Du versuchst ein Lächeln
Ihre Stimme am Telefon ist brüchig und stolpert über die eigenen Worte. Jeder zweite Satz ein Widerhaken, in dem sie sich verheddert und stürzt.
Du versuchst ein Lächeln und sagst ihr, dass alles gut ist. Und in Ordnung. Ins Telefon hinein, über 600 km sicher geglaubte Entfernung hinweg.
Aus ihrem Ton perlt das ölig glänzende, faul riechende, falsche vergiftete Mitgefühl, vor dem du früh genug gelernt hast, dich zu fürchten.
Sie baut aus ihren Worten Türme die einstürzen und sie unter sich begraben.
Alles ist schlecht oder gut, kontrollieren oder aufhalten kann sie es am Wenigsten, wie solltest du es dann können?
Ihre Stimme kratzt an deinem Hirn und setzt, millimetergenau die wohlbekannten Nadeln des Schuldbewusstseins an die altbekannten Stellen. Es schmerzt, weil das Gewebe dort schon so vernarbt ist.
Ihre Stimme fällt immer über die gleichen Laute, Doppelkonsonanten verschwinden in ihrem Rachen, der vermutlich säuerlich nach schlechter Kindheit riecht. Du musst es nur hören, um es zu wissen.
Sie legt sich einen Strick aus schwarzen Gedanken um den Hals und du bist so nah am Telefon und so weit weg -und das weit weg brauchtest du, damit du den Strick um deinen Hals durchschneiden konntest.- und sie zieht immer fester mit ihren dunklen Worten an ihrem Strick und deinem Herz.
Du sprichst zart und einfühlsam, wie mit einem dreijährigen Kind, das nicht verstehen kann, mit einem Kind, das auch nicht verstehen will. Du erklärst und gibst deiner Stimme diesen warmen, ruhigen Klang, sagst und beruhigst und versuchst von Ferne eine Hand zu halten, die du in dieser Situation in der Nähe gar nicht halten könntest, weil der Ekel dich so würgt.
Und sie zieht an dir und der Schlinge um deinen Hals und in roten Buchstaben flammt an den Wänden des Zimmers, das du für sicher erachtet hast, ihre Erinnerung und ihr Vorwurf auf.
Sie vergisst nach fünf Minuten, was sie vor eben diesen fünf Minuten zu dir gesagt hat. Du weist sie darauf hin, versuchst von Ferne ihre Hand zu nehmen und sie durch das Dickicht zu führen, die schwarzen Schnüre durchzuschneiden und ihr das Licht zu zeigen, dass sie sich mit all den Flaschen verstellt hat, weil es sie blendete.
Und sie fällt und verheddert sich, und jede Minute wird der Klang ihrer Stimme klebriger, warm, schwüler, du fühlst wie ihre dünnen Hände um deinen Hals das letzte bisschen Tochtergefühl aus dir herauswürgen wollen, Tochtergefühl, dass du in diesen Momenten nicht haben kannst und auch nicht mehr haben willst.
Aber sag das erst mal dem Schulgefühl, dass dich seit etwa einer halben Stunde ununterbrochen mit ihren leeren Flaschen in der Hand ins Gesicht schlägt, wieder und wieder und wieder. Sag das all deinen Dämonen und Komplexen die sich, wie auf Befehl, um dich herum aufgestellt haben und dir mit fauligen Zähnen im falschen Lächeln erklären, dass du und nur du und niemals jemand anders als du, du dreckiges kleines Stück Feigheit, für dieses Stück alkoholgeschwängerte Lebenskrise 600 km weiter weg verantwortlich bist.
Und die Angst reißt dir Stücke aus dem Fleisch, als sie sich mit ihren Krallen in deinen Magen frisst und mit leiser Stimme fragt, ob sie denn diese Nacht überleben würde, diese eine, ob nicht wieder doch etwas passiert.
Und du bist allein, 600 km weit weg von ihrer und deiner Lebenskrise, allein mit dem Telefonhörer in der Hand und ihrer Stimme im Ohr, die Minute um Minute kleine Fetzen aus deinem Herzen reißt. Und als du sie dann doch irgendwann alleine lässt, alleine mit all diesen Wortruinen, all diesen Stricken um ihren Hals, schlägst du wie von Sinnen gegen deinen Schrank und dein Lächeln liegt am Boden und schimpft dich eine verdammte Lügnerin.



Kommentare
ich glaube das ist eine mutter-tochter-ding.
12.07.2009, 09:21 von RedSonjaich kann den text bis in die letzte beschreibung eins zu eins nachvollziehen.
eine wirklich schmerzhafte erfahrung.
mein mutter war die meisterin der emotionalen erpressung. und die schuldgefühlsschiene war ihr standardakt.
liebe autorin: ein wirklich virtuoser text!
gruss von sunny
@RedSonja Ich sterbe bei deinen Texten.
17.10.2009, 18:50 von Madame_Hdas gehört empfohlen.
12.07.2009, 08:39 von RedSonja@[Benutzer gelöscht] Ok. Ich kenn das nicht. Deswegen sagte ich auch, dass es mein Problem ist...
12.07.2009, 09:15 von quatzatAber ich würde es gerne nachvollziehen können, da ich einige Leute in ähnlichen Situationen kenne. Da hilft mir der Text leider nur via kognitiver Schiene. :(
Vielleicht bin ich in ein paar Jahren bereit dafür. Dann lese ich ihn noch eimal.
Ich stolpere des öfteren über deine Bilder und sie erzeugen bis auf wenige Ausnahmen nicht wirklich Gefühle in mir. Ist mein Problem, ganz klar, aber schade, weil mich diese Situation sehr interessiert.
12.07.2009, 00:49 von quatzatTrotzdem ein dankeschön.