Kiyan 30.04.2008, 13:07 Uhr 16 10

Dinner mit Mutti

Es gibt Dinge, über die man mit seinen Eltern gar nicht gerne spricht: Sex zum Beispiel.

Sie sah irgendwie anders aus als sonst.

Immerhin schon Anfang 60, hatte sie sich gut gehalten und wirkte auf gewisse Weise eher jugendlich und keineswegs altbacken, wie so viele ihrer Generation. Das würde auch nicht zu ihr passen. Schräg und unkonventionell, wie sie meistens gewesen ist, war sie immer für eine Überraschung gut, egal, ob man überrascht werden wollte oder nicht. Ich dachte, dass mich bei ihr nichts mehr in Erstaunen versetzen könnte. Aber das tat es, als sie auf mich zukam.

Wir hatten uns 2, 3 Monate nicht gesehen.
Eine Spur zu überschwänglich herzte und drückte sie mich an sich, schmiss salopp ihren Mantel über die Stuhllehne und plapperte fröhlich auf mich ein. Sie strahlte. Ihr Gesicht, weich und entspannt. Sie trug andere Klamotten, flott und modern, ohne, dass es gezwungen aussah, hatte eine neue Frisur und war dezent geschminkt. Nein, hier stimmte was nicht. Sie trug sonst nie Make-up. Ich brannte vor Neugierde und nippte gespannt an meinem Weiswein.

„Junge, ich bin verliebt“.
Ich verschluckte mich an dem Wein. Hatte ich mich verhört? Nein. Sie grinste mich pubertär an. Frau Mama hatte vor über 10 Jahren die Scheidung eingereicht, weil mein Vater in seiner Midlifecrisis die Finger nicht von anderen Frauen lassen konnte. Seitdem genoss sie ihr Singledasein und gestaltete ihr Leben, so wie es ihr gefiel. Warum sollte sie sich in ihrem Alter nicht noch einmal verlieben? Ich gönnte ihr einen netten Typen, der sie verwöhnte und offensichtlich stand ihr das gut.

Sehr sogar.
Sie erzählte und erzählte und ich hatte Mühe, die Flut von Informationen zu sortieren. Wo, wann und wie sie ihn kennen lernte, wie aufmerksam und liebevoll er sie umsorgte und wie viel Spaß sie miteinander hatten. Sie war glücklich, fühlte sich seit langem wieder wie eine Frau, begehrenswert, schön und sexy. Sexy? Ich nahm einen großen Schluck und hoffte, dass sie das Thema diskret aussparte. Sex gehört nicht wirklich zu den Dingen, die man auch als erwachsener Sohn nicht unbedingt im Detail mit seinen Eltern bespricht, schon mal gar nicht mit der Mutter über ihren. Komisch, ist aber so.

Sie hatte meine flehenden Blicke nicht bemerkt.
Und sparte das S-Thema nicht aus. Im Gegenteil. Er wäre so einfühlsam, ginge auf ihre Bedürfnisse ein. Niemals hätte sie so guten Sex gehabt, manchmal bekäme sie in einer Nacht das, was man multiple Orgasmen nennt, so gut wäre er im Bett. Voller Manneskraft, jeden Tag bereit für ein weiteres Abenteuer mit ihr. Und wie er sie küsste. Mir wurde heiß und ich überlegte krampfhaft, wie ich aus der Nummer elegant rauskommen könnte. Keine Chance. Schwärmend beschrieb sie ihn und seine Vorzüge in den schillerndsten Farben. Der Kerl muss ein Hengst sein.

Klar, natürlich freute ich mich für sie.
Wenn Muttern glücklich ist und jemand gefunden hat, mit dem sie vielleicht ihren Lebensabend verbringen kann, meinen Segen hat sie. So lange sie nicht über Sex spricht. Ihren Sex. Kichernd ließ sie mich weiter an ihren pikanten Erlebnissen mit ihm teilhaben und endlich auch mal zu Wort kommend, fragte ich nach dem Alter ihres neuen Helden. Stille. Was kommt jetzt? Erwartungsvoll taxierte ich sie, während sie etwas verlegen in ihrem Salat stocherte. Hallo?! Sie zierte sich zunächst wie ein Backfisch um mir dann schelmisch lächelnd ein 35 entgegen zu werfen.

35?
Fünfunddreißig! Ich glotzte sie fassungslos an. Meine eigene Mutter trieb es mit einem halben Kind. Noch unentschieden, ob ich nun entsetzt vor Scham unter den Tisch rutschte oder mir gleich ne ganze Flasche Wein bestellen sollte, lachte sie schallend und tätschelte meine Hand. Offensichtlich war mir jegliche Mimik aus dem Gesicht gefallen, denn leicht gequält versuchte ich den Anflug eines Lächelns. Es gelang mir nicht. Meine Schamesröte schien sie köstlich zu amüsieren. Schön, dass ich ihr Amüsement nicht teilen mochte. Wie konnte sie nur, was sollen die Leute von ihr denken, wenn sie sich mit so einem jungen Spund zeigte, womöglich Händchen haltend, gar knutschend? Ihr war alles zuzutrauen, spätestens jetzt.

Ich redete auf sie ein.
Das geht doch nicht, denk an die Leute, du machst dich lächerlich. Ich raffte alles zusammen, was mir an Bedenken gerade einfiel, ohne zu merken, dass ich gerade erstaunlicherweise das Paradebeispiel eines konservativen Spießers gab. Meine Argumente verpufften. Nein, sie war völlig anderer Ansicht. Es war ihr Leben, ihre Gefühle und seine. Es passte. Und sie wollte sich das von niemandem kaputtmachen lassen. Was interessierte sie das Gerede anderer, die sollen vor ihrer eigenen Haustüre kehren. Sie war glücklich und zufrieden, so wie es ist. Nie hätte sie geglaubt, sich noch mal zu verlieben, sich wieder jung und anziehend zu fühlen. Er gab ihr das alles und selbst, wenn es vielleicht nicht für ewig dauerte, wollte sie jeden Augenblick mit ihm ausleben, so lange es geht.

Das klang trotzig.
Aber sie hatte recht, das musste ich einsehen. Es ist ihr Leben und ihr Glück. Meine Gedanken schwirrten und obwohl ich mich noch nicht so ganz damit anfreunden konnte, künftig an ihrer Seite einen 25 Jahre jüngeren Mann zu sehen, grinste ich sie verlegen an und brabbelte irgendwas von gutem Gelingen. Erleichtert, dass ich nicht kreischend aus der Kneipe gerannt bin, kitzelte sie mich wie seit Kindertagen zärtlich am Kinn und freute sich, dass ihre unkonventionellen Erziehungsmethoden bei mir gefruchtet hatten. Meine Toleranz wäre ein großes Geschenk für sie. Na, wunderbar. Hätte nie gedacht, dass dabei auch mal irgendwann von ihrem Liebesleben die Rede sein könnte, ich musste wohl dringend meinen Horizont um einiges erweitern. Was soll’s, dann hat sie eben einen jungen Liebhaber. Wenn’s schön macht.

Wir saßen noch bis in die späten Abendstunden zusammen, sprachen über alles mögliche, vor allem von ihm und Gott sei Dank nicht mehr über Sex. Nicht ganz. Schon leicht angesäuselt beugte sie sich zu mir rüber und flüsterte mir gurrend ins Ohr, wie er sie nannte, wenn die beiden das Bett unsicher machten.

„Zuckermutti“

...

„Wie du meinst, Mama. Kellner, bitte zahlen“

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16 Antworten

Kommentare

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  • 0

    janz jroßet kino!
    schade, dass ich den erst jetzt entdeckt hab.

    29.10.2008, 19:01 von sophietrauer
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    :)

    13.06.2008, 10:05 von Verlchen
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    Eltern? Sex? Seit wann gibt es denn sowas?

    Grauselige Vorstellung - umso lustiger die geschichte

    03.06.2008, 00:21 von B4N4N3
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    Hat der _weiswein_ ne besondere Bedeutung?

    10.05.2008, 08:54 von quatzat
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    Jajajajajajajaaaaaaa, kichert ihr nur alle, pppffffffft!
    ;-)))

    05.05.2008, 22:36 von Kiyan
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    Eltern haben SEX? Sehr unangenehme Vorstellung! :O

    05.05.2008, 17:22 von suppentasse
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    mich selbt in dieser situation vorstellen - schrecklich! Aber ueber dich kann ich lachen. Ueber deinen Text wohl eher! Aus dem Alltag gegrifften, denn leider (auch wenn wir es gar nicht wissen wollen) haben auch Eltern Sex. Sehr gut!

    05.05.2008, 16:08 von tanz-bar
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    hehe ich grinse in mich hinein, aber ich wunder mich auch langsam, bin ich die Einzige, die den Gedanken normal findet..
    Wieso denn immer dieses peinlich berührte? Ich verstehs nicht =)

    04.05.2008, 02:01 von elixa
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    Es ist ja kaum etwas amüsanter, als wenn Leute, die über nichts so offen reden wie über Sex, auf einmal ganz unpässlich werden, wenn es um den Sex der eigenen Mutter geht. ;-)

    Aber keine Angst, es ist deshalb amüsant, weil ich es nachvollziehen kann.

    02.05.2008, 20:13 von Songline
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  • 0

    du armes. dein stiefvater - jünger als du?

    es tut mir leid, aber ich stell mir den abend trotz der schwitzattacken, die du erlebt haben musst, aus der beobachterperspektive urkomisch vor... :)) *kicher*

    30.04.2008, 20:50 von ira.gold
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