manuelsantiago 05.12.2005, 20:45 Uhr 21 0

Die Frau Gegenüber

Es ist der Albtraum jedes Adoptivkindes: Eine wildfremde Frau spricht Dich plötzlich auf der Strasse an und behauptet hartnäckig Deine Mutter zu sein.

Sie ist häßlich wie die Nacht schwarz. Das strähnige, verfilste Haar hängt ihr, in grob von einem ausgeleierten Haargummi zusammengehaltenen Bündeln, über ihre Schulter. Das aufgedunsene Gesicht und ihre unglaubliche Fettleibigkeit stoßen mich zusätzlich ab. Sie sieht verwahrlost aus. Ihre Augen sind trübe, glanzlos, und als sie versucht mich anzulächeln, entblößt sie zahnlose Kiefer, aus denen drei einsame Zahnstummel wie Splitter herausragen.
Sie mag noch kein Vierzig sein, ist aber ein einziges Trümmerfeld.

Bedauern, Mitleid, Ekel und Unbehagen kämpfen in mir um die Vorherrschaft, als sie sich neben mich setzt. Die Tram fährt los, und ich versuche nicht an sie zu denken. Nur der schmale Gang trennt uns von einander, und ich bin froh auf einem Einzelplatz zu sitzen.
Ihre Stimme ist hoch. Durch den Schleier meiner Gedanken höre ich wie sie mit sich selbst redet. Ich schaue konzentriert aus dem Fenster um sie nicht wie eine Jahrmarktattraktion anzustarren.
In der Spiegelung des Glases sehe ich wie sie mich ihrerseits anstarrt. Irritiert rutsche ich auf meinem Platz hin und her. Plötzlich beugt sie sich vor:

"Manuel?"

Mein Herz setzt für einen Sekundenbruchteil aus. Woher zum Teufel kennt sie meinen Namen?

"Du bist doch mein kleiner Manuel!"

Ein eiskalter Klos entsteht in meinem Hals. Ich bekomme eine Gänsehaut. Es fühlt sich an, wie wenn jemand mit den Fingernägeln über eine Schiefertafel kratzt. Ich kann nicht antworten. Selbst wenn ich es gewollt hätte, wäre ich dazu nicht in der Lage gewesen.
Allerdings reicht mein erschrockener Gesichtsausdruck aus um sie weitersprechen zu lassen.

"Du bist doch mein Sohn, mein kleiner Manuel. Dein Vater hat dich mir weggenommen als du ein kleiner Junge warst. Deswegen kannst du dich auch nicht mehr an mich erinnern. Aber ich bin deine Mutter! Ich erkenne dich.
Wie schön du geworden bist. Und so groß."

Mein Gefühl in diesem Moment kann eigentlich nicht beschrieben werden. Es lag irgendwo zwischen "Ja, Klar! und Papa ist der Weihnachtsmann!" und dieser irrationalen Angst das sie eventuell, Ironie des Schicksals; Recht haben könnte.

Meine Stimme ist vor Aufregung brüchig.
"Sie verwechseln mich! Ich kam als Baby zu meinen Eltern. Das weiß ich genau."

Sie lacht leise und traurig.
"Das sind Lügen! Sie belügen Dich damit du nicht nach mir suchst."

"Aber ich habe Fotos die das beweisen!" mein Hirn ist wie eine Salzwüste - trocken und leer.

Wieder lacht sie dieses traurige, unheimliche Lachen.
"Du bist so leicht zu beeinflußen. Aber dein Vater ist auch ein sehr überzeugender Mann. Trotzdem: Ich bin deine Mutter. Egal was er zu dir gesagt hat. Er hat dich mir weggenommen als du noch klein warst. Er hat dich dein Leben lang belogen. Er hat dir sicher auch gesagt das seine zweite Frau deine Mutter ist, nicht wahr? Aber das ist nicht wahr. Ich bin deine Mutter.
Ich habe dich überall gesucht. Ich bin wegen dir nach Deutschland gekommen. Ich wußte das ich dich hier finden würde. Ich wußte es. Und heute hat dich mir das Schicksal wiedergegeben."

"Das kann alles gar nicht wahr sein." unterbreche ich sie. Meine Stimme hat wieder an Festigkeit gewonnen, was sie zu irritieren scheint.

"Mein Liebling" sagt sie "glaub mir. Hast du dich nie gefragt warum du anders aussiehst als die anderen Kinder?"

"Natürlich." murmle ich, da diese Frage zu meinen ersten Kindheitserinnerungen gehört.

"Siehst du. Und was hat dein Vater zu dir gesagt?" fragt sie mich triumphierend.
"Nun, das ich adoptiert sei" antworte ich perplex.

"Aber das ist eine Lüge!" Dabei sieht sie mir fest in die Augen "Dein Vater kommt aus Pakistan. Deswegen bist du so wie du bist, und..."

"Tut mir leid" unterbreche ich sie, und ich meine es sogar ernst, obwohl mir dabei ein Mühlstein von Herzen fällt. "Ich bin gebürtiger Kolumbianer. Ich habe eine Geburtsurkunde die das bezeugt. Ich kann nicht ihr Sohn sein!"


Die Gewißheit gibt meiner Stimme Kraft und zerstört ihr Lächeln als sie begreift.
Mit verstörtem Blick wendet sie sich ab. "Was? Oh. Aber ich dachte... ich meinte... ich... Entschuldigen sie bitte." stammelt sie kaum hörbar.
Die Traurigkeit in ihren Augen berührt eine tief in mir verborgene Saite.In diesem Moment fühle ich ihren Verlust genauso wie sie. Gleichzeitig bin ich aber erleichtert das sie NICHT meine Mutter ist.

Sie verlässt an der nächsten Haltestelle die Tram. Ich bleibe mit gemischten Gefühlen zurück.
Der Schreck sitzt tief. Er wird noch einige Tage anhalten. Erst nachdem ich mit meinem Bruder und meinen Eltern gesprochen habe, geht es mir etwas besser.

21 Antworten

Kommentare

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    Selbst wenn die Story nur Fiktion ist - das macht sie für mich nicht viel weniger lesens- und mitfühlenswert. So behandele ich einen guten Roman schliesslich auch nicht.

    29.12.2005, 09:38 von bluespot-1985
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    Und irgendwie finde ich das hier auch voll irrsinnig, zu denken, dass der Text Fiktion sein sollte!!!
    Ist denn Adoption immer noch so fern von der Realität - oder fern von manchen???

    16.12.2005, 20:41 von Lolle
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      @[Benutzer gelöscht] da geb ich dir mal vollkommen recht... und dann solche kommentare wie "sehr übel. wie ist die eigentlich auf dich gekommen? aber ist ja auch egal."

      is klar, häßliche leute sind bloß kulisse, oder was? der text weckt in mir jedenfalls viel mehr mitgefühl mit der frau als mit dem autor (nichts für ungut) - sie hat schließlich für ein paar minuten oder sekunden geglaubt, ihr traum sei in erfüllung gegangen.

      oberflächlichkeit in allen ehren, bin ich ein großer verfechter von :), aber in der familie?

      16.12.2005, 22:07 von bliss
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    Aaaaaaaalso: Diese Geschichte ist NICHT erfunden sondern ist mir vor einiger Zeit hier in München passiert. Und ich habe sie NICHT vergessen! Ich denke noch immer daran - nicht mehr häufig und in eher merkwürdigen Augenblicken - aber ich denke noch immer daran. Schlicht aus dem Grund heraus, dass ich tief in meinem Herzen noch immer fest daran glaube eines Tages meiner Mutter, der Frau die mich neun Monate unter ihrem Herzen getragen und schließlich auch geboren hat, gegenüberzustehen.
    Und ganz ehrlich: Ich habe davor eine Scheiß-Angst!!!

    Liegt aber an mir.
    Ich habe mir ein Fantasiebild meiner Erzeugerin zugelegt das, um es nett zu formulieren, im höchsten Grade unglaubwürdig ist.
    Ich stelle mir meine Mutter (es ist seltsam von einer Frau die man nicht kennt als Mutter zu reden, selbst wenn sie einen geboren hat) ...
    Ich stelle mir meine Mutter wie Salma Hayek vor... oaky, ziemlich abgehoben ich weiß, aber dieser Gedanke entstand schon vor mehreren Jahren - habe liebevoll daran festgehalten.

    So! An alle Zweifler also nochmal die Versicherung: NICHTS an diesem Artikel ist erfunden.

    Weshalb die gute Frau allerdings meinen Namen kannte, kann ich beim besten Willen nicht sagen. Zufall! Meine Mutter nannte mich nämlich Santiago! Deswegen auch ManuelSantiago, auch wenn der zweite Name in meinem Taufschein und im Pass nicht auftaucht.

    In diesem Sinne
    Hasta la proxima und semper vi
    Euer
    ManuelSantiago

    09.12.2005, 22:26 von manuelsantiago
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      @manuelsantiago Spannende, sehr bewegende Geschichte. Auf eine Art geschriebene, die einem die Situation so richtig mit erleben lässt. Sehr interessant.
      Aber noch interessanter finde ich dein Verhältnis zu deiner Erzeugerin - einerseits reflektiert und dann doch wieder romantisiert. Ich bin neugierig, weil es sich einfach so von meiner eigenen Einstellung unterscheidet.
      Ich bin einfach nicht daran interessiert etwas über meine Erzeugerin zu erfahren. Wenn überhaupt im höchst abstrakten Sinne.
      Meine Mutter ist meine Mutter. Die Frau, die sich noch immer Sorgen macht, wenn ich nachts nicht heim komme. Die mir eine unschlagbare Nudelsuppe kocht, wenn ich das kleinste Zeichen von Erkältung zeige. Mit der ich mich streite, sobald gemeinsames Kochen auch nur erwähnt wird. Die mich wie kein anderer Mensch in den Wahnsinn treiben kann.
      Ich wüsste gar nicht wohin mit einer zweiten Mutter. Weder als Vorstellung, noch als richtige Person.

      10.12.2005, 12:35 von feyra
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    tschuldigung der post sollte ganz woanders hin, ich weiß leider nicht, wie ich das nun geschafft habe....

    08.12.2005, 21:20 von SisterofEvil
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    argh, mein Post ist wech....

    Darf ich noch Frohe Weihnachten wünschen oder sind wir schon politisch korrekt bei Frohe Feiertage?

    08.12.2005, 21:19 von SisterofEvil
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    haiaiai. heftig.

    07.12.2005, 23:52 von octopussy
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    Ich habe vor allem Mitleid mit dieser Frau. Manuel wird diesen Vorfall ja schnell wieder vergessen haben.
    Aber denken wir einfach mal darüber nach, was das für Konsequenzen für unsere Gedanken über "ungewollte Schwangerschaften" hat. Diese Frau sucht ihr ganzes Leben lang etwas, was sie unfreiwillig abgegeben hat. Eine andere Frau hatte vielleicht damals keine andere Wahl und gab ihr Kind "freiwillig" zur Adoption frei oder legt es in eine Babyklappe. Die Mutter eines Freundes von mir hätte heute ein 22-jähriges Kind, wenn sie nicht aus Not (ihre damalige Sicht) abgetrieben hätte; sie denkt immer noch ständig an dieses Kind.

    Gehen wir nicht so leichtfertig damit um - diese Frau tut mir aus tiefstem Herzen leid; sie wird ihr Kind bis zu ihrem letzten Atemzug suchen.

    07.12.2005, 21:50 von A-Baer
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      @A-Baer Sorry, Manuel, hatte den Artikel nicht genau genug gelesen.
      Wenn du nicht weißt, wer deine leibliche Mutter ist, wird das Erlebnis natürlich auch etwas sein, was nicht spurlos an dir vorüber gegangen ist. Und auch du wirst dich wohl immer wieder fragen, ob diese oder jene Frau evtl. deine Mutter sein könnte.
      Dafür sei dir größter Respekt gezollt!
      Ich hoffe, dass du trotzdem irgendwo angekommen und geborgen bist.

      07.12.2005, 21:54 von A-Baer
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