JackBlack 05.06.2012, 23:29 Uhr 18 14

Der Sommer der Fliegen -3-

Ich war mir so fremd, dass es wehtat, aber in diesem Schmerz war ich mir auch so nah wie niemals zuvor.

Pünktlich zum Beginn der Ferien schlug das Wetter um.
Es blieb heiß, aber es wurde drückend; man meinte, die Welt kranke an einem schlimmen Sumpffieber. Der Himmel hatte die Farbe erkaltender Asche und über ihm glomm die Sonne, als brüte sie selbst etwas aus.
Der Ausschlag  zwischen meinen Beinen war schlimm geworden. Es hatten sich Bläschen gebildet, die so sehr juckten, dass ich mir nachts die Schenkel blutig kratzte.
Ich füllte mir Eis in einen Beutel und floh vor der Wärme in den Keller. Doch selbst dort war der Sommer jetzt eingezogen. Die vertrauten Düfte standen wie Wolken in der Luft, schwer und schwitzend wie alles andere.
Ich saß wippend auf dem Boden und dachte über vieles nach, während ich auf Regen wartete.
Durch die vergitterten Fenster fiel das Licht in kleinen Würfeln. Ich träumte mich in jeden hinein und wieder hinaus. Vielleicht wäre ich mit offenen Augen eingeschlafen, wenn nicht das Glöckchen geläutet hätte.
Zuerst nahm ich es gar nicht richtig wahr, so sehr verschwamm sein Klang in der Gemütsschwere des siechenden Nachmittags. Ich erschrak über meinen eigenen Langmut.
Das Glöckchen ertönte wieder; verhalten, aber deutlich hörbar. Fast war es mir lästig, aufzustehen und nachzuschauen, welches unglücksselige Geschöpf in die Falle gegangen war. Im Inneren völlig unbewegt und auf beinahe müden Beinen machte ich mich auf den Weg in den Garten.
Großvaters Auto stand nicht in der Einfahrt und ich war froh darüber. Etwas war mit mir passiert. Etwas, das ich vorerst für mich behalten wollte. Ich folgte dem Geräusch des Glöckchens wie einer Fährte. Ich war erhitzt von den Gedanken, die ich zurückhielt und von denen ich wusste, sie würden mich später zu einem solch präzisen Handeln anleiten, dass mir jetzt die Erregung des Augenblicks zum vollen Auskosten blieb. Es war herrlich, wie der Schwindel in meinem Kopf anschlug, wie mein Magen in Schwingung geriet und das Blut so wild in meinen Adern peitschte, dass ich zwischenzeitlich meinte, ich müsse daran sterben.
Janosch kam mir in den Sinn und mit einem Mal verstand ich den Blick, den er mir durch den Zaun zugeworfen hatte, nicht mehr als Mahnung, sondern als Aufforderung.
Töricht war ich nur gewesen, weil ich bekämpft hatte, was zugelassen werden wollte, was ganz unabdingbar in meiner Natur schlummerte und endlich geweckt werden wollte. Ich war mir so fremd, dass es wehtat, aber in diesem Schmerz war ich mir auch so nah wie niemals zuvor. Ich hielt auf die Falle zu, bis in den kleinsten Muskel gespannt wie ein jagender Tiger.
Kaum hatte ich den Deckel geöffnet, ging alles ganz schnell. Beide Hände legte ich dem Kaninchen um die Ohren und bevor mein Griff unsicher werden konnte, erschlug ich sein kleines Leben wie eine staubige Fußmatte am Apfelbaum.

In mir selbst starb alles, was vor dem Großvater schwach sein wollte.
Meine Lungen standen in Flammen, so schnell und heiß atmete ich, als das Bündel schließlich tot zu meinen Füßen lag. Die Großmutter rief aufgeregt nach mir. Später würde sie Großvater erzählen, ich habe mich aufgeführt wie eine Wahnsinnige. Geschrien habe ich, dass sich einem die Haare aufstellten, so gell und durchdringend, als zöge mir jemand das Fell ab. Unter der Kirsche wäre ich gesessen, als sie mich auffand nach all dem Geschrei, mit verdrehten Augen und unter der Stirn so weiß wie Kalk.
Ich aber sah dem Großvater nur fest in die Augen und wusste, Omas Worte gingen an ihm vorbei. Er hatte das Kaninchen gefunden. Auf dem Zerlegetisch lag es, als er nach Hause kam. Ich hatte es ihm dort hingelegt wie ein Geschenk, nachdem Oma mit ihrer Gardinenpredigt im Garten fertig gewesen war.
Ob ich von allen guten Geistern verlassen wäre, hatte sie wissen wollen.
Ich lehnte am Stamm der Kirsche und barg das frisch erlegte Tier unter meinem Rock, der eigentlich viel zu kurz war, um irgendetwas darunter zu verstecken. Das Fell klebte mir fast an der Räude fest, so lange redete sie auf mich ein. Ein Abbild meiner Mutter sei ich, ein frühreifes Früchtchen und dem Wahnsinn so nah wie der Finger der Hand. Da wusste ich plötzlich, welche Bilder hinter ihrer Stirn lauerten und sie so hässlich machten. Mir ging auf, mit welch perfider Präzision der Großvater seine Vorstellung vom Kreislauf aus Geben und Nehmen an ihr verwirklicht hatte. Er hatte sie nie geliebt, dafür aber alles, was sie hervorbrachte, umso mehr.
Und noch etwas wurde mir mit so erschlagender Klarheit bewusst, dass es mir schwerfiel, Großmutters Zorn nicht lauthals ins Gesicht zu lachen:
Ich liebte ihn. Ich liebte ihn. Ich liebte ihn.

Am Tag darauf gab es Braten. Er schmeckte mir so gut, wie mir noch nie zuvor etwas geschmeckt hatte. Diesen Geschmack nach Leben konnte man nur wahrnehmen, wenn man den Tod mit eigenen Händen bezwungen hatte. Oma hatte eine Sauce zubereitet, nach der man sich die Finger lecken wollte. Großvater sah mich über den Tisch hinweg schmatzend an. Er lächelte und aus seinen Augen floss das Tintenblau zu mir hin; diesmal ergründlich, aber nicht weniger tief.
Als unsere Teller schon längst wieder im Schrank standen und Oma sich mit einem ihrer Lesehefte auf die Terrasse zurückgezogen hatte, schlief er mit mir, während ich zur Hälfte über dem Zerlegetisch lag. Alles fand sich in dem Augenblick für mich zusammen. Wir vereinigten nur, was zusammengehörte, folgten lediglich unserer Fliegennatur. Wir verwehrten uns jeglichem falschem Anstand, verweigerten uns gänzlich der Furcht der Schwachen. Auf diese Weise kamen wir ohne Gewissen und ohne die Last der Reue aus.
Großvaters Nägel huben mir den Schorf von den Schenkeln, als er seinen Samen in heißen Schüben in mich gab. Mein Körper, meine ganze Liebe bog sich um ihn und in dem Moment, da mich seine Arme von hinten umschlangen und zu sich zogen, erlebte auch ich den Gipfel aller Wonnen.
Wir liebten uns. So sehr. So dringlich. So sehr.
Bestimmt.

Der Sommer der Fliegen dauerte lange. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob er jemals endete.
Wenn ich viele Jahre später an ihn zurück dachte, erinnerte ich mich seltsamerweise zuerst an Janosch und dann an die Fliegen. Es gab so viele Fliegen, so gottverdammt viele davon. Fliegen gehen auf alles, heißt es. Am liebsten gehen sie auf Kadaver, auf Fleisch, das reift. Irgendwann waren die schwarzen Trauben überall. Sie klebten an den spiralförmigen Fängern, die Großvater und ich selbst im Haus aufgehängt hatten und sie standen im Garten zwischen den Himbeeren, wenn niemand hinsah.
Die Glöckchen läuteten von Juni bis September. Opa und ich fingen alles. Was wir nicht verwerten konnten, brachten wir in den Wald oder auf den Kompost. Wir überließen es der Sonne und den Fliegen.
Die Großmutter bemerkte, dass etwas anders war. Sie sah unsere verschworenen Blicke und dass wir redeten, obwohl wir kein Wort sprachen.
Als sie eines Mittags Janosch kochte, hatte sie keine Ahnung. Sie hatte von nichts eine Ahnung. Sie wusste nur, wie man Saucen zubereitete, wie man schlief und wie man Insekten tötete. Zu Höherem reichte es bei ihr nie.
Als sie starb, viele Sommer später, dachte ich an die Wespe, die ihre Chance verpasst hatte.
Als Großvater starb, einige Jahre nach seiner Frau, dachte ich daran, wie wir während unseres Sommers einmal Hand in Hand auf der Terrasse gesessen hatten. Wir beobachteten gemeinsam den langsamen Untergang der Venus. Sie ertrank im Abendhimmel wie ein unbedeutender Stern.
Ringsherum summten die Fliegen.

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18 Antworten

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    Trau mich schon fast gar nicht mehr, was drunter zu schreiben. Ich müsste jetzt mal nachschauen, ob Du überhaupt schon mal was mit Dialogen gemacht hast. Sie fehlen mir jedenfalls nicht, was bedeutet, dass es dicht genug ist,  um die Geschichte leben zu lassen. Und wie das lebt!


    Gehört eigentlich gar nicht hierher. Gehört..ins Bücherschränkchen.  

    13.06.2012, 09:48 von Kokomiko
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    Den Einstieg in Teil 1 fand ich mühsam, da hatte ich beinahe keine Lust mehr. Kam dann aber nach dem zweiten Absatz gut in die Geschichte und finde sie gesamt gut geschrieben, auch wenn ich den Inhalt. bzw. die Thematik hasse.

    12.06.2012, 12:05 von nyx_nyx
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    Der Artikel ist ein Schlag ins Gesicht für alle Missbrauchsopfer.

    09.06.2012, 13:44 von Tatuvi
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      Das ist gut, dass hier mal einer für alle Missbrauchsopfer auf der Welt sprechen kann. Also ich persönlich würde es eher als Schlag ins Gesicht empfinden, wenn dauernd jemand meint, in meinem Namen sprechen zu müssen. Irgendwie entmündigend, findest Du nicht?

      22.06.2012, 02:38 von First.Of.The.Gang
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    meine gedanken trampeln sich gegenseitig tot. ich hab den sommer gesehen. er ist in meinem kopf und blüht dort.

    07.06.2012, 12:26 von mo_chroi
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      gnak.

      07.06.2012, 12:37 von mo_chroi
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      danke, sehr liebefeinwürdig.

      07.06.2012, 12:43 von mo_chroi
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      lieber bu, kleiner knuffi. darf man ja jetzt auch wieder. gesundheit sagen, meine ich.

      07.06.2012, 12:47 von mo_chroi
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      ayo, also nicht knigge direkt, sondern eine, die den neuen knigge verkörpert. ich hab' vergessen, wie die ursel heißt und es auch erst neulich erfahren. jetzt weiß man wieder, wer unhöflich ist chichi

      07.06.2012, 23:58 von mo_chroi
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    Grandios geschrieben.


    Persönlich bin ich jetz nich so der Inzest- und Pädo-Freund und Katzen mag ich auch nich so gern aufm Teller, aber die Geschichte finde ich großartig.

    06.06.2012, 15:29 von Jingeling89
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  • 2

    Nicht nur bist du außerordentlich unter den Besonderen, nein, du bist auch noch rücksichtsvoll gegenüber denjenigen, die sich nicht in der Lage sehen, lange Texte zu lesen. Schöne Möglichkeit, einen Text mehrmals zu herzen.

    06.06.2012, 00:45 von Fieseise
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  • Wie siehst du das, Stefan Bachmann?

    Jeden Mittwoch interviewen wir NEON-Fotografen oder Illustratoren. Auf unsere 10 Fragen dürfen sie uns nur mit Bildern antworten.

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    Millionen Syrer sind auf der Flucht. Doch was passiert mit denen, die blieben? In Aleppo versuchen ehemalige Kämpfer zu retten, was nicht mehr zu retten ist.

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