JackBlack 05.06.2012, 23:29 Uhr 20 12

Der Sommer der Fliegen -3-

Ich war mir so fremd, dass es wehtat, aber in diesem Schmerz war ich mir auch so nah wie niemals zuvor.

Pünktlich zum Beginn der Ferien schlug das Wetter um.
Es blieb heiß, aber es wurde drückend. Man meinte, die Welt kranke an einem schlimmen Sumpffieber. Der Himmel hatte die Farbe von Asche und über ihm glomm verhalten die Sonne, als brüte sie selbst etwas aus.

Der Ausschlag  zwischen meinen Beinen war schlimm geworden. Es hatten sich Bläschen gebildet, die so sehr juckten, dass ich mir nachts die Schenkel blutig kratzte.
Ich füllte mir Eis in einen Beutel und floh vor der Wärme in den Keller. Doch selbst dort war der Sommer jetzt eingezogen. Die vertrauten Düfte standen wie Wolken in der Luft, schwer und schwitzend wie alles andere.
Ich saß wippend auf dem Boden und dachte über vieles nach, während ich auf Regen wartete.
Durch die vergitterten Fenster fiel das Licht in kleinen Würfeln. Ich träumte mich in jeden hinein und wieder hinaus. Vielleicht wäre ich mit offenen Augen eingeschlafen, wenn nicht das Glöckchen geläutet hätte.
Zuerst nahm ich es gar nicht richtig wahr, so sehr ertrank sein Klang in der Gemütsschwere des siechenden Nachmittags. Ich erschrak über meinen eigenen Langmut.
Das Glöckchen ertönte wieder. Und wieder. Fast war es mir lästig, aufzustehen und nachzuschauen, welches Vieh in die Falle gegangen war. Auf müden Beinen machte ich mich auf den Weg in den Garten.
Großvaters Auto stand nicht in der Einfahrt und ich war froh darüber. Der Ekel vor ihm nahm seltsame Auswüchse an. Mir juckte es unter der Kopfhaut, wenn ich nur an ihn dachte. Er war die Hitze, die mich alt machte, die mich verdarb. Ich wollte ihm Kinder gebären, die tot waren. Ich folgte dem Geräusch des Glöckchens wie einer Fährte. Ich war entflammt von der Flut meiner Gedanken, all den Ideen, die ich zurückhielt und von denen ich wusste, dass ihr Siedepunkt bald überschritten sein würde. Mich dieser Phase zu nähern, versetzte mich in unvorstellbare Erregung. Ich war ein vernichtendes Feuer, das sich selbst Luft zufächerte. Etwas in mir schlug so feiste Töne, dass ich vibrierte. Ich, die Maschine. Die etwas schuf, das nur eines wollte und konnte: zerstören. Die einzige Art von Liebe, die mich kannte.
Es war herrlich, wie der Schwindel in meinem Kopf anschlug, wie mein Magen in Schwingung geriet und das Blut so wild in meinen Adern peitschte, dass ich zwischenzeitlich meinte, ich müsse daran vorzeitig sterben.
Janosch kam mir in den Sinn und mit einem Mal verstand ich den Blick, den er mir durch den Zaun zugeworfen hatte, nicht mehr als Mahnung, sondern als Aufforderung. Das Schicksal kann man nur bewältigen, indem man aufhört, sich ihm zu widersetzen. Man muss der Dolch sein, wagemutig und trotzig, lächelnd hinter der Hand, die keine Knochen mehr besitzt. Was für ein Gott ist ein Gott, der den Teufel nicht liebt - oder schlimmer: ihn verschmäht und leiden lässt, obwohl er ihn liebt? Nichts als ein lächerlicher Sklave seiner eigenen Unvollkommenheit.
Dumm war ich gewesen, weil ich bekämpft hatte, was zugelassen werden wollte, was ganz unabdingbar in meiner Natur schlummerte und der Erweckung entgegenfieberte. Ich war mir so fremd, dass es wehtat, aber in diesem Schmerz war ich mir auch so nah wie niemals zuvor. Ich hielt auf die Falle zu, bis in den kleinsten Muskel gespannt wie ein jagender Tiger.
Kaum hatte ich den Deckel geöffnet, ging alles ganz schnell. Beide Hände legte ich dem Kaninchen um die Ohren und bevor mein Griff unsicher werden konnte, erschlug ich sein kleines Leben wie eine staubige Fußmatte am Apfelbaum. Ich tötete. Die einzige Rechtfertigung für mein Sein. Ich schlug das tote Tier, bis es nicht mehr als Tier zu erkennen war. Ich zermalmte seine dämlichen Knochen. Bestrafte es dafür, dass sein Sterben nicht länger dauerte. Schlug es gegen den Baum wie gegen meinen Wahnsinn. Es schrie nicht. Es wehrte sich nicht. Und wer sich nicht gegen den Tod wehren kann, hat das Leben nicht verdient.

In mir selbst starb alles, was vor dem Großvater schwach sein wollte.
Meine Lungen standen in Flammen, so schnell und heiß atmete ich, als das Bündel schließlich tot zu meinen Füßen lag. Jetzt, da es zerstört war, konnte ich es lieben. Wie ein Gott, der in Feigheit vor seiner eigenen Schöpfung lebt. Der sich nach nichts mehr sehnt, als von ihr vertilgt zu werden.
Die Großmutter rief aufgeregt nach mir. Später würde sie Großvater erzählen, ich habe mich aufgeführt wie eine Wahnsinnige. Geschrien habe ich, dass sich einem die Haare aufstellten, so durchdringend, als zöge mir jemand das Fell ab. Unter der Kirsche wäre ich gesessen, als sie mich auffand nach all dem Geschrei, mit verdrehten Augen, schweißnasser Stirn und weiß wie Kalk. Ich, die Hure.
Sie konnte nicht anders, als mich an ihrem Tisch sitzen zu lassen, der mit so viel Hass eingedeckt war, dass jede Speise darauf verderben musste, bevor man sie sich zum Mund führen konnte. Ich zitterte am ganzen Körper und mir lief der Speichel aus der Nase, als sie das Dankgebet sprach. Sie war toter als die Wurst auf dem Tisch. Sie war fetter. Sie war es nicht würdig, dass man in sie pisste.

Ich sah dem Großvater fest in die Augen und wusste, was er dachte. Er hatte das Kaninchen gefunden. Auf dem Zerlegetisch lag es, als er nach Hause kam. Ich hatte es ihm dort hingelegt wie ein Geschenk, nachdem Oma mit ihrer Gardinenpredigt im Garten fertig gewesen war.
Ob ich von allen guten Geistern verlassen wäre, hatte sie wissen wollen.
Ich lehnte am Stamm der Kirsche und barg das frisch erlegte Tier unter meinem Rock, der eigentlich viel zu kurz war, um irgendetwas darunter zu verstecken. Das Fell klebte mir fast an der Räude fest, so lange redete sie auf mich ein. Ein Abbild meiner Mutter sei ich, ein frühreifes Früchtchen und dem Wahnsinn so nah wie der Finger der Hand. Da wusste ich plötzlich, welche Bilder hinter ihrer Stirn lauerten und sie so hässlich machten. Mir ging auf, mit welch perfider Präzision der Großvater seine Vorstellung vom Kreislauf aus Geben und Nehmen an ihr verwirklicht hatte. Er hatte sie nie geliebt, dafür alles, was sie hervorbrachte, umso mehr.
Und noch etwas wurde mir mit so erschlagender Klarheit bewusst, dass es mir schwerfiel, Großmutter nicht lauthals ins Gesicht zu lachen:
Ich liebte ihn. Ich liebte ihn. Ich liebte ihn.
Niemand anderes würde meiner Liebe je würdig sein.

Am Tag darauf gab es Braten. Er schmeckte mir so gut, wie mir noch nie zuvor etwas geschmeckt hatte. Diesen Geschmack nach Leben konnte man nur wahrnehmen, wenn man den Tod mit eigenen Händen bezwungen hatte. Oma hatte eine Sauce zubereitet, nach der man sich die Finger lecken wollte. Großvater sah mich über den Tisch hinweg schmatzend an. Er lächelte und aus seinen Augen floss das Tintenblau zu mir hin, dieses Mal ergründlich, aber nicht weniger tief.
Als unsere Teller schon längst wieder im Schrank standen und Oma sich mit einem ihrer Lesehefte auf die Terrasse zurückgezogen hatte, schlief er mit mir, während ich zur Hälfte über dem Zerlegetisch lag. Alles fand sich in dem Augenblick für mich zusammen. Wir vereinigten, was zusammengehörte, wir folgten unserer Fliegennatur.
Großvaters Nägel huben mir den Schorf von den Schenkeln. Er kam in mir wie der größte Segen. Mein Körper, meine ganze Liebe bog sich um ihn. Ich kam ihm entgegen. Kein Blut. Nur Fleisch, das weiß, was es tut.
Wir liebten uns. So sehr. So dringlich. So sehr.

Der Sommer der Fliegen dauerte lange. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob er jemals endete.
Es gab so viele Fliegen, so gottverdammt viele davon. Fliegen gehen auf alles, heißt es. Am liebsten gehen sie auf Kadaver, auf Fleisch, das reift. Irgendwann waren die schwarzen Trauben überall. Sie klebten an den spiralförmigen Fängern, die Großvater und ich selbst im Haus aufgehängt hatten und sie standen im Garten zwischen den Himbeeren, wenn niemand hinsah.
Die Glöckchen läuteten von Juni bis September. Opa und ich fingen alles. Was wir nicht verwerten konnten, brachten wir in den Wald oder auf den Kompost. Wir überließen es der Sonne und unseren summenden schwarzen Freunden.
Großmutter sah unsere verschworenen Blicke und dass wir redeten, obwohl wir kein Wort sprachen. Unser Geschenk für sie.
Als sie eines Mittags Janosch kochte, hatte sie keine Ahnung. Sie hatte von nichts eine Ahnung. Sie wusste nur, wie man Saucen zubereitet, wie man schläft und wie man Insekten tötet. Zu Höherem reichte es bei ihr nicht.

Als sie starb, viele Sommer später, dachte ich an die Wespe, die ihre Chance verpasst hatte. Weil ich es so wollte.
Als Großvater starb, einige Jahre nach ihr, dachte ich daran, wie wir während unseres Sommers einmal Hand in Hand auf der Terrasse gesessen hatten. Wir beobachteten gemeinsam den langsamen Untergang der Venus. Sie ertrank im Abendhimmel wie ein unbedeutender Stern. Ich lachte, er war wohl zu müde dazu.
Ringsherum summten die Fliegen, summte das Leben, das erschlagen wurde, bevor es mir gehören konnte.
Ich fühle. Ich weiß.

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20 Antworten

Kommentare

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    Groß.

    18.01.2015, 03:33 von Herr_Schaft
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    Ich bin immer und immer wieder von der abgründigen Leichtigkeit überwältigt. Ich kann gar nicht alle großartigen Bilder würdigen. So eine schöne, simple Sprache, das ist schon ziemlich einzigartig.

    So eine bleierne Sinnlichkeit. So ein guter Text. Ich zieh den (zugegeben imaginären) Hut. Chapeau. 

    17.01.2015, 22:16 von MaasJan
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    Trau mich schon fast gar nicht mehr, was drunter zu schreiben. Ich müsste jetzt mal nachschauen, ob Du überhaupt schon mal was mit Dialogen gemacht hast. Sie fehlen mir jedenfalls nicht, was bedeutet, dass es dicht genug ist,  um die Geschichte leben zu lassen. Und wie das lebt!


    Gehört eigentlich gar nicht hierher. Gehört..ins Bücherschränkchen.  

    13.06.2012, 09:48 von Kokomiko
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    Den Einstieg in Teil 1 fand ich mühsam, da hatte ich beinahe keine Lust mehr. Kam dann aber nach dem zweiten Absatz gut in die Geschichte und finde sie gesamt gut geschrieben, auch wenn ich den Inhalt. bzw. die Thematik hasse.

    12.06.2012, 12:05 von nyx_nyx
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    Der Artikel ist ein Schlag ins Gesicht für alle Missbrauchsopfer.

    09.06.2012, 13:44 von Tatuvi
    • 1

      Das ist gut, dass hier mal einer für alle Missbrauchsopfer auf der Welt sprechen kann. Also ich persönlich würde es eher als Schlag ins Gesicht empfinden, wenn dauernd jemand meint, in meinem Namen sprechen zu müssen. Irgendwie entmündigend, findest Du nicht?

      22.06.2012, 02:38 von First.Of.The.Gang
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    meine gedanken trampeln sich gegenseitig tot. ich hab den sommer gesehen. er ist in meinem kopf und blüht dort.

    07.06.2012, 12:26 von mo_chroi
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      gnak.

      07.06.2012, 12:37 von mo_chroi
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      danke, sehr liebefeinwürdig.

      07.06.2012, 12:43 von mo_chroi
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      lieber bu, kleiner knuffi. darf man ja jetzt auch wieder. gesundheit sagen, meine ich.

      07.06.2012, 12:47 von mo_chroi
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      ayo, also nicht knigge direkt, sondern eine, die den neuen knigge verkörpert. ich hab' vergessen, wie die ursel heißt und es auch erst neulich erfahren. jetzt weiß man wieder, wer unhöflich ist chichi

      07.06.2012, 23:58 von mo_chroi
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    Grandios geschrieben.


    Persönlich bin ich jetz nich so der Inzest- und Pädo-Freund und Katzen mag ich auch nich so gern aufm Teller, aber die Geschichte finde ich großartig.

    06.06.2012, 15:29 von Jingeling89
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