republik.royal 10.05.2007, 10:59 Uhr 13 16

Der grelle Streifen

Die Vorfreude verfliegt, sobald das Benzin vom Tank in den Motor läuft. Ich fahre weg in ein Wochenende bei den Eltern.

Bei Kilometer 673,2 sind es nur noch gute fünf Minuten bis zum Ziel. Einem Ziel, welches sich erst langsam und dann immer schnell nähert. Ein Ziel, das, sobald die ersten Euros irgendwo zwischen Benzintank und Motor verbrennen, nicht mit Vorfreude verbunden ist. Genau in diesem Moment beginnt das Ziel nämlich fraglich zu werden. Es scheint von Mal zu Mal weiter entfernt zu liegen und mit jeder Fahrt in diese Richtung wird es gewöhnlicher.

Von Zeit zu Zeit habe ich das Gefühl, dass ich mein eigenes und selbst gewähltes Leben verlassen muss, um mich ein ganzes Stück weiter an einem Ort wieder zu finden, den man weitläufig Heimat nennt. Ein großes Wort; ein romantisches auf jeden Fall. Die seichte Heimatabendidylle legt sich über mein Leben und taucht die Gedanken an das spärlich eingerichtete Gästezimmer in berauschendes Himmelblau. An der Stelle, an der ich mein Auto auf dem Hof parke, überkommt mich jedes Mal ein Gefühl der Unsicherheit. Ich hoffe, dass ein Teil meiner eigenen Welt den Weg in meinen Kofferraum gefunden hat und dass ich ein Stück weit der sein kann, der ich jetzt bin. Der grelle Streifen im seichten Himmelblau.

Wie manchmal habe ich mich an diesem Wochenende aufgemacht, um meiner Familie und den Freunden von früher einen Besuch abzustatten. Nichts Großartiges als vielmehr die Verkettung günstiger Umstände führte dazu. Meistens kann man so einen Geburtstag in der Familie, eine Grillparty bei alten Freunden und ein dringendes Bankgeschäft erledigen. Wenn dann noch ein Feiertag das Wochenende verlängert, eine eher zu vernachlässigende Vorlesung ansteht und auch die meisten sozialen Kontakte in der neuen Heimat anderweitig verplant sind, steht meiner Heimreise nichts im Wege.

Ich fahre also in die Heimat; heim zu meinen Eltern. Ein Ausflug an einen Ort, der nicht ausschließlich aufgrund familiärer Bande eine Bedeutung hat. Ein Ort, der nicht das eigene Bett bietet, von dem aus man den gesamten Tag managen kann. Frühstück, Hausarbeit und Fernsehreportagen kann man von hier aus am besten unter einen Hut bringen. Heimat ist an dieser Stelle eher ein technischer Begriff und bessere Ausdrücke rar. Geburtsort klingt vulgär, Vaterland pathetisch und Wohnort ist woanders. Ich fahre also offiziell nach Hause ohne dieser Aussage eine besondere Bedeutung beizumessen. Nur Mutter freut sich darüber. Dem Rest ist es egal, wenn man nur einen möglichst plausiblen Grund für die Reise hat. Wenn nicht, findet man sich schnell im Kreise derer wieder, die sich jedes Wochenende auf den Flughäfen, Bahnsteigen und Raststätten tummeln um ihrer Pendlerlust zu frönen.

Wenn jetzt der Haustürschlüssel noch passt, dann ist auch die kleine Sorge um die Meinung der Eltern über das eigene Leben verschwunden. Vergleichbar ist das nur mit dem monatlichen Zahlungseingang und den freundlichen Grüßen im Verwendungszweck. Nach drei Minuten ist die Willkommensfreude schon verschwunden, nach fünf Minuten ist in der Regel alles gesagt und nach zehn Minuten haben sich die Eltern damit abgefunden, dass ich jetzt eigentlich nur schnell etwas Essen möchte um anschließend zu duschen, weil bereits die erste Verabredung ansteht. Man kommt ja schließlich heim um möglichst viele Dinge innerhalb weniger Tage abzuarbeiten. Ein Schlag ins Gesicht für die liebende Mutter, vielleicht.

Das Wochenende vergeht dann schnell. Ich trinke viel Bier mit alten und immer noch guten Freunden, ich quäle mich zu eher weniger erfreulichen, aber fast schon obligatorischen, Nachmittags-Macchiatos bei Schulfreundinnen mit Kinderwunsch oder Kinderwirklichkeit und nebenbei freut sich auch die Oma, wenn ich ihr einmal mehr erkläre, was ich eigentlich so weit weg im Norden mache. Danach schmeckt die Pizza beim Lieblingsitaliener der Eltern wirklich erstaunlich gut und das Bier mit den alten und immer noch sehr guten Freunden abermals hervorragend. Es bleibt nicht beim Bier und ich merke, wie das kleine Stück neue Heimat, der grelle Streifen mit mir gefahren ist. Er lässt mich auch hier so feiern wie fern der Heimat. Er lässt mich auch hier so mit den Menschen sprechen, wie ich dachte es nur weit weg zu können. Er ist bei mir, passt auf, wahrt den Stil und die Distanz zum Kleinbürgerlichen und legt ganz nebenbei die gleichen Platten in mein Ohr.

Den Tag der Abreise habe ich noch einmal verschoben, denn zu Hause wartet nur unangenehme Arbeit auf mich. Als ich dann wirklich wieder im Auto sitze kommt mir ein Gedanke der mich ganz schnell auf den Teppich zurückzieht. Die große Stadt hat ihren Reiz, die Vorzüge einer urbanen Lebensart sind wertvoll im Vergleich zu der Abhängigkeit von schlechten Regionalzügen und deren Fahrpläne. Es mag einiges anders sein, aber einen großen Unterschied gibt es nicht. Der grelle Streifen ist ein Teil von mir und den gab es auch vor dem Umzug schon. Der grelle Streifen ist nichts Besseres. Der grelle Streifen der mich vor einem langweiligen Landleben schützt, der bin ich. Ich war also schon immer so, hab mich nur geringfügig angepasst und merke erst jetzt, dass ich immer ich bin. Vor dem Umzug, vor dem Heimatwochenende und zurück in der großen Stadt. Ein greller Streifen eben.

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13 Antworten

Kommentare

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    schöner text..kenne ich auch. zuhause ist der grelle streifen aber immer weit weg..und daheim ist er wieder ganz weit weg...treffen tun wir uns nie!

    14.09.2007, 00:38 von arnibas
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    ich war nun 4 Monate nicht mehr zuhause... aus eben diesem grund. es ist einfach zu stressig, klar mag man seine Eltern, und sieht sie gerne, aber es ist dann doch für alle gleichermaßen unbefriedigend, für uns, die weggezogen sind, die Eltern, die sich wie Glucken aufführen wenn das KIND mal zuhause ist, und für die alten Freunde, mit denen man immer weniger Gemeinsamkeiten hat... Gut geschrieben und sehr richtig!

    23.08.2007, 14:17 von TurboKatze
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    ein bekanntes Gefühl. Danke.

    18.05.2007, 20:16 von storycreator
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    hm. daheim ist, wo man ist, wie man ist. ja.

    15.05.2007, 23:34 von dahin
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    Sorry, der Text gefällt mir nicht. Ist irgednwie so aussagelos und nichtssagend. Mir fehlt da irgendwie der Inhalt.

    Aber ich wünsche dir weiterhin viel Spaß mit dem "grellen Streifen", was auch immer du damit meinst.

    15.05.2007, 11:14 von Charolina
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    hm... da sagst du was ganz entscheidendes, find ich: das in der Familie so etwas oft erwartet wird und dann, wenn man diese Erwartung erfüllt, nur als Selbstverständlich genommen wird. Sehr schade, dass man da nicht die wirkliche Freiheit hat... schade auch, dass das, wie du sagst, nicht so richtig wert geschätzt wird...

    12.05.2007, 11:34 von Konformes-Ich
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    sehr schön geschrieben!wer kennt das nicht!alles gute, die sophie

    12.05.2007, 10:49 von My-Name-Is-Sophie
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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    ... ich kann mir vorstellen, dass ich mich bald ganz ähnlich fühlen werde!
    Daher verbindet mich mit dem Streifenhörnchen eine gewisse Sympathie!

    Ich, noch in einer Pseudoidylle, genannt Heimat, weil Geburtsort doch recht klinisch klingt ja, lebend... ich freu mich auf die Wahlheimat, die Großstadt, die Entfaltung des "Streifens". Und kann mir, wie gesagt, gut vorstellen, dass es mir ähnlich gehen wird, wenn ich mal wieder hier her zurückkehre.

    Ich glaube aber, dass du jetzt den Streifen auch zu Hause leben kannst, das liegt daran, dass du ihn überhaupt endlich zu leben gelernt oder dich getraut hast. Und an der Distanz...

    *?*

    11.05.2007, 19:53 von Konformes-Ich
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    Toller Text!!!

    11.05.2007, 14:23 von HerrMondmann
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