Startsfeind 26.11.2009, 13:57 Uhr 1 1

Die alte Dame und mein Tod

Wie ich mich an einem stinknormalen Regentag selbst verlor:

Scheinwerfer kriechen durchs Gebüsch.
Ich laufe über den Parkplatz, ohne mich umzudrehen. Laufe auf den Hosenbeinen meiner Jeans, die Nässe steht mir in den Knien, tropft mir von der Stirn über die Nase, nimmt ein paar Tränen mit.
Ich kenne die Straße, die ich entlang laufe und weiß trotzdem nicht, wo ich bin. Ob ich überhaupt der bin, der sich vor Stunden in den Bus gesetzt hat, seinen Fahrschein mit einer handvoll Kupfergeld bezahlte und fast die ganze Fahrt über die Luft anhielt.
In Bussen werde ich klaustrophobisch. Wenn fremde Leute neben mir Platz nehmen und mich mit ihrer Nähe berühren, möchte ich aufspringen und schreien.
Ich will nicht hören, was zwei Kopftuch tragende junge Frauen sich in einer Sprache zu erzählen haben, die mich allem noch entfremdeter fühlen lässt.
Ich will nicht, dass mich jemand sieht, der mich nicht kennt. Wenn ich mich eingesperrt fühle, haben meine Gedanken locker hundert Sone und werden trotzdem übertönt von denen der Anderen. Die Welt ist dermaßen laut, dass ich manchmal losplärren will wie ein Kleinkind, das Angst davor hat, von ihr erschlagen zu werden.

Im Pflegeheim haben die Wände die Farbe von getrockneter Rotze, der Gemüsebrei, den ich Oma füttere, die von frischer. Oma ist das egal, so wie es ihr egal ist, dass ich keine Kohle mehr hatte, um ihr einen Strauß Blumen mitzubringen. Nach dem letzten Schlaganfall schielt sie auf einem Auge, das andere hängt neben ihrer Nase. Sie sieht durch mich hindurch und nur ich allein weiß, wie froh ich darüber bin, dass sie in meinem Gesicht nichts liest.
Neben ihrem Bett steht ein Rollschränkchen, auf dem ihre Brille, Taschentücher und eine Fernbedienung liegen. Alles Dinge, die sie nicht mehr braucht. Ich möchte das Rollschränkchen nehmen und Oma, nachdem ich die Brille zertreten und die Fernbedienung gegen die Wand gedroschen habe, das Fleischkostüm von der armen Seele schlagen. Das wäre barmherzig.
Seit Oma in diesem Heim auf Gott wartet, spucke ich auf den Boden, wenn ich an Kirchen vorbei gehe. Im Aufenthaltsraum nebenan singen sie Weihnachtslieder, aus Omas Mund läuft pürierter Kohl. Wenn es stimmt, dass eingesperrte Gedanken die lautesten sind, stecken in ihr genug Töne, um die ganze Stadt vom Planeten zu sprengen und diesen Gott, an den sie ihr ganzes Leben lang geglaubt hat, aus seinem Jahrhundertschlaf zu wecken.
Über die Flure schallt „O Heiland, reiß die Himmel auf“ und ich fange bitterlich an zu weinen. Nehme Omas kleine, faltige Hände in meine und halte die Luft an.
Der Trick hilft nicht, die Tränen wollen raus. Laufen meine Wangen hinab, pressen sich heiß durch meine Nase und lassen mich Geräusche von mir geben, die mich nur noch mehr zum Heulen bringen.
Eine Schwester steckt den Kopf durch die Tür und fragt, ob alles in Ordnung ist. Ich schaue sie an, bis sie geht. Ein bisschen später kommt sie zurück mit einer Flasche Kräuterfusel und einem Plastikbecher. Nervenmedizin, sagt sie und lässt Oma und mich damit allein.
Als kleiner Junge war ich oft Schlafgast bei Oma. Waren Mama und Papa auf Geschäftsreise oder in Liebeslaune, übernachtete ich bei ihr. Zum Frühstück gab es gebutterten Toast mit Schokostreuseln und zu Mittag mein Lieblingsessen. Heißen Kakao, wenn ich vom Spielen zurückkam, dazu teuflisch süße Kokosmakronen oder Salzgebäck. Kalten Saft, wenn ich schlecht geträumt hatte. Sogar manchmal Cola, wenn Oma und ich zusammen vor dem Fernseher saßen und spätabends ein Film mit Charlton Heston lief, in den sie ein bisschen verliebt war. Als ich mit dreizehn meinen ersten Liebeskummer hatte, holte Oma wortlos eine Flasche Nervenmedizin aus dem Schrank und ließ mich ein Pinnchen davon trinken, bevor sie sich neben mich setzte, den Arm um mich legte, eine Decke über unsere Beine ausbreitete und mir davon erzählte, wie sie einst von Helmut Klingebiel sitzen gelassen wurde.
Niemand konnte so gut trösten wie sie. Niemand machte besseren Toast. Das alles fällt mir ein, während der Rotzbrei im Futternapf langsam erkaltet.

Ich gieße mir zum dritten Mal Nervenmedizin nach und hoffe, dass die Schwester es mir nachsieht, dass sie genug Ersatzstoff hat für ähnlich labile Besucher wie mich.
Es wird dunkel und die schwindende Helligkeit in Kombination mit dem Alkohol macht alles etwas erträglicher, verstärkt aber auch das Gefühl von Abgeschiedenheit und Surrealität. Aus Oma kommen Geräusche, sie schmatzt mit dem Hals und durch die Nase, ihr Atmen hört sich an, als wehrte sie sich dagegen. Es war immer ihr größter Alptraum, in einem solchen Heim zu landen, körperlich halbwegs intakt, geistig abwesend. Sie wollte niemandem zur Last fallen, keine horrenden Summen an Pflegegeld kosten und vor allem nicht hilf- und würdelos ihrem Ende entgegen dämmern.
Nun tut sie genau das. Sie hat eine Patientenverfügung unterschrieben, aber die regelt bloß die Anwendung lebenserhaltender Maßnahmen. Ihr Körper wehrt sich noch gegen das Sterben, ihr Geist hat den Kampf längst verloren.
Ich will nicht, dass ihr mich mal so sehen müsst, hat sie oft gesagt und mit diesem unbestimmten „so“ genau den Zustand gemeint, in dem sie vor mir sitzt.
Ich stehe auf, vom Schnaps schon ziemlich wackelig auf den Beinen, und schiebe Oma in ihrem Rollstuhl zum Fenster. Streichele ihr über die weißen, ungekämmten Locken und erzähle ihr von ihr, erzähle uns beiden die Geschichten, die sie uns erzählte, als ich noch ein kleiner Junge war, der keinen größeren Kummer kannte als seinen eigenen.
Dies könnte das letzte Mal sein, dass ich mit ihr alleine bin, dass ich sie streichele und ihre Hand halte, die noch warm von meiner ist.
Es überkommt mich, ihr erzählen zu wollen, wie traurig ich bin, über sie, über mich und irgendwie über das ganze Leben, das sich in glücklichen Momenten mit aller Kraft verschwendet und den unglücklichen anhaftet wie zäher, bitterer Honig.
Ich möchte so gern, dass sie sich einen Augenblick lang an mich erinnern kann und weiß, wer ich bin, wenn ich ihr Lebewohl sage.

Später auf dem Weg zur Bushaltestelle fühle ich Omas Haar immer noch durch meine Finger gleiten, so lange habe ich sie gestreichelt. Ich atme, ich laufe, ich fühle den Regen in meinem Gesicht und habe doch nicht das Gefühl, bei mir zu sein. Es ist eher so, als liefe ich durch eine Erinnerung, durch einen Traum, aus dem ich aufwachen muss, um mich selbst wieder zu erkennen. Der Alkohol lässt mich in Leerzeichen denken, in meinen Taschen nach Kleingeld kramen, das ich für eine Flasche oder ein Tetrapak Wein entbehren könnte, um wenigstens meinen Verstand auf Reisen zu schicken. Angetrunken irre ich durch die Lebensmittel im Kaufland und frage mich, ob ich wohl auch nüchtern fürchten würde, mich in diesem riesigen Konsumtempel zwischen Konserven und einer straßenlangen Frischfleischtheke verlaufen zu können. An der Kasse werde ich vom jungen Kassierer gefragt, ob mir der Einkauf gefallen hat, weil er die Antwort nicht wissen will, nicht verstehen kann, sage ich einfach „ja“, klemme mir den Karton Qualitätswein unter den Arm und verschwinde in der weihnachtlich geschmückten Einkaufspassage.

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Kommentare

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    So ein guter Text. Unkommentiert?

    02.10.2010, 03:42 von Lanera
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