MrsAlibabaa 30.05.2012, 20:14 Uhr 0 3

Der Mensch heißt Mensch, weil er vergisst, weil er verdrängt.

Die Seite läd. Ich weiß, gleich werde ich mit dem Tod konfrontiert.

Wie lange war ich nicht mehr auf dieser Seite? Ein paar Monate, ein halbes Jahr? Zu lange. Zu lange, man kann fast sagen, ich hätte dich vergessen.

Ich hab dich nicht vergessen.

Diese Seite nennt sich InFrieden.de und man kann dort imaginäre Kerzen anzünden, mit Namen und so. Man kann auch Fotos veröffentlichen und Erinnerungen. Es ist eine Seite zum erinnern. Ist man ein nahestehendes Familienmitgleid, kann man die Seite verwalten.

Ich bin eine davon. Und doch ist die letzte Kerze nun fast so lange her wie dein 3. Todestag. Ich erzähle gerne von dir, was passiert ist, was danach passiert ist mit meiner Familie - du weißt es doch, oder? - und wie wir deinen 26. Geburtstag gefeiert haben und Oma mich dort so abgefüllt hat mit Absinth, deinem Lieblingsschnapps. Wie deine Freunde - die auch meine Freunde waren - besoffen an deinem Grab standen und um dich getrauert haben, wie sie glallt haben "du wirst immaaa in unserm herzn bleiben, bruda!". Da musste ich fast lachen.

Es tut mir leid, ich war lange nicht mehr im Friedwald und lange nicht mehr auf deiner Seite, ABER DU WARST IN MEINEM KOPF! Ich habe dich nicht vergessen. Ich zeige es bloß nicht so nach außen, wie die anderen es tun. Und doch fühle ich schuldig, frage mich, ob die anderen Besucher dieser Seite merken, dass mein letzer Eintrag länger her ist.

Ich klicke auf die Seite, das geht ganz einfach, denn ich habe sie unter meinen Favoriten gespeichert. Erst traue ich mich nicht, doch dann denke ich, ich habe es zu lange verdrängt.

Die Seite läd.

Ich weiß, gleich werde ich mit deinem Tod konfrontiert.
Wie damals, als ich die Nachricht erfahren habe. Meine Oma saß neben mir, ich sagte: "Guck mal, hier ist eine Seite ... und ... " - Ich habe noch nie so geweint.

Alles gut, dein Bild ist noch da, lächeln, fröhlich, glücklich. Die Fotos von dir und deiner Freundin. Glücklich. Die Musik langsam und zäh, aber nicht unbedingt traurig. Der Hintergrund neutral, friedlich. Viele Kerzen von vielen Menschen die dich kennen, und die ich kenne. Viele, die dich nicht vergessen, denn du wirst nie vergessen.
Ich liebe dich, mein Bruder.

3

Diesen Text mochten auch

0 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  •  
  • Unser Blut, unser Boden, unser Blog

    Die »Identitäre Generation« ist der erste europäische Club für junge Rechte. Die Heftgeschichte aus der aktuellen Ausgabe lest ihr jetzt im Blog.

  • Durchs Wochenende mit Lena Steeg

    Und, wie war dein Wochenende so? Jede Woche fotografiert ein NEON-Redakteur sein Wochenende mit dem Handy. Diesmal: Textredakteurin Lena Steeg.

  • Platzverweis

    Um den perfekten Kinositzplatz wird gestritten, seit es das Kino gibt. Das ist jetzt vorbei. Die Tipps aus dem August-Heft nun auch im Blog.

Neu: NEON für dein iPad!

Neueste Artikel-Kommentare