Du warst nicht da
Familie kann man sich nicht aussuchen, man muss nehmen, was man bekommt.
Früher waren wir wie Pech und Schwefel, ich habe niemals Kritik dir gegenüber zugelassen. Von niemanden. Du warst für mich die beste Mutter, die man nur haben konnte und ich fand es gut, eine junge Mutter zu haben, mit der ich über alles sprechen konnte.
Dann hast du dich von Papa getrennt, die Scheidung eingereicht und wir sind in eine andere Stadt gezogen. Für mich war klar, wer der Schuldige war, weswegen die Ehe gescheitert ist. Papas Alkoholkonsum und die daraus resultierenden Schläge für dich. Manchmal auch für mich. Von daher war ich ganz froh, als du gesagt hast, dass wir vier jetzt ausziehen und von vorne anfangen.
Leider sah von vorne anfangen so aus, dass ich ziemlich schnell erwachsen werden musste. Ich musste mich um alles kümmern. Ums essen, um meine Geschwister, um den Haushalt und um mich selbst. Weil du lieber vor dem Computer gehangen und im Internet nach einem neuen Partner für dich gesucht hast.
Die hast du auch gefunden. Im Laufe der Jahre hast du uns drei Männer vorgesetzt, die uns den Vater ersetzen sollten. Einverstanden war ich mit keinem von ihnen.
Ein halbes Jahr vor meinem 18. Geburtstag hast du mir eröffnet, dass du in die Schweiz ziehen willst, sobald ich volljährig bin. Schließlich wäre ich ja dein großes Mädchen. Du hast mich gefragt, ob ich nicht Lust hätte auf eine eigene Wohnung. Klar hatte ich das, welche 17jährige hat das nicht? Dass das aber bedeutete, dass du meine Geschwister mitnimmst und selbst so weit weg bist, habe ich einfach verdrängt.
Wohnung war schnell gefunden, Mitbewohner auch. Ich hatte keinerlei Mitspracherecht, alles wurde über meinem Kopf hinweg entschieden.
2 Tage vor meinem Geburtstag bist du mit Sack und Pack in die Schweiz gefahren. Ohne dich von mir zu verabschieden. Du hast gesagt, dass du zu meinem Geburtstag auf jeden Fall wieder da bist. Du warst es nicht.
Du hast mir nicht zu meinem 18. Geburtstag gratuliert.
Du warst nicht da, als die fristlose Wohnungskündigung kam.
Du warst nicht da, als ich mein Abitur bestanden habe und gratuliert hast du mir auch nicht.
Du warst nicht da, als ich mit meinem ersten Freund nach 7 Jahren Schluss gemacht habe.
Du warst nicht da, als mein bester Freund gestorben ist.
Du warst nicht da. Papa aber schon. Auf ihn konnte ich mich die ganze Zeit verlassen. Und zwar blind. Ich bin mir nicht mehr so sicher, ob es seine Schuld war, dass die Ehe zerbrochen ist. Oder ob es deine Kleingeistigkeit war, die noch heute dafür sorgt, dass ich dir aus dem Weg gehe, wenn du zu uns kommst und deine Mutter, bei der ich wohne, besuchen kommst.
Du warst nicht da. Und jetzt willst du bei Facebook angeben, dass ich deine Tochter bin.
Bin ich das? Hast du es verdient, dass dich irgendjemand als Mutter bezeichnet, nachdem du erst mich und dann die anderen beiden nach und nach im Stich gelassen hast?
Familie kann man sich nicht aussuchen, Freunde schon. Deswegen habe ich die Anfrage gelöscht. Weil mein Leben auch sehr gut ohne dich funktioniert.



Kommentare
Der Schlussabsatz gefällt mir besonders gut..
06.12.2010, 20:29 von HurricaneHannah@HurricaneHannah Tja, so ist es leider. Habe mich sehr gut in meinem Leben ohne meine Mutter eingerichtet, auch wenn mir des Öfteren vorgeworfen wird, herzlos zu sein.
06.12.2010, 20:32 von SchmatzeKatze@SchmatzeKatze Papperlapapp herzlos..pff...zeig den menschn die das behaupten doch einfach diesen Text. das ist vernünftig finde ich und nicht herzlos.
06.12.2010, 23:07 von tschenni