Lana_B 30.03.2007, 00:46 Uhr 19 15

Der Alk ist weg - die Familie bleibt krank

Eine Suchtgeschichte mit Happy End? Perfekt. Gerade gelesen und für gut befunden. Hätte ich auch gern.

Rund ist sie, die Geschichte über das Suchtpärchen in einer viel gelesenen deutschen Frauenzeitschrift. Obwohl die Story ein offenes Ende hat. Aber selbst dieses offene Ende ist doch so rund ausgefallen, dass sich die Leserin zufrieden zurücklehnen kann und denkt: Na also, am Ende findet jeder seinen Ausweg. Man könnte es sogar Happy End nennen.

Worum geht es? Um Sucht in der Beziehung. Die Geschichte: Er Alkoholiker, sie Co-abhängige Ehefrau. Die Sucht kommt schleichend. Grund: Er hat Stress und fühlt sich vernachlässigt, weil ein Kind die ganze Aufmerksamkeit seiner nörgelnden Ehefrau auf sicht zieht. Sie verzweifelt allmählich, fühlt sich alleingelassen als Mutter und Ehefrau, droht, meckert, besorgt Alkohol und trägt das Leergut weg. Auf und Abs, Entzug, er wird trocken, sie fasst langsam wieder Vertrauen. Prima. Eine typische Alki-Geschichte. Und am Ende sagen sie: Wir probieren es. Wir schaffen’s. Und gehen – im übertragenden Sinne – Händchen haltend dem Sonnenaufgang entgegen.

Nun, sicherlich gibt es sie, diese Geschichten. Sicher auch im wirklichen Leben. Und natürlich eignen sich Geschichten wie diese am besten für die mediale Verarbeitung. Besonders als Schlussstory eines Sucht-Dossiers, denn wer will seine Leser schon mit einem Gefühl der Hoffnungslosigkeit aus dem eh schon schwer verdaulichen Thema entlassen? Doch was ist mit den Geschichten, die zwar vorläufig voller Hoffnung enden – sich in der Fortsetzung jedoch ausgesprochen hoffnungslos gestalten? Ist das nicht viel interessanter: Was passiert NACH dem Ende allen Unglücks?

Meine Familie.
Vater: Alkoholiker. Die Sucht kommt schleichend. Grund: Auslandstätigkeiten, mit anderen Worten Stress bei der Arbeit, außerdem Stress mit der Ehefrau. Mit der gibt es nicht nur Missverständnisse, weil sie aus einem anderen Kulturkreis kommt, sie ist außerdem noch außerordentlich kompliziert, schweigt Ewigkeiten vor Wut, und wenn sie mal schreit, dann geht es so richtig ab. Und dann kommen auch noch Kinder. Beim zweiten Kind betrügt er seine Frau mit einer Arbeitskollegin bei der Weihnachtsfeier. Dummerweise entsteht daraus ein uneheliches Kind, das der Erzeuger 16 Jahre lang verschweigt. Außerdem meckert seine Frau immer bloß und redet nicht mit ihm.

Mutter: Co-Abhängige. Sie verzweifelt allmählich, aber so still, dass es keiner merkt, muss ja schließlich laufen der Laden. Das Unternehmen heißt „Familie“ und besteht aus regelmäßigen Mahlzeiten, Kinder zum Schwimmen und Musikunterricht bringen, Kinder zu leistungsstarken Überfliegern erziehen. Das Unternehmen hält auch als Ausrede her: „Ich werde euren Vater nicht verlassen, solange ihr nicht aus dem Hause seid.“ Achso, an den Kindern liegt’s. Irgendwann, als es dann auch mal schlimmer und unübersehbarer wird mit der Sucht, geht dann der Kram mit dem Meckern los, Sachen zerstören, auf besoffenen Ehemann einschlagen bzw. mit dem Messer auf ihn losgehen. Bzw. Leergut wegbringen, nach Flaschen suchen, ihn zu zahlreichen Entzügen fahren. Ansonsten Vorwürfe, hinzu kommt nach 16 Jahren auch noch das uneheliche Kind.

Mein kleiner Bruder: Ich habe ihn nur selten weinen sehen deswegen, aber jedes Mal hat es mir das Herz zerbrochen, weil ich ihn doch vor allem schützen wollte, aber versuch’ das mal. Manchmal musste er herhalten („Deinetwegen streite ich jetzt mit Mama“), aber so ist das halt. Viel kann ich nicht darüber erzählen, was in ihm vorging, denn wie ich hat er sein Herz verschlossen, oder wir haben Witze gemacht. Achso, er hat meinen Vater vor dem Messer meiner Mutter gerettet, da war ich aber schon ausgezogen.

Ich: Große Schwester, hab auch mal Gläser geschmissen (in den Weihnachtsbaum) und nachts vor den Augen meiner Eltern den Vorhang angezündet, weil es drei Uhr nachts war und sie so laut stritten, dass niemand schlafen konnte. Als der Vorhang brannte, waren sie still. Habe mir fleißig die Geschichten meines Vaters angehört („Deine Mutter ist so kompliziert, das liegt an ihren Tagen bzw. an ihrer Kultur bzw. sie war ja schon immer so.“) oder versucht, das wochenlange Schweigen meiner Mutter zu ignorieren.

Dann, irgendwann, stabilisiert sich die Lage. Würde ich einen journalistischen Artikel schreiben, wäre jetzt der Aha-Moment bekommen. Alles wird anders. Vater begreift endlich: So kann es nicht weitergehen. Mutter begreift: Ich muss meinen Teil dazu beitragen. Kinder: atmen erleichtert auf. Richtig, es gab diesen Aha-Moment. Es gab ihn sogar mehrmals, sagen wir, fünf, sechsmal? Schön, nicht wahr? Irgendwann ist es dir erstaunlicherweise ziemlich egal. Ich bin auch dann eiskalt einfach zur Uni gefahren, als mir mein Vater (er befand sich gerade in einer mehrtägigen Deliriumsphase) mir morgens die Hand gab und sagt: „Tschüs, mach’s gut, wenn du jetzt gehst, siehst du mich nicht lebend wieder.“ Tja, da hilft nichts, als: Trotzdem fahren. Schließlich hat er sich die Nacht davor ja auch nicht aus dem Fenster gestürzt, obwohl er damit gedroht hatte, wenn Mama nicht endlich aus meinem Zimmer rauskommt.

Dann bin ich ausgezogen, zusammengeklappt, hab’ ne Therapie gemacht. Habe mich abgegrenzt, habe viel gelernt. Vater geht regelmäßig zur Selbsthilfegruppe, Ehe der Eltern läuft plötzlich wieder in gewohnten Bahnen (aber auch nur, weil sie die Paartherapie nach wenigen Sitzungen abgebrochen haben). An dieser Stelle wäre es nun angemessen, einen Schlussstrich zu ziehen. Und so was wie „The End“ darunter zu pappen.

Die Wahrheit ist: Es gibt kein Ende. Genauso wie es keinen Anfang gibt. Die Wahrheit ist: Keine Ahnung, ob mein Vater noch trinkt. Oder manchmal trinkt. Interessanterweise ist das gar nicht mehr relevant. Es geht nicht mehr ums Trinken. Und so hart es ist, dass muss man sich erst einmal eingestehen. Da kämpft man jahrelang mit dem Thema „Alkoholismus“, kennt alle Suchttheorien, kann sich endlich abgrenzen und immer weniger co-abhängig sein – und am Ende, nach einigen Jahren, erkennt man dann: Der Alkohol ist weg. Aber die Familie, die ist immer noch krank.

Meine Familie heute:
Vater: Trinkt zwar nicht mehr (denke ich mal, wie auch immer), kann aber trotzdem nicht zuhören. Stattdessen hält er Monologe. Manchmal benimmt er sich so, dass ich ernsthaft das Gefühl habe, das Zeug hat ihm das Gehirn zerfressen. Unterstellt. Hat Verschwörungstheorien. Er kann nicht allein sein. Klagt an, wenn keiner für ihn da ist. Er ist schwach. Immer noch. Als Mensch. Nicht als Alkoholiker. Nicht dass ich es nicht stark finde, wie er das alles gemeistert hat. Ich würde auch gerne stolz sein auf ihn. Schuldgefühle plagen mich, dass ich das nicht empfinden kann, Stolz. Aber Gefühle hat man bei uns ja eh nicht ausgedrückt. Vor Gefühlen hat man auch heute noch Angst. Noch viel mehr sogar. Die Tabus sind immer noch da. Wer sie verletzt, ist der Verräter. Das funktioniert auch ohne Alkohol. Regelmäßig Vertrauensbrüche, Aussetzer, Beschuldigungen, Unterstellungen. „Du willst dich nur nicht mit mir treffen, du bist ja gar nicht krank!“

Mutter: Fragt gar nichts. Oder so komisch von hinten herum. Bemängelt viel. Ich möchte mich vor ihr verstecken. Je mehr Zeit vergeht, umso mehr will ich mich abwenden von ihr. Wie kein anderer in dieser Familie schreibt sie die Geschichte dieser Familie in Gedanken um. Dass es Probleme gab, hat sie seit Beginn der „ruhigen Phase“ nicht mehr gesagt. Die Devise ist: Euer Vater ist trotz allem ein „guter“ Vater. Und ich war immer für euch da. Davon ist sie überzeugt. Daran hält sie sich fest. Wer daran rüttelt, wird ausgestoßen – emotional. Die altbewährte Strafe: Schweigen.

Mein Bruder: Versinkt in Arbeitswut. Ich kann mit ihm über die Probleme reden. Nicht ausführlich, aber wir sind uns über die wesentlichen Dinge einig. Was beruhigend ist, denn sich verbal zu Familientabus zu äußern, ist nicht selbstverständlich. Es ist gut, dass wir das können. Ansonsten ist da kaum Kontakt. Er fährt zu ihnen hin, kümmert sich um Papa, wenn er „alleine“ ist am Wochenende (weil Mama zu ihrem Vater ins Ausland geflogen ist).

Ich: gehe nicht hin. Rufe nicht an. Fragen in Emails (von meinem Vater), wie es mir geht, machen mich sprachlos. Ich weiß nichts zu sagen. Floskeln? Nee, keine Lust mehr. Die Wahrheit sagen: „Lass mich in Ruhe!“? Nein, keine Energie mehr. Also, was bleibt noch übrig? Schweigen. Und damit sind wir wieder da, wo alles begonnen hat. Wäre dies eine Geschichte für die Frauenzeitschrift? Ich bezweifle es. Schon mal einen Artikel mit Schweigen gefüllt?

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19 Antworten

Kommentare

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    Von diesen, realen und Nicht-Happy-End-Geschichten gibt es viel zu wenig zu lesen. Sollte an jedem Kiosk, in jeder Zeitung, bei jedem Getränkehandel ausliegen. An jedem Tag!
    Meine Mutter ist seit 15 Jahren Alkoholikerin. Ihr Bruder, dann der Bruder meines Opas und der Bruder meines anderen Opas sind schon daran gestorben.
    2 meiner Freundinnen sind Alkoholikerinnen.
    Der Vater meiner Schwägerin hat seit Jahren an den Folgen seiner Krankheit zu leiden.
    Die Liste scheint endlos......
    Schweigen hat mir selbst nie geholfen.
    Ich glaube manchen Alkoholikern auch nicht.
    Aber das ist bei jedem anders......
    Manchmal denke ich, schreiben könnte helfen.
    Und dan ran damit an jeden Kiosk, rein in jede Zeitung und an jeden Getränkehandel.
    Alles Gute für Dich! Vor allem viel Stärke.

    27.06.2007, 13:43 von Ip
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    Alkohl verändert zwar teilweise die Persönlichkeit... Aber man sollte nicht glauben, dass jemand ein vollkommen anderer Mensch ist, weil er ein trockener Alkoholiker ist.

    Mein Vater ist trockener Alkoholiker. Er trinkt seit 12 Jahren nicht mehr. Er war vorher nicht aggressiv (was man ja oft von Alkoholikern denkt: "Besoffen, flippt aus, verprügelt Frau und Kinder") und er ist es auch jetzt nicht.

    Ich erinnere mich, dass meine Mutter sehr verzweifelt war, als mein Vater noch getrunken hat. Besorgt um ihn und auch wütend.
    Das ist sie jetzt nicht mehr. Jedenfalls nicht wegen dem Alkohol... zu sagen: jetzt ist alles 100% perfekt wäre ja übertrieben. Aber es ist harmonischer und das gibt meinem Vater auch denk ich die Kraft nicht rückfällig zu werden.
    Wenn sich das Umfeld nicht ändert, ändert sich auch der Mensch.
    Warum sollte man sich ändern, wenn es scheinbar niemandem etwas bringt?

    07.04.2007, 12:28 von jumping-blueberry
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    Sprachlich gefällt mir der Text echt gut.

    Inhaltlich bist du - glaub´ ich - etwas zu sehr im Täter-Opfer-Schema verhaftet. Kinder sind bei Alkoholproblemen der Eltern zwar Opfer, aber die Erwachsenen sind es irgendwie auch. Die Droge macht jeden zum Opfer, alle verlieren die Kontrolle und finden keinen Ausweg mehr. Wenn dann noch andere Faktoren dazukommen (Eheprobleme etc.), wird es erst recht schwierig.

    04.04.2007, 17:54 von neontalk
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    Ein wahrer Text!

    Mit meiner Familie ist bzw. war es erschreckend ähnlich. Ich bin jetzt auch beim Schweigen angelant.

    04.04.2007, 14:42 von lithium
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    Guten Abend,

    wo die Betroffenen die einzigen wären, die sich selbst helfen können, entsteht selbst im engsten Umfeld Wortlosigkeit, geboren aus tiefer Hilflosigkeit und Trauer über sich immer schneller vergrößernde Distanzen zwischen denen die sich liebten. Die Erkenntniss der Endgültigkeit scheint das Schweigen zu manifestieren.

    Sehr treffend und mit scheinbar kühler Sicherheit beschrieben.

    Alles Gute - trooper

    03.04.2007, 23:05 von trooper
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    super gut geschrieben.
    kenne die alkoholkrankheit auch sehr gut. habe das jahre lang mit meiner mutter mitgemacht, nur hat mein vater sich von ihr scheiden lassen als ich 4 jahre war. und dann gab es hin- und wieder freunde und liebschaften und verhältnisse, aber im endeffekt war ich allein mit ihr und dem problem-ich mußte herhalten.
    sei froh, dass du deinen bruder hattest und hast.
    du mußt entscheiden, welcher der richtige weg für dich ist. auch wenn du manchmal zweifel haben wirst oder auch schon hast?!?
    ich habe seit ich 17 jahre bin keinen kontakt zu meiner mutter mehr gehabt (ob sie inzwischen nüchtern ist...keine ahnung). es ist das beste für mich. aber manchmal schmerzt es.
    gruß

    03.04.2007, 21:29 von Sasou07
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    Sehr gut und ehrlich geschrieben. Sehr beeindruckend. Ich wünsche dir viel Kraft.

    03.04.2007, 21:14 von Freydis
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Seite: 1 2

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