jetsam 13.12.2012, 12:10 Uhr 11 16

Der kleine Wassertropfen

Eine kleine Geschichte von einem Wassertropfen im Winter

Nun ist es einfach so, dass man Wassertropfen zwar sehen, jedoch nicht hören kann. Doch tief im Meer, wo kein Mensch je gewesen ist, da treffen sie sich in einer ausgelassener Runde und erzählen sich ihre Geschichten.

Voller Erwartung setzte sich der kleine Wassertropfen auf die Empore und lauschte. Er selbst war noch viel zu winzig und unerfahren, um selbst auf Reisen zu gehen. So folgte er den Geschichten, die er dort hörte. Manche von ihnen waren schaurig, manche jedoch sehr schön und einzigartig. Manche Reisen der Tropfen waren sehr kurz, andere jedoch fast unendlich. Aber jede Reise war ja ein Kreislauf in sich und endete schließlich an dem einen Ort im tiefen Ozean.  Jeder meinte von sich, dass seine Erlebnisse die Besten gewesen seien und erwartete für seine Taten Zuspruch und Applaus. So schilderte ein mächtiger Tropfen von seiner Reise. Als Anführer erhob er sich aus dem Meer, stieg in dem Himmel, lies sich vom Wind an Land treiben. Dort angekommen vereinte er sich mit seinen Mitreisenden, wuchs zu einer riesigen schwarzen Wolke, um sich herabstürzen zu lassen. Mit seinen Weggefährten überschwemmte er Dörfer und brachte Unheil über das Land. Stolz war er auf sein Werk, den Menschen seine Macht zu zeigen. Voller Unmut stellte sich ein Tropfen in die Mitte und schimpfte. Natürlich haben wir Macht über die Welt, jedoch sollten wir sie nützlich einsetzten, den Menschen Freude bringen. Ein kleiner leicht traurig wirkender Tropfen sprach, er habe es ja leider nicht geschafft den Himmel zu erreichen, aber die Welle, die er durch den Amazonas trieb, die hat vielen Surfern gefallen. Sie ritten auf ihr über Stunden, bis er seine Kraft verlor. Viele weitere Geschichten folgten, über die der kleine Tropfen nachdachte und sich schließlich auf einem Wal schlafen legte. So sehr wünschte er sich auch einmal in dieser Runde zu stehen, zu erzählen, welch wunderbare Dinge er in der Welt  erlebt hatte. Aber dafür war er ja noch zu klein und musste erst viel über Temperaturen, Winde und vieles mehr lernen. Vor allem aber die Wege zurück in den Ozean waren wichtig, bevor er sich auf seine Reise begeben durfte.

Nun ist es so, dass Wale nicht nur in der Tiefe des Meeres anzutreffen sind, sondern auftauchen müssen, um Luft zu holen. Der kleine Tropfen wachte auf, als der Riese ihn an die Oberfläche brachte. Die Sonnenstrahlen zupften an seiner Hülle und zogen ihn sanft in die Luft. Er hatte davon gehört, dass mache sich daraus einen Spaß machten mit den Walen aufzutauchen, sich durch den Druck der Fontanelle durch die Luft wirbeln zu lassen, um anschließend mit ihnen zurück in die Tiefe abzutauchen. Doch genau in dem Moment, als er den Höhepunkt der Wirbelung erreichte, da löste er sich ab, stieg weiter auf, höher und höher, was eine Rückkehr unmöglich machte. So blickte er hinab und bewunderte die unter ihm blau spiegelnde Wasseroberfläche, in deren Inneren er bis jetzt lebte. Vergessen der flaue Moment nicht zu wissen, was wird. Gerne hätte er dort noch verweilt und dieses Spiel der Wellen beobachtet, jedoch trieb ihn eine leichte Brise Richtung Osten. Als die Sonne den Horizont erreichte, fing er an zu frieren. Umso mehr er sich schüttelte wuchsen ihm kleine spitze Zacken, die wie Dornen aus ihm herausragten, nicht aufhören wollten sich zu gabeln. Sie schienen messerscharf zu sein, symmetrisch angeordnet, wie ein kleiner Stern. Der kleine Tropfen erinnerte sich daran, dass er keine Angst haben musste. Veränderungen in seiner Struktur waren ja nichts Ungewöhnliches. Aber er hatte ja auch gehört, dass kleine Sterne zusammenstoßen und sich ineinander verhaken, gar brechen können. Etwas verängstigt schaute er sich um. Doch so weit er auch blickte, war der Himmel gefüllt von kleinen Kristallen, die vor Freude tanzten. Erst an eine Bergkuppe wurde es ärger, sodass sich einige verloren gegangene Kristalle an ihn hefteten. Durch sein Gewicht sank er langsam zu Boden.

So lag der kleine Tropfen, der sich nun stolz Schneeflöckchen nennen durfte, mit Millionen anderen  auf eine Wiese und verwandelte die Oberfläche in eine wunderschöne Winterlandschaft. Der Morgen war angebrochen und die Sonne stieg über den Hang. Mit jeder Bewegung funkelte und glitzerte jede Flocke einigartig vor Freude, ihr Ziel erreicht zu haben. Aus der Ferne hörte die kleine Flocke fröhliche Kinderstimmen, die mit Schlitten den Hang bestiegen. Einige sausten den Hang hinab bis auf den angrenzenden Bürgersteig. Andere rollten aus dem Schnee Kugeln in unterschiedlichen Größen, stellten sie übereinander, verzierten sie mit Steinen und Ästchen, was der kleinen Focke sehr gefiel. Über zwei Tage erfreute er sich an dem fröhlichen Treiben der Menschenkinder, die so ausgelassen spielten, tobten und dem Winterkleid so viel Leben verliehen. Jedoch bemerkte er auch, dass die unter den Kufen der Schlitten gewachsene Oberfläche immer glatter wurde, gar gefährlich, da hinter dem Bürgersteig eine viel befahrene Straße lag. So gerne hätte er sich jetzt etwas Wind gewünscht, der ihn hinab treiben möge, um einen leicht schützenden Wall zu bilden. In der dritten Nacht wurde ihm dieser Wunsch erfüllt. So trieb ihn ein frostiger Wind auf eine schnell anwachsende Wölbung, auf dass die Kinder nicht auf die Straße gelangen konnten. Hier war der richtige Platz dachte sich die kleine Flocke, die sich nicht sehnlicher wünschte, als hier noch einige Zeit zu verweilen. Doch am vierten Tag verspürte er etwas merkwürdiges, was er nicht einordnen konnte. Es schmeckte salzig, dabei hatte er, der kleine Tropfen, die fröhlich  Flocke, doch keine Träne vergossen.

Es war also Zeit Abschied zu nehmen und den Rückweg anzutreten. So zog er seine kristallene Struktur ein und verwandelte sich zurück in diesen kleinen Tropfen, der er zu Beginn der Reise war, rutschte den Wall hinab und bildete ein Rinnsal, was die Straße entlang in einen Bach lief. Von dort suchte er den Weg in einen Fluss, welcher ihn zurück in den Ozean brachte. Dort angekommen klammerte er sich an einen Wal, der ihn in den verwunschen Ort der Wassertropfen brachte. Genau an diesem Ort wollte er nun nicht mehr auf der Empore stehen. In die Mitte wollte er sich begeben und berichten, welch schöne Tage er erlebt hatte.

16

Diesen Text mochten auch

11 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    zärtlich...irgendwie

    18.01.2013, 18:12 von impact
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 1

    Dies ist keineswegs so flüssig zu lesen, wie es zunächst den Anschein hat. 

    Diese Geschichte hat mich dennoch überrascht. So fallen mir zwei Passagen besonder auf:

    Ein kleiner leicht traurig Wirkender (TROPFEN pers. Anmer.) sprach, er habe es ja leider nicht geschafft den Himmel zu erreichen, aber die Welle, die er durch den Amazonas trieb, die hat vielen Surfern gefallen.
    ...
    Die Sonnenstrahlen zupften an seiner Hülle und zogen ihn sanft in die Luft. 

    Das klingt wunderbar kindlich und zaubert mir, trotz aller Alltagshektik, ein Lächeln ins Gesicht.

    Danke!

    26.12.2012, 20:55 von PaulGenarrow
    • Kommentar schreiben
  • 1

    Genialer Schreibstil <3

    17.12.2012, 22:38 von Jijirou
    • 0

      Genial? Nicht nett oder schön, gut lesbar oder amüsant? Was genau ist denn an diesem "Stil" so "genial"? 

      Eine wirklich schöne Geschichte. Das ist es für mich.

      26.12.2012, 20:46 von PaulGenarrow
    • 0

      Bist du etwa der Autor oder warum interessiert dich meine Antwort? Oder willst du etwa aus meiner Antwort lernen? Ansonsten wüsste ich nicht, warum ich darüber diskutieren sollte :)

      Denn jetsam hat sich darüber gefreut :D

      27.12.2012, 18:36 von Jijirou
    • 0

      Das ist doch großartig :)

      27.12.2012, 18:47 von PaulGenarrow
    • Kommentar schreiben
  • 1

    Wie eine schöne, kleine feine Kindergeschichte.

    16.12.2012, 12:48 von marco_frohberger
    • Kommentar schreiben
  • 1

    Zauberhafte kleine Geschichte, mit wunderbar verträumten Ideen! :)

    14.12.2012, 17:00 von Buttercup12
    • Kommentar schreiben
  • 1

    Wunderschöne Geschichte, habsch sehr gern gelesen... hat mich ein paar Minuten wegträumen lassen.

    13.12.2012, 12:44 von Tanea
    • 1

      wegträumen. Dafür habe ich sie geschrieben als es gestern so schön geschneit hat.und ich in meinen Garten gesehen habe ;)

      13.12.2012, 13:31 von jetsam
    • Kommentar schreiben
  • Durchs Wochenende mit Lena Steeg

    Und, wie war dein Wochenende so? Jede Woche fotografiert ein NEON-Redakteur sein Wochenende mit dem Handy. Diesmal: Textredakteurin Lena Steeg.

  • Platzverweis

    Um den perfekten Kinositzplatz wird gestritten, seit es das Kino gibt. Das ist jetzt vorbei. Die Tipps aus dem August-Heft nun auch im Blog.

  • Links der Woche #25

    diesmal u.a. mit den Kid-Emmy-Awards 2014, einem Podcast zum Einschlafen und Hunden, die ihre Herrchen drücken.

Neu: NEON für dein iPad!

Neueste Artikel-Kommentare