Kaddinsky 23.06.2007, 13:16 Uhr 33 18

Doch mut(t)iert

Ich hatte vor, mich dagegen zu wehren, mich nicht zu verändern, die Alte zu bleiben...

Gestern telefonierte ich mit meiner besten Freundin. Normalerweise verlaufen Gespräche mit ihr nach einem ähnlichen Muster: Der Frage wie es ihr geht folgt meist ein Brummen oder Knurren. Denn meistens geht es ihr nicht so prima. Ich bin dann für sie da.
Gestern war alles anders. Auf die obligatorische Frage wurde mir ein „sehr gut!“ entgegengejuchzt und ich war baff. Nachdem ich mich wieder gesammelt hatte, wurde mir schlagartig klar, was passiert war: „Scheiße klingst du verliebt!“ stellte ich fest. Und so war es. Nachdem sie mir in aller Ausführlichkeit von drei Flaschen Wein, einer gemeinsam bestiegenen Burg, wunderbaren Komplimenten und Schmetterlingen, die im Bauch Kettenkarussell fuhren berichtet hatte, kam die andere obligatorische Frage: „Und du?“

„Tja, was soll ich erzählen?“ sagte ich in einem beiläufigen Ton. Doch diese scheinbar beiläufige Bemerkung traf die Sache auf den Punkt: Es gibt da doch nur eines, wovon ich erzählen kann. Meinen Sohn. Denn was erlebe ich schon anderes? Von ihm könnte ich dafür ohne Ende erzählen. Dass und wie er immer so niedlich mit mir „plaudert“, wenn ich ihm den Arsch abwische. Dass er schon alleine einschlafen kann und sich dabei sein Schmusetuch wie wild in den Mund stopft. Dass ihm die Babyhaare ausfallen und nur noch ein kleiner „Iro“ in der Mitte seines Köpfchens die Stellung hält.

Wir gehen jeden Tag ein bis zwei Stunden spazieren, ich komme also schon noch raus. Auch treffe ich andere Menschen, doch meistens nur Mütter. Mütter hören sich gegenseitig gerne dabei zu, wenn sie erzählen, was die Kleinen schon können. „Sie hat nun schon wieder seit vier Tagen nicht gekackt,“ erzählte mir neulich meine Spazierengeh-Gefährtin. „Was???“ fragte ich ungläubig. Gestern hat nun mein Sohn auch einmal einen ganzen Tag nicht gekackt. Das war ganz schön gruselig für mich, da er sonst etwa fünf bis sechs Mal die Hosen voll hat. Ihr werde ich das erzählen, das hat Neuigkeitswert. Für Mütter.

Meiner besten Freundin erzähle ich vom geplanten Umzug und dass ich mir eine Dachgeschosswohnung angeschaut habe. Viel zu laut und viel zu kleine Zimmer. Außerdem erzähle ich ihr, dass ich am nächsten Tag feiern gehen werde. Da bin ich aber auch schon am Ende. Insgeheim bereue ich, dass ich nicht erst zwei Tage später angerufen habe, dann hätte ich endlich mal wieder ein Partyerlebnis zu erzählen gehabt und könnte zeigen, dass sich in meinem Leben auch ein paar Dinge nicht radikal geändert haben. Dass wir eben doch noch gemeinsame Gesprächsthemen und Interessen haben.

Es ist schwer, sich nach einer Geburt und beim Stillen nicht total zu verändern. Ich hatte vor, mich dagegen zu wehren, mich nicht zu verändern, die Alte zu bleiben. Doch da sind allein schon die blöden Hormone. Sie machen alles anders. Das ganze Leben dreht sich nur noch um eins: das Baby. Für alle anderen Dinge hat man kaum noch einen Kopf. Man ist „still-blöd“. Auch der Mann leidet darunter. Abgesehen davon, dass im Bett Flaute herrscht, so ist er sofort Nebensache, wenn der Sohnemann wimmert, hustet oder einen ganz neuen Laut von sich gibt. Wie oft ist das Babyfon schon in einen gemeinsamen Schmusemoment geplatzt? Ich kenne dann nichts.

Das seltsamste Erlebnis hatte ich neulich. Wir sahen einen Film mit Natalie Portman in der Hauptrolle. „Goyas Geister“ (empfehlenswert, übrigens). In einer Szene sitzen mehrere Prostituierte in einer Taverne, eine von ihnen hat ein Baby auf dem Schoß. In der nächsten Szene stürmen bewaffnete Männer hinein, schlagen alles kurz und klein. Die Mutter legt das Baby zum Schutz unter einen Tisch. Mein Herz wird ganz bang! Dann wird sie erschossen. Ich reiße meine Augen entsetzt auf! Als alles vorbei ist und eine Menge toter Menschen irgendwo herumliegen – es ist still – schreit das Baby. Mein Herz krampft sich zusammen, ich kann da nicht hinsehen. „Das arme, arme Ding!“ sage ich zu meinem Mann. „Das können die doch nicht machen.“ Und als bei „Grey’s Anatomy“ ein Frühgeborenes operiert wurde, musste ich den Raum verlassen. Mein Gehirn ist von den Hormonen dermaßen kontrolliert, dass man mir ein fremdes Baby hinhalten könnte mit der Aufforderung „Los, zieh es groß“ und ich würde keine Sekunde zögern, das zu tun. Ich bin von Kopf bis Fuß auf Baby eingestellt.

Das versuche ich meiner besten Freundin zu erklären. „Meine Hormone haben mich versklavt!“ – „Nun, dann weißt du jetzt wenigstens, wie’s den Männern immer geht.“

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33 Antworten

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    Also meine Kids sind jetzt 5 und 3 und ich muss sagen - jaa, so langsam werd ich doch wieder "die Alte"...

    15.11.2007, 19:36 von crazymum
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    d i t o ;-)

    02.11.2007, 15:20 von nebomoreoblaka
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    kaddinsky, du sprichst mir aus der seele!
    vor allem das mit den filmen! mir geht das immernoch haargenauso!
    unglaublich! auch wenn ich jemanden sehe, der zusammengeschlagen wird, denke ich an ihn als baby und was wohl seine mutter dazu sagen würde. und auch ich würde jedes baby dieser welt jederzeit aufnehmen und großziehen. ;) was haben wir doch für gigantische herzen in unseren brüsten ;)

    29.07.2007, 20:37 von JollyMacKay
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    "nun, dann wißt du jetzt wenigstens, wie´s den männern immer geht."....toll!!! ich hab so gelacht!
    meine cousine hat vor nem halben jahr ne kleine bekommen, danach hat sie sich auch so ähnlich gefühlt. gab n bisschen stress in der beziehung und so,aber was soll man den n machen?? ^_^

    26.07.2007, 12:45 von w_ode
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    also irgendwie kommt mir das bekannt vor. aber ich bin gerne mut(t)iert, denn meine kleine macht mich einfach nur unendlich glücklich und stolz. und davon soll die ganze welt erfahren ... ob sie nun will oder nicht :-)

    24.07.2007, 22:04 von dorfschoenste
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    geht vorbei, meistens. Bin selbst nicht mama, aber einige Freundinnen von mir. Manche sind total durchgedreht, die meisen Mamas die ich kenne, haben ein halbes bis ein Jahr ein bisschen gesponnen und sind wieder ganz die alte. Hängt aber auch von einem selbst ab, glaub ich.
    Naja mach das beste draus:-)

    29.06.2007, 02:25 von X-Pati
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    @ Kaddinsky -
    soziale Kontakte zu anderen Müttern sind SO wichtig! Und du machst doch erstaunlich viel... ( Kino, rausgehen, Party...)
    Mein Sohn ist mittlerweile fast drei Jahre alt und ich genieße noch immer jede Sekunde die wir gemeinsam verbringen. Obwohl er mich nun auch öfter mal zur Weißglut treibt.;-)
    Und weißt du - du hast nicht immer alles in der Hand. Sei froh, daß du dich im Moment noch ( bzw. nur ) über Windeln und deren Inhalt unterhälst. Bei mir wurde das irgendwann abgelöst von Gesprächen über Trennung und meiner notgedrungenen neuen Arbeit ( ich hatte mir gewünscht bis zum KiGa bei meinem Kind bleiben zu können ), Krippenplatz, Ferienbetreuung, Jugendamt, Geldsorgen, usw usf.
    Auch das hängt den "Freunden" leider manchmal zum Halse heraus. Verständlicherweise.
    Die Zeit mit meinem Kind verbringe ich nun viel Intensiver und wir haben zum Glück ein sehr gutes Verhältnis zum Vater...

    Mein Hobby (Musik machen) hilft mir immerwieder sehr etwas neues in mein Leben zu integrieren. Unser letztes Konzert war einfach toll!
    Würde ich nicht arbeiten, könnte ich jetzt keinen Eintrag zu deinem Artikel verfassen, denn ich habe keinen Rechner daheim. Also ist doch alles gut so wie es ist. In jeder Lebenssituation. Denn die machen uns zu dem was wir sind. Und nur so werden wir uns verändern und formen.

    Also genieße die Zeit die du so verbringst.

    Lieben Gruß von der fast ent-mut(t)ierten

    26.06.2007, 12:36 von SuppenJessi
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      @SuppenJessi sehr schön gesagt :)

      26.06.2007, 14:38 von Kaddinsky
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    Wenn ich solche Berichte lese, sträubt sich alles in mir gegen eigene Kinder. Und ich habe die Erfahrung auch schon gemacht, dass sich angeblich "gute Freundinnen" einfach nicht mehr melden, nicht mehr zu irgendetwas zu gebrauchen sind, weil sie ein Kind bekommen haben und in einer anderen Sphäre schweben. Es scheint ein Teufelskreis zu sein, denn diese Freundinnen haben sich auch nach den hier erwähnten zwei wichtigen Anfangsjahren nicht wieder gemeldet oder sind wieder "normal" geworden. Was diese Freundinnen mit ihren Männern machen oder inwieweit die vernachlässigt werden, weiß ich nicht. Vielleicht würde ich mich sonst noch mehr gruseln.
    SCHADE, dass es so ist. Vielleicht möchte ich irgendwann Kinder haben. Aber wenn man immer wieder davon hört, dass Frauen sich tatsächlich und sogar gegen den eigenen Willen so verändern …
    Wenn ich dazu noch solche Schlagwort wie "unterschiedliche Lebenswelten", "sowas verstehen nur Eltern unter sich" lese - das deutet für mich darauf hin, dass man sich entfremdet von seiner Umwelt. Und das wäre mir ein Kind nicht wert.

    26.06.2007, 11:46 von JoanMadou
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      @JoanMadou liebe Joan: wenn du gegen deinen inneren, eigentlichen Wunsch keine Kinder bekommst, dann solltest du dafür ein besseres Argument haben. Ich habe zu fast allen meinen Freunden trotzdem noch einen guten Kontakt. Die anderen waren es eben auch nicht wert.
      Die Herausforderung, die Kinder darstellen, ist es doch eben: zu lernen, sich selbst völlig zurückzunehmen (die ersten Monate), zu lernen, eine Brücke zu den Nichteltern zu schlagen und ihnen begreiflich machen, was passiert und dass das nicht schlimm ist und zu guterletzt: sich selbst nicht verlieren. Es muss für dich falsch angekommen sein, aber seit meinem Sohn ist mein Leben viel reicher, als vorher.

      26.06.2007, 14:37 von Kaddinsky
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