morgenstern 30.11.-0001, 00:00 Uhr 11 0

Der adoptierte Großvater

An meinen ersten Tag in Deutschland kann ich mich gut erinnern...

Ich glaube, an diesem Tag habe ich zum ersten Mal Trennungsschmerz empfunden. Alle Menschen die mir nahe standen hatten sich zum Abschied am Flughafen versammelt. Meine Tanten, Onkels, Cousinen...und mein sehr geliebter Großvater Hasan Dede. Während meine Eltern mit den Tränen kämpften, klammerte ich mich an Großvaters Bein und weinte. Irgendjemand muss mich von ihm losgerissen haben – ich habe keine Erinnerung mehr daran. Alles ging so schnell. Plötzlich saß ich im Flugzeug. Ich muss sehr wütend gewesen sein, da ich mich weigerte zu sprechen. Nicht einmal der Stewardess habe ich geantwortet, als sie mich etwas fragte. Diese Szene muss meiner Mutter nachhaltig in Erinnerung geblieben sein. Noch heute spricht sie davon, wie stur ich als Kind gewesen sei.
In Deutschland am Flughafen hat uns niemand abgeholt. Wir hatten ja auch Niemanden: Meine Eltern entschlossen sich für ein neues, einsames Leben. „Wir werden ein Auto und ein Haus haben“, sagte mein Vater. „Du wirst Hasan Dede jedes Jahr sehen“, versprach mir meine Mutter...

Eine Woche später stand ich plötzlich vor blonden, blauäugigen Kindern. „Du gehst jetzt in den Kindergarten und wirst bald fließend deutsch sprechen“, sagte mir mein Vater.
Ob es daran lag, dass ich dramatische Szenen liebte oder einfach nur Angst hatte, jedenfalls habe ich, wie damals bei Hasan Dede, die Beine meines Vaters umklammert und bitterlich geweint. So sehr ich auch Widerstand leistete, ging er ohne mich nach Hause und ließ mich mit den fremden Kindern alleine.
Das erste Wort, das ich auf deutsch hörte war Heulsuse. Nachdem mein Vater mich verlassen hatte und ich mich in eine Ecke verkrochen hatte und weinte, kam ein Junge namens Peter zu mir und nannte mich Heulsuse. Ich spürte, dass dieses Wort nichts Gutes bedeutete, weil die Erzieherin Peter nach dem zweiten Mal ermahnte.

Nachts dachte ich immer an Hasan Dede. Ich stellte mir vor, wie wir auf der Wiese Ball spielten, am Strand Steine sammelten und im Park Drachen fliegen ließen. Ich wünschte mir so sehr er wäre auch in Deutschland. Dann würde er mich jeden Tag in den Kindergarten bringen und mich vor Peter beschützen...

Bald waren zwei Jahre vergangen. Ich ging schon in die zweite Klasse. Auch wenn ich noch nicht fließend deutsch sprach, so wusste ich die Bedeutung von Heulsuse. Ich hatte auch keine Angst mehr vor blonden, blauäugigen Kindern. Und sie verspotteten mich auch nicht mehr. Wir machten gemeinsam unsere Hausaufgaben oder spielten im Park.
Aber niemand konnte mir die Sehnsucht nach Hasan Dede nehmen. Ich war sehr wütend auf meine Mutter. Sie hatte mir doch versprochen jedes Jahr meinen Großvater zu sehen und mein Vater hatte immer noch kein Auto.
Ich fühlte mich von meinen Eltern betrogen und hatte große Angst Hasan Dede nie wieder zu sehen.

An einem Sommertag, ich spielte gerade mit meinen Freunden im Park, bemerkte ich einen alten Mann, der aussah wie Hasan Dede. Für einen Moment lang dachte ich, mein Herz bliebe stehen. Später, als ich wieder zu Hause war, fragte ich meine Mutter: „Wenn Hasan Dede in Deutschland wäre, er würde uns doch besuchen?“ Meine Mutter, die über diese Frage sehr überrascht schien, antwortete: „Er würde uns nicht nur besuchen, er würde bei uns leben mein Kind“. Dann habe ich meiner Mutter von meiner Begegnung im Park erzählt. Meine Mutter bot mir daraufhin an, bei meinem Großvater anzurufen, damit ich mich davon überzeugte, dass er in der Türkei sei. Kurz darauf rief ich an und war sehr enttäuscht, dass ich ihn erreicht hatte. Aber vielleicht war der Mann mit dem ich am Telefon gesprochen hatte gar nicht Hasan Dede, vielleicht war das nur jemand, der so tat als sei er mein Großvater. Eigentlich war er längst in Deutschland und suchte mich. Ich entschied, diese Vermutung nicht meiner Mutter zu mitzuteilen, sondern wollte Großvater selbst suchen.

Am nächsten Tag, als ich zur gleichen Zeit wieder im Park war, habe ich weder meinen Großvater noch den alten Mann, der ihm so ähnlich sah, finden können. So entschloss ich mich jeden Tag in den Park zu gehen und meinen Großvater zu suchen. Und jeden Tag kehrte ich enttäuscht nach Hause zurück...

Eines Tages, als ich wieder im Park auf der Suche war, bemerkte ich einen alten Mann. Mein Herz blieb fast stehen. Plötzlich rannte ich dem Mann entgegen und schrie „Hasan Dede, Hasan Dede“. Der alte Mann sah mich, blieb neugierig stehen und schaute mich lächelnd an. Als ich ganz nah vor ihm stand und bemerkte, dass es nicht Hasan Dede war, schämte ich mich sehr.
„Wer oder was ist Hasan Dede?“ fragte mich der alte Mann.
„Du bist nicht mein Hasan Dede“, antwortete ich enttäuscht und ging weinend nach Hause.

In dieser Nacht geschah etwas Merkwürdiges. Zum ersten mal dachte ich nicht an Hasan Dede, sondern an den alten Mann, der aussah wie mein Großvater, und der Wunsch ihn wieder zu sehen ließ mich nicht mehr los.
Als ich zwei Tage später wieder im Park war, bemerkte ich den alten Mann. Er saß auf einer Parkbank und beobachtete die Menschen. Ich setzte mich zu ihm. Der Mann lächelte mich an und fragte: „Wer ist Hasan Dede?“.
„Hasan Dede ist mein Opa in der Türkei und Du siehst aus wie er“, antwortete ich.
„Du vermisst Deinen Opa sehr nicht wahr?“, fragte er.
„Ja, sehr“, gab ich leise zur Antwort.
Wir blieben eine Stunde auf der Parkbank sitzen und verabredeten uns für den nächsten Tag. Und dann trafen wir uns täglich.

Einmal als wir gemeinsam einen Drachen fliegen ließen erzählte mir Wilhelm Dede von seinem Enkelsohn. Von seiner großen Sehnsucht nach ihm, weil er so weit weg wohnte. Und ich erzählte ihm von meinem Hasan Dede und von meiner großen Sehnsucht. Plötzlich schaute ich ihn an und sagte: „Du bist wie ich“.
Und dann traf ich einen Entschluss. Am nächsten Tag fragte ich Wilhelm Dede:“ Willst Du mein Adoptivopa sein?“
Wilhelm Dede überlegte nicht lange und antwortete: „Ja, sehr gerne. Das ist für mich ein großes Kompliment“. Ich war sehr glücklich. Wir haben uns umarmt und getanzt. Plötzlich blieb ich stehen und fragte ihn: „Was ist Kompliment?“ Wilhelm Dede dachte kurz nach und sagte: „Dass Du sehr nett zu mir bist und dass ich mich darüber freue“.

In diesem Sommer war ich in der Türkei und habe Hasan Dede nach drei Jahren wieder gesehen. Ich habe ihm von Wilhelm Dede erzählt. „Du hast sehr viel Glück, mein Kind“, sagte er „wer hat schon in Deutschland und in der Türkei einen Opa“.

11 Antworten

Kommentare

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    ... habe auch Tränen in den Augen vor Rührung. Superschöner Text. Danke!

    18.01.2005, 22:08 von zitronentorte
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    Gänsehaut und fast Tränen in den Augen. Wunderschön...wie egal das Alter in manchen Beziehungen ist...:)

    05.06.2004, 15:34 von Schneewitchen
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    ...ich werde sofort meine alte adoptivoma anrufen...

    04.06.2004, 19:52 von Schubrakete
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      @[Benutzer gelöscht] Hallo,

      ich würde sagen von jedem etwas. Vielleicht bin ich aber auch darauf gekommen, weil ich nie einen Großvater hatte...die Sehnsucht??

      Danke für das Kompliment

      morgenstern

      04.06.2004, 19:30 von morgenstern
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    ein wunderschöner Text-kann mich da den anderen Meinungen nur anschließen!
    Freu mich schon auf nen nächsten Text von dir!

    Grüße
    Shoegirl

    03.06.2004, 19:12 von Shoegirl
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      @[Benutzer gelöscht] Hallo,

      ja, Dede bedeutet auf türkisch Opa.

      Gruß

      morgenstern

      04.06.2004, 10:02 von morgenstern
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    Für mich ist es auch der bisher schönste Text, den ich auf dieser Seite gelesen habe. Hatte Tränen in den Augen. Danke für diesen gefühlvollen Einblick in die Seele eines Kindes, dass aus seiner gewohnten Umgebung, seiner Heimat herausgerissen wird, um ein neues Leben in einem für ihn völlig unbekannten Land anzufangen.

    03.06.2004, 13:04 von L.A.woman
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    Auch ich gratuliere dir zum äusserst gelungenen Text! Du hast bei mir Erinnerungen geweckt. Der erste blonde und blauäugige Nachbarsjunge, mit dem ich in Deutschland Kontakt hatte, hiess auch Peter und das erste deutsche Wort, das ich von ihm lernte war: "Angsthase". Dann brachte mir mein Bruder ein zweites deutsches Wort bei:
    "Blödmann" ... damit begrüsste ich Peter bei unserer nächsten Begegnung ;-)

    02.06.2004, 21:44 von filosofisch
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    ja, wirklich ein ganz wunderschöner Text, der schönste, den ich bis jetzt hier gelesen habe. Beim Lesen lief die Geschichte wie ein Film vor meinen Augen ab, KOMPLIMENT :-)

    02.06.2004, 20:12 von hagya
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    Ein sehr schöner Text der nicht an der Oberfläche kratzt sondern mich echt berührt hat. Ich hab' ihn mit Gewinn gelesen und hoffe wir dürfen bald noch mehr von Dir lesen. Weiter so!

    Gruß,
    Spunky

    02.06.2004, 17:45 von Spunky
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