PONY. 27.06.2011, 20:13 Uhr 17 18

Der laute Herzschlag

Mir mangle es an Mäßigkeit, schimpfte meine Tante, deren Pelzmantel an der Garderobe hing.

Mir mangle es an Empathie, sagte meine Mutter, als wir im Wohnzimmer vor dem Fernseher saßen, verletzte Kriegswaisen schrecklich weinten und ich den Sender änderte.

Ich sei respektlos, sagte mein Großvater, als er beim Essen stolz eine Kriegsanekdote erzählte und ich meinte, dass er ein Nazi war und das kein Grund zum Prahlen sei.

Mir mangle es an Aufmerksamkeit, sagte meine Schwester, als sie mir unter Tränen die schwere Trennung von einem Idioten schilderte und ich kleine und große Kreise auf ein Blatt Papier malte.

Das Wissen über die Lösungsmöglichkeiten von quadratischen Gleichungen fehle mir, sagte mein Lehrer, als er mir ein Blatt Papier mit einer großen roten fünf auf der Ecke, überreichte.

Mein Herz schlug laut unter meiner Brust und ich fragte mich, ob sie es hören konnten.

Ich sei nicht pflichtbewusst, sagte mein Bruder, als ich Nachmittags auf unserem Balkon stand und die bunten Einträge meiner Schulhefte als Flieger durch die Luft schweben ließ.

Mir mangle es an Mäßigkeit, schimpfte meine Tante, deren Pelzmantel an der Garderobe hing, als ich im Restaurant ein Tiramisu und einen Eisbecher bestellte.

Ich sei nicht diszipliniert, schrie meine Mutter, als sie einen Brief von meiner Schule öffnete, von meinen schlechten Noten erfuhr und mir für die nächsten fünf Wochen Hausarrest erteilte.

Mir fehle der Ehrgeiz, sagte mein Vater, als ich nach dreizehn Jahren Gefangenschaft in der Schule, vor dem Studium ein halbes Jahr zum Work-and Travel nach Australien wollte.

Mein Herz schlug laut unter meiner Brust und ich zweifelte, dass sie es hören konnten.

Ich sei nicht fähig zu lieben, sagte mein Freund, als ich seine Kleidung in eine Tüte stopfte und eine zeit lang ohne ihn sein wollte.

Mir mangle es an Kompetenz, sagten meine Kommilitonen auf der Universität, als ich vier Tage vor der Abgabe unserer Studienarbeit fragte, was das Thema sei.

Ich sei nicht frei, sagte eine Freundin, als wir eines Abends auf meinem weichen Bett lagen, ich weinte und die Alarmanlage rot an unserer Hauswand blinkte.

Mir fehle der Verstand, flüsterte der Blick der Dame am Sparkassen-Schalter, als ich mein ganzes Geld abhob und mein Konto auflöste.

Mein Herz schlug laut unter meiner Brust und ich hatte Angst, dass sie es hören konnten.

Zu Hause vermisse ich die Geborgenheit, sagte ich leise am Telefon zu meinen Eltern, und ich blickte über die Dächer einer fremden Stadt und beschloss, dort eine Weile zu bleiben.

Meine Pseudo-Selbstverwirklichung bringe mich ins Grab, schimpfte mein Vater und warf den Hörer auf die Gabel.

Und erst das monotone Tuten am anderen Ende der Leitung beruhigte meinen lauten Herzschlag.

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Kommentare

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    Ein wunderschöner Text!

    29.06.2011, 22:25 von namenloses.etwas
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    Wunderbarer Text....die Kritk in den Kommentaren dazu zeigt ironischerweise sehr gut, dass die Leute nicht verstehen worum es eigentlich geht.

    29.06.2011, 03:20 von whippoorwill
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  • 0

    Mir gefällt die Sprache und wie du den Text aufgebaut hast. Einer der wenigen Texte, die ich glatt noch ein zweites Mal lesen könnte. Das gibt einen Daumen hoch.

    28.06.2011, 17:14 von Onkel_Fester
    • 0

      @Onkel_Fester Der Aufbau des Textes ist doch eher Nada. Flach, vorhersehbar.

      Das ist eher wie Dorftekke, bei dem vor jeder Strophe Worte gewürfelt werden und ein Betroffenheitsfaktor aufmultipliziert wird.

      Und sprachlich, wie soll sich Sprache an so ein Skelett genagelt wohl fühlen?

      28.06.2011, 20:40 von quatzat
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      @quatzat Mhhh ich für mich finde jetzt keinerlei Stelle im Text, der bei mir Betroffenheit auslösen könnte.
      Sicherlich ist der Text sprachlich eher einfach gehalten. Aber wahrscheinlich ist es das was mir gefällt. Kein Text, der an eine Mastgans erinnert, weil er zwanghaft mit Worten gefüttert würde, nach dem Motto Hauptsache es hört sich gut an. Und ich versuche nie aus den Augen zu verlieren, was diese Seite ist: Eine Gruppe Hobbyautoren, die Spaß am schreiben hat und ihre Texte gerne mit anderen teilt. Das da Stil und Sprache sicher nicht immer perfekt sind, darüber sollte sich jeder im klaren sein. Mich hat der der Text zum Nachdenken angeregt und ist nicht sofort wieder in meinem Alltag verpufft. Darum gibt es einen Daumen hoch.

      29.06.2011, 05:55 von Onkel_Fester
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      @Onkel_Fester 'Sicherlich ist der Text sprachlich eher einfach gehalten. Aber wahrscheinlich ist es das was mir gefällt. Kein Text, der an eine Mastgans erinnert, weil er zwanghaft mit Worten gefüttert würde, nach dem Motto Hauptsache es hört sich gut an.'

      Seh ich komischerweise genau anders. Der immergleiche Aufbau der 'Strophen' jedesmal gefüllt mit anderen Zusammenhängen des 'Nichtverstandenwerdens' wirkt eben durch den im Grunde immer gleichen Inhalt fürchterlich überfrachtet. Meinetwegen mit einfacher Sprache. Ich kenne jemanden, der das mit 'content noise' beschreiben würde ^^

      Und Betroffenheitsheischerei findest du nicht in einem Text, der in jeder Zeile wiederholt, wie unverstanden sich das Protagonistchen fühlt? Ach komm...

      'Mich hat der der Text zum Nachdenken angeregt und ist nicht sofort wieder in meinem Alltag verpufft.'

      Da würde mich mal wirklich interessieren, zu welchen weltbewegenden Gedanken dich der Text hingerissen hat. Diese Phrase steht so mehr oder weniger unter jedem S1-Text und hat ohne weitere Ausführung erst einmal null Inhalt. S. auch der Kommentar vom whipperdings da unten, das sind drei Zeilen Leere.

      29.06.2011, 08:19 von quatzat
    • 0

      @quatzat In dem Text geht es eigentlich nicht um das Nichtverstandenwerden, sondern mehr darum, dass einen Worte von anderen Menschen und vorallem von denen, die man liebt, prägen. Und dass die Menschen, die einen kritisieren, oftmals selbst Fehler und Probleme haben, diese aber nicht sehen, oder sehen wollen, weil sie viel zu sehr mit dem Leben von anderen beschäftigt sind. Und die Menschen, die kritisiert werden, werden dann nachdenklich und schreiben Texte auf Neon :)

      29.06.2011, 16:35 von PONY.
    • 0

      @PONY. 'Mein Herz schlug laut unter meiner Brust und ich fragte mich, ob sie es hören konnten.'

      Hat natürlich nichts damit zu tun.

      29.06.2011, 17:09 von quatzat
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      @quatzat Wer von uns beiden hat denn den Text geschrieben? Ich werd doch wohl wissn um was es geht...Und jetzt bau deinen Frust mal unter nem anderen Text ab.

      29.06.2011, 17:28 von PONY.
    • 0

      @PONY. 'Wer von uns beiden hat denn den Text geschrieben? Ich werd doch wohl wissn um was es geht.'

      Ist das dein Anspruch? Dass du alleine deine Texte verstehst?

      29.06.2011, 18:31 von quatzat
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      @quatzat Zäher Nörgler. Zitronenbeisser. Miesepeter.

      29.06.2011, 20:02 von Jackie_Grey
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    das ist das einzige, was mir dazu einfällt:

    http://www.tape.tv/musikvideos/Die-Sterne/Was-hat-dich-bloss-so-ruiniert

    28.06.2011, 16:55 von Gluecksaktivistin
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      @Gluecksaktivistin Mir fiel zunächst http://www.tape.tv/vid/100663 ein...

      28.06.2011, 17:33 von sailor
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      @sailor auch nicht schlecht :D

      28.06.2011, 20:27 von Gluecksaktivistin
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    ... sehr schöner Text ...

    28.06.2011, 14:42 von Arvenir
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    "Ich sei nicht frei, sagte eine Freundin"

    Hör auf deine Freundin!

    28.06.2011, 14:37 von Jackie_Grey
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    n bisschen an Empathie fehlts dir auch.

    sonst gefällt mir der Text ganz gut.. n bisschen flach und vorhersehbar und.. irgendwie ... stereotypisch.. aber ganzt gut.

    28.06.2011, 14:35 von Lena381
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      @Lena381 warum fehlts mir an empathie?

      28.06.2011, 14:39 von PONY.
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    Einfach schön.

    28.06.2011, 14:17 von DietmarRakete
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    gefällt mir sehr gut !

    28.06.2011, 13:34 von oberon1
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