HeavenKnowS 23.02.2010, 14:09 Uhr 33 25

Die Magie eines Maulbeerbaumes

"Niemals wird eine Frau zwischen uns stehen, mein Sohn, versprochen."

Wenn ich an meine Kindheit denke, fällt mir immer als erstes ein Bild ein. Es ist ein Bild von einem kleinen Jungen, der seine Lego-Piratenburg Stein um Stein zusammenbaut und glücklich auf den riesigen Maulbeerbaum im Garten schaut.
Dieser Junge bin ich.

Du warst sehr wenig bei uns, aber am Wochenende stand ich im Mittelpunkt. Wir besorgten die Brötchen, auf dem Weg dorthin brachtest du mir das Fahrrad fahren bei. Mit meinem kleinen roten Fahrrad mit den weißen Stützrädern und dem schwarzem Gummirand hast du mich begleitet. Ich weiß noch genau, wie ich es lernte, du sagtest zu mir "Du schaffst das", gabst mir einen sanften Schubs und ich schrie "Ich fahre, ich fahre Papi, ich fahre Fahrrad", als ich mich umsah, hast du gelächelt.

Ich weiß noch, wie du mich das erste Mal alleine gelassen hast, du und Mami, ihr habt eure besten Freunde besucht und ich blieb alleine zurück. Ich hatte meine Freunde und die Nachbarskinder heimlich eingeladen; als Andreas die Kellertür schloss, rastete ich aus und sprang durch die Glastür. Ich hatte Angst.
Bis heute weißt du nicht, dass es so ablief - ich habe immer erzählt, ich wäre dagegen gelaufen, und du hast mir geglaubt.

So sind viele Dinge in meinem Kopf, zum Beispiel, wie ich dir mit 13 Jahren Geld aus deinem Portemonnaie klaue und du mich später zur Rede stellst. Ich bereue es bis heute. Oder der Tag, an dem ich nicht zu deinem Geburtstag komme, weil du meine damalige Freundin nicht respektiert hast. Als ich am nächsten Tage nach Hause kam, sah ich die Stühle auf der Terrasse und die zertretenen Maulbeeren. Ich starrte auf sie und war paralysiert, ich hatte einen Fehler gemacht.

Hinsichtlich vieler meiner Taten zeige ich Reue, aber ich weiß, es wird niemals rückgängig zu machen sein. Irreparabel.

"Vertrauen ist eine Blume, mein Sohn, wenn man sie zerstört, dauert es eine Weile, bis sie wieder nachwächst, also bete, dass du die Wurzel nicht erwischt hast." sagtest du immer und deutetest dabei auf die Gänseblümchen vor dem Maulbeerbaum.

Auch die Mathestunden, voller Verzweiflung und blankem Hass auf Zahlen, die du mit mir verbracht hast, die werde ich nie vergessen. Mathe liegt mir einfach nicht. Aber weißt du, was mir liegt ? Sprache. Sprache liegt mir, sie liegt mir schon immer. Ich habe deine Worte verschlungen, ich habe sie studiert, ich habe deine Gestik vor mir, ich weiß, wie man Rhetorik einsetzt und das meiste was ich weiß, das habe ich von dir. Auch wenn ich heute nachdenklich über irgendetwas grüble, dann sitze ich da, fahre mir durch die Haare und presse meine Lippen nachdenklich an meinen Handrücken. Dann ertappe ich mich dabei und denke an dich, weil du es genauso machst.

Ich bin stolz, dein Sohn zu sein, so stolz, dass ich es allen erzähle. Wenn man mich nach meinen Vorbildern fragt, dann nenne ich immer dich, meine Mutter und meinen verstorbenen Opa. Ich brauche keine Stars, ich habe euch.

Unvergessen ist auch der Tag, an dem du mir von deiner neuen Freundin erzählt hast. Ute, aus Köln, wohnt da irgendwo.
Du hast mich angeschaut, hast mir von ihr erzählt und dann diesen einen Satz gesagt: "Niemals wird eine Frau zwischen uns stehen, mein Sohn, versprochen."
Heute klingt er für mich wie eine Phrase, eine leere Floskel, nichts als Placebos.

In den Jahren hat sich viel geändert, das Haus mit dem Maulbeerbaum, das haben wir verkauft. Wir sehen uns nicht mehr jedes Wochenende, sondern maximal fünf Mal im Jahr, wir sehen uns nicht mehr alleine, sondern nur noch mit Ute. An Weihnachten muss ich die 250 Kilometer nach Köln zurücklegen, nachdem ich bereits bei meiner Mutter, Goti und Erich war. An anderen feierlichen Anlässen muss ich ebenfalls alleine nach Hause, hin sowieso.
Es wird nicht gefragt, ob ich das möchte, es ist selbstverständlich geworden. Die Familie sitzt zusammen, Friede, Freude, Eierkuchen. Wenn ich dich besuche in Köln, dann muss ich mich dafür rechtfertigen, dass ich rauche.

An Weihnachten sitze ich dann bei einer völlig fremden Familie, ich sitze dort nur wegen dir, die anderen brauche ich nicht. Ich habe auch keine Lust auf Pseudo-Integration, das alles ist nicht echt für mich. Diese Familie hat keinen Maulbeerbaum, es ist kalt, ungewohnt und trotz aller Geschenke fühle ich mich dort nicht wohl.

Letztes Weihnachten habe ich viele materielle Dinge bekommen, und unter all diesen Dingen lag ein unscheinbarer Brief begraben. Er war von meinem Opa, als ich ihn gesehen habe und du mir erzähltest, du hättest ihn beim Aufräumen gefunden, da saß ich mehrere Minuten stillschweigend da und starrte fassungslos diesen Brief an. Du hast dich in dieser Zeit anderen Dingen zugewendet. Abends lag ich auf der aufblasbaren Matratze und weinte um meinen Opa. Du schliefst sicher besser mit dem Gedanken, dein Sohn wäre zufriedengestellt mit dem neuen PC, den tollen Schuhen und dem anderen Schnickschnack.

Ich hätte mir nur gewünscht, du würdest dich an Opa Günther erinnern, wie er mit mir auf der Hollywoodschaukel unter dem Maulbeerbaum saß und mit mir rumalberte.

Es geht nicht um das Nikotin, es geht nicht um 250 Kilometer, es geht nicht um das Haus. Es geht um dich.

Das Haus war unser Ort, der Ort, an dem wir Rostbratwürste gegessen haben, Apfelschorle tranken und Apfelstrudel jeden Sonntag den Backofen verklebte. Die Entfernung und deine neue Freundin sind die Gründe, wieso du dich von mir entfernst, das Rauchen ist die Ausrede, um von diesem Thema abzulenken.

Morgen habe ich Geburtstag, du wirst mich hier besuchen. Meine Mutter willst du aber nicht sehen - auch nicht, wenn ich das will. Ute möchte das nicht, und diese Gründe müsste ich respektieren. Es wäre dir auch lieber, wenn ich mit dem Zug nach Hause fahren würde, du würdest mir auch Geld für das Taxi geben, und wenn meine Mutter Abends sowieso etwas mit mir machen wolle, dann könne sie mich auch abholen, ich würde das schon hinkriegen.

Ich schweige, ich diskutiere nie mit dir. Ich akzeptiere und schweige darüber.
Mit dir kann ich nicht diskutieren, ich kann es nicht. Ich kann mit dir nicht darüber reden, weil ich dich zu sehr liebe. Meine Liebe zu dir zwingt mich, das alles stillschweigend zu akzeptieren. Also werde ich an meinem Geburtstag mit dem Zug nach Hause fahren und im Zug, während ich Blondie - deine Lieblingsband - höre, wehmütig an die alte Zeit zurückdenken, in der ich für dich nicht nur eine Verpflichtung war, die man in den Zug setzt, ihr 15 Euro gibt und dann mit einem guten Gewissen schlafen kann.

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33 Antworten

Kommentare

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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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    ° Mir gefällt es, wenn es die Vielfalt des Maulbeerebaumes gibt. Was nützt der Wiedererkennungseffekt, besonders wenn es die Persönlichkeitsrechte Echtlebender Personen verletzt und @alle als Vermögende Artisten der heutigen Zeit nach China auswandern macht?

    26.06.2010, 19:03 von papaya234
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    outzeiter, outsider, nomen est omen.
    du verstehst offensichtlich die nostalgie und den schmerz vergangener schoener stunden nicht. und das wissen, dass der mensch zwar noch da, aber ein voellig anderer ist. und dieser mensch das einfach nicht sehen kann. du bist ein zyniker!
    ich finde deinen text sehr schoen und ans herz gehend. schreibe diese geschichte auf. mit der hand. steck sie in einen umschlag und schick sie deinem papa. ohne kommentar. wer weiss, wies ihm wirklich geht?!

    04.03.2010, 22:41 von KATwoman
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    ich hab deinen text grad zum zweiten mal gelesen und schon wieder tränen in den augen. wie viele hier kann ich viele deiner beschriebenen gefühle nachvollziehen.

    I like it!

    02.03.2010, 16:57 von Marie0
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    Ich kann mich gut in dieses Gefühlschaos reinfinden.
    Druck dir deinen Text aus/schreib ihn nochmal Handschriftl., und steck ihn in einen Umschlag. Entweder du rühst ihn in einer Kiste liegend nie wieder an oder du liest ihn voller Wehmut von Zeit zu Zeit immer und immer wieder oder du schickst ihn auf die Reise, in der Hoffnung das er auf Verständniss stößt, oder du....

    02.03.2010, 02:22 von Villja
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      @Villja Gute Idee, hätte ich eine schöne Handschrift.

      02.03.2010, 02:35 von HeavenKnowS
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    Ich mag den Text...und hatte teilweise etwas ganz leicht nur ;) tränen in den augen weil ich es kenne...aber wie da oben schonma erwähnt wurde, kennt das wohl jedes scheidungskind so oder so ähnlich zumindest

    fazit trotzdem: sehr schön :)

    01.03.2010, 20:13 von LilCookie
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      @LilCookie Das mit den Tränen finde ich süß :)

      02.03.2010, 02:35 von HeavenKnowS
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    nu hab ich schon 19 zoll und trotzdem brennen die augen
    :/

    über eins sind wir uns aber alle einig : am wichtigsten ist die Physik !

    01.03.2010, 15:20 von w32alcarys.zip
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    Ein schöner Text. Über Einfaches. Über Einfach-Kompliziertes. Ein Papa-Sohn-Ding. Größtentyls eindringlich dargelegt.

    Ich störe mich an:
    "Vertrauen ist eine Blume, mein Sohn, wenn man sie zerstört, dauert es eine Weile, bis sie wieder nachwächst, also bete, dass du die Wurzel nicht erwischt hast." sagtest du immer und deutetest dabei auf die Gänseblümchen vor dem Maulbeerbaum."

    Das klingt gewollt. Papas Ding in geschönten Worten.
    Der liebklügste Papa redet nicht so, nicht außerhalb amerikanischer Romane.

    01.03.2010, 00:33 von JackBlack
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      @JackBlack Mein Vater sagte diesen Satz jedoch sehr, sehr, sehr oft. Und auch Heute höre ich ihn öfter.

      01.03.2010, 00:35 von HeavenKnowS
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      @HeavenKnowS Na ich wollt grad schreiben.. - diesen Satz kann ich mir von ihm auch vorstellen, denn ich kenne ja dich:)

      01.03.2010, 12:59 von herz.
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    sehr ... trauriger, ergreifender und gelungener Text. ich denke jeder hat solche und solch ähnlichen Gefühle & Erinnerungen. manche erzählen davon, die anderen versuchen sie tot zu schweigen. reden ist wohl besser.

    28.02.2010, 19:39 von my.Starlight.
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    spricht mir aus der seele. alles leider nur zu bekannt für mich. wunderbar geschrieben.

    28.02.2010, 19:09 von lene.
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      @lene. Danke lene, und alles gute :)

      01.03.2010, 00:35 von HeavenKnowS
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