Garmonbozia 22.12.2011, 22:59 Uhr 18 17

Der Schlaufuchs

Oder: Eine Kindheitsgeschichte, die mir wohl auch dieses Jahr nicht erspart bleiben wird.

Heiligabend 1989. „Sind wir bald da?“ jammert das Rückspiegelbild meines vierjährigen Sohnes und ich gestehe mir ein, dass es ein grober Schnitzer war, nur zwei Salamibrote und ein Knoppers für des Sohnes Wegrationstüte einzukalkulieren, denn eins muss man dem Kerlchen zugutehalten: hat er ihn voll, hält er ihn, den Mund. „Wir sind erst in Nürnberg, Schatz, das dauert noch.“ Wenn ich im Rahmen einer längeren Autobahnfahrt am Steuer sitze, pflegt meine mir von Gott anvertraute Ehefrau, die Kommunikation mit unserem Schatz zu übernehmen. Insoweit besteht eine Übereinkunft kraft ehelicher Übung, weiß meine mir von Gott anvertraute Ehefrau doch seit mittlerweile fünf Jahren, dass ich auf Autobahnen zu erhöhter Schweißproduktion samt spontanen Schimpfkaskaden neige und daher keinen Nerv übrig habe für eine Auseinandersetzung mit einem insistierenden Quengelbengel.
„Mein Popo macht aber schon aua!“
„Heyyy, Freund…“
 „Dann leg ein Kissen drunter.“
 „… du pennst doch…“
„Hab schon zwei drunter.“
 „…Knallkopp!“
„Ach, Garmonbozia...“
„Gewittaaaa…!“
„Meine Ohren tun auch weh.“
„… nocha…“
„Schluck mal ganz feste.“
„…mooool…“
„Das knackt!“
„…doooo!“

Den kleinen Garmonbozia an der Hand haltend, betätigt meine mir von Gott anvertraute Ehefrau die Klingel neben der Haustür ihres Elternhauses. Während wir auf schwiegerelterliche Lebenszeichen warten, untersuche ich etwaige Szenarien, die ebensolchen Lebenszeichen zuwiderlaufen würden, im Hinblick auf ihre moralisch vertretbare Wünschbarkeit. Auch weil mir insoweit nur Furchtbares einfällt, dauert es nicht lange, bis ich mir für das neue Jahr die Anschaffung eines Dezibelmessgeräts vornehme, um endlich mal die Lautstärke einer dieser Kreischbegrüßungen mit derjenigen einer Kettensägenparty vergleichen zu können. Ungleich weniger ohrenbetäubend wird es erst, da schließlich auch meine Anwesenheit ins Auge springt. Ich bin zu sehr ein allenfalls geduldeter Widerstand in der Luft, als dass man mir Enthusiastischeres denn ein formales Höflichkeitsprogramm zuteil werden ließe, und ich habe keinen Schimmer, ob ich dies auf eine rebellische Art spitze oder vielleicht doch eher traurig finden sollte, geschweige denn wer die Hauptschuld trägt an diesem emotionalen Magerquark. Ich weiß nur, dass mir die Kraft fehlt, mich aktiv für auch mir geltende Kreischbegrüßungen ins Zeug zu legen - jedenfalls solange ich nicht sämtliche Hauptstädte dieser Welt auswendig gelernt habe
 „Papa, guck mal!“ Mein Sohn zupft an meiner Jacke und deutet auf einen sich mit circa 0,5 km/h vorwärtsbewegenden Spaziergänger älteren Semesters.
„Ja, Garmonbozia?“
„Heißt der auch Opa Michael?“
Leicht perplex scanne ich abwechselnd den Spazierschleicher und meinen Schwiegervater, versuche mich, in meinen Sohn hineinzuversetzen, frage mich, warum in Gottes Namen dieser Zwerg in Betracht zieht, der Typ heiße ebenfalls Opa Michael, ich schaue hin und her und hin und her, denke an die Ich-Perspektive des Terminators im gleichnamigen Film, dann eine Weile an Linda Hamilton, dann an Brüste im Allgemeinen, und noch bevor es etwas enger wird im Slip, hilft mir eine innere Cyborg-Stimme auf die Sprünge.
„Ähm… du meinst, weil der auch ne Glatze hat?“
„Mmmhmmm.“
Ein Teil von mir lacht sich scheckig angesichts der soeben zutage getretenen Logik, ein anderer lässt alle Hoffnung fahren, der Rest denkt weiterhin an Titten.

Da es meine Schwiegermutter bisher überraschenderweise unterlassen hat, über die schockierendsten Neuigkeiten aus ihrer Mundhöhle zu referieren, atme ich nach dem Abendessen – es gab Kalbszunge – erleichtert auf und sage ja zu einem doppelten Verdauungsobstler. Anschließend schicke ich den kleinen Garmonbozia, dessen zunehmende Ungeduld („Bescheeeeerung… jetzt!“) bereits sämtliche Plätzchen verputzt hat, nach oben. Sofort glänzen des Sohnes Augen vor Euphorie; weil er weiß, wer sich im Anmarsch befindet, wenn man nach oben geschickt wird - nein, nicht das Christkind, hier ist es der Weihnachtsmann. Der Weihnachtsmann, der in diesem Haus als ein Dufflecoat tragender Schwiegervater daherkommt. Mit Plastikmaske und Aldi-Tüte.

„Oh, meine Aphthe…“ Als es dann doch noch irgendwann losgeht, wird mein Schoß schon seit einer Stunde von 31 hochzufriedenen Menschenkilo okkupiert, welche mich mit Myriaden von Playmobil-Figuren bekannt machen. „Das ist der Herr Cowboy, gib Hand.“ Mein Schwiegervater schnarcht und sabbert bereits im persönlichen Fernsehsessel, kein Wunder, hat er doch während der Bescherung „eine kurze Nachtwanderung“ unternommen. „…jetzt auch im Genitalbereich…“ Wenn „die Kinder“ zu Besuch kommen, kaufen meine Schwiegereltern immer einen Kasten Bier, so dass mich abendliche Wahrnehmungstrübungen vor Unterhaltsprozessen bewahren. „Das ist der Herr Pferd, gib Pfote.“ Im Fernsehen läuft eine Volksmusiksendung. Mit Ton. „…warte, Süße, ich zeig dir…“ Anstatt verstohlen nach links zu schauen, gebe ich lieber Pfote. „Das ist der Herr…“ Plötzlich unterbricht der kleine Garmonbozia die lustige Vorstellungsrunde, er hat etwas entdeckt, kugelt von mir runter, tippelt an den medizinisch interessierten Grazien vorbei in Richtung Schnarchzapfen, werkelt an dessen Füßen herum, hält schließlich einen halbverwesten Birkenstock in die Höhe, spricht: „Hey, guckt mal, der Opa Michael hat die gleichen Schuhe wie der Weihnachtsmann.“ Hieran anknüpfende Schlussfolgerungen - Fehlanzeige.

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18 Antworten

Kommentare

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  • 0

    ''..meine mir von Gott anvertraute Ehefrau..''


    Sag mal, bist Du Fan von Ephraim Kishon?!


    Ich verrat' Dir was im Stillen: Ein 'ja' Deinerseits würde mich nicht abschrecken, grins...


     


     

    02.02.2012, 21:14 von chouchenn
    • 0

      Nein, den Herrn (die Dame?) kenne ich nicht.

      03.02.2012, 12:02 von Garmonbozia
    • 0

      Nicht?!


      Der sprach in seinen Büchern von seiner Frau immer als ''die beste Ehefrau von allen'' also kein Name oder so, hat mich an der entsprechenden Stelle in Deinem Text daran erinnert..

      04.02.2012, 10:00 von chouchenn
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  • 0



    Immer wieder gern gelesen, deine Texte. Kompliment.



    27.12.2011, 13:03 von Cyro
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  • 0

    War doch ne feine Sache das Ganze..Besser als meine Emo-Texte! Weiter so!

    26.12.2011, 20:05 von ZitronenTee
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  • 1

    Der Text liest sich schwerfällig und holprig.
    "meine mir von Gott anvertraute
    Ehefrau
    " fand ich beim ersten Mal sehr amüsant. Als ich es dann aber dreimal lesen musste, war es aufdringlich.
    Sehr bemüht, lustig zu sein. Aber Lustigkeit muss schwerelos sein.

    25.12.2011, 19:25 von Jackie_Grey
    • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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  • 1

    Wirklich viel Mühe gegeben! Klingt mir aber zu gestelzt. Warum so viele umständliche Sätze?

    25.12.2011, 16:25 von limpstone
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  • 0

    Sehr cool, wirklich! Liest sich an manchen Stellen schwer, wegen der langen Sätze, aber das macht den Text aus. Gut!

    25.12.2011, 14:57 von Wortgestalt
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  • 0

    Lieblingsstelle:
    "...geschweige denn wer die Hauptschuld
    trägt an diesem emotionalen Magerquark."

    :D

    25.12.2011, 14:21 von schnutopard
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  • 0

    Ich glaube ja, dass der Weihnachtsmann der Einfachheit halber auch online einkauft - seine Schuhe genauso wie all unsere Geschenke. Da kann es schon mal vorkommen, dass er die gleichen trägt wie Oppa.

    23.12.2011, 09:48 von Sasali
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  • 0

    Ja, das ist was, da denken die großen nicht dran, aber die kleinen habens eben genau im Blick.

    23.12.2011, 08:37 von Tanea
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  • 2

    haha :D


    Mein Nruder hat mal auf dem Dorf den Weihnachtsmann gespielt. Aber dummerweise, weil wir nicht so gut ausgestattet waren, musste er seine Straßenschuhe zum Kostüm tragen und meine Neffen und Nichten riefen laut in den Gottesdienst:"Der Weihnachtsmann hat die gleichen Schuhe wie Onkel Marcello"

    23.12.2011, 07:27 von MisterGambit
    • 0

      Und haben deine Neffen und Nichten irgendwelche Konsequenzen aus dieser Beobachtung gezogen?

      23.12.2011, 08:51 von Garmonbozia
    • 0

      Bei uns hatten komischerweise St. Martin und der Nikolaus die gleichen Schuhe wie der Papa. Sogar die gleiche Stimme. Das war schon gruselig, diese Ähnlichkeit.
      ;)

      23.12.2011, 09:16 von nyx_nyx
    • 3

      Wir haben denen erzählt, dass der Weihnachtsmann ein guter Freund von M. ist und sich regelmäßig seine Kleidung borgt.

      23.12.2011, 10:22 von MisterGambit
    • 0

      Ich muss mal meine Eltern fragen, was sie mir erzählten, nachdem ich meine Post an den Weihnachtsmann in ihrem Schlafzimmer gefunden hatte. Es muss schlüssig gewesen sein.

      23.12.2011, 10:26 von Garmonbozia
    • 0

      wenn du es weißt, schreib darüber noch einen text. 

      23.12.2011, 10:58 von MisterGambit
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