Die andere Oma
Oma E ist keine nette Frau und ist es auch nie gewesen.
Als meine Mutter mich anrief, um mir zu sagen, dass ihre Mutter, meine Oma L, einen Schlaganfall hatte, schossen mir augenblicklich die Tränen in die Augen. Sie war, bis auf die Altersdiabetes, kerngesund und diese Nachricht traf mich völlig unvorbereitet. Nach der Arbeit fuhr ich sofort ins Krankenhaus und saß an diesem und den folgenden fünf Tagen an ihrem Bett. Ich wollte nicht wahrhaben, dass es ein Abschiednehmen war, bis sie schließlich ins Koma fiel und drei Tage später aufhörte, zu atmen. Eine weitere Woche verbrachte ich größtenteils mit Weinen und bis heute fahre ich selten zum Friedhof, weil mir beim Anblick ihres Grabes sofort wieder die Tränen kommen.
Vor ein paar Tagen erfuhr ich nun, dass meine andere Oma, Oma E, im Krankenhaus liegt. Sie ist gestürzt und hat einen Oberschenkelhalsbruch. Bei irgendwelchen Untersuchungen wurde dann Darmkrebs festgestellt. Und diese Nachricht ließ mich völlig kalt. Kein Moment des Bedauerns, kein Anflug von Mitleid. Auch kein „Das gönne ich ihr“, sicher nicht. Einfach erschreckende Gleichgültigkeit.
Oma E ist keine nette Frau und ist es auch nie gewesen. Meinen Vater versuchte sie abzutreiben, indem sie von hohen Mauern sprang und Unmengen an Kaffee trank. Mein Vater hat in seinem ganzen Leben keinen Schluck Kaffee getrunken, es widert ihn an. Als mein Vater gerade einmal drei Monate alt war, lag er auf Leben und Tod mit einer Darmvergiftung im Krankenhaus, die er ihr zu verdanken hatte. Sie hatte ihm eine Salbe in den Mundbereich geschmiert, die dafür nicht bestimmt war und die er sich immer abgeleckt hatte.
Zwischen meinem Vater und seinen Brüdern hat sie stets nur Zwietracht gesät. Hat sie von klein auf gegeneinander ausgespielt, so dass die Brüder heute praktisch kein Wort mehr miteinander reden. Es ging alles noch, als mein Opa noch lebte, aber nach seinem Tod brach dieser Teil der Familie völlig auseinander.
Oma E ist ein Hypochonder der Extra-Klasse. Ich weiß noch, wie meine Eltern eines Nachts im Winter während eines Schneesturms in Krankenhaus fuhren, nur um sie dann fröhlich mit der Krankenschwester plaudernd vorzufinden. Was sie hatte? Nichts. Wahrscheinlich war ihr langweilig und so drückte sie ihren Notfallknopf.
Ähnliche Situationen gab es immer wieder. Dabei war diese Frau die meiste Zeit ihres Lebens kerngesund.
Wann immer ich sie besuchte, bekam ich stets nur Vorwürfe zu hören. „Nie besucht mich jemand, keiner kümmert sich um mich...“ etwas in der Art. Allen anderen in der Familie ging es genauso, ausgenommen ihr Sohn aus erster Ehe, der nie etwas falsch macht.
Vor ein paar Jahren schließlich kam es zum großen Streit zwischen meinem Vater und seiner Mutter. Es ging wieder einmal um ihre Missgunst und ihren Neid, der sie schon ganz zerfressen hat. Danach tat mein Vater nur noch das Nötigste für sie, wie eben im Schneesturm ins Krankenhaus fahren.
Auch zwischen meine Eltern versuchte sie einen Keil zu treiben. Verdrehte Tatsachen, unterstellte meiner Mutter Aussagen, die diese nie getätigt hatte und versuchte meinen Vater auf ihre Seite zu bringen. Und natürlich passte es ihr gar nicht, dass ihr das nicht gelang.
Meine Eltern haben all das nie an uns Kinder weitergetragen. Sie wollten, dass meine Geschwister und ich ein unbeschwertes Verhältnis zu unserer Oma aufbauen. Aber von klein auf fühlten wir uns bei Oma L soviel wohler. Und je älter wir wurden, desto mehr bemerkten wir die Kaltherzigkeit der anderen Oma. Bis wir sie schließlich nicht mehr besuchen wollten. Seit etwa vier Jahren habe ich sie nun gar nicht mehr gesehen. Und ich könnte nicht behaupten, dass mir etwas fehlt.
Mein Bruder, gutmütig wie er ist, war noch ein paar Mal bei ihr. Auch, wenn er von Mal zu Mal lustloser hinfuhr, tat sie ihm doch irgendwie leid. Aber sie redete immer nur schlecht über unseren Vater. Was er denn für ein Sohn sei, dass er sich nicht um seine Mutter kümmere. Dass mein Vater pleite sei und er unser Haus verkaufen müsse. Sie drohte mit einer Anzeige, weil sie mitbekommen haben wollte, dass mein Vater auf der Arbeit jahrelang in die eigene Tasche gewirtschaftet habe. Trauriger Höhepunkt war dann, als sie meinem Bruder sagte, sie wünsche unserem Vater einen langsamen, qualvollen Tod. Ihrem eigenen Sohn! Mein Bruder stand auf, verließ die Wohnung und ging nie wieder hin.
Und wir haben meinem Vater auch nie erzählt, was sie gesagt hat. Sie hat ihm genug angetan.
Was war es für ein Glück für ihn, Oma L zu haben. Sie hat ihn geliebt wie einen eigenen Sohn. Sie hat ihn genauso geliebt, wie er ist, er musste sich nie verstellen. Als Oma L beerdigt wurde, war die andere Oma nicht dabei. Sie „fühlte sich nicht wohl“. Sie hätte eben einen ganzen Tag lang nicht im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit gestanden und das hätte sie nicht ertragen.
Und jetzt liegt sie selber im Krankenhaus und wird vermutlich sterben. Und ich frage mich die ganze Zeit, ob ich sie nochmal besuchen sollte. Ob ich sie nochmal besuchen will. Ob ich mich nach ihrem Tod ärgern würde, sie nicht noch einmal gesehen zu haben. Oder ob ich einfach nur erleichtert bin, wenn sie meinem Vater nicht länger zusetzen kann.



Kommentare
Geh hin Kwenny.
19.07.2008, 18:22 von Der_MisanthropKeiner weiß warum diese Frau so geworden ist wie sie ist und sie wird es vermutlich selbst auch nicht mehr wissen. irgendwann steckt man in seiner Persönlichkeit und kommt nicht mehr raus.
Wie Murkel schon gesagt hat: Verlieren kannst du wirklich nichts. Aber du musst dir später nicht denken, vorsätzlich nicht hingegangen zu sein. oder son Scheiss. Die Meschliche Psyche is da ja n büschn komisch und man denkt manchmal die abstrusesten Sachen.
Geh hin. Sollte sie wieder nur dummes Zeug über deine Familie sülzen, lass es gleichgültig an dir vorüberziehen. Halt dir vor Augen das sie nicht mehr anders kann. Vielleicht kannst du sogar Mitleid für sie empfinden. Vielleicht kannst du ihr sogar noch was Nettes sagen. Und dann gehst du einfach.
Alles einfacher gesagt als getan, ich weiß. Aber deswegn hast du ja wohl den Text hier veröffentlicht, um genau das zu hören. Und das zeigt ja auch schon auf, was wäre, würdest du's nicht tun.
Ich weiß es einfach nicht. Ich denke alle zwei Minuten was anderes.
19.07.2008, 15:36 von Kwenda.MzuriAber wenn du zu lange überlegst, ist die Chance vielleicht so oder so vorbei.
19.07.2008, 15:31 von Mariki@[Benutzer gelöscht] in allen punkten wahr.
18.10.2008, 12:55 von MisterGambitHm. Das wäre natürlich ziemlich fürn Arsch.
19.07.2008, 15:19 von MarikiAber wenn du nicht hingehst, fühlst du dich schlecht.
Vielleicht kannst du ja hinfahren, zu ihr sagen: Ich hoffe, dein Tod ist langsam und qualvoll, und dann wieder gehen?
@Mariki Also wirklich, Mariki...
19.07.2008, 15:27 von KiyanAndererseits könnte ich mir genau das vorstellen zu sagen, aber wieviel Hass müsste solche Worte begründen und wäre das ne Genugtuung und der Hass weg? Ich weiß nicht...
Hm, na ja, wenn du eigentlich keine Beziehung zu ihr hattest, ist es vielleicht wirklich sinnlos, zu ihr zu gehen. Aber andererseits wirst du dich dann vielleicht immer fragen, ob es nicht doch wichtig für dich gewesen wäre, noch mal mit ihr zu reden?
19.07.2008, 15:12 von MarikiIst eine schwere Entscheidung. Ich würde aber hingehen, weil du dann im Prinzip nichts zu bereuen hast.
@Mariki Ich weiß es einfach nicht. Ich betrachte diese Frage jetzt seit einer Woche von allen Seiten, aber ich komme einfach zu keinem Schluss. Was ich mit Sicherheit weiß, ist, dass ich mich auf jeden Fall ärgern werde, wenn ich hingehe. Weil ich mir dann doch wieder nur Vorwürfe anhören muss. Weil sie schlecht über meinen Vater reden wird und dann kann es sein, dass ich mich vergesse.
19.07.2008, 15:15 von Kwenda.MzuriDas ist ja unfassbar, wie deine Oma ihren eigenen Sohn behandelt hat. Gott sei Dank hat dein Vater es geschafft, das nicht an euch weiterzugeben!
19.07.2008, 14:56 von MarikiIch denke aber, du solltest hingehen. Um für dich persönlich damit abzuschließen.
@Mariki Ich weiß nicht. Ich würde ihr wahrscheinlich einfach die Meinung geigen und kann mir schon lebhaft vorstellen, wie sie sich theatralisch ans Herz fasst. Ich würde gern verstehen, warum sie der Mensch ist, der sie ist, aber sie würde sich mir nie erklären.
19.07.2008, 15:03 von Kwenda.Mzuri@Kwenda.Mzuri Was würde es nützen, einer alten verbohrten Frau die Meinung zu geigen, gerade wenn sie wohl sterben wird? Um dich zu erleichtern, ihr den Spiegel vorzuhalten? Dadurch würde Vergangenes auch nicht wieder zurecht gerückt, fürchte ich - klingt es blöd zu sagen, geh hin und schließ deinen Frieden damit? ...mmmhhhh. Klugscheißen ist so einfach, gell Kwenni...
19.07.2008, 15:09 von Kiyan