Mondtochter 25.11.2008, 18:39 Uhr 57 20

Der Mann, den ich Papa nannte

Meine Eltern haben nicht aus Liebe geheiratet, sondern aus Berechnung - bestenfalls aus Versehen.

Genauso wie sie Kinder gemacht haben. Insofern war das Ende wohl absehbar und wenig verwunderlich.

Papa. Ich weiß nicht, wann ich dieses Wort zuletzt ausgesprochen habe. Papa. Es liegt komisch auf meiner Zunge, schmeckt nach nichts, wie ein Stück Plastikverpackung, das ins Essen geraten ist und das man am liebsten wieder ausspucken möchte.

Mama. Das hat eine Bedeutung. Ich bin erwachsen, wir streiten uns oft und verstehen uns selten, aber es hat eine Bedeutung. Ich weiß, wer sie ist, wo sie wohnt und wie es ihr geht, zumindest was sie macht, denn wer weiß denn schon wirklich, wie es seiner Mutter geht und wer will das schon so genau wissen.

Papa. Ich trage seinen Namen, aber es ist schon lange kein Familienname mehr, es ist nur noch meiner. Ich sehe seine Augen im Spiegel, jeden Tag. Aber es sind nur noch meine. Auf Fotos von mir sehe ich sein Gesicht manchmal mit erschreckender Deutlichkeit. Momente, in denen mir wieder einfällt, dass ich einen Vater hatte. Habe. Zumindest solange er noch lebt, wovon ich ausgehe, da ich bislang keinen Pflichtteil geerbt habe.

Er hat mich aufwachsen sehen bis zum Teenageralter, er war mein Papa. Den ich bewundert und geliebt habe, solange er mich gelassen hat. Dass man Vatersein ebenso leicht abstreifen kann wie einen alten Schuh habe ich nicht gewusst. Es kommt mir heute normal vor, vielleicht ist es auch normal, das ganz normale Schicksal eines Scheidungskindes, das nicht mal mehr fürs Vorabendprogramm taugt.

Leider ist es aber so, dass wenn Deine Eltern Dich zurücklassen können, Du Dich nie mehr sicher fühlst. Das hat er mir hinterlassen. Schon vor dem Pflichtteil. Sein Geschenk an mich. Papa. Wärst Du nur gestorben und hättest mir mein Vertrauen gelassen.

Und wenn er stirbt, werde ich irgendwann mal an seinem Grab stehen oder ist er mir so egal wie ich ihm egal bin? Oder werde ich nur da sein, um sicher zu gehen, dass er wirklich tot ist, so tot wie er es für mich im Grunde schon lange ist.

Manchmal in den letzten zehn Jahren habe ich mich an meinem Geburtstag gefragt, ob er wohl noch weiß, dass er eine Tochter hat, die heute ein Jahr älter wird. Ob man seine eigenen Kinder wohl vergessen kann. Und manchmal habe ich vergessen, mich das zu fragen.

Papa. Ich nehme an, das ist der Grund, warum ich nicht will, dass mich jemals jemand Mama nennt. Angst davor, ich könnte weitergeben, was er mir hinterlassen hat.

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57 Antworten

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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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    wenn Deine Eltern Dich zurücklassen können, Du Dich nie mehr sicher fühlst.

    sehr schön geschrieben

    18.02.2009, 11:45 von caroooho
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    Ich hab erwartet - wie immer, wenn ich an meinen eigenen Vater denke und an das, was nicht passiert ist - mit den Tränen kämpfen zu müssen. Interessanter Weise hab ich gerade festgestellt, dass ich die Tränen kampflos aufgegeben haben und gar nicht mehr kommen. Es ist egal. Das ist gut.

    09.12.2008, 14:27 von volumINA
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    Hab mich hier grad wieder gefunden, mir gehts genauso, mein Vater meldet sich auch nie zum Geburtstag un man fragt sich warum er noch Vater heißen darf.
    Ich empfinde für ihn nix mehr, er is wie jemand den es nie gegeben hat, ich hab keine Bilder mehr von ihm nix.. das einzige was an ihn erinnert is der nachname mehr aber auch nicht.

    08.12.2008, 19:30 von kruemelprinzessin
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    Ja, mein vater ist für mich auch längst gestorben. Meine Eltern seit ewig geschieden, keinen kontakt zu Rainer.
    Wenn er wenigstens tot wäre, würde ich eine Menge erben. Den Gefallen tut er mir trotz enormen Alkoholkonsum nicht...
    Toller Artikel.
    Gruß,
    sommersonnig

    08.12.2008, 10:51 von sommersonnig
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    Mir fehelen irgendwie die Worte. Weiß nichts anderes als "krass" zu schreiben. Der Inhalt berührt mich, Text liest sich sehr gut, kompliment dafür.

    05.12.2008, 09:34 von tomisc
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    mir geht es genauso. genau so.
    es tut weh und der schmerz wird immer bleibe, auch wenn man zu sich sagt, er geht vorbei. nein. das enttäuschte Kind in einem wird immer leben. immer. toller text.

    05.12.2008, 09:26 von Sheiny
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    starker text.
    und die reaktionen dazu zeigen, dass du nicht nur mich direkt berührst (ja, scheidungskind).
    die reaktionen zeigen jedoch auch, wie häufig wir in unserer welt und geschichte gefangen sind. und aus diesem gefängnis auszubrechen liegt in unserer eigenen hand.

    05.12.2008, 04:23 von gioia-zoe
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    seltsam zu lesen was man selbst nicht fähig ist in worte zu fassen.

    03.12.2008, 18:56 von kazuya.kazu
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  • 0

    Das ist genau meine Geschichte.... ich habe mein Vater seit 10 Jahren nicht mehr gesen, kein Anruf... auch nicht zum Geburtstag. Die selben Fragen wie du, stelle ich mir auch....
    Danke!

    03.12.2008, 16:52 von Mrs
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