Pusteblumenwiese 26.10.2011, 15:11 Uhr 5 4

Die Besucher

Sie war nie allein, denn die Vergangenheit holte Sie ein, besuchte sie täglich und war ihr ständiger Begleiter.

Der kleine Raum ist fast leer. Nur ein paar Rahmen mit Fotos hängen noch an der Wand und in der Mitte steht eine kleine gealterte Kommode mit noch älteren Briefen. Auf den Fotos ist sie zu sehen, wie sie im Sommer mit zusammengekniffenen Augen vergnügt in die Kamera lacht - faltenlos. Auf einem anderen Foto küsst sie einen Unbekannten auf die Wange auf den Stufen des alten Rathauses - faltiger. Auf einem der neueren Fotos sitzt sie gedankenverloren auf der Terrasse des kleinen Reihenhäuschens und schaut in die Ferne - geschrumpft.

Sie war nie allein, denn die Vergangenheit holte sie ein, besuchte sie täglich und war ihr ständiger Begleiter. Wenn Sie in dem Sessel saß neben dem Fenster, dann schaute sie wartend auf das Rosenbeet im Garten. Der Garten gehörte zwar nicht ihr, denn ihr eigenes Haus hatte sie irgendwann verkauft, um ihr Zimmer im Heim bezahlen zu können, aber schön war er trotzdem und das wichtigste war: Er lebte! Das machte ihr Mut.

Die Vergangenheit wusste das und schickte die Vorboten jeden Tag zu ihr durch den Garten: ihren Liebhaber Ede, ihren Ehemann Theo, ihre Tochter Ellie, ihren Schwiegersohn Peter, ihren Enkelsohn Lukas, ihre Katze Bess...

Sie alle hatten so viel zu erzählen, es war wunderschön. Eigentlich hatte sie geglaubt, dass sie immer allein bleiben müsste und dass sie sogar allein sterben würde. Davor hatte sie schreckliche Angst gehabt. Sie hatte oft geweint, weil der liebe Herr Gott ihr jeden genommen hatte, der einen Platz in ihrem Herzen hatte. Sie hatte gebetet, hatte es nicht verstanden, hatte noch mehr gebetet, aber keine Antwort erhalten. Dann gab sie auf und war einsam. Ihr Herz war gebrochen.

Und dann geschah das Wunder. Sie hatte in der Nacht schlecht geschlafen und fühlte sich merkwürdig benebelt. Ihre Zunge war pelzig, die Gelenke schmerzten, der Kopf pochte und auch der graue Nebel im Garten prophezeite ihr, dass es kein guter Tag werden würde. Sie quälte sich aus dem Bett, wusch sich, kleidete sich an und frühstückte auf der Terrasse. Der Haferschleim schmeckte bitter und der Tee schmeckte fad. Sie fühlte sich genauso grau, wie der Nebel um sie herum.

Doch plötzlich nahm sie aus dem Augenwinkel eine Bewegung war und hörte leise ihren Namen. Sie bekam einen Schreck, ließ den Löffel mit Haferschleim auf den Tisch fallen, doch dann erkannte sie die Gestalt, die sich aus dem Nebel auf sie zu bewegte. Es war Theo, ihr lieber Ehemann, mit dem sie 53 wunderschöne Jahre verbracht hatte. Er sah so gut aus, mit seinem dichtschwarzen Haar, seinem breiten Kreuz und den ehrlichbraunen Augen… Im Hinterstübchen wunderte Sie sich noch, dass er so jung aussah, aber dann begann er direkt mit ihr zu plaudern und sie vergaß diesen Gedanken. Sie erinnerten sich an ihren ersten Urlaub am Chiemsee und den Tanzabend im „Gelben Theater“, an dem er so flott ausgesehen hatte mit dem Anzug und den glänzenden Schuhen. Sie lachte den ganzen Vormittag, aber als sie plötzlich niesen musste, war Theo verschwunden. Sie rief seinen Namen, suchte immer verzweifelter in jeder Ecke des Gartens, grub sich die Hände müde im Blumenbeet, doch sie fand ihn nicht und weinte schließlich so lange, bis sie erschöpft auf der Couch einschlief.

Es dauerte 2 Tage bis sie wieder Besuch bekam. Sie hatte jeden Tag gewartet, von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang. Gerade, als sie befürchtete, dass ihr Mann sie vergessen haben könnte, sah sie im Garten einen neuerlichen Gast. Diesmal war es ihre Katze Bess, die sie vor 3 Jahren in ihrem Garten begraben hatte. Bess spielte unter dem Fliederbusch mit ihrem Enkel Lukas. Sie fragte Lukas voller Sorge, ob ihm noch etwas wehtue, aber Lukas lächelte nur und fragte, ob er einen von den leckeren Keksen bekommen könnte. Da wurde sie traurig, weil ihr einfiel, dass sie diese Kekse schon seit 8 Jahren nicht mehr gebacken hatte und das Rezept wollte ihr einfach nicht mehr einfallen. Sie weinte, weil sie ihrem Enkel doch etwas Gutes tun und es einfach nicht klappen wollte.

Dann kam Ellie auf sie zu, legte den Arm um Ihre Schulter und tröstete sie. Erfreut über den Anblick ihrer Tochter fragte sie sich, ob diese wohl Angst gehabt hatte, als das Auto vor 8 Jahren den Abhang hinunterstürzte. Ellie nickte. Doch schnell erzählte sie ihrer Mutter dann davon, dass Lukas und Peter seitdem jeden Tag zusammen spielen könnten, weil Peter nicht mehr arbeiten müsste und dass die kleine Familie bis in alle Ewigkeit so glücklich sein würde.

Da versiegten die Tränen und sie freute sich sehr und sagte ihrer Tochter, wie stolz sie immer gewesen war und dass sie ihre Ellie und die Familie sehr vermisste. Ellie lächelte und einen Augenaufschlag später, da waren alle verschwunden.

Da war die Frau wieder allein und aus lauter Kummer um die ganze Ungerechtigkeit fing sie an zu wimmern und die Tränen rannen in Bächen aus ihren betrübten Augen und die faltigen Wangen herab. Dann sank sie auf die Knie, hielt sich ihr Herz und tat der Welt ihren ganzen Schmerz kund. Sie schrie, sie flehte und sie weinte, bis die Umrisse des Gartens sich auflösten und in tiefstem Schwarz versanken.

Das ist nun 2 Jahre her. Eine Nachbarin alarmierte den Notdienst, als sie aus dem Fenster blickte, um nach der Quelle des Lärms Ausschau zu halten und sie schließlich bewusstlos auf dem Rasen des wundervollen Gartens entdeckte. Dann ging alles ganz schnell: Klinikaufenthalt mit der Diagnose „Schlaganfall“ und „Altersdemenz mit schweren Halluzinationen“, Verkauf des Hauses, Einzug in das Pflegeheim. Sie verstand nicht genau, was passierte, aber sie fühlte wohl, es war der einzig richtige Weg. Gewehrt hat sie sich nie.

Wenn man sie in ihrem Zimmer gesehen hat, dann hat sie entweder wartend aus dem Fenster gestarrt oder aber mit Menschen geredet, die sie glücklich machten. Ihr Herz war wieder geflickt worden durch die Besucher, wurde jedoch immer schwächer mit jedem Tag, an dem die Vergangenheit an ihr Fenster zum Garten klopfte.

Einmal sagte sie, dass ihr Liebhaber Ede ihr verraten habe, dass der Tee im Himmel niemals fad schmecken würde, egal wie grau der Nebel ist. An dem Tag, als sie starb, fragte sie nach einer Tasse Earl Grey…

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5 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Ich mag die Geschichte. Sie bewegt. sie schmeckt nicht fad.Wenn ich sie mir nach dem Lesen vorstelle und den Tee mit Milch, Zitrone oder Zucker anders serviere.

    Denn leider wird sie von dir  für mich etwas fade dargereicht.

    26.01.2014, 07:51 von Rockstella
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  • 2

    Danke für diese angenehmen Leseminuten.

    22.01.2014, 15:23 von Aldrig_Ensam
    • 0

      Sehr gern... freut mich, dass diese recht "alte" Geschichte noch Anklang findet. :-)

      24.01.2014, 21:50 von Pusteblumenwiese
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  • 1

    Wunderschön geschrieben, wie ich finde.
    Klasse!

    10.01.2014, 23:12 von MistKunstStueck
    • 1

      :-)))) vielen Dank!!! Freut mich!

      11.01.2014, 09:59 von Pusteblumenwiese
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