Honigstaub 16.05.2010, 14:03 Uhr 0 0

Die Welt schrumpft in einer Minute

"Es war doch zu erwarten." sagen die Leute. "Es ist besser so." Aber ich weiß gar nicht, was jetzt besser sein soll. Und wer erwartet schon den Tod?

Irgendwann muss jeder gehen, das gehört dazu. Ich versteh das auch. Ich verstehe auch, dass es auch in meiner Familie so gehen muss. Oben im Kopf, da versteh ich das. Aber wenn es dann wirklich passiert, dann ist mein Kopf gar nicht da. Dann versteh ich das nicht, und soll ich ehrlich sein? Ich will es dann auch gar nicht verstehen.

Wieder die Nachricht über den Tod eines nahestehenden Menschen. Jedes Mal wird ein Stück Kindheit aus mir heraus gerissen, weggetragen an einen anderen Ort. Bilder von Sommern in Apfelbäumen und mit Kirschen hinter den Ohren. Wieder ein Mensch weg, der einen so genommen hat, wie man war. Eine Art von Mensch, die man sich im Leben so hart erkämpfen muss und ich bin mir nicht mal sicher, ob man sie sich erkämpfen kann. Menschen, zu denen man kommen kann, egal was passiert ist. Familie eben. Wieder schrumpft der Kreis.

Was mit mir los sei, fragt eine Freundin per SMS. "Wer gestorben." schreibe ich kurz zurück und werde gefragt wer denn. Ein ganzes Leben in eine SMS packen? Das kann ich nicht. Ich kann doch nicht den Namen in dieses kleine Kästchen tippen. Ich antworte nicht.

Und während der Kreis schrumpft höre ich jedesmal die selben Sätze: "Es war besser so." Aha. "So ist das Leben." Ja. "Er war doch schon so alt."
Ja war er, er war alt, er war krank, er hatte sein Leben gelebt. Aber ich hatte ihn trotzdem lieb. Und jetzt ist er weg.

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