Der Bienenmann ist tot
Als er das sagt, scheint die Stimme meines Vaters brüchig. Ihn so zu hören, zerreißt mir das Herz.
Montag Nachmittag gegen halb vier klingelt das Telefon. Ich höre es nur ganz entfernt und leise, denn ich suche gerade auf dem Dachboden nach meinen Campingutensilien. Es ist heiß und stickig und während ich mir hier oben fluchend den Kopf am Deckenbalken stoße, ist meine Stimmung im entferntesten Winkel des Hauses... im Keller.
Staub. Der Staub von Jahren und Jahrzehnten gesammelten Unrats, der sich hier zwischen Koffern, Lampenschirmen und dem uralten Wellensittichkäfig und auf allem anderen niedergelassen hat, wirbelt auf und legt sich als klebriger grauer Film auf meine verschwitzte Haut. Ich muss niesen und überall juckt es plötzlich.
Das Telefon. Stimmt ja, da war ja was. Ich stürze mich im waghalsigen Tempo die steile Dachbodenleiter hinunter und haste zur Flurkommode.
Ja, keuche ich in den Hörer, aber mir hallt nur noch das nervige Tuten des Freizeichens ins Ohr.
Na toll. All die Rennerei und der angestoßene kleine Zeh umsonst. Gedankenverloren reibe ich über meine klebrigen Arme und betrachte den Schmutz, den ich dabei von der Haut löse. Da fällt mein Blick auf die Nummernanzeige des Telefons. Ferienhaus. Meine Eltern also.
Ich lasse mich stöhnend an der mit Kieferbrettern verkleideten Wand herab gleiten und wähle die Nummer.
Nach dreimaligem Klingeln höre ich den vollen Bariton meines Vaters. Nicht so kräftig und bestimmt wie sonst, scheint es mir. Und tatsächlich... nachdem ich mich gemeldet habe, fällt die Fassade gänzlich in sich zusammen.
Ein langes Ach seufzt mir entgegen. Ich bin alarmiert und frage besorgt, was los sei.
Der Bienenmann ist tot, sagt er. Ganz langsam sagt er das und seufzt dabei und noch ganz viel mehr scheint in diesen vier Worten zu stecken.
Der Bienenmann. Das war ein Bekannter meiner Eltern, der ein Ferienhaus in unmittelbarer Nähe zu dem ihrigen hatte. Der Bienenmann war natürlich Hobbyimker und besonders mein Vater hat sich immer gut mit ihm verstanden.
Sie sahen sich nicht oft. Aber man war sich sympathisch und hatte einige Gemeinsamkeiten.
Ich kannte ihn nur flüchtig. Jetzt ist er also tot.
Er war ja schon lange krank, erzählt mein Vater jetzt. Eine seltene Art von Blutkrebs. Ein Wunder, dass er überhaupt so lange durchgehalten hat. Lange Therapie, teure Medikamente aus den Staaten. Unfassbar, dass es jetzt so schnell ging. Vor einigen Wochen hatte man sich noch gesehen, schien alles wie immer.
Die Erschütterung ist meinem alten Herrn deutlich anzumerken. Meine Eltern haben nicht viele Freunde. Die wenigen, die sie haben, sind ihnen kostbar. Auch wenn sie es vielleicht nicht zugeben.
Meinen Vater so zu hören, zerreißt mir das Herz. Ich kann ihm nicht helfen, nichts sagen außer "das tut mir leid". Das ist so wenig. Geradezu lächerlich komme ich mir vor, als ich das sage. Mein Papa ist immer stark, immer der Held, immer der Fels in der Brandung. Die wenigen schwachen Momente, in denen ich ihn erlebt habe, haben sich schmerzhaft tief in mein Bewusstsein gebrannt und mir gezeigt, dass er auch nur ein Mensch und nicht unverwundbar ist.
Und auf einmal wird mir eine Sache schrecklich bewusst. Der Bienenmann war drei Jahre jünger als mein Vater. Er war jünger. Krank, ja. Aber auch jünger. Und das ist wieder diese Gewissheit, mit der man sich als Kind nie - wirklich nie - auseinandersetzen möchte: Dass die eigenen Eltern irgendwann auch werden gehen müssen. Irgendwann werden sie nicht mehr da sein. Mit jedem Freund, den sie verlieren, muss ihnen das deutlicher und deutlicher werden.
Ein schrecklicher Gedanke.
Das Papakind in mir lässt sich in tiefgraue Gedankenfelder treiben, will an Momenten und Minuten für immer festhalten.
Beste Tochter? Diese Worte reißen mich aus meiner Lethargie. So nennt mich mein Vater immer, wenn er etwas möchte. Er sagt es mit kräftiger Stimme und energisch, als ob er mir beweisen möchte, wie stark und gesund er ist. Als ob er mir zeigen möchte, dass ich noch ganz viel Zeit mit ihm haben werde.
Beste Tochter? Diese Worte lassen mich schmunzeln und die tiefgrauen Schleier heben sich.
Ja? Es gelingt mir, meine Stimme nicht mehr so bedrückt klingen zu lassen. Ich möchte nicht, dass er sich meineswegen Sorgen macht. Stattdessen höre ich ihm jetzt aufmerksam zu, als er mir vorträgt, worum er mich schon neulich bitten wollte.
Natürlich schaue ich mich nach der Gartentauchpumpe im Sonderangebot um für dich? Aldi oder Obi...ja okay. Ja, kein Problem. Mach ich. Ja, du auch.
Mach's gut, bis die Tage.
Ach... und Papa?
Ich hab dich lieb.



Kommentare
mein Paps hat am Ende solcher Telefonate immer gesagt, "jetzt machen wir mal Schluß, Mädel, sonst gibt es bei dir morgen statt Butter nur Margarine aufs Brot". ich kann mich noch genau erinnern wo ich stand, als ich zum letzten Mal nach einem Gespräch mit ihm aufgelegt habe, und an das Lächeln über seinen wiederkehrenden Butter-Spruch.
11.07.2008, 18:53 von wortpiratinschöner Text. macht warm im Herzen.