Der-Steppenwolf 28.04.2004, 20:08 Uhr 20 3

Echte Freundschaften...

...oder: Patchwork

Wir gehen durch die Stadt.
Ich hab dich vom Kindergarten abgeholt, da ich heute eher zuhause war.
Wir haben keinen großen Auftrag - wir vertreiben uns die Zeit, bis deine Mutter von der Uni wieder da ist.

Wir werden ein paar Kleinigkeiten einkaufen und ansonsten überall herbummeln wo du oder ich gerade hin möchten.

Die Sonne blendet uns.

Ich liebe diese Momente mit dir allein.
Wir halten uns an der Hand und du singst eins deiner Lieblingslieder.
Eines von den Liedern, die du immer hörst, wenn du im Wohnzimmer auf dem kleinen Trampolin herumhüpfst und den Text mitsingst.

Ströme von beschäftigten Menschen ziehen an uns vorbei. Menschen, mit den Köpfen zum Boden geneigt - grübelnd.
Jugendliche – möglichst cool wirkend, Mütter über 40 – ihre Kinder anschreiend oder heulend hinter sich herschleifend…
Mir fallen sie auf. Ich muss mich gegen sie wehren.

Du siehst sie gar nicht. Du singst eines deiner Lieblingslieder.
Ich schaue dich an und sehe wie rein du noch bist.

Du lächelst mich an.

Wäre deiner Mutter dabei, du würdest sie gegen mich ausspielen wenn ich dir etwas sage.
Ich bin nicht dein Vater und sie ist deine Mutter – sie wird nachgeben.
Wärst du mit ihr allein unterwegs, würdest du ständig ein Riesentheater machen, um deinen Willen durchzusetzen. Sie ist deine Mutter – sie wird nur nachgeben wenn sie die Nase voll hat.

Wenn wir alleine unterwegs sind, ist es einfach.
Du weißt, du darfst alles was im Rahmen ist und weil das gar nicht so wenig ist, versuchst du auch nicht irgendwelche Marotten, mit Hilfe von Geheule, bei mir durchzusetzen.
Du fragst mich und wenn ich verneine ist es gut damit. Kein weiterer Stress.

Meistens bejahe ich.

Ich schaue in dein strahlendes Gesicht.
Du bist der jüngste Mensch den ich kenne.
Unsere Verbindung ist einzig und allein deine Mutter.

Wir kommen zum Marktplatz und du willst auf die ollen Schaukelpferde, die auf einer LKW-Feder stehen. Es wird lange dauern – aber mich kratzt das nicht. Ich setzte mich auf die Bank, rauche, sehe dir beim Wippen zu und komme mir eindeutig lässiger vor, als all die älteren Mütter oder jungen Paare, die ihre Kinder manchmal schon etwas anstrengend finden.
Du bist das auch ab und an – aber du bist immer noch lässiger als die meisten Kinder die ich kenne.

Ich sitze auf der Bank und grinse. Du wippst.

Nach einer Zeit steigst du von dem Holzpferd ab und kommst zu mir. Du setzt dich auf die Bank und kuschelst dich an mich.
Wir müssen eine Runde chillen.
Wippen und entspannt sein ist ganz schön anstrengend!

Ich sehe die anderen und muss mich gegen sie wehren.

Ich frage mich ob wir irgendwann genauso werden.
Ich sehe dich an und streichle deinen Kopf – du hast ganz weiche Haare.
Du siehst sie gar nicht und das freut mich irgendwie.

Ich schaue auf die Uhr und frage das nächste Ziel ab - nachdem du entschieden hast, wir auf einem wirklichen Spielplatz waren und in einem Café noch was getrunken haben – du eine Apfelschorle und ich ein Bier – gehen wir nach Hause. Die Mama wird gleich wieder zurück sein.

Wir sind auf dem Rückweg.
Ich muss dich tragen, denn du bist tooooootal kaputt…
Ich trage die Einkäufe für das Abendessen und dich – du liegst mit dem Kopf auf meiner Schulter und hast den Daumen im Mund.
Ich betrachte dich und weiß du schläfst nicht.

Ich liebe diese Momente mit dir allein.
Du bist der jüngste Mensch den ich kenne und die jüngste Freundin die ich habe.
An uns vorbei, ziehen immer noch die Menschen mit gesenkten Köpfen oder frustrierte Mütter. Du nimmst sie gar nicht wahr und wenn ich mit dir unterwegs bin, dann haben sie auch kein Gewicht mehr für mich.

Du bist 4 und ich 24…
…und du zeigst mir, dass sich mit dem Älterwerden, die Menschen immer weiter von ihrem Gegenüber und sich entfernen.

Wir kommen zuhause an und ich lege dich auf der Couch ab.
Ich packe die Einkäufe aus und „Sie“ kommt nach Hause. Ich höre, wie du ihr entgegenstürmst und weiß, dass ihr beide Hunger habt.
Ich mache den Herd an und grinse.
Ihr tauscht Zärtlichkeiten aus, wie es sie nur zwischen Mutter und Kind gibt und dann widmet ihr eure Aufmerksamkeit wieder mir.

Kind dieser Mutter – ich liebe dich weil du noch rein bist, du mir zeigst, dass du mich auch liebst obwohl unsere einzige Verbindung deine Mutter ist – weil du so jung bist und die Freundschaft, die du völlig bereitwillig eingegangen bist, die schönste ist, die ich pflegen durfte.

Ich konnte nicht ahnen, dass deine Mutter mich so verletzten würde.
Ich konnte vorausberechnen, dass du die Leidtragende sein wirst – aber ich habe niemals wirklich damit gerechnet.

Ich gehe durch die Straßen und muss mich gegen sie wehren – und ich denke, du nimmst sie auch langsam wahr. Du bist sehr klug.

Ich habe diese Momente mit dir geliebt – und du fehlst mir.

Viel Glück in der Grundschule…

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20 Antworten

Kommentare

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    na joah...ich verstehe...aber ich möcht schon dann auch mit dem frauchen nich getrennt sein wenn ich der papa mal werden sollte.
    ...kann man zwar auch nicht versprechen - abba ich seh mal zu was ich machen kann ; )

    26.01.2008, 18:00 von Der-Steppenwolf
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  • 0

    ...das "leider" verstehe ich nicht so wirklich.
    ...wäre ich der vater wäre auch nichts anders als jetzt - denn unsere beziehung konnte auch nicht überleben.
    ...aber alles cool so - denn nen ganz tollen daddy hat sie (mit dem ich übrigens auch sehr gut befreundet bin).
    ...is ja auch noch nichts verloren - ich kann mir ja immernoch selber nen zwerg basteln ; )

    ....uuuund nicht zu vergessen: danke sehr!

    26.01.2008, 17:12 von Der-Steppenwolf
    • 0

      @Der-Steppenwolf leider: weil du nicht ihr dad bist... aber wenn sie einen hat, der mindestens die gleichen gefühle hat, dann isses doch okay. und wie du sagtest: 2 freunde gewonnen. kann sie bestimmt auch behaupten!

      26.01.2008, 17:45 von natty1975
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  • 0

    oh!!! sehr schön!!!
    bin grad etwas.... ähm... sprachlos!!
    es ist so schön, weil du solche gefühle hast und niederschreibst und dabei nicht mal der vater bist.. leider!

    es gibt bestimmt väter, die nicht annähernd solche gefühle bei ihren leiblichen kindern haben.

    echt: wunderschön!

    26.01.2008, 17:05 von natty1975
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    mann, mann, mann...... ein fantastischer text.....!








    29.12.2006, 17:13 von kasimira
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    WOW!*seligüberhappyendlächel*

    26.06.2006, 14:58 von felis.felidae
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  • 0

    Ach ja...

    ...übrigens habe ich in ihrer Mutter mittlerweile eine wunderbare Freundin gefunden, deren Anwesenheit ich wirklich zu schätzen weiß und die mir eine grosse Hilfe gewesen ist, auf einem richtigen Weg einen grossen Schritt zu machen.

    ...ich stehe also noch immer in Kontakt mit beiden und mir ist die Möglichkeit nicht genommen worden, diese Freundschaft weiter zu pflegen.

    Ich habe also nicht 1 Erfahrung gewonnen und 2 Freunde verloren - sondern 2 Erfahrungen gewonnen und 2 gute Freunde dazu....

    05.07.2005, 21:06 von Der-Steppenwolf
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    Kannst du nicht auch ohne die Mutter mit der Tochter befreundet sein? Babysitter spielen oder so? Ginge das nicht? Hab von sowas keine Ahnung, aber das ist ja wirklich traurig!

    P.S.: Ich zeig den Text meinem Papa!

    07.08.2004, 22:18 von Rosa
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    der text macht mich nachdenklich und lässt mich zu der überlegung komme, ob das, was du so schmerzlich vermisst nicht das ist, was wir alle gern mal hätten. eine erfahrung welche dir immer wieder weiterhelfen wird, so schmerzhaft sie auch sein mag. denn nur so lernen wir dauerhaft.
    gänsehautcharakter....

    09.05.2004, 20:11 von Metzger
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    Hallo Steppenwolf,

    vielen Dank für diesen Artikel.

    Ich habe auch einen kleinen Freund, der allerdings mein Bruder ist.
    Er wohnt aber sehr weit von mir entfernt und ich sehe ihn nur ca. sechs mal im Jahr.
    Für eine Bruder-Schwester-Beziehung ist das nicht so toll.
    Anfangs wollten zum Beispiel die Kinder im Kindergarten ihm nicht glauben, dass er eine große Schwester hat! Ich war ja fast nie da...
    Er hat mich aber mit seinen fünf Jahren verteidigt und immer alles nicht nur für Mama und Papa, sondern auch für mich mitgebastelt! Osterkücken, Kastanienmännchen...
    Dann habe ich ihn einmal vom Kindergarten abgeholt und er hat nur ganz stolz die anderen Kinder angeschaut!
    Dabei bin ich nur so selten bei ihm!
    Durch ihn habe ich das Gleiche erfahren, was du schilderst und dass ist ein Geschenk, was nur Kinder geben können!
    Auch ich habe tierische Angst davor ihn vielleicht zu verlieren!

    Ich wünsche Dir alles Gute,
    Lixe.

    02.05.2004, 17:55 von Lixe
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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