Kinder sterben, sage ich dir. Nur sehr sehr alte Menschen sterben, weil der Körper wie ein altes Auto irgendwann versagt. Rechts neben mir sind die Kinder-Gräber, Teddies und frische Blumen auf den Gräbern der Einjährigen. Wie schlimm ist es für eine Mutter, ihr Baby in der schwarzen Erde zu wissen, bei Eis und Schnee, in der Kälte. Du siehst die Gräber nicht.

Du willst wissen, ob du auch irgendwann vergraben wirst. Hier bin ich ehrlich und sage dir, dass du als ganz ganz alter Mensch vergraben wirst aber bis dahin ist es noch lange hin, darüber bist du froh und auch gleichgültig.

Ich schaue dir beim Schlafen zu. Halte deine kleine Hand und bin unendlich froh um dich. Wenn du sterben würdest, würde meine Sonne mit untergehen, dass weiss ich. Ganz schlimm wäre es auch für mich dich hier zurück lassen zu müssen. Das würde mich mehr quälen als der Gedanke, dass mein Leben bald vorbei sein würde.

17 Antworten

Kommentare

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    Meine Oma ist vor sechs Jahren gestorben,damals war meine Schwester zwölf Jahre alt und wollte nicht mit auf den Friedhof. Sie meinte das sie nicht heulen wollte wie ein Ochse.Ich kann sie verstehen,auf der anderen Seite muss man aber auch traurig sein können. Jeder Mensch geht mit seiner Trauer anders um,auch Kinder.
    Ich kenne einen Mann der meint man müsste gar nicht traurig sein,weil der Verstorbene ja bei Gott im Himmel wäre und es ihm dort gut gehen würde.
    Ich finde diese Antwort auf Trauer kaltschnäuzig und ziemlich grausam.Gerade Kindern,wo es ja in dem Artikel geht,sollte man beibringen das sie ruhig traurig sein dürfen und auch sollen.
    Meine Oma hat einmal gesagt: Wer nicht lachen kann,kann auch nicht weinen,wer nicht weinen kann,kann auch nicht lachen.

    30.12.2004, 16:24 von T300Eis8
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    und regenbogens kind war 2einhalb!!!

    03.12.2004, 19:53 von octopussy
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      @[Benutzer gelöscht] Ich poste sie jetzt einfach mal hier:

      Es war einmal eine sehr, sehr alte Seele, die sehr, sehr viele Menschenleben auf der Erde gelebt hatte und deren Dasein als Seele jetzt ebenfalls fast zu Ende war, ja, bald würde sie mit der Ewigkeit verschmelzen und ein Teil davon werden.
      Im Augenblick saß die Seele in der Leere zwischen ihrem letzten Menschenleben und ihrer künftigen Verschmelzung und fühlte sich ein wenig einsam. Ihre besten Freunde waren auf und davon, die alte Seele konnte sie unten auf der Erde sehen, wie jede von ihnen einen Menschen mit Eifer, Neugier und Staunen und den verschiedensten Gefühlen erfüllte.
      Ich will dorthin, sagte die alte Seele. Ich habe immer noch eine ordentliche Portion Freude übrig. Ich will dorthin und sie ihnen schenken.
      Aber die Zeit, die dir vor der Verschmelzung bleibt, ist so kurz, warnte der Wächter. Natürlich kannst du ihnen Freude schenken, aber wenn du nur so kurze Zeit bei ihnen bleibst, schenkst du ihnen zugleich eine große Trauer, wenn du sie wieder verlässt.
      Ich weiß, sagte die alte Seele. Aber ich will es trotzdem. Ich will ihnen so viel Freude schenken, dass sie ihnen danach über die Trauer hinweghilft.
      Dann soll es so sein, wie du es willst, sagte der Wächter und schickte die sehr, sehr alte Seele los.
      Daraufhin bekamen ein Mann und eine Frau auf der Erde ein Kind, das sie sich schon sehr lange gewünscht hatten. Es war ein allerliebstes Kind, das ihnen vom Tag seiner Geburt an Freude bereitete, jene ungetrübte Freude, die die Menschen empfinden, wenn ihre Seelen einander begegnen und sich voller Entzücken aus der Ewigkeit wiedererkennen.
      Aber bleibt dir nicht nur sehr wenig Zeit?, flüsterte die Seele der Mutter der alten Seele in dem kleinen Mädchen zu.
      Die Zeit ist kurz, aber die Freude groß, antwortete die sehr alte Seele.
      Und obwohl die Mutter dieses Gespräch nicht hörte, weckte das Geflüster eine ahnungsvolle Unruhe in ihr, einen Hauch des Wissens, dass wir nichts auf Erden besitzen, einer den anderen nicht und nicht einmal uns selbst. Alles wird uns schließlich genommen werden, alles was wir mit uns tragen, alle Lieben um uns herum, schließlich unser Leben und unser Körper.
      Aber das Mädchen wuchs heran, und die Freude, die es verbreitete, war so groß, dass die Mutter diese Gedanken vergaß. Und der Vater freute sich ebenfalls. Ja, die alte Seele durfte ihre letzte Zeit genauso verbringen, wie sie es sich gewünscht hatte.
      Aber die Zeit war kurz, auch nach menschlichem Maß war sie kurz, und der Augenblick kam, da die Verschmelzung stattfinden würde. Die sehr, sehr alte Seele erhielt den Ruf, dass sie sich unverzüglich zur Zeremonie einfinden sollte, und musste gehorchen.
      Für die Menschen sah es so aus, als hätte ein plötzlicher Tod das Mädchen ereilt. Ihre Trauer war maßlos, genau wie der Wärter es vorhergesagt hatte. Aber da alle Erinnerungen an ihr Kind nichts als Freude waren, konnten sie ihre Trauer ertragen, genau wie die sehr alte Seele es vorhergesagt hatte.
      Und wo man früher die sehr, sehr alten Seelen ihr letztes Häppchen Zeit einfach in der Leere hatte absitzen lassen, bürgerte sich von nun an in der Ewigkeit die Sitte ein, dass die alten Seelen zu den Menschen, die sie brauchten, geschickt wurden, um ihnen ihre letzte große Freude zu schenken. Die Freude gibt den Menschen die Kraft, die anschließende Trauer, die unausweichliche Trauer zu ertragen und allmählich in etwas Gutes zu verwandeln.

      05.12.2004, 17:46 von Totekadan
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      @Totekadan @totekadan: danke für diese sehr schöne Geschichte. Woher hast du die oder besser, wer hat sie geschrieben?

      06.12.2004, 19:56 von Schneefrau
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    meine nichte war auch vier als sie schon bescheid wusste!!!

    03.12.2004, 19:53 von octopussy
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      @octopussy s.o.

      03.12.2004, 19:54 von Totekadan
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    nochmal genau nachgelesen:
    "Du kleiner Mensch willst auf den Rändern der Gräber balancieren...... Ich will das nicht. Ich erkläre dir dass da ..... Menschen liegen – tote Menschen und es die Familie der toten Menschen traurig macht, wenn man auf den toten Menschen balanciert oder rumtrampelt. "
    liebe schneefrau. eins ist signifikant in deinem text. "ich will das nicht" dein kind will dir helfen bei der "gartenarbeit" du willst das nicht. dein kind will balancieren - du willst das nicht. und so weiter. schoen und gut. du hast dem kind das alles so erklaert, wie du es fuer richtig hieltest, aber es scheint, als haette dein kind dich nicht verstanden. zu sagen, dass keine kinder sterben, wenn man neben den kindergraebern steht ist nicht ehrlich sondern feige. du meinst, du musst dein kind vor der wahrheit "schuetzen". ich sehe das anders, ich sehe es so, dass sich durch einfache erklaerung vom lebenskreislauf bei einem kind erst gar nicht die angst vor dem tod aufbaut.
    wenn ich auf dem friedhof bei unserem grab ein kind spielen sehen wuerde, wuerde ich mich freuen. weil es das leben verkoerpert und einfach das leben lebt. nicht still und traurig ist auf knopfdruck, weil ein erwachsener es so will...

    03.12.2004, 19:38 von octopussy
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      @octopussy @octopussy: Du magst recht haben. Vielleicht ist es auch ein wenig Feigheit. Aber schau mal, wie schnell ist die Kindheit vorbei. Die Kinder werden früh genug mit schlimmen Dingen konfrontiert welche sie belasten. Ich will meinem Kind wenigstens ein paar unbescherte Jahre lassen wo es sich um sowas noch keine Gedanken machen muss. Das ist mein gutes Recht als Mutter und ich denke nur natürlich.

      03.12.2004, 19:44 von Schneefrau
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      @Schneefrau Aber liegt nicht genau da der Fehler? Das "Wissen um den Tod" mit "schlimmen Dingen" und absolutem Verlust der Unbeschwertheit" gleichgesetzt wird. Es gibt Kulturen, da ist der Tod kompletter Teil des Lebens, er wird in es intergriert und mit ihm wird gelebt. Vielleicht ist diese komplette Scham, dieses Ausblenden des natürlich für die Angehörigen traurigen Erlebnisses (ich spreche jetzt nicht z.B. vom gewaltsamen Tod eines Kindes) viel schlimmer als der Versuch einer unaufgeregten Akzeptanz.

      03.12.2004, 19:53 von Totekadan
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      @Totekadan richtig totekadan, tod is in unserem kulturkreis leider ein tabu. dabei ist er so normal wie geboren werden.

      03.12.2004, 19:58 von octopussy
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    traurig,das kinder auch sterben müssen. es muss furchtbar seien wenn die kinder voreinem sterben.
    gruß susi
    ps:wunderschöner text

    02.12.2004, 20:39 von seeedlady
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      @seeedlady ja und? der tod gehoert zum leben. ob man dabei jung alt oder mittelalt ist, ist im grunde egal. tod ist tod. klar, fuer die zurueckgebliebenen ist es ein verlust. aber dennoch geht fuer sie das leben weiter. das problem ist doch einfach, dass die menschen nicht loslassen wollen/koennen.
      es ist erwiesen, dass auf dem sterbebett liegende menschen erst sterben, wenn sie kurz alleine sind. warum? weil sie die anwesenheit der liebenden spueren und merken, dass diese nicht loslassen. deswegen halten sie dann auch am leben fest. und das, wo doch eigentlich schon alles vorbei ist.
      wie gesagt: kinder haben oft einen viel natuerlicheren umgang mit dem tod. die meisten erwachsenen bauen eine angst davor auf. und das bringt schwierigkeiten und erklaerungsnoete mit sich.

      03.12.2004, 17:55 von octopussy
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      @octopussy "es ist erwiesen, dass auf dem sterbebett liegende menschen erst sterben, wenn sie kurz alleine sind."
      Inwieweit ist das denn "erwiesen" worden??

      03.12.2004, 18:35 von Totekadan
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    ein kind kann sich einfach bildliche dinge besser vorstellen, als biologische abhandlungen über den tod und die bedeutung für hinterbliebenen. ich kenne viele kinder, die gut mit der vorstellung zu recht kommen, ihre oma oder ihr opa wäre im himmel und wurde auf sie hinabsehen und auf sie aufpassen. eine schöne art, andenken zu bewahren. -die momo

    02.12.2004, 20:03 von momo
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      @[Benutzer gelöscht] tatsache ist doch einfach, dass wir erwachsenen die kinder oft unterschaetzen. die machen sich sehr wohl ueber alles so ihre gedanken. und wenn sie was nicht verstehen fragen sie. ich denke keine eltern druecken ihrem kind zwanghaft auklaerung ueber sex oder tod auf. wenn man offene augen hat, merkt man, was das kind in seinem alltag mitbekommt. und kann es dann fragen ob es ragen hat.
      kinder haben einen viel natuerlicheren umgang mit dem tod.

      02.12.2004, 18:38 von octopussy
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    Als mein Opa gestorben ist, muss ich etwa 6 gewesen sein.
    Richtig verstehen kann man das natuerlich nicht, aber ich "erinnere" mich noch an den Morgen, als mein Onkel anrief, dass er gestorben sei und meine Mutter im Bett lag und gar nicht mehr aufhoeren konnte zu weinen.
    "Weisst du was, Mama, Opa ist jetzt oben im Himmel, und wird ganz traurig, wenn du so viel weinst!"
    Bis heute erinnert meine Mutter mich daran, wie ihr das geholfen hat.

    02.12.2004, 01:31 von Fofinha
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    nicht einfach das,,,
    meine nichte hat mal gefragt "wenn wir alle als menschen wiedergeboren werden, wollen wir dann wieder zusammen wohnen?" - da war sie vier

    23.10.2004, 21:11 von octopussy
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    Der Text ist wirklich sehr schön geschrieben.. .
    Es muss wirklich schwer sein mit einem Kind über den Tod reden zu müssen... .
    Aber du hast es sehr schön erklärt..und der Text regt wirklich zum Nachdenken an.

    13.09.2004, 21:38 von Lynn_
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