Rechtschreibbroblem 17.05.2009, 13:14 Uhr 40 11

Die Vaterschaftsanerkennung

Der ganz normale Wahnsinn in deutschen Rathäusern. Der Autor wünscht sich, er hätte sich die Geschichte einfallen lassen und nicht selbst erlebt.

Um uns den unnützen Weg zu ersparen, weil wir wegen zu hohen "Bürgeraufkommens" leider nicht an die Reihe kommen, haben wir uns einen Termin geben lassen. Meine Freundin und ich gehen ins Rathaus und setzen uns in einem leeren Gang auf leere Bänke. Ich klopfe zögerlich an eine Tür - ohne eine Antwort zu erwarten. Zehn Minuten nach unserem Termin (vermutlich als das nette Gestell mit den schaukelnden Metallkugeln auf dem Schreibtisch endlich zu Ruhe gekommen ist) werden wir hereingebeten.

Nach einer kurzen Erklärung, dass wir riesiges Glück hätten, dass wir einen Termin haben, da wir sonst heute nicht ansatzweise eine Chance gehabt hätten dranzukommen, meint unsere URKUNDENBEAMTIN, wobei es Ihr sehr wichtig ist dass sie unsere URKUNDENBEAMTIN ist: "Zuerst brauche ich den Personalausweis und die Geburtsurkunde von Ihnen Fr? - kurze Pause, in der sie mit gesenktem Kopf über ihre Brille auf Ihre Notizen schaut - Fr. Berger".

Als meine Freundin ihre Geburtsurkunde aus dem Umschlag nimmt, erkennt unsere URKUNDENBEAMTIN sofort, dass sich in dem Umschlag auch Kopien davon befinden und weist meine Freundin darauf hin, dass sie sie jetzt eigentlich wegen Urkundenfälschung anzeigen müsse, da sie ja schließlich eine URKUNDENBEAMTIN sei, und meine Freundin diese Kopien umgehend zu vernichten habe. Soweit konnte ich noch in mich hineinlachen und innerlich den Kopf schütteln.

Die Eingabemaske des altertümlichen PC's will nun die Geburtsurkundennummer wissen. Diese fünfstellige Nr. hat leider vor vielen Jahren einer ihrer Kollegen auf der Urkunde leicht verrutscht abgedruckt, so dass die letzte Zwei den Rand berührt. Darum sieht sich unsere freundliche URKUNDENBEAMTIN nicht in der Lage, diese Zwei zu entziffern. Auf die Frage, ob denn irgendeine andere Zahl als eine Zwei in Frage komme, meint sie nur, sie könne das unmöglich auf Verdacht eingeben. Nicht diskutierbares Ergebnis: Meine Freundin muss sich eine neue Geburtsurkunde ausstellen lassen. Während ich im Geiste gerade über den Schreibtisch springe und meine URKUNDENBEAMTIN am Boden liegend würge, höre ich ein: So, dann bekomme ich bitte ihren Personalausweis und ihre Geburtsurkunde.

Nachdem sie, meine Daten vorliegend, ein bisschen im Zweifingersuchsystem auf ihrer verstaubten Tastatur herumgeklickt hat, höre ich ein "ihr Geburtsort existiert nicht!" Die sich mir aufdrängende Antwort: "Also ich hätte schwören können, dass ich gestern Abend in den Nachrichten noch von der Existenz Berlins gehört habe?!" behalte ich für mich. Ich schaue weiter abwesend aus dem Fenster und nehme ein: "So, ihre Urkundenbeamtin wird jetzt mal in Berlin anrufen und das für Sie klären!" wahr. Ich falle gedanklich auf die Knie und küsse ihr für diese Serviceleistung die Füße. Während des Telefonates kommt man nicht umhin mitzukriegen, dass sich die andere Stimme am Telefon nur noch fragt, ob hier herunten in Bayern eigentlich alle bescheuert sind. Meine "URKUNDENBEAMTIN" eröffnet mir anschließend feierlich, dass mein Geburtsort jetzt nicht mehr "Berlin Steglitz" sondern "Berlin Steglitz - Ortsteil von Zehlendorf" heißt. Als sie mich, mit tiefem Blick in meine Augen, dreimal hintereinander fragt, "Woher Sie sowas denn wissen solle", bin ich leider nicht anwesend, da ich zur Ablenkung (um nicht zu sagen zur Aggressionsbekämpfung) in Gedanken mit dem Motorrad meine Hausstrecke rauf und runter fahre...

Anschließend legt sie mir die Vaterschaftsanerkennung auf den Tisch, und als mein Griff intuitiv zum Kugelschreiber geht, schießt Sie mir ein scharfes: "Sie müssen sich schon durchlesen, welche Pflichten sie damit übernehmen, bevor sie unterschreiben" entgegen. Das kann ich mit einem: Das weiß ich natürlich noch ("komplett auswendig" nimmt mein Ironiefilter aus dem Satz) von meiner ersten Tochter. Während ich meine Unterschrift setze und jedes noch so kleine Teilchen in meinem Körper nur noch in Richtung Ausgangstür stürmt, bekomme ich von meiner URKUNDENBEAMTIN noch einen Tipp:

"Ich möchte Ihnen doch sehr ans Herz legen, sich eine neue Geburtsurkunde ausstellen zu lassen". Ein: "Alles klar, ich fahr mal eben nach Berlin, nicht dass sie eventuell beim nächsten Mal noch ein Telefonat führen müssen" bleibt unausgesprochen, und ich gebe mich ganz der Anziehungskraft der Ausgangstür hin, während ich meiner URKUNDENBEAMTIN noch ein: "Das werde ich gleich nächste Woche in Angriff nehmen" hinterlasse......

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    Auf meiner Geburtsurkunde steht der Nachname, den ich bei der Geburt hatte, also der Name meiner Mutter. Da meine Eltern dann aber vier Jahre später geheiratet haben, hieß ich dann anders. Nur: Woher soll ich wissen, dass diese Namensänderung sich RÜCKWIRKEND auf meinen Geburtsnamen auswirkt?
    Jedenfalls hat es viele Telefonate gekostet, eine korrigierte Gebusrtsurkunde mit dem- meiner Meinung nach nicht richtigen- Geburtsnamen zu erhalten, damit ich dann meine Tochter offiziell anmelden konnte...
    Verstehe einer mal diese Leute...

    24.11.2009, 14:35 von bananen-nutellabrot
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    das sind termine die man auch nicht wahrnehmen möchte wenn man ansonsten gar keine sozialen kontakte hat.
    ich hätte bestimmt die beherschung verloren.
    meine hochachtung!

    24.10.2009, 20:09 von arkti
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    seite 1? wofür?
    deine ironie ist nichtmal originell.
    aber schön, das wir jetzt endlich wissen, wie unfähig und steif ämter in deutschland sind. das ist ja mal endlich was ganz neues.

    19.10.2009, 02:05 von analog
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    Klaro habe ich den Amtsschimmel auch schon Wiehern hören, allerdings nicht bei der Vaterschaftsanerkennung,
    natürlich sind wir belehrt worden, natürlich wurde meine Freundin gefragt ob ich denn der Vater wäre (in meinem Beisein ;O)))))))) und natürlich wurde Sie auch gefragt ob Sie der Erziehungsberechtigung meinerseits zustimme.....

    Aber ansonsten waren alle freundlich, höflich und sogar etwas witzig .

    Ist nicht auf jedem Amt so, aber unterschiede gibt es auch beim Bäcker, Maler, Automechaniker undundund

    14.10.2009, 21:02 von ARCENCIELDAMOUR
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    deinen geburtsort gibts auch jetzt noch nicht :D
    steglitz ist nie und nimmer ein ortsteil von zehlendorf. war es auch nie. wird es zum glück auch nie sein ;)

    13.10.2009, 22:30 von nutella
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    super Text, hab nach dem Lesen gemerkt, dass ich völlig angespannt zähneknirschend da saß und der Beamtin am liebsten durch den Bildschirm an die Gurgel gegangen wäre...

    13.10.2009, 13:45 von HisHiasness
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    "Also ich hätte schwören können, dass ich gestern Abend in den Nachrichten noch von der Existenz Berlins gehört habe?!"


    LOOL

    sehr witzig:)

    13.10.2009, 11:28 von haidenkind
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    gefällt mir nicht. ist mir zu aggressiv.

    12.10.2009, 23:46 von gluecklich21
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