Kiyan 12.09.2007, 17:26 Uhr 10 26

Dem Adolf seine Mütter

Gut, dass Oma Eva Hermans wohlwollende Ansichten zur Familienpolitik der Nazis nicht mehr mitbekommen kann.

Oma war ne tolle Frau.

Bis kurz vor ihrem Tod in den Siebzigern war sie der Mittelpunkt unserer Familie und mein absolutes Idol. Besonders dann, wenn ich in stillen Momenten auf ihrem Schoß saß und den Geschichten lauschte, die sie mir stets mit leiser aber intensiver Stimme zu erzählen pflegte. Erlebnisse ihrer Kindheit und Jugend, Erlebnisse als Frau und Mutter in der Zeit des Krieges. Ich habe damals nicht immer verstehen können, wovon sie spricht, wenn sie von Dingen wie Lebensborn, Gebärmaschinen, den Nazis, der arischen Rasse oder Adolf Hitler erzählte, aber ich spürte mit jedem ihrer Worte, dass es grausige und unmenschliche Dinge waren, die sie in diesen Zeiten erleben musste. Dann, wenn sie mich besonders feste an sich drückte, dann, wenn ihre Stimme so traurig und auch ein wenig verbittert klang, wenn ihr manchmal die Tränen kamen und ich jeden einzelnen Schmerz, das ganze Leid vergangener Tage in ihrem Gesicht lesen konnte.

Ein Gesicht, das trotz alldem so viel Güte und Herzenswärme ausstrahlte, ein Gesicht von vielen, deren Geschichten jemand wie Eva Herman offensichtlich niemals gelesen zu haben scheint. Ich bin sicher, Oma würde sich im Grab rumdrehen, könnte sie die wohlwollenden Ansichten Frau Hermans zur Familienpolitik der Nazis hören. Ansichten, die all jene Frauen erneut zu dem degradieren, was viele von ihnen nicht wollten aber trotzdem zu sein hatten: nichts anderes als produktive Gebärmaschinen der abartigen Ideologie einer neuen, reinen arischen Menschenrasse, basierend auf dem kranken und gefährlichen Gedankengut eines Adolf Hitlers und seiner Schergen. Nein, offenbar weiß Eva Herman tatsächlich nicht, was sie da mit Überzeugung von sich gibt.

Sie spricht von moralischen Werten, die keine waren, von Vater, Mutter und Kindern, von einem Familienzusammenhalt, den es in der von ihr dargestellten Form grundsätzlich so in dieser Zeit nicht gegeben hat, nicht geben konnte. Frau Herman scheint nicht zu wissen, wie viele damals aus Angst den Mund gehalten und getan haben, was das NS-Regime von ihnen erwartete. Es muss ihr schlichtweg entgangen sein, dass die Nazis Familien nur für ihre Zwecke missbrauchten, sie auseinander rissen, Väter und Söhne an die Kriegsfront schickten und die daheim gebliebenen Mütter und jungen Frauen gezwungen wurden, den perversen Traum des perfekten Ariers zu erfüllen.

Oma war eine dieser Frauen, die in das Bild einer effektiven Gebärmaschine passte.

Ihre Tagebücher erzählen von ihren fünf Söhnen, die im Krieg gefallen sind, von ihrem Mann, der nie aus der russischen Gefangenschaft zurückkehrte, und von Hans, dem gutaussehenden blonden Offizier, in den sie sich in ihrer Einsamkeit und trotz seiner Gesinnung verliebte und von dem sie erst später, kurz nach der Geburt der gemeinsamen Tochter im Februar 1943 erfuhr, dass er gezielt von den Nazis auf sie angesetzt wurde, um neue den NS-Idealen entsprechende Menschen zu produzieren. Sie schreibt über ihr unendliches Entsetzen, über den Missbrauch ihrer Gefühle, ihres Körpers und darüber, wie sie mit dem Kind, meiner Mutter, aufs Land flüchtete, um sich dem Zugriff der Nazis zu entziehen. Sie berichtet, wie sie verraten und von Hans gefunden wurde, der sie ob ihres Vergehens brutal zusammenschlug und beide wieder mit zurück in die Stadt nahm. Und von der schlimmen Zeit danach bis zum Kriegsende, in der sie das Haus nicht mehr verlassen durfte und von ihm, dem eiskalten Monster, immer wieder vergewaltigt und geschlagen wurde, wenn sie ihm nicht freiwillig für seine Zwecke zur Verfügung stehen wollte.

Das ist die harte und traurige Realität dessen, was damals kein Einzelschicksal war und absolut nichts mit den Werten einer Familie zu tun hatte, von denen Eva Herman heutzutage so überzeugt spricht und medienwirksam auf Kosten der vielen Frauen propagiert, die ähnliches wie Oma erlebt haben. Offensichtlich ist sie wirklich überzeugt von dem, was sie da sagt und bemerkt wahrscheinlich nicht einmal, dass sie damit die von Angst und Leid geprägten Tatsachen achtlos beiseite wischt. Ich frage mich, was Oma und all die anderen Frauen dazu sagen, wie sie sich angesichts solch ungeheuerlicher Realitätsverschiebung fühlen würden, wenn sie noch könnten, was die noch lebenden Frauen jener Zeit dabei empfinden, wenn sie die derzeitigen Pressemeldungen dazu mitbekommen.

Sicher, es gab damals auch etliche Ehepaare und Familien, die nur allzu gern und freiwillig dem Begehren ihres geliebten Führers nachgekommen sind und danach strebten, ihm reinrassige blonde Kinder zu schenken. Auch das ist trauriger Fakt. Leider und schlimm genug. Es ist aber auch Fakt, dass es sehr, sehr viele Frauen wie Oma gab, die nicht so leben wollten und es trotzdem tun mussten, wenn sie nicht in die Gefahr geraten wollten, in eines der Konzentrationslager deportiert, gar an die Wand gestellt zu werden. Nein, Eva Herman weiß wirklich nicht, wovon sie spricht und es macht zurecht wütend und fassungslos.
Gut, dass Oma das nicht mehr erleben muss. Sie hat genug gelitten und es ganz sicher nicht verdient, zu Gunsten eines Buchs so respektlos entwürdigt und ihrer Lebensgeschichte beraubt zu werden.

Einem Buch, über das in ein paar Tagen sowieso niemand mehr sprechen wird."Wichtige Links zu diesem Text"
Kiyan, September 2007

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10 Antworten

Kommentare

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    Das ist ja heftig!
    Wie unmenschlich, ich kann es kaum fasen.
    Das ist ja Stoff für einen roman, das mit deiner Oma!
    Wieso wissen nur so wenige davon?!

    11.10.2007, 15:39 von sommersonnig
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    Warum ist dieser Artikel (noch?) nicht auf der Startseite?

    13.09.2007, 11:05 von Maibowle
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    Guter Artikel!
    Musste gleich an meine Oma denken. Sie erzählt oft noch heute, wie sie damals mit ihrer Mutter jeden Tag hoffte das eine Nachricht über ihre Söhne /Brüder und Mann/Vater kam. Ja alle wurden sie nur missbraucht und verheizt für die Ideale eines einzigen.

    13.09.2007, 10:46 von Domarias
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      @[Benutzer gelöscht] Und den Koran hatse auch nicht drauf...

      14.09.2007, 11:49 von HorstBoese
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    Manchmal lohnt es sich doch, einen kleinen Abstecher zu machen. Aufgrund dieses Artikels habe ich mir mal die Homepage von Eva Hermann angesehen. Und unter Projekte steht dort: "Laut gegen Nazis." "Laut gegen Nazis geht laut gegen Nazis vor - gehen Sie mit!", steht dort.

    Liebe Frau Hermann, ich habe den Eindruck, Sie haben sich verlaufen. Wer Nazi-Zustände gutheißt und dies auch noch öffentlich kundtut, hat den Zweck seines eigenen Projektes wohl nicht so ganz verstanden.

    Mich tröstet nur eins: Mit dem Rausschmiss durch den NDR kommt Frau Hermann ja Ihrem Ideal einer treusorgenden Mami nach nationalsozialistischem Vorbild etwas näher. Denn nun hat sie mehr Zeit, sich um ihre Familie zu kümmern. Vielleicht schenkt sie unserer aussterbenden Gesellschaft ja auch noch ein paar Kinder.

    Zu diesem Artikel: Schön, dass hier mal anhand eines wahrens Lebens aufgezeigt wird, wie "toll" die Familienpolitik der Nazis tatsächlich war.

    Liebe Grüße,
    Song

    13.09.2007, 09:23 von Songline
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    ja, schließ mich dem tenor an, gut gemacht, nur der letzte satz, also nich inhaltlich, ähm, aber grammatikalisch? ähm... na ja, egal^^
    kaum eine von den direkt betroffenne müttern 8von den kindern eher schon) lebt heut wohl noch. oder kann sich medienwirksam wehren. aber sie hat ihre erste abreibung ja auch gekriegt. das shlimme ist nur, ich krieg diesen gecshmack nich ausm mund, dass es ne gezielte pr sache von ihr war, einen skandal zum neuen buch - und gleich isses vergriffen. ein alter trick, der leider immer noch zu gut funktioniert.

    13.09.2007, 00:56 von PDK
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    Es ist schon erschreckend, welcher Mittel sich heute Leute bedienen, um ein Buch und/oder sich selbst zu promoten. Ich stelle mir da nur die Frage, weshalb Frau Hermann es nur zu einem Kind geschafft hat. Da war die Karriere ja offensichtlich doch wichtiger. Es ist ja nicht die erste Aussage von Frau Hermann, die einen trifft wie ein durch Karies verursachter Schmerz. Aber vielleicht hat sie es ja jetzt geschafft, uns nachhaltig davon zu befreien.

    Das Statement meiner Oma (87) zu Frau Hermanns Ansichten: "Wenn Dummheit weh tun würde, würden manche Leute den ganzen Tag lang schreien."

    12.09.2007, 19:40 von the_actress
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      @the_actress Ich verstehe Frau Herman nicht - und bin ein wenig geneigt, ihr echt ein wenig braunes Gedankengut zu unterstellen. Ich meine, so ne Einstellung kann doch nicht wirklich sein - und was ich besonders abstoßend und perfide finden würde ist, wenn das nur für Promozwecke geschieht...

      Jesses!

      12.09.2007, 23:24 von Kiyan
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    .... dafür eine Anmeldung und Empfehlung.
    Auf daß es viele Köpfe lesen und endlich verstehen. Danke!

    12.09.2007, 18:09 von mokka.fee
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