elixa 30.11.-0001, 00:00 Uhr 5 6

Der Wunsch

Inzwischen ist es über vier Jahre her, dass du ihn zuletzt gesehen hast, dass es überhaupt ein Lebenszeichen von ihm gab.

Die Zeile hat sich in meinen Kopf gebrannt. Selbst mit geschlossenen Augen sehe ich deine kindliche, krakelige Schrift vor mir.
Du bist gerade sieben Jahre alt.
Inzwischen ist es über vier Jahre her, dass du ihn zuletzt gesehen hast, dass es überhaupt ein Lebenszeichen von ihm gab.
Kannst du dich erinnern an die Zeit?
Wurde dir davon erzählt?
Vielleicht von deiner Mutter oder deinem drei Jahre älteren Bruder?
Vielleicht ist es nur das Gefühl, das du als Erinnerung in deinem Herzen festhältst?
Vielleicht hast du Bilder gesehen und gefragt, wer der Mann ist, der dich dort am Strand auf seinen Schultern trägt und glücklich lächelt und wer die beiden Mädchen neben ihm, die eine blond und braun gebrannt, die andere blass und mit lockigen, fast schwarzen Haaren.
Vielleicht hat man dir dann gesagt, dass es dein Papa und deine beiden Schwestern sind.
Vielleicht haben sie dir von dem gemeinsamen Urlaub erzählt, als du noch so klein warst, dass man dich wickeln und in den Schlaf wiegen musste.
Vielleicht hat man dir auch gesagt, dass deine Schwester, die mit den lockigen Haaren, das wahnsinnig gern getan, die Augenblicke mit dir sehr genossen hat.
Vielleicht hat man dir auch auf die Frage, wo sie jetzt sind, der Mann der glücklich lächelte, das braun gebrannte blonde Mädchen und das lockige Schwarze, geantwortet, dass sie in einer Stadt leben, die sehr weit von der entfernt ist, die du dein Zuhause nennst und dass sie einfach so viel zu tun haben und deshalb kein Lebenszeichen von sich geben.

Was auch immer man dir erzählt hat, es hat diesen einen Wunsch in dir nicht zerstört.
Es ist dieser Wunsch, dieser hoffnungsfrohe, kindliche Wunsch, der dich diese Zeile schreiben lies.
Auf die Frage deiner Lehrerin, was du dir am meisten zu Weihnachten wünschst, hast du in deiner saubersten Schrift ganz oben auf das Blatt geschrieben:

„Das mein Papa mich noch lieb hat.“

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5 Antworten

Kommentare

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    Starker Text, das hatte ich vergessen

    24.09.2008, 16:28 von Jonathan_Seagull
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    Der Text berührt mich.
    Ich kann es einfach nicht verstehen, wie man sich als Vater so verhalten kann, ich weiß wovon ich spreche, ich habe selbst eine Tochter und naha mit der Mutter versteh ich mich auch nicht unbedingt, aber deswegen muss da doch meine kleine nicht Leiden. Oder warum meldet sich dein Vater nicht bei deiner Schwester?
    Ist doch dein Vater oder?

    24.09.2008, 16:28 von Jonathan_Seagull
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      @Jonathan_Seagull Wenn ich das wüsste... ich werde ihn, was das betrifft wahrscheinlich nie verstehen..
      Erst vor Kurzem habe ich wieder mit ihr telefoniert und sie hat mir erzählt, dass sie beim Gassi gehen mit dem Hund ihre Puppe dabei hatte, die sie von unserem Vater bekommen hat.. und dann meinte sie noch:
      "Wenn er schon nicht da sein kann, dann wenigstens Lotta..."
      Ganz ehrlich, da weiß ich nichts mehr zu sagen... da fehlen mir die Worte

      11.10.2008, 13:15 von elixa
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    Das ist sehr einfühlsam geschrieben, irgendwie so leise.
    Und beim letzten Satz bin ich zusammengezuckt...

    22.09.2008, 10:50 von extravergine
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    "'Cause there ain't nothing worst than if your son wants to know why his daddy don't love him no more".
    (Tupac Shakur)

    20.09.2008, 11:33 von touchthesky
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    ...Jesses, ...!

    20.09.2008, 00:16 von Kiyan
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