Henning_Friese 04.06.2007, 13:40 Uhr 19 12

Die neue Bekannte

Wenn sich Menschen, die wir lieben, für Dinge entscheiden, die für uns nicht nachvollziehbar sind, bleiben uns nur wenige Möglichkeiten: Entweder wir akzeptieren es, rennen weg oder machen beides.

Ich fahre die Auffahrt hoch, es ist seine neue Auffahrt. Während ich versuche, so leise wie möglich zu fahren merke ich, dass irgendwas nicht stimmt. Es ist die Anordnung der gepflasterten Steine. Ich sehe es sofort. Außerdem muss ich einem recht großen Schlagloch ausweichen. Man könnte denken, dass alles in dem Leben desjenigen, den ich heute besuche genauso ist, wie diese Auffahrt: uneben und voll von Schlaglöchern.

Mein kleines Auto kommt zum Stehen. Ich habe Angst. Angst vor dem, was mich gleich erwartet oder es ist vielleicht einfach nur die Angst, dass ich erneut in meinem Leben feststellen muss, dass ich meine Auffahrt schon eben gepflastert habe und mit beiden Beinen auf dem Boden stehe. Bei dem, den ich besuche, sollte es vom Alter her schon längst so sein. Es sollte.

Viele haben mich auf die Situation angesprochen und begründen alles mit nur zwei Wörtern - “Midlife Crisis“. Wahrscheinlich fällt diesen Menschen nichts Besseres ein, weil sie den Dingen nicht so auf den Grund gehen wollen oder weil sie die betroffene Person nicht gut genug kennen. Ich kenne sie hingegen genau und weiß was der Grund allen Schlechten ist: Es ist die pure Angst davor, zu dem zu stehen was man ist.

Ich stelle den Wagen ab und ziehe den Schlüssel aus dem Zündschloss. Ich will die Autotür öffnen, da durchfährt mich der nächste Anlauf der Angst und ich frage mich komische Sachen, die mir vorher nie in den Sinn gekommen waren: Werde ich je so enden wie er? Werde ich auch nach über 20 Jahren die Frau verlassen, die ich eigentlich über die ganze Zeit geliebt habe? Werde ich auch so feige sein und mir eine Andere suchen, damit ich nicht allein bin?

Jetzt ist es zu spät für einen Rückzug. Seine Neue hat mich schon gesehen und lächelt mir aus dem Fenster zu. Ich kann ihre Gesichtszüge kaum erkennen, denke aber nur „Hexe“. Ich weiß von ihr, dass sie 18 Jahre jünger ist als er. Vor der Tür beginne ich dann zu rechnen, während ein großer Hund im Innern des Hauses zu bellen anfängt. Wenn sie so viel jünger ist, dann hat sie ihn vielleicht die andere Beziehung um 18 Jahre vergessen lassen. Wie sonst kann man sich diese arrogante Kühle gegenüber ihr bei seinem Auszug erklären? Sie hat so geweint; und ich erst.

Deiche brechen richtig oder eben nicht, hat er gesagt und lies sie im Regen stehen. Ich kann nicht länger darüber nachdenken, ich merke nur, wie berührt ich bin. Wenn ich jetzt länger nachdenken könnte, würde ich weinen wie damals.

Mein Vater öffnet mir die Tür. Er umarmt mich herzlich. In seinen Armen merke ich, dass nicht in meiner Macht steht, wen mein Vater liebt. Am liebsten würde ich wollen, dass alles so ist wie vorher. Die neue Bekannte in meinem Leben streckt mir freundlich die Hand aus und lächelt mich an.

Warum denke ich gerade jetzt daran, wann ich diese Person bei der Begrüßung jemals umarmen werde?

Sie scheint einen netten ersten Eindruck zu machen, das muss ich mir trotz Eifersucht und dieser bezwängenden Situation doch eingestehen. Die Beiden bitten mich in die Küche und gehen vor. Die Wohnung wirkt recht häuslich. Mein Vater scheint sich, trotz seines Zwanges, was das Renovieren von Häusern angeht, hier noch nicht schöpferisch verausgabt zu haben. In dem vorherigen Haus, was er über 20 Jahre sein eigen nannte, hat er jeden Tag genutzt, um alles bis ins kleinste Detail auszuarbeiten. Man könnte meinen, dass mit der kompletten Fertigstellung des Hauses irgendwas in seinem Kopf „Klick“ gemacht hat und er auch diese Beziehung zu allem vorangegangen satt hatte und einfach mit allem fertig war.

Es ist eine enge Küche. Der sperrige Esstisch ist an die Wand geschoben, damit man noch Platz am Herd hat. Mein Vater dreht sich eine Zigarette. Seine neue Freundin macht das gleiche. Ich finde, dass das einfach nur billig aussieht. Außerdem ist das Rauchen eh nicht gut für ihre jetzt schon sehr schlechten Zähne, denke ich. Nachdem es erst nach Essen gerochen hat, riecht es jetzt noch nach Zigarettequalm. Ich fühle mich plötzlich unwohl in dieser kleinen Küche. Mein Vater fängt an zu reden, wahrscheinlich will er mir meine Beklemmung nehmen. Ich merke, dass das mit Oberflächlichkeiten nicht funktioniert. Am liebsten würde ich ihm die emotionalen Fragen stellen, die die ganze Zeit in meinem Kopf rumschwirren und die jedem Beteiligten, wenn man sie aussprechen würde, schmerzen. Doch ich kann es nicht. Sie sitzt da und ich kenne sie nicht.

Wir sprechen über mich, über mein Studium und natürlich über Geld, nur nicht über seine neue Freundin und das, was er verlassen hat. Ich möchte es verstehen. Kann es aber nur erahnen.

Ich rede. Mir kommt es vor, als wenn ich das, was ich den Beiden erzähle schon auswendig gelernt habe. Ich versuche, oberflächlich zu bleiben, wie schon all die hundert Mal zuvor, in denen ich diese Situation in meinem Kopf durchgespielt habe. Ich verliere mich in meinen Worten und weiß gar nicht mehr, ob das was ich sage noch einen Sinn ergibt. Ich suche Halt in diesem für mich viel zu engen Raum. Das einzige was ich finden kann ist eine Balkontür. Auf meinem Weg dahin sehe ich einen überdimensionalen Küchenrollenhalter mit Alu- und Frischhaltefolienvorrichtung daran befestigt. So was würde ich mir nie anschaffen. So bin ich nicht. Schon die ganze Zeit bin ich nicht der, der ich eigentlich bin. Ich will wieder mit beiden Beinen auf festem Boden stehen.

Ich will nach Hause. Ich schaue auf die Uhr. 40 Minuten war ich jetzt hier. Das muss fürs erste reichen. Ich komme wieder, er ist mein Vater. Das weiß ich.

Ich kündige meinen Abschied an. Sie begleiten mich zu Tür. Ich reiche ihr die Hand und meinen Vater umarme ich. Er sagt, dass er sich darüber freut, dass ich ihn besucht habe. Dann sagt er, während ich in den Wagen steige, dass er bald ein bisschen im Haus arbeiten werde. So könne man ja nicht leben. Nächste Woche wolle er mit der Auffahrt anfangen.

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19 Antworten

Kommentare

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    Ich danke dir für diesen Text - ich fühle mich verstanden...

    03.11.2007, 23:32 von Lolle-Josephine
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      @Lolle-Josephine hm. das ist ein typisches dilemma: eltern werden nicht als menschen gesehen, die sich verlaufen, die ihr leben leben müssen, entscheidungen treffen und selber fühlen. kinder sollten niemals über die beziehungen ihrer eltern richten, schon gar nicht mit dem erhobenen zeigefinger. das einzige, was eltern ihren kindern ,,schulden" und vorbehaltlos geben sollten ist ihre unbedingte und unendliche liebe, fürsorge und verantwortung. natürlich tut es weh, natürlich ist es nicht schön - ich bin auch scheidungskind und meine eltern bekriegen sich auch nach zwanzig jahren noch wie die irren und tragen das auf meinem rücken aus. aber alles hat zwei seiten... und ich will nicht wissen, wie es deinen eltern geht, deinem vater und seiner neuen, wie IHR zumute sein musste bei eurer ersten begegnung, was für unsicherheiten und wieviel traurigkeit sie empfindet bei dem schmerz, den du erlebst. das ist nicht nur ,,die neue" - das ist ein mensch, genau wie du, der fühlt, atmet, lebt, unsicher ist und sich in den irrungen und wirrungen des lebens befindet. stimmt: midlife crisis ist verdammt leicht gesagt und generell ist eure situation nicht einfach. aber man könnte das beste heraus holen, man könnte versuchen, aus den scherben ein neues haus zu bauen. das ist ein schöner text, aber mir fehlt der respekt und die achtung gegenüber der eigenen eltern, denen ein eigenes leben oft nicht gestattet und erlaubt wird. vllt ist dass ein recht eines kindes - aber bist du noch ein kind?

      14.12.2008, 18:39 von Madame_Frosch
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    Puh... das geht unter die Haut - sehr gut beschrieben! Ich selber bin gut befreundet mit einer 'Neuen' - das ist natürlich eine ganz andere Perspektive. Sie ist kaum jünger als die erste Frau (also nicht ganz 'der Klassiker'), aber der Mann hat für sie (meine Freundin) nicht nur seine erste Frau sondern auch drei Kinder verlassen.
    Von meiner Position aus kriege ich natürlich die Unsicherheit meiner Freundin mit die natürlich die Akzeptanz oder sogar Zuneigung der Kinder gewinnen möchte. Sie weiß, daß ihr die 'Schuld' für das 'Wegnehmen' des Vaters gegeben wird - obwohl es ja der VATER war, der gegangen ist....
    Bei näherem Hinsehen ist alles immer sooo komplex!!

    27.09.2007, 21:32 von Fuexa
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    wenn auch nicht auf dieselbe situation bezogen kann ich das geschriebene gut nachempfinden.
    Es bleiben einem wirklich nur die möglichkeiten zu gehen oder zu akzeptieren. Wenn man sich entscheidet zu bleiben darf man den anderen aber auch nicht mehr kritisieren oder ähnliches. Jeder ist so wie er ist und wenn einem das nicht passt muss man gehen, so schwer das auch sein mag...

    24.09.2007, 22:35 von Beegee
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    hm...beklemmend zu lesen. in dem fall bin ich die "neue". Mit dem unterschied dass unsere Kinder (wir sind beide eltern) noch sehr klein sind. Wer weiß wie sie das ganze in einigen jahren sehen.

    20.09.2007, 22:43 von crushbabe
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      @crushbabe Ich kann vieles, fast alles, von dem, was du beschreibst, nachvollziehen. Stehe ich heute vor meinem Vater, frage ich mich jedesmal, wie es dazu kommen konnte, dass wir uns nichts mehr zu sagen haben. Dann wende ich den Blick von ihm, sehe seine Frau, die sich mit mageren, gelben Fingern eine Zigarette dreht, sehe das heruntergekommene Haus, sehe ihn, der gar nicht mehr mein großer, starker Papa aus Kindertagen ist. Dann hohle ich tief Luft und fange an Theater zu spielen, denn die Fragen, die ich mir stelle, stellt er sich anscheinend nicht. Dass, worüber wir reden müssten, bleibt unausgesprochen zwischen uns stehen und verhindert, dass wir wieder Vater und Tochter seinen können.
      Ich wünsche dir, dass es dr nicht so geht wie mir, dass ihr redet, auch wenn es weh tut, dass ihr euch erhaltet, was ihr einmal hattet.
      Verzeihen ist ganz einfach, wenn man nur einen Schritt aufeinander zu macht.

      VG vom FINK

      21.09.2007, 09:58 von finch
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    schön anders geschrieben, so nüchtern-behutsam.

    20.09.2007, 20:09 von clara.tornova
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    einfühlsam! und anders! einzigartig geschrieben!

    20.09.2007, 16:43 von ida_charlotta
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    Ja so ist das. Traurig aber wahr...

    gut in Worte gefasst! Alles Gute

    20.09.2007, 14:34 von Lavender
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    vielleicht gwöhnst du dich noch daran. Ich hab die beiden neuen Partner meiner Eltern wirklich gern, man hat halt doppelt so viel Familie, kann auch ganz nett sein ;)

    20.09.2007, 10:06 von pink-star
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    wow, du hast es geschafft diese unheimlich schmerzenden gefühle in worte zu fassen.

    an alle, die ihre eltern noch verliebt zusammen haben: ihr könnt euch nicht vorstellen, was es heißt im inneren zerrissen zu werden.

    20.09.2007, 08:42 von stellinka
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