nic.is.listen 30.05.2013, 03:01 Uhr 12 19

Der Heimweg

Die Schule ist aus. Schnell packt er seine Sachen, weil er weiß, dass er sich beeilen muss. Er muss schneller sein.


Die Klingel schrillt auf. Die letzte Stunde ist vorbei und er packt seine Schulbücher, Stifte und Hefte in seinen kleinen Ranzen. Es ist nicht der Neueste und nicht so schön, wie der von den anderen. Nicht einer, den er gerne gehabt hätte, doch er soll ja praktisch sein. Er schlüpft in seinen Anorak, zieht den Reißverschluss hoch und achtet mit erhöhtem Kinn darauf, dass er sich nicht wieder klemmt. Dann hievt er seinen Ranzen hoch und windet schnell seine dünnen Arme durch die Träger. Er weiß, dass er sich beeilen muss.

Geschwind eilt er durch die Gänge Richtung Haupteingang. Vorbei an all den anderen Schülern über den matt glänzenden oliven Boden, Blicken und Rufen ausweichend. Hürdenlauf. Er muss schnell sein. Schneller als sie.

Seine Schultern tun immer noch weh und der blaue Fleck an seiner Hüfte will nicht gehen. So erreicht er die großen Türen, stemmt seinen Körper entgegen und ist draußen unter grauem Himmel. Er schaut sich um. Keiner da, keiner von denen.

Er rennt die zwei Eingangsstufen runter zum Bürgersteig, wo all die Eltern warten um ihre Schützlinge abzuholen, und begibt sich auf den Heimweg. Zu Fuß nach Hause braucht er ungefähr 8.00 Minuten, wenn er sich beeilt. Also läuft er den Gehweg entlang. Die rissigen Steine haben schon ihre Farbe gewechselt. Die Farbe, die die Steine ausstrahlen bevor sie Regen erfahren. Als würden sie danach lechzen.

Der graue Himmel drückt das Gemüt und man möchte nur in seinem warmen Zuhause sein. Geborgen bevor kalte Regentropfen auf Stirn, Wangen und Haar treffen. Doch Er fühlt sich jetzt sicherer und beginnt sich Zeit zu lassen. Bei Regen würden nicht mal sie auf ihn warten, denkt er.

Nach einem kleinen Stück blickt er sich noch einmal um. Nur die Eltern mit ihren Kindern. Sie nicht. Sein Blick entspannt sich und sein Schritt wird langsamer. Die ersten Tropfen punkten den Gehweg. Er mag das Klopfen, das sie machen, wenn sie auf seine Jacke treffen und die Welt, die sich entfaltet bei Regen und die nur die sehen, die nicht vor ihm fliehen. Er stellt sich vor, dass ganz andere Wesen dann zum Vorschein kommen, die sich sonst bei Sonnenschein nicht zeigen.

Plötzlich zieht ihn jemand grob zurück, lässt ihn auf seinen Ranzen fallen. Wie eine Schildkröte liegt er da und blickt erschrocken gen Himmel in die Gesichter von den Dreien. Er hätte nicht langsamer werden sollen.

Der Erste sagt mit Grinsen, dass sie ihn schon gesucht hätten. Sie hätten sich schon Sorgen gemacht. Der Zweite und der Dritte lachen. Er liegt da. Kann sich nicht rühren. Angst kocht in ihm auf, steigt in seine Glieder und Augen. Er schaut in den Himmel, in das helle Grau. Der Regen ist da. Du siehst ihn erst, wenn er dich trifft.

Jetzt drückt der Dritte ihn langsam mit seinem rechten Fuß auf den Bauch, sodass er sich nicht aufrichten kann. Und ohne weiteres Wort, treten Eins und Zwei auf ihn ein. Treffen Schenkel, Schultern, Rippen und wieder die Hüfte. Wie der Regen scheinen ihre Schläge auf ihn einzuprasseln. Er spürt keine Schmerzen. Wartet nur mit schützenden Armen ab, bis sie von ihm ablassen und zu ihren Eltern oder nach Hause rennen.

Noch kurz.

Dann sind ihre Schritte so schnell verhallt, wie sie kamen. Aus dem Nichts. Sie sind weg.

Er kann nicht weinen, rollt sich vorsichtig auf die Seite und richtet sich unter dem Gewicht seines Ranzens auf. Kurz schwärzt sich sein Blick. Er steht nur. Seine Kleidung nass und verdreckt von Boden und Tritten. Er denkt nichts. Er hört nichts. Hört sich nicht. Nur den Regen, der ihn daran zu erinnern scheint seinen Heimweg weiter zu gehen. Soweit ist es nicht mehr und er geht.

Nun ist er da. Zuhause. Klingelt an der Tür und seine Mutter macht auf. Das Haus riecht nach Essen aber er riecht es nicht. Sie begrüßt ihn, drückt ihn an sich, fragt wie die Schule gewesen sei und meint, dass es draußen ja ganz schön regnen müsse. Dann nimmt sie ihm schnell den Ranzen ab, stellt ihn zur Seite und verschwindet in der Küche. Sie können gleich essen, ruft sie ihm zu.

Er zieht seine Schuhe aus, stellt sie auf den kleinen Schuhabtreter, legt seinen Anorak ab und geht in sein Zimmer. Schließt hinter sich die Tür. Sein Kopf fühlt sich voll an, voller leerer Gedanken, die ihm nichts sagen, die sich nicht fassen lassen. Die ihn einfach nur füllen, weil gerade nichts anderes ihn füllt.

Er setzt sich an seinen kleinen Schreibtisch, wo der Käfig mit seinen beiden Mäusen steht. Die schwarze mit dem grauen Fleck auf der Stirn hatte er Punkt und die dunkelgraue Donner genannt. Sie piepen munter vor sich und wuseln durch das Einstreu. Er nimmt etwas Futter und streut es über die Käfigdecke. Punkt und Donna schnappen es sich sogleich und stoppen das Wuseln. Ein leichtes, abwesendes Lächeln legt sich auf sein Gesicht, als er die beiden beobachtet und ein Tropfen Regen löst sich aus seinem Haar und läuft langsam die Wange hinunter. Er öffnet vorsichtig die Käfigtür und nimmt Punkt in seine Hand. Punkt lässt sich davon nicht stören, nagt weiter an seinem Futterstück. Ruhig beobachtet seine kleine Maus beim Nagen.

Dann drückt er zu.  

Die kleine Maus in der Kinderhand biegt und windet sich unmerklich. Er drückt fester. Alles Aufbäumen versiegt im festen Griff der Hand. Fester und fester drückt er sie zusammen. Nichts regt sich in seinen leeren Augen. Ein panisches Piepen wird zum hellen Keuchen. Leerer Blick. Dann brechen kleine Knochen und Organe werden zerquetscht. Das kleine Futterstück fällt an seinem Daumen hinunter und er blickt toten Punkt teilnahmslos an. Lebloser Mausekörper in seiner Hand. Er legt ihn auf seinen Schreibtisch und geht nach unten zum Essen.

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12 Antworten

Kommentare

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    Krasse Melasse. Armes Kind, arme Maus.

    01.02.2014, 15:10 von smillalotte
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    Das arme Kind. Weiß nicht, wie er sich "bemerkbar" machen soll und irgendwo hin muss er mit seiner Wut. Die arme kleine Maus.

    Sehr anschaulich und fesselnd hast du das geschrieben. Gefällt mir gut!

    01.02.2014, 14:47 von Tora
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    Der Anfang holpert mir zu sehr aber dir gelingt es, den Leser zu halten und die Geschichte aufzubauen.
    Sehr beklemmend und sehr tief.

    Ich mag das.

    01.02.2014, 14:16 von FrauKopf
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  • 1

    Das ist sehr einfühlsam beschrieben, aus der Sicht eines kleinen Jungen.

    Der eine oder (die) andere kennt das vielleicht ähnlich oder genau so, vielleicht sogar schlimmer.

    Zeigt auch, wie schwierig es ist, hinter die Fassade seines Kindes zu sehen. Es gehört schon eine Menge Einfühlungsvermögen dazu und schlaue liebevolle Beobachtung, um so etwas zu bemerken.

    Ich hatte als Junge auch mal eine Phase in der ich eine Menge Dinge...äh...(ich trau mich nicht es auszusprechen)...Lebewesen zu Nicht-Lebewesen umgewandelt habe. Grausames erzeugt grausames.
     

    21.11.2013, 13:14 von SirMCPedta
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  • 3

    Ich hatte nicht mit dem Ende gerechnet, das besser passt als ich es mir eingestehen will.

    20.11.2013, 12:19 von Linda-Erfinder
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    krass gut.

    16.06.2013, 00:01 von Amabilis
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    Toll!

    01.06.2013, 19:20 von PONY.
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