lalina 17.12.2013, 11:40 Uhr 12 39

Dieses Jahr

Ich habe sie gezählt. Es sind acht Kunstdrucke von Rothko, eingerahmt in graublauen Rahmen passend zum Linoleumboden, der stets frisch gewischt ist. Acht Kunstdrucke den langen Flur hinunter bis zu deiner Tür. Du sagst, du hättest das schönste Zimmer auf der Station. Zwei Seiten Fensterfront mit Blick in den waldähnlichen Park. Das Zimmer ist großzügig geschnitten.

Du fragst, ob es schlimm sei, wenn du dieses Jahr keine Plätzchen backst und ich antworte dir, dass es nicht schlimm sei und ärgere mich darüber, dass ich vergessen habe, dir welche von meinen mitzubringen. Beim nächsten Mal, denke ich. Beim nächsten Mal bringe ich auch wieder frische Blumen mit, sage ich laut und du, dass ich das nicht müsste. Ich will, dass du es schön hast hier. Vor meinen Augen der Esszimmertisch in eurem Haus mit immer frischen Blumen. Du sollst dich doch wohlfühlen. Ein verkniffenes Lächeln in deinen wie auch in meinen Mundwinkeln.

Jede deiner Bewegungen schmerzt. Ich kann es sehen, wenn du versuchst dich aufzurichten. Und dennoch tust du so, als ginge es dir gar nicht so schlecht, weil du denkst, du müsstest vor mir so tun. Manchmal macht mich das traurig und wenn ich länger darüber nachdenke, eigentlich ständig. Ich muss gestehen, manchmal versuche ich nicht an dich zu denken, wenn ich beispielsweise arbeite oder mich mit Freunden treffe, wenn mein Leben einfach so weitergeht, obwohl deins seit Monaten nun auf dem Kopf steht.

Du fragst nach Weihnachten, und was ich mir wünsche. Ich sage dir, dass sei nicht wichtig. Du lässt nicht locker und ich muss mich anstrengen darüber nachzudenken, wo doch mein Kopf voll von dir ist, immer wenn ich hier bin. Einen Föhn, sage ich, und einen Wasserkocher. Du lächelst zufrieden und machst dir eine Notiz auf der Zeitschrift, die auf dem Tisch liegt, an dem wir sitzen. Und ich überlege, ob ich laut sagen soll, was ich mir noch wünsche, lasse es aber, weil ich weiß, dass dich das traurig macht. Und du eh weißt, dass deine Gesundheit mein allergrößter Wunsch ist. Ich erzähle von der Arbeit, meinem Freund, frage nach den Gesprächen mit den Ärzten und was du sonst so gemacht hast seit gestern, seit meinem letzten Besuch. Du erzählst und freust dich, dass ich da bin, auch wenn eigentlich gar nichts passiert. Am Ende verabschiede ich mich mit einem Kuss auf den Mund und einer nur leichten Umarmung wegen der Schmerzen. Ich schließe die Tür hinter mir, laufe den langen Flur hinunter und am letzten Druck von Rothko kommen die Tränen. An anderen Tagen erst, wenn ich die Treppen hinuterlaufe oder mein Fahrrad aufschließe.

Und manchmal in diesen Tagen liege ich nachts wach und möchte nicht schlafen. Ich zähle die Stunden, bis der Wecker wieder klingelt. Stunden, die ich lieber mit dir verbringen möchte. Aber ich bin - ohne dich.

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12 Antworten

Kommentare

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  • 1

    So ähnlich leider auch gerade erst erlebt. Leider nicht einfach so was :(

    19.12.2013, 10:37 von Zauber_Bar
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  • 0

    kunstvoll geschrieben...

    19.12.2013, 09:54 von nuescht
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  • 1

    Danke, fühle mich zurückerinnert, an damals. Schöner Text!

    19.12.2013, 09:13 von headofunicorns
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  • 8

    Gestern im DM.
    Da stand sie an der Kasse. Eine Frau, halb im Körper meiner Mutter, halb in dem meiner Oma.
    Schlohweiße Haare, sorgfältig zurechtgemacht - trotz der erkennbaren Beschwerlichkeit jedes Kammstrichs, der dazu nötig war.
    Ihre Tasche wie immer viel zu groß. Der Rücken, trotz der Altersschwere, viel zu gerade. Gesten, ganz langsam und stolz. Klein sah sie aus.
    Sie bedankte sich für das Wechselgeld. Für den nachgereichten Bon. Mit einer Stimme, die mir ganz unbittelbar die Tränen in die Augen trieb, weil ich mich plötzlich zeitversetzt fühlte.
    Zuerst zurück, etwa fünf Jahre. Da ging Oma noch allein in die Stadt. Das kann sie heute nicht mehr.
    Dann dachte ich nach vorn. Sah meine Mutter dort stehen. Das Kleingeld verräumen mit schmalen, fleckigen Händen.
    Weiterdenken wollte ich nicht, es passierte trotzdem.

    Da ging es mir dann auf.

    18.12.2013, 20:29 von JackBlack
    • 1

      Selbst deine Kommentare sind schon kleine berührende Geschichten :)

      19.12.2013, 10:32 von miriam_dahlinger
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 1

    Du sprichst, wie ich spreche. Du denkst, wie ich denke. Deine Worte sind Gedanken, deine, meine, seine. Jedes Einzelne liegt auf den Lippen und könnte nicht klarer, nicht kürzer, einfach gar nicht anders sein.
    Ich hoffe inständig, dass du das noch im Flur niedergeschrieben hast. Weil wenn du das erst später geschrieben hast, ob nun zu Haus oder in der Bahn, dann werde ich unendlich neidisch sein.

    18.12.2013, 19:19 von HannoHonig
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  • 1

    Ich finde, dass du diese Krankenhaus-/ Altersheimsituation sehr gut eingefangen hast.

    18.12.2013, 14:48 von miriam_dahlinger
    • 1

      das finde ich auch. klingt eher nach Krankenhaus...?

      18.12.2013, 15:08 von holycrap
    • 0

      Hätte ich jetzt auch eher gemutmaßt.

      18.12.2013, 15:11 von miriam_dahlinger
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