emotionsunited 19.10.2006, 01:08 Uhr 13 9

Der Tag der nicht existieren sollte.

Was für ein toller Frühlingstag. Wunderbares Wetter, meine Eltern und ich saßen auf dem Balkon. Mein Vater machte gerade den Kamin zum grillen an.

#Ja, 1992 erschien mir die Welt noch so einfach, so undurchdacht. Ich lebte einfach von einen in den anderen Tag hinein, ohne mir großartige Gedanken über das Leben zu machen.
Ich spielte am Nachmittag noch mit meinem älteren Bruder Andi, auf dem legendären C64 die wahrscheinlich ebenso legendären Wintergames. Mir fielen die Arme fast ab vom wilden hin und her reißen des Joysticks, denn ich wollte meinem großen Bruder beweisen, wie schnell ich beim Eisschnelllauf sein kann.

Heute, 2006, sitze ich mit einem dicken Ordner auf dem Schoß vor dem Bett meines Bruders. Alles ist genauso wie 1992, die Stifte auf dem Schreibtisch, das Ramones Poster über dem Bett, sein angefangenes Schachspiel auf dem Schachcomputer, sogar der Bettbezug ist noch der, indem er geschlafen hat. Den Kampf gegen die Tränen habe ich erst gar nicht versucht zu führen, es reicht schon die bloße Anwesenheit in seinem Zimmer.

Das Haus meiner Eltern liegt in einem doch recht idyllischem Ort am Bodensee, in dem ein ertönendes Martinshorn doch recht ungewöhnlich ist. Noch viel ungewöhnlicher ist allerdings, wenn auf ein Martinshorn ein weiteres folgt, darauf noch eins und noch eins. Es nahm praktisch kein Ende mehr.

Das erste Blatt, ein Foto von meinem Bruder, er muss 10 vielleicht auch 11 oder 12 gewesen sein, als es aufgenommen wurde. Es ist das Foto, welches ich auch in meiner Wohnung von Ihm stehen habe und so oft anschaue. Darauf folgen ein selbst gemaltes Bild mit einem Segelschiff und ein weiteres Kinderfoto von ihm.

Ich kann mich noch genau an den Blick meiner Mutter erinnern, den Sie meinem Vater zu warf. Es war ein Blick voller Beunruhigung, Angst und Sorge. Mein Vater verstand sofort was Sie wollte und fragte mich, aus mir bis heute unverständlichen Gründen, ob ich mitfahren wolle. Er hatte wahrscheinlich einfach keine so schlimmen Gedanken im Hinterkopf. Meine Mutter verbat es mir, wofür ich Ihr wohl auf ewig Dankbar bin.

Jetzt beginnt der Papierkrieg, Briefe von einer Anwaltskanzlei in denen die Rede von Strafsache, Staatsanwaltschaft, Urteil, Berufung, Schwere des Vorwurfs und Bewährung ist. Darauf folgt eine Ladung zu einer Gerichtsverhandlung.

Der Kamin brannte von alleine ab ohne ein Grillgut darauf zu haben. Nach 1ner Stunde war für uns klar, dass etwas schlimmes passiert sein musste. Mein Vater kam einfach nicht mehr nach Hause, also musste es einfach etwas Schlimmes sein. Nach unendlichen 2 oder 3 Stunden fuhr ein Auto auf den Hof, es war aber nicht das meines Vaters, nein. Er stieg dennoch aus diesem fremden Auto aus, das konnte ich genau durch das Esszimmer Fenster sehen. Ich konnte ebenso seinen versteinerten Blick sehen. Die leere in seinen Augen.

Jetzt kommen diese Akten, bei denen ich irgendwann immer abbreche und in dem Ordner nicht weiterblättern kann. Es sind Zeugenaussagen, Gutachten und Polizeifotos. Früher dachte ich mir oft, dass ich so hart sein muss und alles von vorne bis hinten durchlesen, alles anschauen muss.
Heute schaue ich mir einfach oft nur diese ersten drei Bilder an.

Aus Gewohnheit ging ich an die Treppe, an der ich meinen Vatern früher immer begrüßt habe wenn er von der Arbeit nach Hause kam. Doch dieses Mal war das Bild das ich sah so anders. Ich habe an diesem Tag meinen Vater zum ersten mal weinen sehen. Meine Mutter tauchte in meinem Rücken auf und fragte was passiert sei.

Ich frage mich so oft, wie mein, wie unser Leben weitergegangen wäre, wenn dieser 12. April 1992 einfach nicht existieren würde. Wenn ich meinen Bruder dazu überredet hätte weitere 2 Stunden mit mir zu spielen. Wenn er einfach auch, so doof das auch klingen mag, Lust auf eine Bratwurst gehabt hätte und zu Hause geblieben wäre.

„Andi ist tot“, zu mehr war mein Vater nicht mehr in der Lage. Ich konnte diese Aussage nicht verstehen, es gab keinen Tod in meinem Kinderdenken. Ich versuchte mir in den folgenden Stunden/Tagen/Wochen klarzumachen, dass mein Bruder nie wieder nach Hause kommen wird, aber es ging nicht.
Als diese schreckliche Meldung weitere Teile unserer Familie erreichte und eine meiner Tanten sich dafür berufen fühlte, mich vor dem Anblick meiner Eltern schützen zu wollen, wurde ich förmlich in mein Kinderzimmer gesperrt. Ich bekam nur noch mit das ein Arzt kam und meinen Eltern Medikamente verabreichte.
Am nächsten Tag, meine tolle Tante war wieder verschwunden, versuchte meine Mutter mir alles zu erklären, begreiflich zu machen.

„Der liebe Gott hat die Hilfe von Andi gebraucht und ihn zu sich geholt.“
Mit dieser Erklärung konnte ich damals leben.


Mein Bruder wollte eigentlich nur mit einem Freund in die nächste Ortschaft, in seine Stammkneipe um dort Karten zu spielen. Dieser Freund hat das Auto seiner Eltern entwendet und sich unter Alkohol- und Drogeneinfluss, ohne im Besitz einer Fahrerlaubnis zu sein, hinter das Steuer gesetzt.
In der letzten Kurve vor dieser Ortschaft kam das Fahrzeug bei überhöhter Geschwindigkeit ins schleudern und prallte mit der Beifahrerseite gegen einen Baum.

Der Fahrer überlebte schwer verletzt, mein Bruder starb noch an der Unfallstelle.

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13 Antworten

Kommentare

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    das berührt.

    29.09.2008, 23:49 von lottibanane
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    Aus der Ferne oder mit einiger Distanz kennt wohl jeder so eine Geschichte. Merkwürdig wird es dann, wenn sie plötzlich so dicht an einem selber dran passieren. Da fehlen einem die Worte, man wird wie ohnmächtig. Wenn man dann die Worte wiederfindet, und sich von der Seele schreiben kann - gut. Ich finde, das hilft. Und Dir ist es auch gelungen!

    06.09.2008, 17:22 von Joey_Potter
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    Das ist echt ein harter Brocken, ich habe eine richtig dicken Kloß im Hals, bei solchen Themen werde ich immer sehr sentimental!

    18.08.2008, 13:41 von lenalove
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    der text hat mich eingeholt, tränen kamen mir...es tut mir leid...

    29.05.2008, 16:15 von lila-punkt
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    Ich mg deinen Artikel. Etwas, was ich mir nicht vorstellen kann.

    27.05.2008, 01:12 von TTTT
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    Wie rührend. Ich selbst habe mir immer einen Bruder gewünscht.
    Schön, dass du darüber schreibst. Dein Bruder ist bestimmt stolz auf dich und passt garantiert auf dich auf. Ich kenn das von einem lieben Freund. Es trifft immer die Falschen, immer die, die nichts Böses getan haben. Warum?

    Grüße aus Sachsen

    17.02.2007, 22:01 von Milanda
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    Ein wunderschöner Text! Der mich zum Nachdenken bringt,danke dafür! Tut mir leid das du so einen schweren Rückschlag erleiden musstest! Lg Vanessa
    -Sprachlos-

    03.02.2007, 14:55 von sternchen17
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    Mir läuft eine eiskalte Gänsehaut den Rücken hinunter. Es gab eine ganz ähnliche Geschichte in meinem Bekanntenkreis - auch in einem idyllischen Ort, an dem Martinshörner eher selten vorkommen. Auch sie nahmen kein Ende.

    Der 05.08.1997 - auch ein Tag, der nicht existieren sollte.

    03.11.2006, 13:31 von the_actress
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      @the_actress 22. Marz 1986
      Der Neffe meines Stiefvaters kommt auf gerader Strecke, bei hellem Sonnenschein von der Straße ab, das Auto prallt gegen einen Baum, überschlägt sich und zerbricht in zwei Teile.
      Man verweigert den Eltern, sich den Leichnam anzusehen, der bis zur Unkenntlichkeit zerfetzt ist.

      Auch in ein em Dorf, in dem man das Martinshorn nur selten hört.

      04.11.2006, 17:17 von Tilan
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