Der Schlaufuchs
Oder: Eine Kindheitsgeschichte, die mir wohl auch dieses Jahr nicht erspart bleiben wird.
Heiligabend
1989. „Sind wir bald da?“ jammert das Rückspiegelbild meines
vierjährigen Sohnes und ich gestehe mir ein, dass es ein grober
Schnitzer war, nur zwei Salamibrote und ein Knoppers für des Sohnes
Wegrationstüte einzukalkulieren, denn eins muss man dem Kerlchen zugutehalten: hat er ihn voll, hält er ihn, den Mund. „Wir sind erst in
Nürnberg, Schatz, das dauert noch.“ Wenn ich im Rahmen einer längeren
Autobahnfahrt am Steuer sitze, pflegt meine mir von Gott anvertraute
Ehefrau, die Kommunikation mit unserem Schatz zu übernehmen. Insoweit
besteht eine Übereinkunft kraft ehelicher Übung, weiß meine mir von Gott
anvertraute Ehefrau doch seit mittlerweile fünf Jahren, dass ich auf
Autobahnen zu erhöhter Schweißproduktion samt spontanen Schimpfkaskaden
neige und daher keinen Nerv übrig habe für eine Auseinandersetzung mit
einem insistierenden Quengelbengel.
„Mein Popo macht aber schon aua!“
„Heyyy, Freund…“
„Dann leg ein Kissen drunter.“
„… du pennst doch…“
„Hab schon zwei drunter.“
„…Knallkopp!“
„Ach, Garmonbozia...“
„Gewittaaaa…!“
„Meine Ohren tun auch weh.“
„… nocha…“
„Schluck mal ganz feste.“
„…mooool…“
„Das knackt!“
„…doooo!“
Den kleinen Garmonbozia an der Hand haltend, betätigt meine mir von Gott
anvertraute Ehefrau die Klingel neben der Haustür ihres Elternhauses.
Während wir auf schwiegerelterliche Lebenszeichen warten, untersuche ich
etwaige Szenarien, die ebensolchen Lebenszeichen zuwiderlaufen würden,
im Hinblick auf ihre moralisch vertretbare Wünschbarkeit. Auch weil mir
insoweit nur Furchtbares einfällt, dauert es nicht lange, bis ich mir
für das neue Jahr die Anschaffung eines Dezibelmessgeräts vornehme, um
endlich mal die Lautstärke einer dieser Kreischbegrüßungen mit
derjenigen einer Kettensägenparty vergleichen zu können. Ungleich
weniger ohrenbetäubend wird es erst, da schließlich auch meine
Anwesenheit ins Auge springt. Ich bin zu sehr ein allenfalls geduldeter
Widerstand in der Luft, als dass man mir Enthusiastischeres denn ein
formales Höflichkeitsprogramm zuteil werden ließe, und ich habe keinen
Schimmer, ob ich dies auf eine rebellische Art spitze oder vielleicht
doch eher traurig finden sollte, geschweige denn wer die Hauptschuld
trägt an diesem emotionalen Magerquark. Ich weiß nur, dass mir die Kraft
fehlt, mich aktiv für auch mir geltende Kreischbegrüßungen ins Zeug zu
legen - jedenfalls solange ich nicht sämtliche Hauptstädte dieser Welt
auswendig gelernt habe
„Papa, guck mal!“ Mein Sohn zupft an meiner
Jacke und deutet auf einen sich mit circa 0,5 km/h vorwärtsbewegenden
Spaziergänger älteren Semesters.
„Ja, Garmonbozia?“
„Heißt der auch Opa Michael?“
Leicht perplex scanne ich abwechselnd den Spazierschleicher und meinen
Schwiegervater, versuche mich, in meinen Sohn hineinzuversetzen, frage
mich, warum in Gottes Namen dieser Zwerg in Betracht zieht, der Typ
heiße ebenfalls Opa Michael, ich schaue hin und her und hin und her,
denke an die Ich-Perspektive des Terminators im gleichnamigen Film, dann
eine Weile an Linda Hamilton, dann an Brüste im Allgemeinen, und noch
bevor es etwas enger wird im Slip, hilft mir eine innere Cyborg-Stimme
auf die Sprünge.
„Ähm… du meinst, weil der auch ne Glatze hat?“
„Mmmhmmm.“
Ein Teil von mir lacht sich scheckig angesichts der soeben zutage
getretenen Logik, ein anderer lässt alle Hoffnung fahren, der Rest denkt
weiterhin an Titten.
Da es meine Schwiegermutter bisher
überraschenderweise unterlassen hat, über die schockierendsten
Neuigkeiten aus ihrer Mundhöhle zu referieren, atme ich nach dem
Abendessen – es gab Kalbszunge – erleichtert auf und sage ja zu einem
doppelten Verdauungsobstler. Anschließend schicke ich den kleinen Garmonbozia, dessen zunehmende Ungeduld („Bescheeeeerung… jetzt!“) bereits
sämtliche Plätzchen verputzt hat, nach oben. Sofort glänzen des Sohnes
Augen vor Euphorie; weil er weiß, wer sich im Anmarsch befindet, wenn
man nach oben geschickt wird - nein, nicht das Christkind, hier ist es
der Weihnachtsmann. Der Weihnachtsmann, der in diesem Haus als ein
Dufflecoat tragender Schwiegervater daherkommt. Mit Plastikmaske und
Aldi-Tüte.
„Oh, meine Aphthe…“ Als es dann doch noch irgendwann
losgeht, wird mein Schoß schon seit einer Stunde von 31 hochzufriedenen
Menschenkilo okkupiert, welche mich mit Myriaden von Playmobil-Figuren
bekannt machen. „Das ist der Herr Cowboy, gib Hand.“ Mein Schwiegervater
schnarcht und sabbert bereits im persönlichen Fernsehsessel, kein
Wunder, hat er doch während der Bescherung „eine kurze Nachtwanderung“
unternommen. „…jetzt auch im Genitalbereich…“ Wenn „die Kinder“ zu
Besuch kommen, kaufen meine Schwiegereltern immer einen Kasten Bier, so
dass mich abendliche Wahrnehmungstrübungen vor Unterhaltsprozessen
bewahren. „Das ist der Herr Pferd, gib Pfote.“ Im Fernsehen läuft eine
Volksmusiksendung. Mit Ton. „…warte, Süße, ich zeig dir…“ Anstatt
verstohlen nach links zu schauen, gebe ich lieber Pfote. „Das ist der
Herr…“ Plötzlich unterbricht der kleine Garmonbozia die lustige
Vorstellungsrunde, er hat etwas entdeckt, kugelt von mir runter, tippelt
an den medizinisch interessierten Grazien vorbei in Richtung
Schnarchzapfen, werkelt an dessen Füßen herum, hält schließlich einen
halbverwesten Birkenstock in die Höhe, spricht: „Hey, guckt mal, der Opa
Michael hat die gleichen Schuhe wie der Weihnachtsmann.“ Hieran anknüpfende
Schlussfolgerungen - Fehlanzeige.





Kommentare
''..meine mir von Gott anvertraute Ehefrau..''
Sag mal, bist Du Fan von Ephraim Kishon?!
Ich verrat' Dir was im Stillen: Ein 'ja' Deinerseits würde mich nicht abschrecken, grins...
02.02.2012, 21:14 von chouchennNein, den Herrn (die Dame?) kenne ich nicht.
03.02.2012, 12:02 von GarmonboziaNicht?!
Der sprach in seinen Büchern von seiner Frau immer als ''die beste Ehefrau von allen'' also kein Name oder so, hat mich an der entsprechenden Stelle in Deinem Text daran erinnert..
04.02.2012, 10:00 von chouchennImmer wieder gern gelesen, deine Texte. Kompliment.
27.12.2011, 13:03 von Cyro
War doch ne feine Sache das Ganze..Besser als meine Emo-Texte! Weiter so!
26.12.2011, 20:05 von ZitronenTeeDer Text liest sich schwerfällig und holprig.
25.12.2011, 19:25 von Jackie_Grey"meine mir von Gott anvertraute
Ehefrau" fand ich beim ersten Mal sehr amüsant. Als ich es dann aber dreimal lesen musste, war es aufdringlich.
Sehr bemüht, lustig zu sein. Aber Lustigkeit muss schwerelos sein.
Wirklich viel Mühe gegeben! Klingt mir aber zu gestelzt. Warum so viele umständliche Sätze?
25.12.2011, 16:25 von limpstoneSehr cool, wirklich! Liest sich an manchen Stellen schwer, wegen der langen Sätze, aber das macht den Text aus. Gut!
25.12.2011, 14:57 von WortgestaltLieblingsstelle:
25.12.2011, 14:21 von schnutopard"...geschweige denn wer die Hauptschuld
trägt an diesem emotionalen Magerquark."
:D
Ich glaube ja, dass der Weihnachtsmann der Einfachheit halber auch online einkauft - seine Schuhe genauso wie all unsere Geschenke. Da kann es schon mal vorkommen, dass er die gleichen trägt wie Oppa.
23.12.2011, 09:48 von SasaliJa, das ist was, da denken die großen nicht dran, aber die kleinen habens eben genau im Blick.
23.12.2011, 08:37 von Taneahaha :D
Und haben deine Neffen und Nichten irgendwelche Konsequenzen aus dieser Beobachtung gezogen?
23.12.2011, 08:51 von GarmonboziaBei uns hatten komischerweise St. Martin und der Nikolaus die gleichen Schuhe wie der Papa. Sogar die gleiche Stimme. Das war schon gruselig, diese Ähnlichkeit.
23.12.2011, 09:16 von nyx_nyx;)
Wir haben denen erzählt, dass der Weihnachtsmann ein guter Freund von M. ist und sich regelmäßig seine Kleidung borgt.
23.12.2011, 10:22 von MisterGambitIch muss mal meine Eltern fragen, was sie mir erzählten, nachdem ich meine Post an den Weihnachtsmann in ihrem Schlafzimmer gefunden hatte. Es muss schlüssig gewesen sein.
23.12.2011, 10:26 von Garmonboziawenn du es weißt, schreib darüber noch einen text.
23.12.2011, 10:58 von MisterGambit