Ein Ende ohne Anfang
Ich sage ihr,dass das mit der Beerdigung nicht zählt. Das war kein Treffen. Das war Zufall. Toter Vater. Toter Stecher. Es bleiben 18 Jahre.
Es ist morgens. Früh. Vor der Arbeit. Ich treffe eine Fremde.
Sie will mich umarmen als ich ankomme. Ich will das nicht so gerne. Dann tut sie es doch und ich tus mit. Sie stinkt nach Alk und kalten Rauch. Ihre Augen sind trübe. Intravenöser Konsum.
Lange nicht gesehen sagt sie und ich lache ein wenig, weil 18 Jahre eigentlich eine Ewigkeit sind und sie es doch nicht waren. Sie schaut irritiert und ich wundere mich, dass sie noch merkt, dass etwas nicht stimmt.
Sie setzt an, redet was von aber aber, immer nur Ausflüchte, und ich sage ihr,dass das mit der Beerdigung nicht zählt. Das war kein Treffen. Das war Zufall. Toter Vater. Toter Stecher. Es bleiben 18 Jahre.
Sie habe ihn geliebt. Das sagt sie und sie erzählt von früher und alles was mal war oder gewesen sein soll. Gemeinsame Ausflüge in den Tierpark. Ich erinnere mich an nichts davon. Nicht einmal an sie.
Ungläubige Blicke treffen sie. Diesmal merkt sie nichts.
Wir bestellen dann und sie nimmt ein Bier und ich trinke nen Chai, weil das besser kommt so früh am Morgen.
Wir halten uns dann beide an unseren Getränken fest und sie redet wirres Zeug, findet wohl nicht die richtigen Worte, ich frage was sie eigentlich will und sie schaut ein wenig beschämt, zumindest starren ihre Augen in meine Richtung und mir wird ein Packen Fotos hingeschoben, die sie in ihrer Tasche hatte und ich weiß nicht, ob ich danach greifen soll.
Alte Fotos. Schöne Frau. „Lange her“,sag ich. Ich bin auf keinem der Bilder zu sehen. Papa auch nicht.
Entschuldigungen, Erklärungen, Schweigen. Immer wieder die selben Worte. Es macht nichts besser. Nicht bei mir, vielleicht tut es ihr gut, vielleicht tut es das.
Halbbruder. Aha. Kälte, Wärme, Freude, Trauer. Von allem ein bisschen und viel zu viel. Das tut weh. Das soll es nicht.
Überlegen, Gedanken ordnen, abwägen. Nein sagen, ja meinen. Andersherum. Ich weiß es nicht. 18 Jahre vergisst man nicht.
Es fühlt sich nicht richtig an hier mit ihr zu sitzen.
Das Wort noch eine Chance schwebt plötzlich in der Luft und ich bestelle mir auch ein Bier.
Leute ziehen an uns vorbei und ich ziehe an meiner Kippe, nur um irgendwas zu tun und sie brabbelt wild vor sich hin von Schweden und gemeinsam und ich denke einfach nur nein, nein, nein. Schweden gerne, irgendwann, aber nicht mit ihr. Irgendwann am Ende der Zigarette sage ich das dann auch und schiebe die Fotos zurück zu ihr und sie greift nach meiner Hand und ich werde wütend und sage viele Sachen, die ich vielleicht nicht so meine, eigentlich nur denke, die aber gerade gesagt werden müssen um den Abstand wieder zu vergrößern. Sie ist viel zu nah dran und dann wieder ganz weit weg. Da soll sie bleiben. Da wo sie immer war. Weit weg.
Die Kellnerin kommt und fragt ob sie noch was bringen kann, ich sage: “Die Rechnung.“ Ob zusammen oder getrennt? Getrennt.



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