sommersprosse. 28.02.2012, 11:22 Uhr 35 17

Die alte Königin in ihrem Exil.

Ein paar Dinge hat sie schon vorgeschickt, Kleinigkeiten.

Ich stecke den Schlüssel in das Schloss. Meine Finger sind eiskalt, es ist windig, die letzten bunten Blätter liegen noch im Eingang und wehen um meine Füße. Das Schloss klemmt ein wenig, schon ewig. Ich hatte es schon oft angemerkt, aber es ist nichts passiert. Vielleicht fällt es auch nur mir auf, dass es klemmt, vielleicht hat der Rest der Familie es ja längst in den Alltag eingebaut.  

Als ich die Tür aufmache, höre ich schon Geschirrklappern aus der Küche. Es riecht nach Kaffee und nach Hefeteig. Leise höre ich die Stimme meines Vaters, der gerade Kaffee kocht. Die Maschine ist so laut, wenn sie den Kaffee mahlt, aber auch das ist eine Sache, die mich immer an zu Hause erinnern wird: das Geräusch der laut mahlenden Kaffeemaschine, die mich oft schon morgens um 6 geweckt hat. 

Seit fünf Wochen war ich nicht hier. Ein überschaubarer Zeitraum, auch wenn ich sonst immer zusehe, dass ich einmal im Monat da bin. Es verändert sich doch immer so viel, und ich will kein Teil dieser Veränderung sein. Aber irgendwann lässt es Arbeit und Studium nicht mehr zu, zu pendeln, Zeit im Zug zu verbringen, ein Wochenende zu Hause zu entspannen. 

Ich lege meine Taschen ab und hänge meinen Mantel an den Haken. Erst kürzlich hatte ich ihn im Schlussverkauf erstanden, und wie so oft waren natürlich die Ärmel zu lang. Früher hatte sie mir immer alles gekürzt, heute gebe ich alle meine Sachen zu einer Schneiderin. 

Einmal atme ich noch tief durch, bevor ich in die Küche gehe. Die Anspannung, die mir im Nacken sitzt, noch ein wenig lösen, umstellen auf Familienmodus. Es ist doch immer wieder anders, zu Hause zu sein. Wieder im Kinderzimmer zu wohnen, zum Abendessen zu Hause sein zu müssen, sich abzumelden, wenn man rausgeht. 

Langsam öffne ich die Küchentür. Die Geräusche werden lauter, mein Vater nimmt mich in den Arm. Sie sitzt am Tisch, mir direkt gegenüber, und schaut mich an. Meiner Mutter kommt auf mich zu, umarmt mich, küsst mich auf die Wange. Mein Schwager, meine Schwester. Sie schaut mich immer noch an. Knackt mit ihren Fingernägeln. Ich stehe im Türrahmen. Die Geräusche werden lauter, es knallt in meinem Kopf. Das Klappern der Gabeln auf den Tellern ist auf einmal ein unerträgliches Blitzen in meinen Ohren. Das Knacken ihrer Fingernägel fühlt sich an wie kleine Stiche auf der Haut. Sie schaut mich an, auf ihrer Stirn ist deutlich die Falte zu sehen. In ihren Augen sieht man nichts. Ich kenne diesen Gesichtsausdruck, ich kenne diese Stirnfalte. Sie weiß, dass sie mich kennen müsste, aber sie kann mich nicht einordnen. Ich lächle, gehe auf die zu. Meine Mutter legt ihre Hand auf ihre Schulter, ermutigt sie, aufzustehen. Die Geräusche um mich werden lauter, ich kann mich fast nicht bewegen, es ist, als würde alles um mich herum mich in Watte packen. Ich kann nur noch sie sehen, wie sie mich weiter anstarrt. „Helena!“, sagt sie dann. Der Name meiner Schwester. Ich bin erleichtert. 


Noch ist sie nicht in ihrem Exil, aber sie hat sich auf die Reise gemacht. Ein paar Dinge hat sie schon vorgeschickt, Kleinigkeiten. Ein paar Dinge lässt sie auch zurück. Mit dem wenigen, was sie noch hat, macht sie sich auf; und sie scheint alles zu haben, was sie ruhen lässt. Die paar Dinge, die ihr fehlen, improvisiert sie, in der Hoffnung, dass es niemandem auffällt. Wie lange die Reise dauern wird, weiß sie nicht. Vielleicht ein paar Monate, vielleicht ein paar Jahre. Wie schnell die vorankommen wird ist ungewiss. Vielleicht wird sie auch noch ein bisschen Ballast abwerfen, um schneller voranzukommen. Wir wissen es nicht. Aber wir werden mit ihr reisen, so gut es geht, bei ihr sein und ihr mitbringen, was sie hat liegen lassen.

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35 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Ich dachte auch die ganze Zeit, es geht um die Schwester. Deswegen:

    Mein Schwager, meine Schwester. Sie schaut mich immer noch an.


    Vielleicht ist das änderns-wert?

    03.03.2012, 18:43 von vogelfrei_
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      die mutter jedenfalls nicht. "Meine Mutter legt ihre Hand auf ihre Schulter, ermutigt sie, aufzustehen"

      28.02.2012, 23:56 von Felix-Oscar
    • 0

      Der Titel verrät es doch...
      Die alte Königin

      Haha... ich liebe die Formatierung hier :D

      Also ich schätze, dass die Oma gemeint is.

      29.02.2012, 03:38 von nyx_nyx
    • 0

      Och, im Kommentarfeld sah das viel lustiger aus, bevor ich den abgesendet hab.

      Naja, wie dem auch sei. Gesagt hab ich trotzdem, was ich gesagt haben wollte.

      29.02.2012, 03:39 von nyx_nyx
    • 0

      Die Oma ist es, richtig. 

      29.02.2012, 07:47 von sommersprosse.
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    • 0

      Schon... Mir war klar, daß es um die Omma geht...

      01.03.2012, 11:43 von sailor
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  • 4

    Ich verweise hier gerne darauf, dass ich meinen Titel wohl für alle deutlich sichtbar an Arno Geigers Roman angelegt hab, weil dieser mich sehr berührt hat. Der Text ist aber dennoch nicht kopiert.

    28.02.2012, 13:01 von sommersprosse.
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    • 4

      jede (gute) tageszeitung spielt mit buch- film- oder sonstigen titeln und versucht leser duch leicht abgeänderte überschriften zum lesen zu verführen. ich finde daran nichts schlimmes und das hat mit fremden federn rein gar nichts zu tun.

      28.02.2012, 15:32 von Gluecksaktivistin
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    • 0

      hmm finde ich nicht.
      ich finde es eher unoriginell in diesem falle.
      bei- "wir, der winter" hat mich das auch schon gestört ( in anlehnung an surecamps- "ich bin der herbst")

      28.02.2012, 15:44 von Gluecksaktivistin
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    • 0

      es fiel mir halt auf! menno ;)

      28.02.2012, 15:49 von Gluecksaktivistin
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    • 0

      liebe sasali, ich habe die autorin hier erstens in schutz genommen, vor dem verdacht des plagiats und nun bin ich hier plötzlich in einer defensive, dir mir nicht behagt. evt ist dir aufgefallen, dass ich moi-chrois text mag und sie selbst auf meine assoziation bezüglich des titels hingewiesen habe. evt haben andere diese nicht. wenn es so ist, wie du schreibst, dann dürfte man niemals irgendwas kritisieren oder anmerken. und wer es nicht mindestens genauso gut kann (kann ich nicht) dürfte erst gar nichts sagen. so ist es aber eben nicht.

      28.02.2012, 16:08 von Gluecksaktivistin
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    • 0

      okay!

      28.02.2012, 16:44 von Gluecksaktivistin
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  • 3

    Titel klauen ist tatsächlich nicht fein, aber solange wenigstens der Text nicht kopiert ist, kann zumindest ich darüber hinwegschauen.

    Meine Oma litt auch an Alzheimer. Ich habe ähnliche Erinnerungen.

    28.02.2012, 12:45 von lalina
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  • 2

    Plagiat-Woche auf Neon? Den Text hab ich nicht gelesen, aber Titel und Thematik sind mehr als nur ausgeliehen.

    28.02.2012, 12:33 von justanotherpicture
    • 1

      Heisst das nicht 'Hommage'?

      28.02.2012, 12:49 von sailor
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    • 0

      Nö, jetzt will ich den Text nicht mehr.

      28.02.2012, 12:58 von independentdreamer
    • 0

      nicht mehr lesen...


       

      28.02.2012, 12:58 von independentdreamer
    • 2

      Ihr seid aber empfindlich...

      28.02.2012, 13:11 von sailor
    • 0

      Diese Woche schon.

      28.02.2012, 13:22 von independentdreamer
    • 0

      Mimosen-Woche auf NEON?

      :D


      28.02.2012, 13:26 von sailor
    • 0

      Ja! Einfach, weil...!

      28.02.2012, 13:27 von independentdreamer
    • 0

      Genau... SO nich...!

      28.02.2012, 13:34 von sailor
    • 1

      mimimimimimimi :(

      28.02.2012, 13:37 von independentdreamer
    • 3

      :D

      28.02.2012, 13:48 von sailor
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  • 0

    Sehr berührend.

    28.02.2012, 12:26 von schmetterlingslachen
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