sternenmaedchen92 22.05.2013, 16:54 Uhr 37 67

Der letzte Besuch

Was sagt man einem Menschen, wenn man ihn das letzte Mal sieht? Ich meine, wenn man vorher weiß, dass man ihn das letzte Mal sieht?

Oft macht man sich Vorwürfe, wenn ein geliebter Mensch stirbt. "Wenn ich gewusst hätte, dass es das letzte Treffen war, dann hätte ich ihm noch dies und das gesagt." Aber was ist dies und das? Jeden Menschen in unserem Leben werden wir irgendwann zum letzten Mal sehen... aber bei den meisten wissen wir es vorher nicht.

Wenn ich dich besuche, reden wir von früher. Ich habe ein paar alte Fotos mitgebracht, die wir uns gemeinsam anschauen. Es sind schöne Bilder mit noch schöneren Erinnerungen. Auf einem sieht man, wie du mich das erste Mal im Arm hältst. Etwas unbeholfen umschließen deine großen Hände meinen kleinen Körper  und man sieht dir an, dass du Angst hast, irgendetwas an diesem kleinen Menschenwesen kaputt zu machen. Doch deine Augen leuchten voller Stolz. So wie sie es oft taten, wenn du mich ansahst. 
Auf vielen anderen Bildern ist zu sehen, wie du mich auf dem Traktor mit nimmst, wir Fahrradtouren machen oder wie wir in deinem Fernsehsessel sitzen und du mir Geschichten vorliest. Ich auf deiner Brust. Dein Herzschlag ein beruhigender Takt in meinem Ohr. Manchmal – wenn du mal wieder müder warst als ich – versuchtest du ein paar Sätze zu überspringen, aber ich merkte es immer. Wir lachen. Überhaupt lachen wir viel an diesem Nachmittag. Ein guter Nachmittag.

Ich erzähle dir von der Uni. Du fragst mich, was ich dort gerade lerne. Das meiste, was ich dir erzähle, verstehst du nicht – aber das stört dich nicht. Ich erzähle dir die Geschichte von dem jungen Mann im Fahrstuhl. Als wieder einmal alles überfüllt war und er wieder ausstieg um Platz für eine Rollstuhlfahrerin zu machen und die 12 Stockwerke zu Fuß lief obwohl er nicht besonders sportlich aussah und es wirklich eilig hatte. Kleine Helden.

Es geht dir zusehends schlechter und ich weiß, dass meine Alltagsgeschichten nun langsam den wirklich wichtigen Dingen weichen müssen, die ich dir noch sagen wollte. Auch wenn ich immer noch nicht genau sagen konnte, welche das sein würden.

Eines Tages war es dann soweit. Das nicht zu vermeidende letzte Treffen stand bevor. Dir ging es die letzten Tage schon so schlecht, dass du nichts mehr essen und nur noch im Bett liegen konntest. Meine Tante rief mich an und sagte, dass wenn ich dich noch einmal sehen möchte, es bald sein müsste.

Ich stieg in die Bahn, um zu dir ins Krankenhaus zu fahren. Eine Strecke, die ich in den letzten Wochen und Monaten oft zurückgelegt hatte. Und doch spürte ich, dass es heute das letzte Mal sein würde. Ich kannte den Weg in- und auswendig. Ich wusste, dass es vom Bahnhof zum Krankenhaus genau 2 1/2 Lieder dauern würde. Und ich wusste, dass ich das letzte Lied gut auswählen musste, denn dies würde das Lied sein mit dem ich das Krankenhaus betreten und in den Fahrstuhl steigen würde. Das Lied, das ich ungefähr in der Mitte ausmachen würde, da ich dann vor deiner Tür angekommen sein werde. Solche Lieder muss man sehr sorgfältig auswählen, sonst bricht man sich mitunter das Herz. 

Als ich dein Zimmer betrat, sahst du erschöpft und müde aus. Aber dein Blick war noch so wach wie immer. Ein kleines Lächeln umspielte deine Lippen als du mich sahst und der Kloß in meinem Hals wurde immer größer. Ich saß an deinem Bett und wusste nicht, was ich sagen sollte. Du warst es, der sprach. Schwach und leise. Aber klar und deutlich. Du warst es, der versuchte mich zu trösten, der sich für all das Erzählte der letzten Wochen und meine zahlreichen Besuche bedankte. 

Ich saß da und war wie in Trance. Das genau war doch der Moment, auf den ich mich die ganze Zeit vorbereitet hatte. Das war doch der Moment, für den ich mir vorgenommen hatte, dir all dies zu sagen, was man eben "unbedingt noch sagen wollte". Ich hatte immer überlegt, was das Letzte ist, was ich dir sagen will, hatte mir die Worte im Kopf zurechtgelegt, sie beinahe auswendig gelernt, damit ich nichts vergesse. Ich hatte mir geschworen, dir all dies auch wirklich zu sagen, damit ich nicht zu den Menschen gehören muss, die sich später Vorwürfe machen. Und nun konnte ich nichts, außer stumm da zu sitzen und dir zuzuhören.

Irgendwann war der Moment gekommen, in dem ich bereit war zu gehen. „Es ist nicht das letzte Mal, dass wir uns sehen" hörte ich mich sagen. Auch wenn wir beide wussten, dass es nicht stimmt, konnte ich es nicht ertragen, dir etwas anderes zu sagen. Ich wollte dich mit diesem guten Gefühl zurücklassen, nicht mit einem Gefühl der Trauer. Ich nahm dich in den Arm, streichelte deine Hand. Ich versuchte die Tränen und den Kloß im Hals herunterzuschlucken und zwang mich dich anzulächeln. Langsam ging ich zur Tür und drückte die Klinke herunter. Drehte mich noch einmal um. Winkte dir zu. Dann verließ ich das Zimmer. Ich ging den Gang hinunter und Tränen rannen über meine Wangen. Ich fühlte mich so leer, wie man sich nur fühlen kann. Noch leerer. 

30 Minuten saß ich auf der Bank vorm Krankenhaus, beobachtete wie fremde Familien ihre Verwandten abholten und diese wieder mit nachhause nahmen. “Es ist nicht das letzte Mal, dass wir uns sehen“ Mein letzter Satz ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Ich sah in den Himmel. Es fing an zu regnen. Immer stärker. Die Regentropfen vermischten sich mit den Tränen in meinem Gesicht. Nein. Es war falsch jetzt zu gehen. Ich rannte zurück ins Krankenhaus. Rannte die Treppe hinauf. Ich rannte so schnell, wie schon lange nicht mehr. Die strengen Blicke der anderen Menschen interessierten mich nicht. Als ich an deiner Zimmertür ankam, überschlug sich mein Herz fast. Ich war bis auf die Haut durchnässt, völlig außer Atem, zitterte am ganzen Körper. Ich atmete tief durch, klopfte und drückte die Türklinke herunter. Du öffnetest die Augen, drehtest deinen Kopf leicht zur Seite und sahst zu mir. Die Erleichterung, die mich in diesem Moment überkam, ist nicht in Worte zu fassen.

Du lächeltest mich an. Ich nahm dich in den Arm und hielt dich so fest wie ich konnte. „Jetzt ist es das letzte Mal.“ flüsterte ich und küsste dich auf die Wange. „Ich weiß.“ war das Letzte, was du mir sagtest. 


Tags: Tod, Abschied, Letzte Worte
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37 Antworten

Kommentare

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  • 2

    Es ist die Liebe, die uns in diesen Momenten leitet.

    Ich liebe Dich so sehr. Ich werde Dich so sehr vermissen und es tut mir leid.
    Worte bleiben in der Kehle stecken, während man sich umschlungen hält.
    Ein sehr intensiver Text mit einer schrecklichen Sprachgewalt. Danke

    15.09.2013, 16:50 von Frau-Null
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  • 3

    Habe Tränen in den Augen. Ein sehr schöner Text. Und so echt.

    10.06.2013, 15:18 von samael
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  • 3

    <<Das Lied, dass ich ungefähr in der Mitte ausmachen würde, da ich dann vor deiner Tür angekommen sein werde. Solche Lieder muss man sehr sorgfältig auswählen, sonst bricht man sich mitunter das Herz>> --> soo gut!!

    10.06.2013, 12:46 von tiggers.honey
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  • 2

    Eigentlich eine zu schwere Lektüre für einen sonnigen Sonntagvormittag, aber irgendwie auch sehr stimmig...

    09.06.2013, 11:41 von lalina
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  • 2

    Tränen in den Augen. 

    07.06.2013, 00:04 von herbstvogel
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    Sehr schön. Aber das Lied würde ich jetzt auch gerne wissen...  :)

    04.06.2013, 23:00 von zuqwer
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